Kämpfende Ziegenböcke
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Storytelling: Es geht um das Wie, nicht um das Was

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Bild: Goats Fighting„; von Dawn Imagination Stables II (CC BY- SA 2.0) auf Flickr

Stellen Sie sich vor, Sie erklären zwei Menschen, die sich unversöhnlich gegenüber stehen, dass es unsinnig sei, sich zu streiten und sie das doch besser sein lassen sollten. Vermutlich wird das nicht viel bringen, wer reagiert in so einer Situation auf einen Appell? Vielleicht versuchen Sie es mit einer Geschichte, etwa der von den zwei Ziegen, die sich mitten auf einer schmalen Brücke trafen, die über einen tiefen Fluß führte und auf die jeweils andere Seite wollten.

„‚Geh mir aus dem Weg!‘ meckerte die eine. ‚Du bist gut!‘ meckerte die andere. ‚Geh du doch zurück und laß mich zuerst hinüber. Ich war auch als erste auf der Brücke.‘

‚Was fällt dir ein?‘ antwortete die erste. ‚Ich bin viel älter als du und soll zurückgehen? Sei etwas höflicher! Du bist jünger, du mußt nachgeben!‘

Aber beide waren hartnäckig. Keine wollte zurückgehen, um die andere vorzulassen. Erst haben sie geredet, dann geschrien und schließlich geschimpft. Als das alles nichts nützte, fingen sie miteinander zu kämpfen an. Sie hielten ihren Kopf mit den Hörnern nach vorn und rannten zornig gegeneinander los. Mitten auf der Brücke prallten sie heftig zusammen. Durch den Stoß verloren beide das Gleichgewicht. Sie stürzten zusammen von der schmalen Brücke in den tiefen Fluß, und nur mit Mühe konnten sie sich an das Ufer retten.“

So die von Ludwig Grimm verfasste Fabel „Die beiden Ziegen“, deren Quintessenz klar ist: Wenn keiner nachgeben will und man sich nicht irgendwie einigt, haben beide den Schaden.

Für sich genommen ist das erst einmal einfach nur eine Geschichte. Eine Geschichte ist es, weil es sich hierbei um ein besonderes Erlebnis handelt. Würden die beiden Ziegen jeden Tag mehrere Male über die Brücke gehen und sich dabei nie begegnen, wäre es keine Geschichte.

So und wenn es jetzt nicht die beiden Streithähne gäbe, dann müssten wir hier auch gar nicht mit dem Thema Storytelling anfangen. Storytelling, das bedeutet…

„…Geschichten gezielt, bewusst und gekonnt einzusetzen, um wichtige Inhalte besser verständlich zu machen, um das Lernen und Mitdenken der Zuhörer nachhaltig zu unterstützen, um Ideen zu streuen, geistige Beteiligung zu fördern und damit der Kommunikation eine neue Qualität hinzuzufügen.“ (in: Karolina Frenzel, Michael Müller, Hermann Sottong: „Storytelling – Das Praxisbuch“ (2006), S. 3)

Warum ich das alles schreibe? Angelika Schoder hat vor zwei Tagen ein Blogpost mit dem Titel „Lange Rede, kurzer Sinn – 9 Formate, die Storytelling überflüssig machen“ veröffentlicht und darin Ansichten vertreten, die ich so nicht teile. Recht hat sie, wenn sie den Hype kritisiert, der rund um den Begriff Storytelling entstanden ist, ohne dass ihn alle wirklich verstanden haben. Nur: Die Kurve eines jeden Hypes geht irgendwann wieder nach unten und erst wenn der Tiefpunkt erreicht worden ist und es langsam wieder aufwärts geht, nähern wir uns langsam dem „Plateau der Produktivität“ und damit dem Alltag, in dem Storytelling dann „ganz normal“ genutzt wird.

Warum die Autorin aber nun daraus ableitet, dass Kulturvermittlung auch ganz gut ohne Storytelling auskommt, erschließt sich mir nicht so ganz. Das mag auch daran liegen, dass ich nicht nachvollziehen kann, wie sie Storytelling definiert. Ihrer These, Storytelling sei überflüssig, hätte es sicher gut getan, wenn sie erklärt hätte, was sie unter Storytelling versteht. In einem später angefügten Kommentar spricht sie davon,

“ dass (von mir ergänzt: beim Storytelling) ein Plot verfolgt wird, dass eine gewisse Tiefe erreicht wird und dass es um Protagonisten geht, deren Erlebnisse oder Merkmale auf die Rezipienten emotionalisierend wirken“.

Das stimmt und deckt sich auch mit den gängigen Definitionen. Allerdings muss so ein Ansatz nicht im „große(n) Geschichtenerzählen“ ausarten. Ich denke, die Verfasserin dieses Blogbeitrags unterliegt hier einem Irrtum. Storytelling heißt nicht unbedingt, große Geschichten zu erfinden, sondern es handelt sich laut Wikipedia um eine Erzählmethode,

„mit der explizites, aber vor allem implizites Wissen in Form einer Metapher weitergegeben und durch Zuhören aufgenommen wird“.

Es geht also beim Storytelling nicht darum, Geschichten in epischer Größe zu erfinden, sondern es ist eine Methode, um bestimmte Inhalte zu transportieren. Um die beiden Streithähne, mit denen ich diesen Beitrag begonnen habe, zu trennen, stehen mir mehrere Methoden zur Verfügung. Unter anderem der Appell „hört auf, Euch zu streiten“ oder eben die Geschichte von den beiden Ziegen. Ähnlich verhält es sich im Bereich Kulturvermittlung. Wenn ich zum Beispiel Wissen über eine vergangene Epoche vermitteln möchte, mache ich das unter Umständen mit Hilfe von Daten. Die Frage ist, wie transportiere ich diese Daten? Etwa mit einem Factsheet oder mit einer Geschichte, in die das Datenmaterial einfließt. Welche Methode die geeignetere ist, muss dann die KulturvermittlerIn entscheiden.

Recht hat Angelika Schoder, wenn sie schreibt:

„Besonders im Kulturbereich wird viel zu schnell von Storytelling gesprochen, denn jeder Inhalt ist ja irgendwie mit einer Geschichte verbunden.“

Hier gilt es zwischen zwei Ebenen zu unterscheiden, nämlich der inhaltlichen Ebene, die dann später in Ausstellung, Inszenierung, etc. zum Ausdruck kommt und der Ebene, auf der es um die Kultureinrichtung geht. Ich fürchte, auch die Autorin vermischt die beiden Ebenen, wenn sie im zweiten Teil ihres Artikels neun Formate für die Kulturvermittlung auflistet, die ohne Storytelling auskommen und beim ersten Format, der Serie, das Archäologische Museum Hamburg als Beispiel bringt.

Dort im Blog gibt es eine Serie über die Entstehung der Ausstellung „EisZeiten“. In dieser Serie geht es nicht um die Eiszeit, um die es sich vermutlich in der Ausstellung dreht, sondern um das Museum selbst, das – so vermute ich – darüber aufklären möchte, wie denn eine solche Ausstellung zustande kommt und warum es in den Augen eines Laien so lange dauert, eine Ausstellung zu konzipieren, planen und aufzubauen. Das kann das Museum auf unterschiedliche Weise tun, zum Beispiel mit Hilfe einer Checkliste und eines Zeitplans. Als Leser würde ich dank dieser beiden Dokumente nachvollziehen können, was dafür alles getan werden muss und wie viel Zeit man dafür veranschlagen sollte. Ich kann aber auch einfach jemanden darüber berichten lassen, der bei diesem Prozess dabei ist. In diesem Fall ist das die „feindliche Klarchologin“ Lena. Wenn Sie wissen wollen, was eine feindliche Klarchologin ist, – und ich nehme an, einige von Ihnen werden neugierig sein – müssen Sie einfach den ersten ihrer Blogbeiträge anklicken und finden dort die Auflösung.

Sie sehen schon, so ein Ansatz ist viel spannender als eine Checkliste. Für Angelika Schoder ist diese Blogserie zwar ein Beleg dafür, dass es auch ohne Storytelling geht. Für mich zeigt die Serie aber eher, wie wunderbar gutes Storytelling funktionieren kann (in diesem Fall sogar mit Hilfe der Heldenreise) und warum man auch in der Kulturvermittlung nicht darauf verzichten sollte. Die Herausforderung besteht in der Kulturvermittlung und vor allem in den Kultureinrichtungen selbst in der Trennung der beiden Ebenen. Wie man dabei vorgehen muss, beschreibt Angelika Schoder im letzten Kapitel. Es gilt eine Storyline zu entwickeln und abhängig von meinen Zielen und Ansprüchen kann das ein sehr ambitioniertes Unterfangen werden. Und was die Sache noch viel komplizierter macht: Ich muss das auf zwei Ebenen schaffen, nämlich einerseits für die jeweilige Ausstellung, um im Museumsbereich zu bleiben und andererseits für das Haus. Und warum macht es Sinn, solche Geschichten zu entwickeln? Susanne Maier hat die Gründe dafür in ihrem Blogpost „Die Macht der Geschichten, oder warum wir auf einmal alle Storyteller sind“ schön zusammengefasst. Geschichten

  • „aktivieren viel mehr Regionen im Gehirn als eine einfache Information
  • verleihen einem Sachverhalt Bedeutung und Sinn
  • binden den Zuhörer/Leser ein und lassen ihn mitdenken und mitfühlen
  • stellen eine persönliche Verbindung her
  • wecken Emotionen
  • unterhalten
  • bleiben länger und einfacher im Gedächtnis
  • wirken nach, können das Publikum zu etwas motivieren
  • werden eher weitererzählt / geteilt.“

Angelika Schoder schließt ihren Beitrag mit der Feststellung, Storytelling sei etwas Großartiges, aber es sei eben auch nicht alles. Ja stimmt, kein Mensch würde auf die Idee kommen, alles in Geschichten zu packen. Aber Kultureinrichtungen, aber auch KünstlerInen sollten eine Corestory haben. Gibt es die, lässt sich mit ihrer Hilfe eine „Storywelt“ kreieren, in der dann auch Platz für Listen und knappe Informationen ist. Natürlich ist daher dem von Schoder zitierten Stephan Goldmann recht zu geben, wenn der in einem Beitrag über Storytelling schreibt:

„Storytelling ist keine Lösung für jeden einzelnen Beitrag“

Aber lesen Sie sich seinen Artikel mal durch. Wenn das nicht eine schöne Geschichte ist.😉

 

 

 

PS: Ich möchte nicht den Eindruck entstehen lassen, mit meinem Beitrag Angelika Schoder in die „Pfanne hauen“ zu wollen. Ich teile ihre Kritik an dem, was ich oft lese und was in meinen Augen mit Storytelling entweder wenig zu tun hat oder wenig bringt, weil falsch intendiert. Nur ist für mich Storytelling eben nicht die wertvolle Ergänzung, sondern das entscheidende Element in der Kommunikation. Nach innen und außen.

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