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Die Website als Themenhub

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Bild: Minneapolis Sculpture Garden„; von Doug Kerr (CC BY-SA 2.0) auf Flickr

In der letzten Zeit werde ich oft nach Möglichkeiten gefragt, die eigene Facebookseite attraktiver und damit dann hoffentlich auch sichtbarer zu machen. Gegen die Algorithmen, mit denen Facebook den Newsfeed reguliert, lässt sich nur wenig ausrichten. Aber es macht trotzdem Sinn darüber nachzudenken, wie sich die eigene Seite interessanter gestalten lässt. In meinen Augen ist es ein Fehler, ständig nur über sich selbst zu schreiben. Warum? Wir selbst sind ja auch Fans diverser Facebookseiten von Kultureinrichtungen. Aber schauen wir uns die wirklich alle regelmäßig an? Schauen wir sie überhaupt an? Die meisten wohl nicht, oder?

Oftmaliger Grund:  Wir besuchen die Kultureinrichtungen nicht ständig, insofern sind die Postings nur von begrenztem Nutzen. Eigentlich wäre es ganz einfach, den Mehrwert zu erhöhen, indem die Postings sich nicht immer um die eigene Einrichtung drehen, sondern sich mit Themen beschäftigen, die uns ganz allgemein interessieren. Aber irgendein Reflex verhindert das und deshalb bieten viele Facebookseiten keinen Mehrwert. Dabei wäre es so einfach, ihn mit Hilfe von Content Curation zu schaffen.

Das Walker Art Center macht es vor

Mit Websites ist es ähnlich. Wir besuchen sie, wenn wir eine Information benötigen. Aber das kommt nicht so oft vor, daher schauen wir dort auch nur selten vorbei. Auch hier stelle ich mir die Frage, warum wir auf ihnen ausschließlich über uns selbst berichten beziehungsweise informieren müssen? Warum sich nicht von dem Glauben befreien, die Leute würden nur kommen, wenn man die eigenen Angebote immer und immer wieder anpreist? Warum nicht auch hier auf Content Curation setzen? Unternehmen wie Coca Cola oder Red Bull machen es vor, auf ihnen steht eher ein Lebensgefühl im Vordergrund, um das sich die verschiedenen Inhalte drehen. Auch im Kulturbereich gibt es ein schönes Beispiel dafür, wobei die Website des Walker Art Center kein Lebensgefühl zu kommunizieren versucht, sondern sich als Anlaufstation für zeitgenössische Kunst versteht.

Der Screenshot zeigt, dass hier beispielsweise sehr prominent zwei Artikel der New York Times verlinkt sind, bei denen es sich nicht um Veranstaltungshinweise für das Haus handelt. Das Walker Art Center beschreibt seine Seite als Ideenhub, heißt es in dem Beitrag „Museums as Broadcasters“ auf  dem Museum Marketing Blog. Und weiter:

„The Walker Art Center website has become a destination for those interested in contemporary art and having increase their reach with a 40% increase in traffic to their website.“

Es kann sich also durchaus lohnen, auf Content Curation zu setzen und die eigene Homepage als Themenwebsite aufzubauen. Denn, so ist dort weiter zu lesen:

„After all, is the mission of these institutions to grow their visitor figures or to educate people about the subjects which they cover.“

Es geht also nicht nur um die BesucherInnen vor Ort, sondern auch um die, die sich für bestimmte Themen interessieren, aber nicht die Absicht haben, das Haus zu besuchen. Leider ist das Walker Art Center mit seiner Seite die große Ausnahme. Wäre es nicht toll, wenn mehr Kultureinrichtungen sich daran orientieren und aus ihren Seiten ein Themenhub machen?

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Caspar Lösche: Eine Ohrfeige für Negerjungen oder 19 Löwen, 5 Plattformen und 3 Monate (Gastbeitrag)

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Beim Thema Storytelling oder gar Transmedia Storytelling winken viele Kunst- und Kultureinrichtungen ab, da das ihrer Ansicht nach nichts für sie ist. Meist verbinden wir damit das Zusammenspiel von Film und Videospielen, Theater oder Museen scheinen in solchen Konzepten keinen Platz zu haben. Und dann ist das natürlich alles zu teuer und zu aufwendig. Caspar Lösche hat mit einem kleinen, aber feinen Projekt gezeigt, dass sich Transmedia Storytelling sehr gut mit dem Theater verträgt. Ich habe sein Projekt „VvonWatt“ schon seit einiger Zeit verfolgt und fand seine Präsentation auf dem stARTcamp in München beeindruckend. Nicht nur wegen der Idee und der Art und Weise, wie er das Projekt praktisch alleine umgesetzt hat, sondern weil er auch den Blick hinter die Kulissen erlaubte. Umso mehr freue ich mich, dass Caspar Lösche daraus nun auch ein Blogpost gemacht hat, das ich hier veröffentlichen darf. Danke Caspar für das Projekt und Deinen Beitrag!

Eine Ohrfeige für Negerjungen oder

19 Löwen, 5 Plattformen und 3 Monate

In diesem Gastbeitrag fasse ich meine Erfahrungen und meine „Learnings“ aus dem Transmedia Projekt „VvonWatt“ zusammen. Mehr über die Planung und Umsetzung des Projekts habe ich bereits hier im Rahmen der MUSEO Blogparade erläutert.

Das Projekt:
Vivienne von Wattenwyl, eine Berner Abenteuerin (1900 – 1957) reiste 1923/24 mit ihrem Vater Bernhard „Brovie“ von Wattenwyl nach Kenia zur Grosswildjagd. Die erlegten Tiere schenkten die Beiden dem Naturhistorischen Museum Bern, wo sie noch heute ausgestellt sind. Brovies Leidenschaft war die Löwenjagd, der neunzehnte Löwe, den er schiesst, verletzt ihn tödlich. Vivienne übernimmt die Expedition und führt sie erfolgreich zu Ende. (mehr Infos zu Vivienne im PDF.)
Auf dieser Basis entstand am Stadttheater Bern die  Tanzproduktion „
Lions, Tigers, and Women…“. Ich entwickelte dafür ein Transmedia Projekt. Vivienne berichtete „live“ via Twitter und Blog von Ihrer Reise. Weitere Plattformen und drei verschiedene Postkarten umrahmten die Geschichte.

Zuerst ein Blick zurück auf die Ziele, die ich mir zu Beginn gesetzt hatte:

  • Einen (inhaltlichen) Rahmen für die Tanzproduktion „Lions, Tigers, and Women…“ schaffen.
  • Viviennes Welt über viele verschiedene Touchpoints live erlebbar und interaktiv machen.
  • Aufmerksamkeit erregen über die „üblichen Verdächtigen“ hinaus.
  • Einen Showcase für Social Media Nutzung im Theater kreieren.

Ich hatte mir auch selbst Kennzahlen (z.B. 500 Blogviews im Monat & einige hundert Twitterfollower) gesetzt, die ich gerne erreichen wollte, habe diese aber bewusst aus den Zielen ausgeklammert. Hier also erst einmal die Zahlen:

Das Projekt lief online vom 24. Januar bis zum 24. April, also genau 3 Monate.

In der Zeit verschickte Vivienne 239 Tweets  und schrieb 18 Blogposts. Ihre Followerzahl wuchs kontinuierlich auf 154 Follower und Ihre Posts wurden über 2000-mal angesehen. VvonWatt wurde 129-mal in RTs oder Mentions erwähnt, 59 davon vom Stadttheater oder mir.

Auffällig: keine Tweets = kein Followerzuwachs & stARTcamp Besuch (21.April) hilft!

Auf Pinterest pinnte ich 76 Bilder für 21 Follower, darunter 17 Originalbilder von Vivienne. Storify brachte die gesamte Story zusammen und versammelte Tweets, Twittermentions, Artikel, Videos, etc. in 297 Zitaten, 34 Bildern, 6 Videos und 58 eingebetten Elementen. Die Vivienne-Story brachte es auf 1245 Views, davon 915 eingebettet auf der Extraseite im WordPressblog des Stadttheaters. Auf der Facebookseite des Stadttheaters nahmen (bisher, die Verlosung läuft noch bis zum 12.06.) über 50 Personen teil. Es wurden 3x 1500 Postkarten gedruckt und in ganz Bern verteilt.

„Dann hast du das alles für nur 150 Leute gemacht?“

Diese (teilweise berechtigte) Frage kam auf, als ich das Projekt am stARTcamp München vorstellte und bei den Followerzahlen auf Twitter angelangt war. Klar ging es mir auch darum, viele potenzielle Zuschauer und Interessierte zu erreichen, und ich habe diese Produktion auch nach den Vorgaben ausgesucht, ein potentiell grosses Publikum erreichen zu können. Aber ich war mir von vorneherein darüber im Klaren, dass ich an Follower-Zahlen wie z.B. die eines Joseph von Nazareth niemals herankommen würde. Bern ist klein und die Ausstrahlung des Stadttheaters geht nicht weit über die Region hinaus. Dazu ist Twitter in der Schweiz immer noch nicht richtig angekommen. (Danke an Axel Vogelsang für diesen und viele weitere Inputs).

Allerdings spiegelt die Followerzahl nicht immer die korrekte Reichweite von Twitter wider:

Laut Tweetreach erreichte VvonWatt 14,676 Konten in 5 Tagen. (Tage des stARTcamp und der Aufbruch2.0 Konferenz)

Doch um die Zahlen soll es hier nur am Rande gehen: Ich wollte einen Case schaffen, der zeigte, was Social Media für eine Kulturinstitution wie ein Theater alles leisten kann. Im Hinterkopf war dabei auch die interne Kommunikation. Ausserdem war es auch mein persönliches Ziel in dieser Spielzeit, eine Produktion so komplett wie möglich mit einem Social Media Projekt zu begleiten. Mit „VvonWatt“ konnte ich auf einer Vielzahl von Plattformen einen einheitlichen und doch jeweils angepassten Auftritt erschaffen. So konnten potenzielle Zuschauer auf ihrer eigenen „Lieblings-Plattform“ mit Vivienne in Kontakt treten ohne ihre Comfort-Zone verlassen zu müssen. Wer mit Twitter nicht klar kommt, der liest vielleicht den Blog; wer lange Texte nicht mag, schaut sich Fotos auf Pinterest an; und wer einfach nur ins Theater möchte, nimmt am Gewinnspiel auf Facebook teil. Und alle Berührungspunkte bieten einen leichten und unkomplizierten Einstieg in die Geschichte der Vivienne von Wattenwyl.

Und unabhängig davon: Ja, ich hätte es auch für „nur“ 150 Leute gemacht. Wenn es mir mit diesem Projekt gelungen ist, einen Bruchteil der Twitterfollower oder Blogleser enger an das Haus zu binden oder überhaupt (wieder) auf das Theater aufmerksam zu machen, kann ich zufrieden sein.

Vielleicht fühlten sie sich einfach gut unterhalten:

Was hat gut funktioniert?

  • Eine Säule meiner Arbeit war bei diesem Projekt Hootsuite (Free Version). Hier konnte ich alle Tweets direkt für den passenden Zeitpunkt planen. Dadurch konnte Vivienne trotz meiner 50% Stelle (2 ½ feste Tage in der Woche) auch am Wochenende jagen gehen.
  • Für die Planung war der Redaktionsplan unerlässlich, in dem ich alle Tweets, Blogeinträge, Orte, getöteten Tiere und Bilder bereits vorgängig eintrug und so immer die Übersicht behalten konnte.

Screenshot des Redaktionsplans (aus der Präsentation vom stARTcamp München)

  • Zu meiner Lieblingsplattform entwickelte sich immer mehr Storify. Hier kommt die gesamte Geschichte zusammen, angereichert mit weiteren Informationen, verwandten Themen, Reaktionen und Hintergründen. So entsteht wieder etwas Neues. Und die äusserst nützliche „notify“ Funktion bindet die Urheber zitierter Tweets erneut in die Geschichte ein.
  • Wir realisierten das gesamte Projekt (mit Ausnahme der Postkarten) ohne Budget. All Online  Plattformen waren und sind kostenlos. Nur meine Arbeitszeit wurde investiert (und die unserer Polygraphin).
  • Die vorgängig angesprochenen Influencer fungierten als Multiplikatoren und brachten immer wieder den Dialog in Gang.
  • Einen richtigen Return of Investment zu messen, war ich glücklicherweise nicht verpflichtet und wäre mir technisch auch nicht ohne weiteres möglich gewesen. Was ich messen konnte,  waren z.B. die von einer VvonWatt Plattform verwiesenen Besucher auf stadttheaterbern.ch, welche sich als sehr lesefreudig und interessiert herausstellten. Sie verweilten meist länger auf der Webseite als der durchschnittliche Besucher und sahen sich auch mehr Seiten pro Besuch an.

Durchschnittliche Besuchsdauer von Besuchern, „verwiesen“ von vvonwatt.blogspot.com

Was hat nicht so gut funktioniert?

  • Die oben erwähnten Influencer hätten zahlreicher sein können. Besonders für die Region Bern hätte ich noch gezielter ansprechen können. Hier fehlte einfach die Zeit, um diese ausfindig zu machen. (z.B über Klout)
  • Das Projekt war eigentlich etwas länger angelegt. Der Tod von Viviennes Vater hätte als Klimax perfekter auf den Premieren Tag gepasst, als die Erlegung eines Elefanten.
  • Ein zukünftiges Projekt würde ich enger mit der Produktion verknüpfen und im Haus verankern. Auch inhaltlich könnte so ein noch effektiverer Spannungsbogen und ein grösseres Involvement erzeugt werden, z.B. indem die Follower einen kleinen Aspekt der Geschichte/Produktion verändern oder mitbestimmen können und dies später in der Aufführung zu sehen ist.
  • Für das Monitoring zur späteren Evaluation sollte man etwas Geld in die Hand nehmen. Eine Plattform auf der ich alle Zahlen zusammenfassen und leicht ablesen konnte, fehlte mir sehr (alles zum Monitoring gibt es bei Frank Tentler nachzulesen).
  • Nachhaltigkeit für den Social Media Auftritt konnte ich leider nicht leisten. Da meine Stelle für die nächste Spielzeit gestrichen wurde, konnte ich in meiner Planung nicht strategisch einzelne Kanäle auf-, aus- oder umbauen.
  • Pinterest kam erst sehr kurzfristig als Plattform dazu. Es muss wie Storify manuell bedient werden. Bei der Menge an Inhalten wurde es zur Herausforderung, diese Plattformen aktuell zu halten. Allerdings sind beide geniale Kuratierungs-tools, ideal einzusetzen um eine Storyworld lebendig zu machen, externen Kontent in Bezug zu setzen und Gespräche auf Twitter darzustellen (Storify).

Ich habe in der Themenauswahl auch auf kontroverse Themen gesetzt (Kolonialismus, latenter Rassismus, Töten von Tieren, etc.)

Tweet von VvonWatt

Dies auch ganz bewusst und mit der Absicht, Reaktionen hervorzurufen. Die Gefahr eines Shitstorms bestand meiner Ansicht nach nahezu nicht. Da ein Theater sowieso oft kontroverse Themen besetzt, ist das Publikum auch generell etwas aufgeschlossener. Durch ein sehr enges Monitoring (mobile App Hootsuite, Twitter, RSS Feeds des Blogs, Google Alerts) hätte ich umgehend reagieren können. (Danke an Helge David für diesen Input).

Wenn Zeit und Geld…

Es wäre noch einiges möglich gewesen. So hätten wir z.B. für das Naturhistorische Museum die Facebook Chronik mit Viviennes Geschichte aufbauen können, zeitgleich zum Projekt. Ein idealer Startpunkt, für ein Engagement auf der Plattform.

Das Naturhistorische Museum Bern auf Facebook

Lange überlegte ich auch, eine Löwen- (read. Schnitzel-) Jagd durch Bern zu veranstalten. Mit einer passenden App hätten die Berner 19 Löwen jagen können. Tolle Verknüpfung von offline und online, ideale Kooperationsmöglichkeiten in der Region und ein schönes „gamification“-Element, welches sicherlich weiteres Engagement gebracht hätte.

Viele tolle Möglichkeiten…!

Fazit

Ich bin mehr als zufrieden mit dem Ergebnis. Ich hatte viel Spass und habe sehr viel gelernt. Die Tanzproduktion läuft noch bis Ende Juni und die Zuschauerzahlen sind vielversprechend. Einiges würde ich beim nächsten Mal anders machen, und doch hätte es diesmal nicht anders laufen sollen.

Meine Ziele habe ich erreicht: Der inhaltliche Rahmen verstärkte das Erlebnis der Tanzproduktion, Vivienne trat in Dialog mit vielen verschiedenen Menschen aus Bern, der Region und der ganzen Welt (habe ich diesen Blog erwähnt?). Eine Pendlerzeitung (gratis) nahm das Thema prominent auf und sorgte so für Aufmerksamkeit bei Jugendlichen und Berufstätigen. Ich konnte das Projekt beim stARTcamp vorstellen und die Aufnahme war äusserst positiv.

Mein Dank geht an die Teilnehmer und Organisatoren des stARTcamp München, die mir sehr viel Input für diese und zukünftige Arbeiten gegeben haben. Zu guter letzt ein Dank an das Stadttheater, das mir die die Freiheit gegeben hat, dieses Projekt durchführen zu können. #loewe19

Caspar Lösche (Twitter) (Xing)

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Neue Wege in der Kulturfinanzierung

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So allmählich wird klar, dass die Wirtschafts- und Finanzkrise noch nicht überstanden ist. Das Geld, das im Zuge diverser „Rettungsaktionen“ ausgegeben worden ist, fehlt der öffentlichen Hand nun. Was zur Folge hat, dass die öffentlichen Haushalte auf ihr Sparpotenzial hin durchforstet werden. Klar, dass da irgendwann auch die Subventionen in Frage gestellt werden. Und ebenso klar ist, dass das auch die Kulturbudgets betrifft.

Als die Krise gerade begonnen hatte und erste Alarmzeichen aus den USA zu vernehmen waren, versicherten KulturpolitikerInnen, dass Kunst und Kultur hier nichts zu befürchten hätten, schließlich sorge der Staat für die entsprechenden Geldmittel. Wie wir wissen, ist dem aber nicht so. Wuppertal, Stuttgart, immer häufiger liest man von Städten, die auch bei Kunst und Kultur drastische Sparmaßnahmen vorschlagen. Nun möchte ich an dieser Stelle nicht darüber debattieren, ob das sinnvoll ist oder nicht, sondern die Frage stellen, welche Möglichkeiten Kulturbetriebe haben, auf solche Spaßmaßnahmen zu reagieren?

Im letzten November hatte ich hier in diesem Blog die Frage aufgeworfen, ob Theater sich nicht auch ohne Förderungen finanzieren lassen? Was ist, wenn man nicht nur das künstlerische Endprodukt verkauft, sondern Interessierte am Entstehungsprozess teilhaben lässt und von ihnen dafür einen monatlichen Beitrag verlangt, so meine Frage.

In diese Richtung bewegt sich anscheinend Andreas Blühm, der Direktor des Kölner Wallraf-Museums, berichtet Jörn Borchert in der Ideenbörse für das Kulturmarketing. Borchert, der auch das Museums-Blog Kulturelle Welten betreibt, erzählt, dass ein um mehr als zehn Prozent gekürztes Budget die anvisierte Stradivari-Ausstellung unmöglich machte. Statt aber die Ausstellung einfach abzusagen, lässt der findige Museumsdirektor nun sein Publikum den Restauratorinnen über die Schulter schauen und sie hautnah miterleben, wie ein Gemälde restauriert wird.

Auch wenn das Publikum den RestauratorInnen in diesem Fall nur zehn Tage über die Schultern schauen kann, so ist das doch ein schönes Beispiel dafür, dass es nicht nur um das fertige Produkt geht, sondern auch die Produktionsprozesse bzw. der Blick hinter den Vorhang für viele interessant sind. Ich bin davon überzeugt, dass hier ein gewaltiges Potenzial liegt, wenn es gelingt, dem Publikum nicht nur das fertige Produkt zu verkaufen, sondern es auch am Entstehungsprozess dabei sein zu lassen bzw. es im nächsten Schritt in diesen Prozess zu integrieren.

Von der Notwendigkeit, Kunst und Kultur zu finanzieren, entbindet ein solcher Ansatz die Kulturpolitik allerdings nicht.

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Filme mit Hilfe von Twitter und Facebook promoten

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Wer Kultureinrichtungen auf Twitter oder Facebook folgt, wird in der Regel informiert. „Morgen spielen wir das und das“ oder „wir laden Sie ein zu…“, so ähnlich klingen die Botschaften, die da unter die Fans oder Follower gestreut werden. Ab und zu kommt dann noch der Link zu einer Besprechung dessen, was man da gerade anbietet. In der Regel wird das Konzert, die Austellung oder das Stück gelobt, denn sonst wäre man ja blöd, darauf zu verlinken.

Kurz und gut: vom Hocker reißt das wohl keinen Follower oder Fan. Während also die meisten Theater, Museen, etc. noch verzweifelt auf der Suche nach der zündenden Idee sind, ist die Filmbranche schon einen Schritt weiter. Sie setzt Twitter und Facebook schon fast ganz selbstverständlich für die Promotion der neuesten Filme ein und entwickelt dabei ganz gute Ideen.

Ein ganz aktuelles Beispiel habe ich in Norbert Hillingers Blog Filmvermarktung 2.0 gefunden. In seinem Beitrag „Neue Filmpromos auf Twitter“ macht er auf die Kampagne für den gerade anlaufenden Film „Das Kabinett des Dr. Parnassus“ aufmerksam.

Im Film geht es um Doktor Parnassus, der für seine Unsterblichkeit einen hohen Preis zahlen muss. Seinem Gegenspieler Mr. Nick verspricht er dafür die Seelen seiner Kinder, wenn die das 16. Lebensjahr erreichen. Kurz bevor seine Tochter das entsprechende Alter erreicht, bietet ihm Mr. Nick eine Wette an: Schafft er es, innerhalb von drei Tagen fünf Seelen aufzutreiben, darf er seine Tochter behalten.

Hier setzt nun die Twitter-Kampagne an. Die Agentur Inpromo hat die beiden Kontrahenten mit einem Twitteraccount ausgestattet und so kann man Doktor Parnassus und Mr. Nick auf Twitter verfolgen. Hier setzen die beiden ihren Kampf um die Seelen fort. Um zu verstehen, worum es konkret geht, muss man eine Fanseite auf Facebook besuchen. Dort heißt es dann:

„Parnassus braucht eure Hilfe – bringt eure Follower dazu, Mr. Nick zu folgen. Je mehr Seelen ihr ihm beschert, desto hoeher ist eure Chance auf den Haupt- und Tagesgewinn.“

Wobei jeder Follower als eine Seele zählt. Die Idee ist also, die eigenen Follower dazu zu bringen, Dr. Parnassus und Mr. Nick zu folgen. Wer über gute Überredungskünste verfügt, hat also gute Chancen auf die Preise.

Das Zusammenspiel zwischen Facebook und Twitter funktioniert ganz gut, wie dieses Beispiel zeigt:

Diese Wette hat Mr. Nick verloren, auf Facebook finden sich unter dem Video genau 31 Kommentare.

Die Intention ist es also, die Geschichte des Films im Social Web weiterleben zu lassen und die Fans dabei einzubeziehen. Dieser Ansatz funktioniert vermutlich bei Filmen besonders gut, aber auch in anderen Kunstsparten, etwa Theater und Literatur sollte so etwas möglich sein. Schließlich werden auch hier Geschichten erzählt.

Eines wird aber bei diesem Beispiel deutlich: Kampagnen funktionieren im Social Web nicht wirklich. So kommt Mr. Nick nur auf aktuell 83 Follower, Dr. Parnassus schafft 93. Und auch die 52 Fans auf Facebook reißen einen nicht von den Socken. Heißt das nun, dass Social Media-Kampagnen keinen Sinn machen? Ich denke nicht, allerdings muss man sich vom reinen Kampagnendenken verabschieden. Bei Null beginnen und dann vier Wochen auf Twitter und Facebook aktiv zu sein, um danach wieder zu verschwinden, ist eine (vermutlich) teure Geschichte, die wenig bringt bzw. mehr bringen könnte. Bis jemand davon erfährt, ist die Sache schon wieder vorbei.

Notwendig ist, so denke ich, eine gewissen Kontinuität, d.h. es bedarf einer Community, die sich schon gebildet hat, bevor die Kampagne startet. Das heißt: erst die Community, dann die Kampagne. Sonst wird da meiner Meinung nach viel Potenzial verschenkt. Für die Filmbranche ist das eine echte Herausforderung, denn schließlich sind die verfilmten Geschichten recht unterschiedlich und richten sich an unterschiedliche Zielgruppen. Für ein Theater oder ein Museum könnte das leichter sein, denn hier ist das inhaltliche Feld meist nicht so weit gesteckt wie bei einer Fimproduktionsfirma. Ideen sind also gefragt, da kommen solche Beispiele gerade recht.

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Die Berliner Philharmoniker im Web 2.0

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Gerade habe ich mir auf YouTube den Videokanal der Berliner Philharmoniker angeschaut. Das Videomaterial dort ist sehr beeindruckend, beste Qualität und neben vielen Ausschnitten aus dem Repertoire des Orchesters gibt es auch ein zweiteiliges Gespräch mit dem Dirigenten Simon Rattle. Nicht nur die Anzahl der Videos ist beachtlich, auch die Zahl der Zugriffe kann sich sehen lassen.

Knapp 37.000 Zugriffe verzeichnet dieser dreieinhalbminütige Ausschnitt aus Brahms erster Symphonie:

Die jeweiligen Ausschnitte verstehen sich als Appetizer für das Angebot, sich die Konzerte in der Digital Concert Hall in voller Länge anzuhören. 9.90 Euro bezahlt man für den Online-Hörgenuss. Während andere Kulturbetriebe eher auf einen Besuch von Ausstellung, Konzert, etc. abzielen, geht es den Berliner Philharmonikern anscheinend eher darum, das digitale Angebot zu promoten. Bei einem international so renommierten Orchester ist das nicht unlogisch, denn die vielen Fans aus dem Ausland bekommen so eine Möglichkeit, die Konzerte auch über die Distanz hinweg genießen zu können.

Zwar sind die Berliner Philharmoniker auch auf Twitter und Facebook vertreten, ihre Ziele scheinen dort aber andere zu sein, wird hier doch eher über das Orchester und seine Auftritte berichtet.

Berliner Philharmoniker (Twitter)

Schade ist, dass man nicht erfährt, wer auf Twitter und Facebook für das Orchester kommuniziert. Auch auf die Kommentare auf Facebook wird kaum eingegangen. Aber das Angebot wird angenommen, zeigen die zahlreichen Follower und Friends. Mich persönlich würde vor allem der Blick hinter die Kulissen interessieren. Da wäre ein Blog eine schöne Möglichkeit. 😉

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Twitter: interessant für den Kunst- und Kulturbereich?

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„Soll ich jetzt auch twittern?“ bin ich vor ein paar Tagen von einer Musikerin gefragt worden. Diese Frage stellen sich wohl derzeit viele, nicht nur im Kunst- und Kulturbereich. Und eine nicht kleine Zahl entscheidet sich dann für einen ersten Versuch. Wobei der Versuch erst einmal darin besteht, sich einen Account zuzulegen. Und dann?

Ist Twitter überhaupt das richtige Tool für mich? Und was soll ich da jetzt überhaupt schreiben? Und wem folge ich und wem nicht? Diese Fragen sind alle berechtigt und eigentlich nicht wirklich – zumindest in diesem Stadium – zu beantworten. Beth Kanter ist der Überzeugung, dass die Frage, ob Twitter das richtige Tool für einen sei, falsch ist.

„Stop thinking that adopting social media or social software or online collaboration tools is a matter of selecting a tool off a menu. There is a process that requires understanding the space between the tools and the people and having someone who knows that space (…)“,

schreibt sie in einem Blogpost. Das heißt, es geht darum, ein Gefühl für diesen Kommunikationsraum zu bekommen und herauszufinden, was ich da alles machen kann. Erst dann kommt wahrscheinlich die Frage nach dem Wie.

Deshalb macht es auch gar nicht so viel Sinn, wenn ich hier jetzt einen Beitrag schreiben würde a la „in zehn Schritten zum Twittererfolg“. Nein, was ich Ihnen zeigen möchte, sind Beispiele, wie sich Twitter im Kunst- und Kulturbereich einsetzen lässt.

#KAtalk

Meistens muss man sich, wenn es um Beispiele aus dem Social Media Bereich geht, im angelsächsischen Raum umsehen. In diesem Fall ist das nicht nötig. KAtalk ist eine Idee, die von der Kronberg Academy und den Duisburger Philharmonikern ausgegangen ist. Ulrike Schmid, die die Social Media-Aktivitäten der Kronberg Academy betreut, beschrieb KAtalk in einem Blogbeitrag so:

„Der KAtalk ist ein Gespräch zwischen einem jungen Talent, dass bei uns an einem der Kammermusikprojekte oder an einem Meisterkurse teilnimmt und einem erfahrenen, mitten im Berufsleben stehenden, Geiger, Bratscher oder Cellisten. Angedacht ist, dass diese wir diese KAtalks in unregelmäßigen Abständen mit verschiedenen Orchestern, Streich- oder Klaviertrios etc. fortsetzen.“

Wer wissen will, wie das dann aussieht, kann dieses Gespräch, an dem sich dank der offenen Struktur von Twitter auch andere beteiligen konnten, auf Twitter nachverfolgen. Ich selbst habe das Gespräch mitverfolgt und fand es bemerkenswert, wie schnell auf Twitter Gespräche entstehen können. Und das in einem Raum, in dem sich eine Vielzahl von Menschen bewegt und kommuniziert. Das Resümee von Ulrike Schmid fällt denn auch sehr positiv aus, eine Fortsetzung ist für Ende Mai geplant.

#operaplot

Eine andere Idee, Twitter zu nutzen, habe ich bei Maryann Devine auf ihrem smArts & Culture-Blog entdeckt. Sie berichtet in ihrem Beitrag „Can Opera Go Viral?“ über die  Idee der Musikkritikerin Marcia Adair, einen Twitter-Wettbewerb zu starten, eben operaplot. Adair betreibt, nebenbei bemerkt, ein ganz phantastisches Blog namens „The Omniscient Mussel„, was mich zu der Frage führt, warum in anderen Ländern MusikkritikerInnen diesen Weg der Kommunikation beschreiten, während man hier schon froh sein muss, wenn die Kritikerzunft weiß, was ein Weblog ist. Da besteht Nachholbedarf.

Zurück zum Thema und operaplot. Die Aufgabe bestand darin, den Plot einer Oper in 140 Zeichen zusammen zu fassen. Das genaue Prozedere hat Marcia Adair in einem eigenen Blogpost erklärt, am Ende gibt es dann sogar etwas zu gewinnen.

Den Sinn und Zweck dieser Aktion fasst Maryann Devine sehr schön zusammen:

„It’s fun. It’s highly targeted. It’s for people who really love opera and have a sense of humor about it, rather than for the masses. It’s successfully viral, and how often can you say that? Major opera companies have taken note and become partners, which adds to the viral effect by making it even more desirable for contestants to enter.“

Damit beschreibt sie zugleich auch das Potenzial, das Twitter aufweist. Denn ich kann in kurzer Zeit eine Vielzahl an Menschen erreichen. Nur: ob ich sie dann auch für mich gewinnen kann, hängt nicht so sehr von Twitter ab, sondern davon, was ich damit mache. Da ist Kreativität gefragt und wenn ich kein Gespür dafür habe, wie ich meine Zielgruppen ansprechen kann, dann wird der Account wahrscheinlich schnell verwaisen. Was schade wäre.

Apropos: wenn Sie wissen wollen, wie sich eine Oper in 140 Zeichen erzählen lässt, verwenden Sie einfach die Twitter-Suche.

#kulturtwitter

Bleibt noch die Frage, wie ich diese Menschen, die sich für Kunst interessieren, überhaupt erreichen kann? Einerseits sprechen sich gute Aktionen herum und Interessierte werden Ihnen schnell folgen. Auf der anderen Seite gibt es natürlich mittlerweile eine Vielzahl von Leuten aus dem Kunst- und Kulturbereich, die auf Twitter zu finden sind. Zum Beispiel mit Hilfe der Aktion kulturtwitter. Was das ist und wie Sie sich daran beteiligen können, darüber habe ich vor einiger Zeit einen eigenen Beitrag geschrieben.

Mal sehen, über welche Twitter-Aktionen ich demnächst berichten kann. Vielleicht auch über Ihre?

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Und was kommt nach dem Web2.0?

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webatclassicgrau

Nein, keine Angst. Ich werde jetzt nicht, wie Sie vielleicht fürchten oder erwarten (je nachdem),  über das, was nach dem Web2.0 kommt, philosophieren, sondern möchte auf etwas ganz anderes hinaus.

Ausgangspunkt für diesen Beitrag ist das höchst lesenswerte Blogpost „Web 2.0, Partizipation und die Blogosphäre„, das Brigitte Reiser auf ihrem Blog Nonprofits-vernetzt.de geschrieben hat.

„Wenn wir Blogger/innen über Web 2.0 schreiben, dann erwecken wir häufig den Eindruck, als wäre die Einführung von Social Media das Ziel und nicht der Beginn der eigentlichen Herausforderung: nämlich der Kooperation und des Meinungsaustausches mit den Stakeholdern, die via Internet mit einer Organisation in Kontakt treten“,

beginnt Brigitte Reiser ihren Beitrag. Ich sehe das auch so. In einer Zeit, wo die Zahl der NPOs bzw. um in meinem Metier zu bleiben, der Kulturbetriebe, die zu twittern beginnen oder sich ein Profil auf Facebook zulegen, jeden Tag größer wird, darf dieser Punkt nicht vergessen werden. Aber was ist das Ziel, was tue ich als Kultureinrichtung, wenn ich ein Blog betreibe und die diversen Tools des Web2.0 nutze?

Ein schönes Beispiel, wie sich via Web2.0 eine Beziehung zu Menschen aufbauen lässt, die bis jetzt noch nicht zu den Fans der klassischen Musik gezählt werden konnten (für mich eines der Ziele von Kulturbetrieben, nicht nur im Web2.0), ist das Projekt Philharmonie 2.0 der Duisburger Philharmoniker und hier speziell die Aktion WEB@CLASSIC. Worum geht es?

Ausgangspunkt war eine Kooperation mit UPLOAD-Blogger Jan Tißler, der in einem Blogpost schrieb, dass die Duisburger Philharmoniker „Blogger und andere musikinteressierte Netzbewohner“ zu einem kostenlosen Konzertbesuch einladen würden. Wer Interesse hatte, musste nur eine Mail schicken und schon waren ein oder zwei Karten reserviert.  Wie der Abend verlief, kann man auf dem Dacapo-Blog der Duisburger Philharmoniker nachlesen. Frank Tentler, Projektleiter von Philharmonie 2.0, nennt darin die Erfolgsfaktoren solcher Aktionen:

  1. „es werden Menschen mit Formen der Kultur in Berührung gebracht, die ihnen fremd sind;
  2. durch die Vernetzungen der Menschen im Web, erreichen sie riesige Schnittmengen quer durch alle Communities von Technik-affinen Musikfreunden;
  3. Hochkultur hat eine direkte Kommunikationsmöglichkeit mit den „Kunden von morgen“. Das geht schneller, ist effektiver und ehrlicher als jede Umfrage.“

Dass diese Aktion auch bei den zahlreichen BesucherInnen gut angekommen ist, beweist dieser Blogbeitrag, in dem Alex Kahl schreibt:

„Wenn mir vor 10 Jahren mal einer gesagt hätte, daß ich mal auf ein hochkarätiges Klassikkonzert gehe, zu dem ich durchs Internet eingeladen wurde, hätte ich denjenigen wahrscheinlich mit meiner fürchterlichsten Hardcore-Punk-Grufti Lache ausgelacht :)“

Ist das nicht etwas, was sich jede Kultureinrichtung nur wünschen kann? Dass sie es schaffen, Leute auf sich aufmerksam zu machen, die sonst keine klassischen Konzerte besuchen. Und was will man mehr, wenn es dann am Ende heißt:

„Vielen Dank für das tolle erste Klassik Konzert (das sicher nich das letzte gewesen sein wird)“

Dabei geht es aber, denke ich gar nicht so sehr darum, dass nun jede/r so eine Art Verpflichtungserklärung unterschreibt. Nein, es geht darum, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, Beziehungen aufzubauen und diese Beziehungen  dann auch im realen Leben zu pflegen. Ganz im Sinne von Brigitte Reiser, die richtigerweise feststellt, dass die Herausforderungen erst so richtig losgehen, wenn man mit dem Bloggen oder Twittern begonnen hat. WEB@CLASSIC ist ein schönes Beispiel, das zeigt, wie die Verbindung von Web2.0-Aktivitäten und der Offline-Welt aussehen kann.