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App-Ökossysteme für Kultureinrichtungen: Ticket Gretchen und Uber kooperieren

7 Kommentare

Foto von Lexi Ruskell auf Unsplash

Wir als NutzerInnen digitaler Technologien verwenden immer weniger Apps, die wir aber immer länger nutzen. So lässt sich in aller Kürze mein Beitrag „Apps im Kulturbereich: Das sollten Kulturbetriebe wissen“ zusammenfassen. Wer vor diesem Hintergrund mit der Entwicklung einer App liebäugelt, muss damit rechnen, dass er bei der Umsetzung relativ viel Geld in die Hand nimmt und nicht weiß, ob sich der große Aufwand am Ende wirklich lohnt.

Dieses Schicksal droht, so denke ich, all denen, die sich bei Konzeption und Gestaltung der App ausschließlich auf ihre eigenen Inhalte konzentrieren. Vor nicht allzu langer Zeit erregte eine Kultureinrichtung  noch Aufsehen, wenn sie eine App herausbrachte. Heute ist das eher eine Selbstverständlichkeit und dementsprechend sinkt das Interesse daran. Wir sind nicht mehr so schnell bereit eine App auf unseren mobilen Endgeräten zu installieren und verzichten im Zweifelsfall lieber darauf.

War es früher oft Neugierde, die uns dazu gebracht hat eine App auszuprobieren, fragen wir heute eher nach ihrem Nutzen. Dabei spielen unsere veränderten Gewohnheiten eine wichtige Rolle. Wir kommunizieren über sie, nutzen sie für Unterhaltungszwecke, aber wir kaufen auch mit ihrer Hilfe ein, erledigen unsere Bankgeschäfte und vieles mehr. Diese Entwicklung macht auch vor kulturellen Angeboten nicht halt. Für viele ist es heute unvorstellbar, dass sie zu einer Vorverkaufsstelle gehen, um sich ein Ticket zu kaufen für eine Veranstaltung, die dann noch mal 14 Tage später stattfindet. Natürlich können wir heute viele Tickets bereits online kaufen, aber oft gestaltet sich deren Erwerb trotzdem noch ziemlich mühsam.

Meistens bilden Kultureinrichtungen dabei einfach nur ihre Strukturen ab, an die Customer Experience denken wohl nur die wenigsten. Da überrascht es nicht, dass da plötzlich ganz andere Player auf diesen Zug aufspringen. In diesem Fall, der der Anlass für diesen Blogbeitrag ist, geht es um ein Wiener Startup, das mit „Ticket Gretchen“ eine App entwickelt hat, über die ich in Wien – und mittlerweile auch in einigen österreichischen Bundesländern – schnell und unkompliziert Theatertickets kaufen kann. Und noch besser: Ich muss die Tickets nirgendwo abholen, ich muss sie auch nicht ausdrucken (Print@home ist aber möglich), sondern habe sie in der App.

Vor allem für Kurzentschlossene ist das eine praktische Sache, denn die App bietet einen schnellen Überblick über das Angebot und erlaubt einem den raschen Erwerb eines Tickets, ohne die Seiten der Theater aufzurufen. Das heißt, der Kaufvorgang wird beschleunigt.

Treffe ich die Entscheidung sehr kurzfristig, muss ich sehen, dass ich rechtzeitig zum Vorstellungsbeginn im Theater bin. Wer es bequem mag, wird sich vielleicht ein Taxi kommen lassen. Auch das geht mittlerweile per App, die Zahl derer, die ihr Taxi über mytaxi oder Uber bestellen, steigt kontinuierlich an.

©Jan Frankl

In Wien haben sich jetzt Ticket Gretchen, Uber und der Wiener Bühnenverein zusammengetan und bieten noch bis Ende Juni eine 30-prozentige Ermäßigung auf Theaterkarten und Taxifahrt. Sie decken damit einen Großteil der Customer Journey ab. NutzerInnen von Uber werden so auf das Theaterangebot aufmerksam gemacht und kommen so vielleicht auf die Idee, sich eine Produktion anzuschauen. Das Angebot spricht darüber hinaus die an, die es gerne bequem haben oder die öffentlichen Verkehrsmittel aus welchen Gründen auch immer nicht nutzen möchten. Die Kooperation richtet sich aber auch an die, die ihre Abende digital organisieren und nun eine Möglichkeit haben, mit Hilfe zweier Apps einen Abend im Theater zu verbringen.

Und die Theater selbst? Sie können sich im Idealfall über mehr verkaufte Tickets und zufriedene BesucherInnen freuen. Aber Teil dieses App-Ökosystems sind sie nicht. Das muss kein Nachteil sein, wenn die Kooperationen klappen. Es kann aber ein Nachteil werden, weil sie nicht eingebunden sind, das heißt, ihnen fehlen die Gestaltungsmöglichkeiten. Wenn man es böse formuliert, verkommen die Theater zum reinen Contentlieferanten. Die (Infra)-Struktur stellen andere zur Verfügung und vielleicht sind sie es eines Tages, die darüber entscheiden, ob wir ins Theater gehen (können) oder nicht. In diesem Fall sehe ich kein Problem, weil der Wiener Bühnenverein als Kooperationspartner mit im Boot ist. Die Interessen der Theater sind also gewahrt. Aber wird das immer so sein?

Gefragt ist mehr Unternehmergeist auf Seiten der Theater (aber auch seitens anderer Kultureinrichtungen), denke ich. Ob sie das Heft dabei selbst in die Hand nehmen oder für sie nützliche Kooperationen eingehen, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Eine App für eine Kultureinrichtung lohnt sich nicht, wenn man diese Aspekte nicht berücksichtigt. Es gilt, die Metaebene zu besetzen, eine Art Ökosystem rund um die Customer Journey zu entwickeln. Das ist vermutlich eine ziemliche Herausforderung für Theater und andere Kulturbetriebe, aber dahinter verbergen sich ja auch Chancen. 😉

7 Comments Join the Conversation

  1. Lieber Christian,

    erinnerst Du Dich noch an das schöne Projekt „Wiga Open Air“?
    Dort hatten wir Gutscheine für Uber eingebunden und natürlich auch die Option, ein Fahrzeug zu ordern.
    Wir waren also 2014 schon Vorreiter für diese Idee!

    Martin

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      • Wir hatten damals ja nur sechs Wochen Zeit für die App. Ein Nutzertracking für die einzelnen Funktionen konnten wir da nicht mehr einbinden. Ich kann Dir also nicht sagen, wie das Angebot angenommen wurde.

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  2. Deine These, dass der Ticketerwerb sich heute immer noch schwierig gestaltet, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Das Smartphone ist fast 10 Jahre alt. In den letzten 1-2 Jahren wurden zahlreiche Websites auch von Kulturanbietern auf responsive umgestellt. Und nicht nur dort. Alle Anbieter arbeiten daran, den Webverkauf so leicht und einfach wie nur möglich zu gestalten.

    Das gilt nicht nur für Theater. Beispiel Kino: letztens stand ich in einer langen Schlange an der Kinokasse. Ich hatte keine Lust zu warten und habe innerhalb von unter 60 Sekunden mein Ticket bestellt, bezahlt und erhalten – und bin an der Schlange vorbei direkt zum Eingang gegangen, wo mein Ticket gescanned wurde. Das funktioniert heute auch für viele Theater und Museen. Ich habe schon Anbietern geraten, in der Kassenhalle oder vor der Tür Plakate mit einem QRcode für den eigenen Webshop aufzuhängen – zur Entlastung der Kasse.

    Und, wie Du schon schreibst: die Kultureinrichtung, die selber mobiles Ticketing anbietet, hat die Kontrolle über den Content. Content-Pflege in disparaten Systemen ist etwas, was heute kaum noch jemand leisten will oder kann.

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    • @rgl: Danke für Deinen Kommentar. Immerhin kann man heute schon Tickets online kaufen, insofern hat sich da natürlich einiges verbessert. Aber auch wenn die Seiten heute viel benutzerfreundlicher gestaltet werden, ich muss immer noch auf die jeweilige Website/den Onlineshop, um dort dann die Tickets zu erwerben. Mir schweben aber Lösungen wie Ticket Gretchen vor, bei der ich eine App habe, über die ich dank der vorhandenen Schnittstellen bei einer Vielzahl von Theatern Karten kaufen kann.

      Du hast vom Beispiel Kino gesprochen: ich weiß nicht, ob Du bei Deinem Beispiel die Cineapp genutzt hast, die ja im Prinzip wie Ticket Gretchen funktioniert. In Österreich gibt es so eine App meines Wissens noch nicht, aber genau so etwas schwebt mir vor. Und das dann noch angereichert mit Funktionen, die ich rund um meinen Museums-/Theaterbesuch brauchen kann. Das kann wie im Beitrag angesprochen Uber sein, die Möglichkeit, ein Ticket für den öffentlichen Personennahverkehr oder auch so etwas wie Open Table.

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      • Die zentrale App zur Ticketbuchung gibt es ja nun schon ein paar Jahre bei Eventim.

        Und ein Portal wie berlin-buehnen.de (auch in anderen Städten aktiv) ist seit mehr als 12 Jahren am Start.

        Die Shops der einzelnen Kultur-Einrichtungen sind ja immer so gut wie ihr Ticketingsystem, da gibt es Riesen-Unterschiede – das hat auch etwas mit Ressourcen zu tun…

        Die Webshops der Häuser sind i.d.R. immer noch die größte Informationsquelle, weil die Owner des Contents sind – und der wird kaum geshared – aus vielerlei Gründen, z.B. auch wg. des Urheberrechts.

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  3. @rgl: Es ist mir schon klar, dass es da mittlerweile viele Angebote gibt, aber ich muss die als Nachfrager erst einmal alle kennen und mich mit ihnen vertraut machen. Ja, Eventim gibt es, aber wird das auch von vielen Kultureinrichtungen genutzt? Ich habe gerade mal eben dort das Theaterangebot für München gecheckt, das sieht mager aus. Viele Theater z.B. sind dort nicht zu finden, weil sie halt ein anderes System nutzen.

    Das ist ihr gutes Recht und außerdem ist es vermutlich nicht gut, wenn es irgendwann einmal einen zentralen Anbieter gibt, über den der gesamte Kartenverkauf läuft (gut, das siehst Du vemrutlich anders. 😉 ). Aber der ganze Vorgang des Marketing und des Verkaufs ist bis jetzt noch zu wenig aus Sicht der Nachfrager gedacht.

    Gelöst wird das wahrscheinlich irgendwann demnächst über eine Infrastruktur, die über AI verfügt und den Usern deren Wünsche erfüllt. Ob das nun Google sein wird , Amazon, Microsoft oder Apple, muss sich erst noch zeigen.

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