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Praxishandbuch Kulturvermittlung technisches-Museum Wien
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Kulturvermittlungs-Teams in Museen anstellen, ein Handbuch zeigt, wie es geht

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Vor einem knappen Jahr berichtete eine Kunstvermittlerin in einem Zeitungsartikel über die in ihren Augen fürchterlichen Arbeitsbedingungen im Bereich Kunst- und Kulturvermittlung. Dass die Bezahlung im Kunst- und Kulturbereich schlecht ist, wissen wir alle, viele wissen aus eigener Anschauung, was es heißt, prekären Arbeitsbedingungen ausgesetzt zu sein. Entschuldigt wird das oft mit dem Argument, dass die Arbeit zwar schlecht bezahlt sei, dafür aber Spaß mache. Einerseits ist das eine lausige Begründung, denn schließlich gibt es eine Vielzahl von Jobs, die ebenfalls Spaß machen und darüber hinaus besser bezahlt sind. Andererseits stimmt es traurig, dass zwar viele Kultureinrichtungen vor enormen finanziellen Herausforderungen stehen, dabei aber keine Skrupel haben, diesen Druck nach unten  weiterzugeben. Dort sind oft die Kunst- und KulturvermittlerInnen anzutreffen, die sich als freie MitarbeiterInnen an mehreren Häusern verdingen, um das tägliche Leben finanzieren zu können.

Es ist etwas eigenartig, wenn man sich diesem Thema annähert. Renate Höllwart spricht in ihrem Artikel “Im Auftrag von … Kunstvermittlung – ein Beruf?” von einer zunehmenden Professionalisierung und einer erkennbaren Aufwertung dieses Arbeitsfeldes. Die ist auch nötig, denn schließlich sind die Vermittlungsteams meist das Bindeglied zwischen den Kultureinrichtungen und seinen BesucherInnen. Wobei Bindeglied vielleicht nicht der passende Ausdruck ist, eigentlich sind sie die Visitenkarte des jeweiligen Hauses. Aber viele Kultureinrichtungen lassen sich nur zögernd darauf ein, obwohl sie sich einem erheblichen Innovationsdruck ausgesetzt sehen und ständig dabei sind, mit neuen Formaten neue Zielgruppen anzusprechen. Dafür gibt es natürlich mittlerweile auch die passenden Studiengänge, aber so ganz scheint das Thema noch nicht angekommen zu sein. Vielleicht ist es nur ein dummer Zufall, aber der Wikipedia-Eintrag zu diesem Thema ist mehr als dürftig, dabei gäbe es zu diesem Thema schon etwas mehr zu sagen, wie diese Publikation zeigt.

Im Technischen Museum in Wien hat man  die Bedeutung der Kulturvermittlung vor einigen Jahren erkannt und den Bereich stark ausgebaut. Das Besondere daran: Seit 2010 sind dort alle KulturvermittlerInnen fest angestellt. Worin die Vorteile einer festen Anstellung liegen, wie man dabei vorgeht und worauf man bei den daraus entstehenden Veränderungsprozessen achten muss, das erfährt man im Praxishandbuch Kulturfairmitteln (Affiliate Link), das von Wencke Maderbacher verfasst worden ist. Das Handbuch, das auch als eBook erhältlich ist, versteht sich einerseits als Anleitung für andere Häuser, zeigt aber auch, wie sich in einem solchen Haus Strukturen aufbauen lassen.

Der Personalentwicklungsplan: Neuland für viele Kultureinrichtungen

Apropos Strukturen: Personalentwicklung, das ist ein Thema, welches in Kultureinrichtungen bis jetzt sträflich vernachlässigt wird. Nicht nur Außenstehende scheinen zu glauben, dass man als MitarbeiterIn in einer Kultureinrichtung gerne für wenig Geld viel arbeitet, weil es einem ja Spaß macht. Auch in den Häusern selbst wird oft die Bedeutung von zufriedenen und motivierten MitarbeiterInnen unterschätzt. Maderbacher zeigt im dritten Teil dieses Buches – ja, ich fange von hinten an -, wie so ein Personalentwicklungsplan für das Vermittlungs-Team aussehen kann, denn letzten Endes geht es ja nicht nur darum, billige und willige Arbeitskräfte an der Hand zu haben, sondern diese langfristig an das Haus zu binden und – in diesem Fall – zu Kulturvermittlungs-ExpertInnen auszubilden.

Wer am technischen Museum als KulturvermittlerIn angestellt wird, durchläuft dem Personalentwicklungsplan folgend vier Phasen. Es beginnt mit einer internen Ausbildung, in der die KulturvermittlerIn die Ausstellungsbereiche und Programme, die Hauptzielgruppen des Hauses und die Vermittlungsmethoden kennenlernt. Natürlich ist es auch wichtig, mit den internen Abläufen des Hauses vertraut zu sein und AnsprechpartnerInnen in den anderen Abteilungen zu haben. Eine ganz wichtige Rolle spielt in dieser ersten, aber auch den folgenden Phasen das Thema Weiterbildung. Im Unterschied zu vielen anderen Kultureinrichtungen muss man sich Weiterbildungen nicht erst “verdienen”, sondern sie sind ein wichtiger Baustein, um die Qualität im Vermittlungsteam zu halten beziehungsweise auszubauen.

“Vermittlungs-Teams haben oft einen heterogenen Background. (…) Das bringt zum einen genau die richtige Spannung und Mischung für kreative Vermittlungsideen. Zum anderen können im Alltag vice versa einerseits Fachwissen, andererseits methodische Fertigkeiten im Team fehlen. Um hier gezielt gegenzusteuern, werden gezielte Schwerpunkt-Schulungen angesetzt…”, (Seite 86)

beschreibt die Autorin die Herangehensweise des Hauses. Diese Ausbildung dauert ein Jahr, dementsprechend ist auch die Anstellung auf ein Jahr befristet, um abzuklären, ob man zueinander passt. In dieser Zeit arbeiten die KulturvermittlerInnen 15 Stunden pro Woche, aufgeteilt sind sie in 80 Prozent Vermittlungen und 20 Prozent Bürotätigkeit.

In Phase 2 erhöht sich die Zahl der Arbeitsstunden auf 20 pro Woche, dazu kommen eine Lohnerhöhung und ein unbefristetes Anstellungsverhältnis. Auch in Sachen Weiterbildung geht es auf die nächste Stufe, unter anderem geht es um Methodenvielfalt, Moderationsfähigkeiten oder museumspädagogische Theorien. Ähnlich ist der Verlauf in den Phasen 3 und 4, die Inhalte werden immer spezieller, die Anzahl der Wochenarbeitsstunden steigt und alle KulturvermittlerInnen werden dabei unterstützt, sich weiteres Wissen anzueignen und mehr und mehr Verantwortung bei einzelnen Vermittlungsprojekten zu übernehmen.

Die Pläne im Handbuch sind sehr detailliert, zeigen aber auch, wie komplex diese Materie ist. Umso hilfreicher sind sie vermutlich, denn es ist viel leichter, einen eigenen Personalentwicklungsplan mit Hilfe einer Vorlage zu erstellen als bei Null beginnen zu müssen.

Strukturen schaffen als Voraussetzung für den Personalentwicklungsplan

Um so einen Plan entwickeln zu können, bedarf es aber einiger Vorbereitungen. Die kommen im zweiten Teil des Buches zur Sprache, in dem es um die Frage geht, wie sich die entsprechenden Strukturen für das Kulturvermittlungs-Team schaffen lassen. Ausgangspunkt im technischen Museum war der Wille, alle KulturvermittlerInnen anzustellen, was aus der Sicht der Autorin die größte Umstellung für das Haus war, denn

“diese neuen Rahmenbedingungen verändern die tägliche Zusammenarbeit der Abteilung und haben Auswirkungen auf die gesamte Kulturinstitution”. (Seite 18)

Was sich da konkret ändert, wird auf den folgenden Seiten sehr genau erklärt. Zum Beispiel gelten ganz andere (fixe) Arbeitszeitregelungen, die berücksichtigt werden müssen und das Erstellen des Dienstplans zur Herausforderung machen. Maderbacher erklärt Schritt für Schritt, wie man ausgehend von der Ist-Analyse zu einem Dienstplan kommt, der auch realistische Chancen hat, eingehalten zu werden und nicht schon zwei Tage später Makulatur ist. Häuser, die damit zu kämpfen haben, sollten mal einen Blick auf dieses Modell werfen. Ich denke, hier kann sich mancher etwas abschauen.

Viel gelernt habe ich beim Thema Steckbrief, der für jede KulturvermittlerIn angelegt wird (Beispiel Seite 29). Ohne das Wissen, wer im Team über welche Fähigkeiten verfügt, lässt sich die Arbeit in einem größeren Team (und Haus) wohl kaum organisieren. Ausgehend von den Basisdaten (seit wann im Haus beschäftigt, wöchentliche Arbeitszeit) und Informationen zur Ausbildung ist darin festgehalten, für welche Themenbereiche die KulturvermittlerIn Führungen anbietet, für welche Zielgruppen und in welchen Sprachen. Festgehalten werden außerdem in diesem Steckbrief die Beteiligung an bisherigen Projekten, Netzwerke, zu denen Kontakt besteht und besondere Interessen.

Verbindet man die Daten der einzelnen KulturvermittlerInnen, bekommt man einen sehr guten Überblick über den Status Quo der Abteilung und kann unter Umständen gleich Defizite erkennen. Wie ist das Geschlechterverhältnis, wie lange sind die MitarbeiterInnen schon im Haus, welche Inhalte werden abgedeckt, in welchen Sprachen können Führungen angeboten werden, all das sind Aspekte, die auf der strategischen oder der Managementebene eine wichtige Rolle spielen. So banal so ein Steckbrief wirken mag, er stellt Daten zur Verfügung, die nötig sind, um effizient arbeiten  und die Abteilung steuern zu können.

Fazit: Es wirkt sehr unscheinbar, dieses Praxishandbuch, aber es bietet unschätzbare Dienste auf mehreren Ebenen. Erstens unterstützt es Museen dabei, geeignete Strukturen zu entwickeln. Das hier vorgestellte Modell lässt sich auch auf andere Arbeitsbereiche übertragen. Zweitens zeigt es, wie die Häuser wertvolles Know-How entwickeln (und halten) können und drittens trägt es dazu bei, die Arbeitsbedingungen im Kunst- und Kulturbereich zu verbessern, indem es dafür sorgt, dass MitarbeiterInnen prekären Arbeitsverhältnissen entkommen. Auf den ersten Teil des Buches muss ich jetzt gar nicht mehr eingehen, denn ich glaube, es ist klar, dass alle von der Anstellung eines Vermittlungs-Teams profitieren, Museum, VermittlerInnen und auch BesucherInnen. Um diese Frage geht es nämlich zu Beginn des Buches.

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Storytelling und die Deutsche Oper Berlin

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Wer eine Oper an einem der vielen Häuser genießt, ahnt meist nicht, welcher Aufwand nötig ist, um eine solche Produktion auf die Bühne zu bringen. Viele Räder müssen ineinander greifen, die Zahl der Beteiligten ist oft sehr groß und dementsprechend schwierig gestaltet sich die Koordination der verschiedenen Arbeitsprozesse. Als Zuschauer bekomme ich weder von diesen vielen Herausforderungen etwas mit, noch von der Leidenschaft, von der auch diejenigen angetrieben werden, die hinter der Bühne zum Erfolg der Produktion beitragen.

Der folgende Kurzfilm “Gerlinde” zeigt das Zusammenspiel von Perfektionsdrang und Leidenschaft am Beispiel von Gerlinde Pelkowski, Spielleiterin an der Deutschen Oper Berlin. Für mich ist das ein schönes Beispiel, wie Storytelling fernab von Klischees funktioniert und ich als Zuschauer ein Gefühl dafür bekomme, was es alles braucht, um eine Oper auf die Bühne zu bringen.

Nur schade, dass die Deutsche Oper Berlin diesen Film gar nicht erwähnt beziehungsweise bewirbt, weder auf der Website noch in den sozialen Netzwerken. Ich selbst bin auch nur darauf aufmerksam geworden, weil mich die Agentur angeschrieben hat. Ich denke, daraus hätte man mehr machen können. Aber sehen wir es mal so: Ich freue mich, dass ich dieses Video exklusiv ankündigen darf. ;-)

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Update: Nun ist das Video auch auf der Facebookseite zu sehen…

stARTcamp Linz
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Kulturfinanzierung: Nicht nur auf dem stARTcamp Linz ein Thema

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Eigentlich wollte ich ja schon lange über das stARTcamp in Linz schreiben, aber da ich in den letzten Wochen viel unterwegs war und es auch einige Feiertage gab, hatte ich nicht die nötige Ruhe, um meine Eindrücke von der stARTcamp-Premiere in Oberösterreich wiederzugeben. Bevor ich mich mit den Inhalten beschäftige: Ein großes Dankeschön geht an Wolfgang Gumpelmaier, der für diese Veranstaltung mit dem Wissensturm nicht nur eine tolle Location gefunden, sondern auch sonst alles perfekt organisiert hat.

“Kulturfinanzierung” lautete die thematische Vorgabe für den Tag, das Ergebnis der Sessionplanung konnte sich sehen lassen:

Sessionplanung stARTcamp Linz

Natürlich stand die Frage nach neuen und erfolgsversprechenden Finanzierungsoptionen im Vordergrund und natürlich ging es dabei auch um Crowdfunding. Aber nicht nur. Auch EU-Förderungen waren ein Thema oder die Frage, welchen Wert Kulturarbeit hat und ob die Genossenschaft eine geeignete Rechtsform dafür ist? Natürlich muss es bei einem stARTcamp auch um Social Media gehen, passend zum Thema diskutierten wir über den Wert eines Likes und die richtigen Kennzahlen.

Ob ein Like einen Wert besitzt, hängt letzten Endes von den Zielen ab, die man sich gesteckt hat. Oft ist es aber umgekehrt, die Überlegungen gehen eher in Richtung der Frage, welche Kennzahlen es gibt und ob sie sich verwenden lassen. Viele haben mittlerweile verstanden, dass es nicht reicht, nur Impressions, Likes und Kommentare zu zählen. Aber was ist die Alternative? Vielleicht die “7 Must Track Metrics for Inbound Marketing“? Natürlich klingt es vernünftig, jede Woche nachzusehen, wo man mit den gewählten Keywords im Suchmaschinenranking zu finden ist. Angenommen, wir landen damit ganz vorne im Ranking, was passiert dann und was sagt uns das? Ziele sind Mangelware und so landen wir dann doch schnell wieder bei den Fans- oder Followerzahlen.

Wichtig können die sein, wenn es um das Thema Crowdfunding geht. Dass es dafür der Unterstützung durch die eigene Community bedarf, wissen wir mittlerweile. Aber was muss ich tun, damit sie sich für mich engagiert? Die Antwort fällt meist ernüchternd aus: Wir wissen es nicht, weil wir uns davor scheuen, mit Daten zu arbeiten und Schlussfolgerungen daraus zu ziehen. Vielleicht lässt sich diese Scheu überwinden, wenn sich ein Modell durchsetzt, das Crowdfunding und Sponsoring miteinander verbindet.

Die Bank Austria verteilt ihre aktuell 110.000 Euro nicht einfach nur im Rahmen des Kunstpreises an drei oder mehrere Preisträger, sondern verbindet ihn mit einem Crowdfundingprozess, an dessen Ende ausgewählte Projekte ein Drittel der Finanzierungskosten von der Bank erhalten. Aber was erkläre ich das lange. Dieses Video macht deutlich, worum es geht und wie der Prozess abläuft:

Auf diese Weise lässt sich die Summe, die den verschiedenen Projekte zugute kommt, verdreifachen, der Hebel wird durch die Kampagne vergrößert und führt dazu, dass mehr Geld in die Vorhaben fließt. Für mich führt die Kombination von Sponsoring und Crowdfunding zu einer Win-Win-Situation, denn es profitiert auf der einen Seite der Sponsor, der aber im Rahmen dieses Modells nicht nur mehrere Projekte unterstützt, sondern – zumindest derzeit – auch eine recht große Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann. Machen das alle, wird vermutlich kein Hahn danach krähen. Doch halt, der Kunst- und Kulturbereich, denn dank der Hebelwirkung fließt in diesem konkreten Fall die dreifache Summe in die Projekte. Aber nur, wenn es gelingt, zwei Crowdfundingkampagnen erfolgreich durchzuführen und die finanziellen Ziele zu erreichen, nämlich jeweils ein Drittel der benötigten Gesamtsumme.

Der Nachteil: Die Kultureinrichtungen haben es in diesem Fall nicht mehr in der Hand, mit einzelnen Sponsoren zusammen zu arbeiten. Das Unternehmen bestimmt den Ablauf und die “Fans” entscheiden, welche Kampagnen erfolgreich sind und das Geld des Sponsorgebers erhalten.

Der Vorteil: Crowdfunding ist mehr als nur ein Finanzierungsinstrument und verbindet die Bereiche Kulturfinanzierung und Marketing miteinander. Profitieren werden die, denen es gelingt, ihre Communitys zu aktivieren und auf unternehmerisches Handeln beziehungsweise Marketing zu setzen. Und dafür braucht es auch wieder Kennzahlen, Kennzahlen, mit denen heute viele noch nicht arbeiten wollen.

 

Children and Teachers by Abstract Painting - Museo Reina Sofia - Madrid, Spain
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Über die Besucherzahlen hinaus: Mit welchen Kennzahlen sollen Kultureinrichtungen arbeiten?

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Bild: Children and Teachers by Abstract Painting “; von Aam Jones (CC BY- SA 2.0) auf Flickr

Viele Kultureinrichtungen sind mittlerweile im digitalen Raum aktiv und stellen dafür teilweise sehr große Ressourcen bereit. Da ist die Frage, ob sich der Einsatz personeller und finanzieller Mittel überhaupt lohnt, natürlich berechtigt. Aber seien wir ehrlich: So ganz einfach ist das nicht, denn was soll denn eigentlich gemessen werden? Meist sind es die Besucherzahlen und im Web konzentrieren wir uns auf die Zahl der Fans und Follower. Aber was ist, wenn deren Zahl gar kein Gradmesser für das sein kann, was wir erreichen wollen? Nehmen wir die MAI-Tagung, die vorletzte Woche in Dortmund stattfand. An den zwei Tagen wurden sehr viele beeindruckende Apps vorgestellt, Apps, die mit viel Liebe zum Detail erstellt worden sind und nicht in die Marketingecke gestellt werden wollen, sondern eher der kulturellen Bildung dienen. Nur, welche Ziele werden mit diesen Aktivitäten konkret verfolgt und woran lässt sich der Erfolg festmachen?

Vorausgesetzt ich habe nichts überhört, rückte lediglich das Städelmuseum während dieser zweitägigen Konferenz mit einer Zahl heraus. 15.000 Mal sei die Städel App seit März heruntergeladen worden, eine ganz beachtliche Zahl. Nachdem diese App aber nicht als Marketinginstrument gesehen wird, sondern als ein innovatives Tool, das die Arbeit im Bereich kultureller Bildung unterstützt, wären qualitative Kriterien interessant, anhand derer festgestellt werden kann, ob die Arbeit Früchte trägt oder nicht. Wie aber lässt sich kulturelles Engagement messen? Auf den Seiten des National Endowment for the Arts (NEA) habe ich eine ganz interessante Publikation gefunden. Der im Dezember 2014 veröffentlichte Report “Measuring Cultural Engagement: A Quest for New Terms, Tools, and Techniques” fasst die Diskussion einer Tagung zusammen, die im Juni 2014 in Washington stattfand und sich mit den folgenden Fragestellungen befasste:

  • “Why Measure Cultural Participation, and For and By Whom?
  • What Do We Mean by Cultural Participation?
  • The Challenge of Encompassing New Media- and Technology-driven Forms of Participation
  • New Ways of Knowing: Alternative Data Sources, Methodologies, and Units of Analysis
  • Beyond Participation Rates: Understanding Motivations, Barriers, and Outcomes”

Interessant, dass bei der Frage, was Partizipation eigentlich sei, auf eine bereits 2004 erschienene Studie Bezug genommen wird. In “The Values Study: Rediscovering the Meaning and Value of Arts Participation” (siehe dazu mein Blogpost: “Die fünf Formen künstlerischer Partizipation“) wurde als Ergebnis von 100 geführten Interviews ein Modell entwickelt, aus dem heraus sich Erfolgskriterien entwickeln lassen sollten.

Ob sich dieser Ansatz so leicht auf technologiegetriebene Formen der Partizipation übertragen lässt, scheint allerdings fraglich. Kristen Purcell vom Pew Research Center sieht in diesem Zusammenhang drei Herausforderungen auf den Kunst- und Kulturbereich zukommen: Erstens gelte es, Partizipation genau zu definieren, zweitens müsse geklärt werden, wie man mit unbeabsichtigter oder ungewollter Partizipation umgehe und drittens müsse zwischen Partizipation und Engagement unterschieden werden. Aufschlussreich ist der Hinweis, dass viele Kultureinrichtungen die digitalen Technologien als große Hilfe betrachten, um sich selbst zu positionieren und mit den (potenziellen) BesucherInnen ins Gespräch zu kommen. Dass auf diese Weise aber auch die UserInnen die Möglichkeit bekommen, sich mit den künstlerischen Inhalten zu beschäftigen, wird von den meisten vergessen. Nur wenige Kultureinrichtungen haben die Zeichen der Zeit erkannt und werden dieser Entwicklung so gerecht wie das Rijksmuseum mit dem Rijksstudio, das den UserInnen alle Freiheiten im Umgang mit den Kunstwerken gibt.

Ich denke, dieser Report ist eine gute Grundlage, um in den nächsten Monaten Kriterien zu entwickeln, mit deren Hilfe sich dann einschätzen lässt, ob die vielen Apps, die die Museen entwickelt haben und weiter entwickeln werden, auch wirklich ihre Aufgabe erfüllen. Schließlich geht es um viel Geld, Geld, das nicht alle Kultureinrichtungen haben.

Natural History Museum (London)
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NMC Horizon Report > 2015 Museum Edition: Der Blick in die Zukunft

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Bild: Natural History Museum“; von Franco Folini (CC BY- SA 2.0) auf Flickr

Eine wahre Fundgrube ist wie immer die Museum Edition des NMC Horizon Report, die vor einiger Zeit in der Ausgabe für das Jahr 2015 veröffentlicht worden ist. Eine Vielzahl an ExpertInnen hat 6 Trends, 6 Herausforderungen und 6 technologischen Entwicklungen herausgearbeitet, die die Entscheidungsprozesse und Technologieplanung von Museen in den nächsten 5 Jahren beeinflussen werden. Der Report ist vorbildlich aufbereitet, die wichtigsten Punkte sind in der folgenden Infografik und einem fast 5-minütigen Video zusammengefasst.

Johnson, L., Adams Becker, S., Estrada, V., and Freeman, A. (2015). NMC Horizon Report: 2015 Museum Edition. Austin, Texas: The New Media Consortium.

Quelle: Johnson, L., Adams Becker, S., Estrada, V., and Freeman, A. (2015). NMC Horizon Report: 2015 Museum Edition. Austin, Texas: The New Media Consortium. (CC BY SA-2.0)

Außerdem steht er auch zum kostenlosen Download bereit, natürlich mit einer CC-Lizenz versehen, was die Weitergabe und die Beschäftigung mit den Inhalten enorm erleichtert. Schade, dass wir immer auf Reports aus dem angelsächsischen Raum zurückgreifen müssen. Gibt es wirklich niemanden, der sich bei uns mit solchen Themen beschäftigt?

Besonders erfreulich für meine eigene Arbeit sind die beiden Herausforderungen, die nach Ansicht der ExpertInnen, die diesen Report erstellt haben,  für Museen lösbar sein sollten. Einerseits mahnen sie die Entwicklung digitaler Strategien an und andererseits fordern sie, dass die MitarbeiterInnen der Museen entsprechend geschult werden, um für die Herausforderungen, vor denen die Museen stehen, gerüstet zu sein. Die AutorInnen empfehlen dabei das von Jim Richardson und Jasper Visser entwickelte Digital Engagement Framework als Vorlage, mit dessen Hilfe sich ein solides strategisches Fundament entwickeln lässt.

Auf dieser Basis lassen sich dann Location Based Services anbieten, Spiele entwickeln oder Gamification-Konzepte entwickeln. Das alles macht aber nur Sinn, wenn auch im Haus bekannt ist, was sich hinter diesen Begriffen verbirgt und auf welche Weise sich diese technologischen Entwicklungen überhaupt nutzen lassen. Gefragt sind hier Schulungen, um beispielsweise verstehen zu können, warum Location Based Services immer wichtiger werden. Vielleicht lesen wir zukünftig solche Sätze auch über Museen beziehungsweise Kultureinrichtungen im deutschsprachigen Raum:

“At the Metropolitan Museum of Art, they rethought their organizational strategy to integrate a digital presence more seamlessly into their operations. They created a new digital department, recruited a new chief digital officer, and allocated resources and facilities to advance innovation.”

Auch wenn es in diesem Report um Museen geht, auch für Kulturbetriebe anderer Sparten bieten diese knapp 60 Seiten viel Wissenswertes und unter Umständen auch ein paar Anregungen.