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The Irish Museum of Modern Art
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Kunstvermittlung: Fehler im System?

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Bild: The Irish Museum of Modern Art“; von William Murphy (CC BY-SA 2.0) auf Flickr

Am stARTcamp in Münster kam der Vorwurf auf, die Kunstvermittlung sei oft banal und als dann ein paar Tage später Wolfgang Ullrich, Professor für Kunstgeschichte, in der ZEIT “Stoppt die Banalisierung!” forderte, begann eine ganz interessante Diskussion. Tanja Praske hat die Links dankenswerterweise gesammelt, und stellt gleich eingangs in ihrem Blogbeitrag die Frage, ob die Kunstvermittlung die Schuld an der Banalisierung der Kunst trage?

Im Wikipedia-Eintrag kann man nachlesen, dass etwas dann banal ist, wenn es einen durchschnittlichen Ideengehalt aufweist. Wenn ich Kunst banalisiere, dann kann das bedeuten, dass ich mit meiner Vermittlungsarbeit der hohen Qualität der Kunst nicht gerecht werde. Es kann aber auch andersherum sein und eine eher banale Kunst erfährt durch die Vermittlungsarbeit eine Aufwertung. Außerdem besteht noch die Möglichkeit der bewusst inszenierten Banalität, um meine Zielgruppe nicht zu überfordern. Ach ja, es kann ja auch sein, dass die Kunst eine ganz tolle ist und die Vermittlungsarbeit ebenso. Theoretisch kann, aber muss Kulturvermittlung also nicht banal sein und wenn sie banal ist, gibt es dafür verschiedene mögliche Ursachen.

Und wie sieht die Praxis aus? Daniel Tyradellis hat vor einem Jahr das Buch “Müde Museen” (Affiliate Link) veröffentlicht, in dem er den Museen Ideenmangel und fehelenden gedanklichen Tiefgang vorwirft. Für ihn erstarren die Museen in Routine und kümmern sich zuwenig um die Inhalte. Inhalte, auf die die Kunstvermittlung gar keinen Zugriff hat:

“Mangels Zugriff auf den Inhalt wird eine Qualität und Attraktivität auf der Oberfläche angestrebt; hier erst etabliert sich das Verständnis von ‘Vermittlung’  als methodische und vom konkreten Inhalt weitgehend unabhängige Disziplin” (Position 653),

schreibt Tyradellis und ist davon überzeugt, dass diese Expertise durchaus Anerkennung in den Museen findet, weil sie das “Terrain der anderen” nicht bedroht.

Dieser Punkt kommt mir bekannt vor. Frank Tentler erklärt den Kultureinrichtungen schon seit Jahren, dass sie im Bereich Social Media gegenüber allen anderen einen großen Vorteil hätten, weil sie über unendlich viele Inhalte verfügen würden. Das sehe ich auch so, allerdings hat die Sache einen Haken: Die Inhalte bleiben bei denen hängen, die für die inhaltliche Konzeption zuständig sind, alle anderen bekommen die Inhalte entweder gar nicht oder viel zu spät. Ob Kunstvermittlung oder Marketing, was in einer Ausstellung zu sehen ist und welche Konzeption dahinter steckt, das bleibt lange ein Geheimnis. Zu lange, genau aus diesem Grund bleibt die Kunstvermittlung an der Oberfläche und ergeht sich in der Verwendung neuer Technologien. Auch ein vernünftiges Contentmarketing bleibt so auf der Strecke. Beide Bereiche sollten eigentlich den Entstehungsprozess begleiten und entsprechend kommunizieren. Derzeit liegt das Hauptaugenmerk vor allem auf dem fertigen “Produkt”, der Ausstellung.

Dabei sind es vor allem die Inhalte, die mich dazu bringen, eine Ausstellung zu besuchen. Inhalte gibt es aber anfangs noch keine, stattdessen wird lieber auf Namen und die große Anzahl an ausgestellten Werken verwiesen. Mich lockt man damit nicht an und vermutlich geht es nicht nur mir so. Wenn wir mal davon ausgehen, dass die Konzeption einer Ausstellung qualitativ hochwertig ist, dann müssen die Inhalte einfach viel früher kommuniziert werden, um neugierig zu machen, um Menschen für das Thema zu gewinnen und vielleicht sogar deren Expertise nutzen zu können.

Natürlich sind die Strukturen in den Museen über Jahrzehnte beziehungsweise Jahrhunderte gewachsen. Aber ich denke, es wäre an der Zeit, über ihre Veränderung nachzudenken. Nötig ist es in meinen Augen, das gesamte Haus und darüber hinaus alle, die mit der jeweiligen Ausstellung zu tun haben, am Entstehungsprozess zu beteiligen. Sonst wird der Vorwurf der Banalität nicht zum letzten Mal zu hören gewesen sein.

 

 

#scms15
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stARTcamp Münster: Sind die Social Media-Aktivitäten im Kunst- und Kulturbereich banal?

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Ich mag Barcamps, weil sie mir viel mehr bringen als klassische Konferenzen. Die Atmosphäre ist viel entspannter, das Programm ist näher am Puls der Zeit, schließlich wird es nicht Monate vorher, sondern erst vor Ort beschlossen und man trifft dort viele bekannte Gesichter. Würde man es negativ ausdrücken wollen, könnte man sagen, es treffen sich dort immer die gleichen Leute, um über die immer gleichen Themen zu sprechen.

Der Vorwurf, in einer Blase zu leben, mag zutreffen, allerdings kommt er meist von den Leuten, die das Internet ablehnen, weil virtuelle Kontakte ihrer Ansicht nach nie das reale Miteinander ersetzen können. Das stimmt auch, für mich ist die Kommunikation in den sozialen Netzwerken nicht Ersatz, sondern Ausgangspunkt dafür, Menschen zu treffen, die ich entweder schon länger nicht mehr gesehen habe oder bis jetzt nur virtuell kenne und nun zum ersten Mal sehe. Deshalb mag ich die “Blase” stARTcamp auch, egal wo es jeweils stattfindet.

Am Samstag war es wieder in Münster soweit und mein Dank gilt vorab den OrganisatorInnen Sarah Gossmann, Michelle van der Veen und Jan Graefe für die wunderbare Organisation. Sie können es sich sicher auf die eigene Fahne heften, dass es schon Tage vorher keine Tickets mehr gab. Die Bandbreite der Themen war enorm, wir haben uns überlegt, wie man am besten mit dem Bloggen beginnt, wie Twitter funktioniert, wir haben uns aber auch mit dem Thema Museumsselfies, der Customer Journey oder einer vor Ort präsentierten App beschäftigt.

Programm #scms15

So bunt gemischt das Programm auch war und so zufrieden am Ende alle waren, der Vorwurf der Blase ist ernst zu nehmen. Auch wenn in Münster viele zum ersten Mal bei einem stARTcamp dabei waren, dieses Format spricht vor allem die an, die sich bereits mit der Kommunikation im digitalen Raum beschäftigen oder es zumindest vor haben. Im Anschluss an den Impulsvortrag von Christian Gries meinte eine Künstlerin, die vielen über die sozialen Medien initiierten Aktionen wie myRembrandt, #MuseumsWeek oder auch die Tweetups seien banal und würden eh nur immer die gleichen Menschen erreichen.

Ich habe mal nachgeschaut, was banal eigentlich bedeutet. Umgangssprachlich verwenden wir dieses Adjektiv klar abwertend und beschreiben laut Wikipedia damit etwas, das einen lediglich durchschnittlichen Ideengehalt aufweist. Weit interessanter ist aber der Satz, mit dem der Wikipedia-Eintrag beginnt:

“Banal (…) bezeichnete im Lehnrecht eine Sache, die der Lehnsherr seinen Vasallen überlässt.”

Versteht man banal so, könnte der Vorwurf gerechtfertigt sein. Die KünstlerInnen überlassen anderen ihre Kunst. Zu interpretieren wäre diese Geste als eine, die von oben herab geschieht. Die Frage ist dann aber, wer dafür verantwortlich ist, dass etwas banal ist? Sind es die, die sich solche Aktionen ausdenken und einfach nicht das entsprechende Niveau schaffen? Oder liegt die “Schuld” eher bei den KünstlerInnen, die von oben herab werten, was andere unternehmen, um Kunst zu vermitteln?

Heraus kommt am Ende eine Situation, in der eine Kunst, die ein Stück weit elitär ist, Probleme damit hat, von ihren “Vasallen” beworben zu werden. Und das in einem Raum, der eigentlich keine Hierarchien kennt und den Vasallen eine Macht gibt, die sie früher nicht hatten. Noch interessanter wird das Thema, wenn man bedenkt, dass die BesucherInnen eines stARTcamps gar nicht die wirklichen Vasallen sind, sondern Mittler zwischen den KünstlerInnen und dem Publikum. In welche Rolle schlüpfen wir, wenn wir ein Tweetup organisieren? Wie denken eigentlich KünstlerInnen über die Menschen, die sich vor ihren Kunstobjekten in Stellung bringen, ein Selfie schießen und das dann über die sozialen Netzwerke verbreiten?

Vielleicht können wir beim nächsten stARTcamp, das am 25. April in München stattfinden wird, diese Fragen noch einmal aufwerfen und versuchen, Antworten darauf zu finden? Und vielleicht fühlen sich auch KünstlerInnen motiviert, mal so ein stARTcamp zu besuchen? Ich denke, die Diskussion könnte spannend werden.

Berliner Grossstadtgeschichten
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Die “Berliner Grossstadtgeschichten” verbinden Open Data und Storytelling

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Daten mit Geschichten zu verknüpfen, das ist die Grundidee der Berliner Grossstadtgeschichten. Präsentiert werden

“Zeugnisse und Geschichten von Berlinerinnen und Berlinern – gemeinsam mit Dokumenten aus Archiven, Bibliotheken und Museen. Verknüpft über ihre Orte, mit Fotografien, Ton- und Videoaufnahmen sowie Textdokumenten, von etwa 1900 bis heute.”

Auf diese Weise entstehen virtuelle Ausstellungen, die an das Berlin des 20. Jahrhunderts erinnern und persönliche Einblicke gewähren. Eine schöne Idee, die zeigt, wie aus öffentlich zugänglichen Daten spannende Projekte entstehen.

Thought Leadership
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Wo anfangen? Leadership im Kunst- und Kulturbereich

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Bild: Thought Leadership“; von Ascent Magazine (CC BY-SA 2.0) auf Flickr

Wenn ich jetzt behaupte, dass die Zeiten vorbei sind, in denen man sich mit Facebookaktivitäten als innovativer Vorreiter einer Branche verkaufen konnte, dann erzähle ich damit nichts Neues. Wir haben es mittlerweile mit einer hochkomplexen Materie zu tun und immer häufiger erkennen Kultureinrichtungen, dass eine halbe Praktikantenstelle nicht mehr ausreicht, um den digitalen Raum erfolgreich zu nutzen. Neue Konzepte sind gut, neue Konzepte sind wichtig, aber es braucht auch Strukturen, in denen die neuen Konzepte dann umgesetzt werden.

Und es braucht die, die diese neuen Strukturen schaffen. Deshalb interessiert mich zur Zeit das Thema Leadership besonders. Das hat – zugegeben – auch damit zu tun, dass seit drei Tagen das neue Buch von Charlene Li “The Engaged Leader: A Strategy for Your Digital Transformation” (Affiliate Link) als eBook erhältlich ist. Ich habe es noch nicht gelesen, aber ich habe mal hier im Blog recherchiert, welche Beiträge ich zum Thema Leadership im Kunst- und Kulturbereich verfasst habe. Es ist nicht wirklich viel, erwähnenswert ist eigentlich nur die Rezension von Armin Kleins “Leadership im Kulturbereich”. Darin empfiehlt Klein das “Management by Objectives” als eine Methode, die den Kulturbetrieben am ehesten den Wandel zur “lernenden Kulturorganisation” erlaube. Das Buch ist 2009 erschienen, es ist also an der Zeit, sich mal wieder Gedanken zum Thema Leadership zu machen, schließlich betrifft die digitale Transformation, von der Charlene Li spricht, auch den Kunst- und Kulturbereich.

Auf der Suche nach einem guten Einstieg bin ich auf das TED-Video von Roselinde Torres gestoßen, in dem sie sich mit der Frage beschäftigt, “What it takes to be a great leader”? In ihrem zehnminütigen Vortrag entwickelt sie drei Fragen, mit deren Hilfe sich Leadership im 21. Jahrhundert, wie sie es nennt, erfassen lässt:

  1. “Where are you looking to anticipate the next change to your business model or your life?”
  2. “What is the diversity measure of your personal and professional stakeholder network?”
  3. “Are you courageous enough to abandon a practice that has made you successful in the past?”

In ihren Folien versucht sie darauf, wenn auch nur kurz, einzugehen:

 

Vor allem die erste und die dritte Frage betrachte ich als Herausforderung, denn wo sind sie zu finden, die Innovatoren im Kunst- und Kulturbereich und welche Kulturbetriebe haben die Erfolgspfade der Vergangenheit verlassen? Wo sind sie, die Leader in Kunst und Kultur, die Torres beschreibt als die Männer und Frauen,

“who are preparing themselves not for the comfortable predictability of yesterday but also for the realities of today and all of those unknown possibilities of tomorrow”.

Wo sind sie, die Leader im Kunst- und Kulturbereich, auf die diese Beschreibung zutrifft?

Schreibmaschine
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Beim 54. Treffpunkt KulturManagement geht es um Storytelling für Kultureinrichtungen

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Foto von Sergey Zolkin auf Unsplash

In einem Artikel erklärte Shane Snow vor gut einem Jahr, warum Storytelling die wichtigste Fertigkeit für den unternehmerischen Erfolg sei und erinnerte in diesem Zusammenhang noch einmal an Amanda Palmer und ihre erfolgreiche Crowdfundingkampagne (hier noch einmal ihr TED-Vortrag). Sie sei es gewesen, die das Musikgeschäft verändert habe, weil sie nicht einfach nach Geld gefragt, sondern ihre Geschichte erzählt hätte.

Auf diesen Zug sind mittlerweile viele aufgesprungen und erzählen Geschichten. Kultureinrichtungen haben es da leicht, hört man oft, denn sie arbeiten mit Geschichten und verkaufen diese in Form von Filmen, Büchern, Theateraufführungen, Ausstellungen und vielen anderen Varianten. Eine Geschichte als Produkt zu haben, erleichtert die Bewerbung erheblich, denken wir nur an die vielen Filmtrailer, die uns auf den Geschmack bringen sollen, indem sie die Geschichte wiedergeben. Was aber ist, wenn ich Haushaltsgeräte verkaufe? Dann muss ich Geschichten rund um dieses Gerät kreieren, so wie etwa in diesem Fall. Oder so wie in diesem alten Mercedes-Benz-Spot.

Storytelling für die interne und externe Unternehmenskommunikation

Schwieriger wird es, wenn ich Storytelling für die Unternehmenskommunikation einsetze. Einerseits intern, ein Thema, mit dem sich die Master Thesis “Merkmale und Potenziale von Storytelling in der internen Führungskommunikation” von Andreas Ganahl beschäftigt, andererseits aber natürlich auch in der externen Kommunikation. Voraussetzung für beide Richtungen ist die Beschäftigung mit dem Unternehmen beziehungweise der Kultureinrichtung selbst. Dafür gibt es unterschiedliche Ansätze, Raf Stevens zum Beispiel erklärt in seinem eBook “No Story, No Fans” (Affiliate Link) das “Storycircle”-Modell: MitarbeiterInnen erzählen Geschichten mit Bezug zum Unternehmen und versehen diese mit einem Titel. Die Titel werden geclustert, die Cluster erhalten auch wieder eine Überschrift und werden mit, wie Stefens schreibt, mindestens fünf Eigenschaften beschrieben. Aus diesen lassen sich dann auch wieder Cluster bilden, die ebenfalls mit einer Überschrift versehen werden und die archetypische Grundstruktur des Unternehmens darstellen, die, so Stevens weiter, später über die gesammelten Geschichten erzählt werden kann.

Einen anderen Ansatz bevorzugen Jelena Löckner und Rebecca Hagelmoser, die vor einem Jahr das Unternehmen NarraTool gegründet haben. In einem Workshop, den ich im letzten Sommer besucht habe, ließen sie uns mit Hilfe von Leitfragen das Core Narrative herausarbeiten und gaben uns die richtigen Techniken an die Hand, um am Ende manchmal überraschende Ergebnisse zu haben. Für mich kam heraus, dass es nicht darum geht, schnell mal ein paar nette Geschichten zu erfinden, sondern erst einmal die Grundlagen zu schaffen für die Geschichten, die man erzählen möchte. Mir ist schon klar, dass es immer eine Herausforderung ist, sich mit so etwas wie Werten und Prinzipien zu beschäftigen, aber es hilft einem, nicht nur klarer zu sein, sondern später auch Zeit zu sparen.

Beide, Jelena Löckner und Rebecca Hagelmoser, sind beim nächsten Treffpunkt KulturManagement zu Gast, der am Mittwoch, den 25. März 2015 von 9 bis 10 Uhr stattfindet, und beschäftigen sich mit dem Thema “Storytelling für Kultureinrichtungen”. Die beiden erklären, wie Kulturinstitutionen durch Storytelling die eigene Marke und ihre Produkte stärken, Themenanwaltschaften übernehmen, kulturelle Inhalte vermitteln, Besucher involvieren und Communities schaffen. Dabei zeigen sie, welche Planungshilfen es gibt, um der vielen Geschichten Herr zu werden, warum es hilfreich ist, zwischen Marken und Produktstorys zu unterscheiden und an welchen Beispielen man sich orientieren kann.

Über den Treffpunkt KulturManagement

Der Treffpunkt KulturManagement ist das gemeinsame Onlineformat von Projektkompetenz.eu, Kulturmanagement Network und der stARTconference. Die Teilnahme ist wie immer kostenlos, Sie müssen keine Software installieren, um dabei sein zu können. Es reicht, wenn Sie am Mittwoch, den 25. März, um 09 Uhr einfach diesen Link anklicken. Der Treffpunkt KulturManagement ist darüber hinaus auch auf Facebook vertreten und wenn Sie schon vorab wissen wollen, wer alles am 25. März dabei sein wird, dann können Sie im bereits angelegten Event nachsehen und sich auch gleich selbst dort (unverbindlich) anmelden. Ich freue mich, wenn Sie dabei sind.

Hier noch einmal die wichtigsten Infos:

Treffpunkt KulturManagement
Termin: 25.03.2015 von 09:00 bis 10:00
Thema: Storytelling für Kultureinrichtungen
Gast: Rebecca Hagelmoser, Jelena Löckner (NarraTool)

Mehr Infos auf Kulturmanagement Network: “54. KM Treff: How to? Storytelling für Kultureinrichtungen

Headstone Tunnel
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Balanced Scorecard: strategische und operative Ebene miteinander verbinden

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Bild: Headstone Tunnel“; von Darren Harvey (CC BY-SA 2.0) auf Flickr

Ein dunkler kurviger Weg führt zu einem Ziel, das man nicht sieht und vielleicht auch noch gar nicht so genau kennt. Diese Situation erleben wir in Tunnels nur noch selten, meist sind sie gerade und gut ausgeleuchtet. In Projekten kommt es allerdings immer wieder mal vor, dass der Weg dunkel und kurvenreich scheint und das Ziel noch nicht ganz klar ist. Bleibt die Frage, warum man da eigentlich “hineingefahren” ist? Eine Antwort darauf sollte sich auf der strategischen Ebene finden lassen. Das Unternehmensleitbild (Mission, Vision etc.) bildet den Überbau für das, was wir  dann auf der operativen Ebene an Vorhaben umsetzen. Über so etwas verfügen Unternehmen als auch Kulturbetriebe in der Regel, aber die Verbindung zu dem, was das tägliche Geschäft ausmacht, fällt vor allem im Kunst- und Kulturbereich schwer.

“Wir brauchen ein Blog, können Sie uns dabei unterstützen?” Diese Frage hörte ich vor einiger Zeit am Telefon. Natürlich haben wir uns zusammengesetzt und über das Blog gesprochen. Herausgekommen ist etwas ganz anderes, ein Blog wäre für das, worum es ging, nicht das geeignete Instrument gewesen. Nun ist es ja nicht verkehrt, ein Blog oder was auch immer haben zu wollen. Nur muss es halt auch in den Rahmen passen, in dem es zum Einsatz kommen soll. Das Ziel ist klar, wir brauchen ein Blog, verstanden, aber warum? Was soll bewirkt werden? Es ist gar nicht so leicht, an diesem Punkt vernünftige Antworten zu finden, oft ist dann von Dialog die Rede, aber wozu soll der gut sein? Unterhaltung ist gut und schön, aber inwieweit trägt sie dazu bei, meine übergeordneten Unternehmensziele zu erreichen? Unter Umständen hilft die Wirkungskette weiter, die das ganze systematisch angeht.

Wirkungskette

Die erbrachte Leistung, also der Output, ist das Blog, das in die Website integriert werden soll. Objektiv wahrnehmbare Ziele wären zum Beispiel höhere Zugriffszahlen oder eine längere Verweildauer auf der Website. Gefällt den UserInnen die Seite (Impact), äußert sich das vielleicht in positiven Erwähnungen oder mehr Links auf Website beziehungsweise Blog. Die Seite könnte dadurch in den Suchmaschinen nach oben wandern, erhält mehr Zugriffe und führt dazu, dass die dahinter stehende Kultureinrichtung als Marke bekannter wird und sich daraus neue Kooperationen, Gastspiele, etc. ergeben (Outcome).

Passen die Wirkungsziele zu meinen strategischen Zielen, dann kann ich mich mit meinem Blog weiter beschäftigen. Fallen mir nur welche ein, die mit meiner eigentlichen Arbeit wenig oder nichts zu tun haben, ist ein Blog vielleicht keine so gute Idee. Nehmen wir mal an, wir kommen zu dem Ergebnis, ein Blog sei eine gute Sache, dann stellt sich die Frage, wie wir jetzt weiter tun? Normalerweise wird jetzt jemandem die undankbare Aufgabe umgehängt, das Blog mit Inhalten zu füllen. Am Anfang ist der Enthusiasmus groß, aber im Laufe der Zeit lässt er nach und unter Umständen wird das Blog nach einigen Monaten ein recht  trauriges Dasein führen, was auch bedeutet, dass die Ziele nicht erreicht werden.

Die Balanced Scorecard ist mehr als ein Kennzahlensystem

Ich denke schon recht lange darüber nach, wie sich die oft große Lücke zwischen strategischer und operativer Ebene schließen lässt und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass die Balanced Scorecard ein ganz hilfreiches Instrument sein kann, diese Lücke zu schließen. Ich weiß, sie wird oft als reines Kennzahlensystem verstanden, das mit seinen vielen Messgrößen eher für Verwirrung als für Strukturen sorgt. Das mag in bestimmten Fällen so sein, ich sehe aber den Vorteil, dass man sich mit der strategischen Ebene, mit Zielen und dazu passenden Kennzahlen beschäftigen muss und sich außerdem nicht nur auf eine Sichtweise beschränken darf.

Robert S. Kaplan und David P. Norton, haben die Balanced Scorecard vor rund 25 Jahren entwickelt und dabei versucht, ein Unternehmen aus vier verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten.

Balanced Scorecard

Die Herausforderung bei der Balanced Scorecard besteht in der Vernetzung der verschiedenen Perspektiven. Das Blog erhöht die Zahl der BesucherInnen der Website, die Inhalte machen Lust auf Theater und lassen die BesucherInnenzahlen ansteigen. Dadurch kann der Eigendeckungsgrad gehalten oder erhöht werden (finanzwirtschaftliche Perspektive). Zufriedene Besucher äußern sich positiv über das Theater und gehen öfter als früher dorthin, Besucherzufriedenheit und -treue nehmen zu (Kundenperspektive). Das Theater wird aus diesem Grund dafür sorgen, dass auf dem Blog noch bessere Beiträge erscheinen und verändert die internen Abläufe, um leichter an gute Inhalte zu kommen und qualitativ hochwertige Beiträge erstellen zu können (Interne Prozessperspektive). Nun ist das Blog nicht mehr das Werk einer einzelnen MitarbeiterIn, sondern ein Format, zu dessen Erfolg viele beitragen. Abteilungsgrenzen fallen, die Zusammenarbeit macht Spaß, alle beschäftigen sich mit dem Blog und eignen sich gerne das notwendige Wissen an. Die Zufriedenheit der MitarbeiterInnen steigt, die Zahl der Kündigungen geht zurück (Lern- und Enwicklungsperspektive). Damit haben Sie schon jede Menge Kennzahlen und legen nun im nächsten Schritt fest, wohin Sie kommen wollen, welche Zielwerte es zu erreichen gilt. Das ist oft ganz leicht, zum Beispiel bei den Zugriffszahlen, das ist oft aber auch sehr kompliziert, wenn Sie etwa die Zufriedenheit der MitarbeiterInnen messen wollen. Nicht immer ist die Zahl der Kündigungen eine geeignete Messgröße. ;-)

Und plötzlich ist das Blog nicht nur dazu da, mit irgendjemandem zu kommunizieren, sondern es löst auf ganz unterschiedlichen Ebenen etwas aus. Was genau, das sollten wir uns davor überlegen. Ursprünglich dafür gedacht, Unternehmen als Ganzes aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten (ich habe das vor Jahren mal bei mir selbst versucht, siehe dazu meinen Blogbeitrag: “Social Media: Wann weiß ich, ob ich erfolgreich bin?“), kommt Andreas Preißner in seinem Buch “Projekte budgetieren und planen” (Affiliate Link) zu dem Ergebnis, dass sich die Balanced Scorecard natürlich auch für Projekte eignet, die Einführung eines Blogs ist ja letzten Endes nichts anderes. Kaplan/Norton haben immer betont, dass sich die verschiedenen Perspektiven beliebig verändern, reduzieren oder erweitern lassen. Nicht in jedem Projekt gibt es eine finanzwirtschaftliche Perspektive, in diesem Fall schlägt Preißner den Begriff der Ergebnisperspektive vor.

In 5 Schritten  von der Vision zum Arbeitspaket

So, nun wissen Sie also – hoffentlich – schon sehr viel genauer, warum Sie mit dem Bloggen beginnen wollen. Was aber noch fehlt, sind die Maßnahmen, mit deren Hilfe Sie Ihre Ziele erreichen wollen. Das bedeutet, jetzt heißt es kreativ zu sein und Ideen zu entwickeln, zum Beispiel, welche Themen Sie in Ihrem Blog anschneiden wollen. Haben Sie für alle vier Perspektiven ausreichend Ideen gesammelt, beginnt die Planung, um sie auch alle umsetzen zu können. Hier beginnt jetzt die klassische Projektplanung, vom Projektstrukturplan bis zum Budget, um zu wissen, was in nächster Zeit zu tun ist.

Zusammenfassend sind folgende Schritte notwendig:

  1. Entwickeln und formulieren Sie Ihre strategischen Ziele, abgeleitet aus dem Leitbild.
  2. Brechen Sie Ihre strategischen Ziele auf die operative Ebene herunter und benennen Sie Ihre operativen Ziele (dabei kann es sich um Projekte handeln).
  3. Überlegen Sie sich Ihre Wirkungsziele, erarbeiten Sie die Ziele der verschiedenen Perspektiven (es müssen nicht die vier sein!) und finden Sie die passenden Messgrößen.
  4. Bestimmen Sie die Zielwerte (wann sind Sie erfolgreich?).
  5. Überlegen Sie, welche Maßnahmen und Arbeitspakete notwendig sind, um Ihre Ziele zu erreichen (Projektplanung)

Während und vor allem nach der Umsetzung können Sie erkennen, ob Sie “im Plan” sind. Klar sollte sein, dass Ziele und Zielwerte nicht in Stein gemeißelt sind. Verändern sich die Rahmenbedingungen, müssen Sie Ihre Balanced Scorecard entsprechend anpassen beziehungsweise weiter entwickeln. Halten Sie starr daran fest, ist daraus wirklich nur ein Kennzahlensystem geworden.

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Über Facebook, die Jugend und die Frage nach der Qualität

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Für viele Kultureinrichtungen ist das Social Web ein Ort, an dem sie glauben, jüngere Menschen erreichen zu können, die Gründe dafür sind bekannt. Gut, die älteren Menschen sind vielleicht gar nicht so alt und gebrechlich, wie wir immer glauben, aber das ist ein anderes Thema. Wie aber erreiche ich Jugend, die 15, 20 oder 25 Jahre alt ist? Auf den Webseiten der Kultureinrichtungen schauen sie selten oder gar nicht vorbei, mit Twitter kennen wir uns selber nicht aus – aber diese Plattform nutzen sie auch gar nicht, wie man so hört – und auf Facebook löschen sie massenhaft ihre Accounts, um in irgendwelchen dubiosen Messengerangeboten wie Snapchat zu verschwinden.

Wobei: Ein paar scheinen ja doch noch auf Facebook zu sein, aber für die Facebookseiten der Hochkultur interessieren sie sich eher weniger. Wohl mehr für so etwas:

Das ist Mohamed Sartiane, die FAZ hat ihm vor zwei Tagen unter der Überschrift “Ein Mann legt Dortmund lahm” sogar einen ganzen Artikel gewidmet. Der junge Mann ist 18 Jahre alt und macht dieses Jahr laut Artikel sein Abitur. Wäre das jetzt nicht jemand, für den sich die Kultureinrichtungen interessieren sollten? Doch halt, nein, der macht ja so komische Videos, so etwas wollen wir nicht. Und mit wir meine ich nicht nur die Kultureinrichtungen, sondern die “Erwachsenen”, deren Kommentare unter dem FAZ-Artikel zeigen, was wir von dieser Jugend halten. Es handelt sich um einen “selbstverliebten Hansel”, dessen Postings sich durch die “Abwesenheit  von Grammatik und fehlender Zeichensetzung” auszeichnen und der sich die Frage stellen sollte, warum er überhaupt Abitur machen will?

Das Problem: Mohamed Sartiane hat das geschafft, was viele Kultureinrichtungen gerne hätten: Viele, viele Fans und jede Menge Interaktion auf seiner Facebookseite. Tritt er wie in diesem Fall in Dortmund auf, muss die Polizei einschreiten, um nicht die Kontrolle über das Geschehen zu verlieren. Aber Moment, wollen wir wirklich so sein? Schließlich können wir hier schon das Ende unserer Gesellschaft beziehungsweise deren Kultur erahnen und sollten uns jetzt mit der Frage beschäftigen, wie wir sie wieder auf den richtigen Weg bringen?

“Hat die heutige Generation Jugendlicher eigentlich nichts besseres zu tun als in solch eine Einkaufsstraße zu gehen und einen neuen Facebook-Messias zu lobpreisen? Kein Wunder, dass die Generation sich selbst als ‘dumm’ ansieht, wenn sie nicht über Kunst & Kultur Bescheid weiß”,

schreibt ein Leser, der von “spätpubertären Einfallspinseln” spricht, die in ihrem Leben nichts schaffen werden. Solche Sätze bekamen wir als Jugendliche vor Jahrzehnten auch schon zu hören, die Welt steht immer noch, belassen wir es dabei.

Was aber macht einen achtzehnjährigen Schüler zum Facebookstar, dessen Postings “atemberaubend talentfrei” seien, wie die Autorin des FAZ-Artikels schreibt. Womit wir bei der Qualität wären, in diesem Fall verstanden als Maßstab für die Güte dessen, worüber wir sprechen. Was zeichnet ihn aus? Er selbst führt seinen Erfolg auf sein Showtalent und die Fähigkeit, die Themen anzusprechen, die seine Generation gerade bewegt, zurück:

“Ich mache immer Videos zu Themen, wo die Menschen sagen können: ‘Das kenn ich auch!'”

wird er zitiert und weist damit etwas vor, das dem Kunst- und Kulturbetrieb zu fehlen scheint: die Menschen ansprechen zu können, sie mitzunehmen. Das auch deshalb, weil es im, so die Autorin, gelänge, “Banales mit vermeintlicher Bedeutung aufzuladen”. Ich würde es nicht so abschätzig formulieren, sondern eher von einer Kunst sprechen, Bilder aus unserem alltäglichen Leben zu verwenden und sie mit einer Bedeutung aufzuladen, die sie ursprünglich gar nicht haben. Politik und Werbung machen uns das  tagtäglich vor, insofern könnte man jetzt auch sagen, Sartiane hat sich als gelehriger Schüler erwiesen. Showtalent, ein Gespür für die Themen und die (Bilder)-Sprache, das zeichnet ihn aus und macht ihn zum Star. Unterstützt wird er durch Selbstaufschaukelungsprozesse, die im digitalen Raum besonders gut funktionieren.

Wir haben jetzt zwei Möglichkeiten: Entweder ziehen wir uns beleidigt zurück, beklagen den allgemeinen Werte- und Qualitätsverlust und erinnern uns wehmütig an längst vergangene Zeiten, in denen die Welt noch in Ordnung war. Das wirkt wenig glaubhaft, wurde nicht ähnlich argumentiert, als da plötzlich junge Menschen mit langen Haaren auf die Bühne drängten und begannen, laute Musik zu spielen. Wobei dann gleich die Frage folgte, ob das denn überhaupt Musik sei?

Oder wir schauen uns mal genauer an, welche Themen Mohamed Satiane in seinen Videos anspricht und wie er es schafft, so viele Menschen damit zu erreichen. Eigentlich sind das genau die beiden Punkte, wo die meisten Kultureinrichtungen nicht weiterwissen. Wie wäre es denn, ihn mal einzuladen und mit ihm genau darüber zu sprechen? Vielleicht können Kunst und Kultur von ihm lernen? Und dann können wir immer noch darüber diskutieren, was Qualität ist und was nicht. Vielleicht ist er für die Hochkultur ja noch nicht verloren? ;-)