Children and Teachers by Abstract Painting - Museo Reina Sofia - Madrid, Spain
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Über die Besucherzahlen hinaus: Mit welchen Kennzahlen sollen Kultureinrichtungen arbeiten?

11 Kommentare

Bild: Children and Teachers by Abstract Painting „; von Aam Jones (CC BY- SA 2.0) auf Flickr

Viele Kultureinrichtungen sind mittlerweile im digitalen Raum aktiv und stellen dafür teilweise sehr große Ressourcen bereit. Da ist die Frage, ob sich der Einsatz personeller und finanzieller Mittel überhaupt lohnt, natürlich berechtigt. Aber seien wir ehrlich: So ganz einfach ist das nicht, denn was soll denn eigentlich gemessen werden? Meist sind es die Besucherzahlen und im Web konzentrieren wir uns auf die Zahl der Fans und Follower. Aber was ist, wenn deren Zahl gar kein Gradmesser für das sein kann, was wir erreichen wollen? Nehmen wir die MAI-Tagung, die vorletzte Woche in Dortmund stattfand. An den zwei Tagen wurden sehr viele beeindruckende Apps vorgestellt, Apps, die mit viel Liebe zum Detail erstellt worden sind und nicht in die Marketingecke gestellt werden wollen, sondern eher der kulturellen Bildung dienen. Nur, welche Ziele werden mit diesen Aktivitäten konkret verfolgt und woran lässt sich der Erfolg festmachen?

Vorausgesetzt ich habe nichts überhört, rückte lediglich das Städelmuseum während dieser zweitägigen Konferenz mit einer Zahl heraus. 15.000 Mal sei die Städel App seit März heruntergeladen worden, eine ganz beachtliche Zahl. Nachdem diese App aber nicht als Marketinginstrument gesehen wird, sondern als ein innovatives Tool, das die Arbeit im Bereich kultureller Bildung unterstützt, wären qualitative Kriterien interessant, anhand derer festgestellt werden kann, ob die Arbeit Früchte trägt oder nicht. Wie aber lässt sich kulturelles Engagement messen? Auf den Seiten des National Endowment for the Arts (NEA) habe ich eine ganz interessante Publikation gefunden. Der im Dezember 2014 veröffentlichte Report „Measuring Cultural Engagement: A Quest for New Terms, Tools, and Techniques“ fasst die Diskussion einer Tagung zusammen, die im Juni 2014 in Washington stattfand und sich mit den folgenden Fragestellungen befasste:

  • „Why Measure Cultural Participation, and For and By Whom?
  • What Do We Mean by Cultural Participation?
  • The Challenge of Encompassing New Media- and Technology-driven Forms of Participation
  • New Ways of Knowing: Alternative Data Sources, Methodologies, and Units of Analysis
  • Beyond Participation Rates: Understanding Motivations, Barriers, and Outcomes“

Interessant, dass bei der Frage, was Partizipation eigentlich sei, auf eine bereits 2004 erschienene Studie Bezug genommen wird. In „The Values Study: Rediscovering the Meaning and Value of Arts Participation“ (siehe dazu mein Blogpost: „Die fünf Formen künstlerischer Partizipation„) wurde als Ergebnis von 100 geführten Interviews ein Modell entwickelt, aus dem heraus sich Erfolgskriterien entwickeln lassen sollten.

Ob sich dieser Ansatz so leicht auf technologiegetriebene Formen der Partizipation übertragen lässt, scheint allerdings fraglich. Kristen Purcell vom Pew Research Center sieht in diesem Zusammenhang drei Herausforderungen auf den Kunst- und Kulturbereich zukommen: Erstens gelte es, Partizipation genau zu definieren, zweitens müsse geklärt werden, wie man mit unbeabsichtigter oder ungewollter Partizipation umgehe und drittens müsse zwischen Partizipation und Engagement unterschieden werden. Aufschlussreich ist der Hinweis, dass viele Kultureinrichtungen die digitalen Technologien als große Hilfe betrachten, um sich selbst zu positionieren und mit den (potenziellen) BesucherInnen ins Gespräch zu kommen. Dass auf diese Weise aber auch die UserInnen die Möglichkeit bekommen, sich mit den künstlerischen Inhalten zu beschäftigen, wird von den meisten vergessen. Nur wenige Kultureinrichtungen haben die Zeichen der Zeit erkannt und werden dieser Entwicklung so gerecht wie das Rijksmuseum mit dem Rijksstudio, das den UserInnen alle Freiheiten im Umgang mit den Kunstwerken gibt.

Ich denke, dieser Report ist eine gute Grundlage, um in den nächsten Monaten Kriterien zu entwickeln, mit deren Hilfe sich dann einschätzen lässt, ob die vielen Apps, die die Museen entwickelt haben und weiter entwickeln werden, auch wirklich ihre Aufgabe erfüllen. Schließlich geht es um viel Geld, Geld, das nicht alle Kultureinrichtungen haben.

11 Comments Join the Conversation

  1. Hallo Christian,
    ich finde es sehr wichtig, dass man sich in den Kultureinrichtungen langsam Gedanken macht, ob man virtuelle Besucher und Nutzer von Websites, digitalen Angeboten, Datenbanken, Apps & Social Media ähnlich wie die analogen Besucher vor Ort zählen möchte. Ich persönlich habe keine Probleme damit, die Vermittlungsaufgabe eines Museums auf das WWW und damit virtuelle Besucher aus der ganzen Welt auszuweiten. App-Nutzerzahlen würde ich da den Website-, Blog- und Datenbanken-Usern gleich stellen, denn meistens geht es dabei um die Vermittlung von Inhalten.
    Viele Grüße und ein schönes Wochenende!
    Marlene

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    • @Marlene: ja, ich denke auch, dass die mitgezählt werden sollen. Aber wie bewerten wir, was die dort tun, um darüber urteilen zu können, ob unsere Konzepte aufgegangen sind? Ich würde es zum Beispiel reizvoll finden, für die oben angeführten fünf Formen von Partizipation entsprechende Kriterien zu entwickeln, anhand derer man dann Aussagen über Erfolg oder Misserfolg der eigenen Aktivitäten machen kann.

      Dir auch ein schönes Wochenende!🙂

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  2. Lieber Christian,

    ich finde es so wichtig, darüber nachzudenken, welche Kriterien man zugrunde legt. Ich hatte ja beim vorletzten stARTcamp in Münster schon mal einen Anlauf genommen, über Impact zu diskutieren. Nur sind wir in 45 Minuten nicht wirklich vorangekommen. Auf der anderen Seite ist es fantastisch, wenn man so viele Kulturarbeiter auf einen Haufen hat, mit denen man doch an so einem Kriterienkatalog prima arbeiten könnte.
    Ob man auch mal die 45 Minuten-Session-Struktur aufbrechen darf? Dann wäre das vielleicht was für Dortmund.

    Es herrscht sicherlich auch so eine gewisse Angst vor Zahlen. Denn natürlich könnten die immer besser und durchschlagender sein. Dass die im Städel in einem wirklich vorzeigbaren fünfstelligen Bereich liegen, hat sicher auch etwas mit deren Gesamtauftritt zu tun. Ich finde ja immer so ein Leuchtturmprojekt schwierig, in das man sämtliche Power reinlegt. Für weitere Dinge sind dann die Ressourcen verbraucht.

    Ich fänd es mal superspannend, aus einem stARTcamp heraus etwas zu dokumentieren, was für die weitere Diskussion spannend ist. Wie klingt das für dich?

    Herzliche Grüße
    Anke

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  3. @Anke: Wenn wir sagen, wir machen eine Session, die 3 x 45 Minuten dauert, dann kann uns das ja niemand verbieten. In meinen Augen macht es Sinn, sich dafür die entsprechende Zeit zu nehmen, sonst fangen wir jedes Mal wieder bei Null an. Das ist auf Dauer ermüdend.

    Zu Zahlen haben wir wohl alle ein ambivalentes Verhältnis. Die guten Zahlen würden wir natürlich liebend gerne nehmen, wenn da nur nicht die Gefahr lauern würde, dass schlechte Zahlen ein mögliches Scheitern sichtbar machen. Ich weiß nicht, ob das in diesem Fall wirklich der Grund ist, denn es gibt diese Kriterien noch gar nicht und deshalb fehlen auch entsprechende Zahlen dafür. Es könnte natürlich rauskommen, dass die ganze Bildungsarbeit, die mit dem Bildungsauftrag begründet wird, völlig sinnlos ist und sich ein Impact nicht beweisen lässt. Im Moment verweisen viele auf den Bildungsauftrag und betrachten das als Legitimation für alles, was sie tun. Es entbehrt ja nicht einer gewissen Ironie, dass das Rijksmuseum mit seinem Rijksstudio die höchste Stufe von Partizipation erreicht, aber auf der MAI-Tagung im Themenblock Marketing untergebracht war.

    Ich sehe die Arbeit an solchen Kennzahlen übrigens als Fortsetzung der Diskussion über die Banalität in der Vermittlungsarbeit. Wenn es jetzt gelingt, Ziele kultureller Bildungsarbeit zu benennen und daraus so etwas wie einen Kriterienkatalog zu entwickeln, dann wäre viel gewonnen. Warum nicht in Dortmund auf dem stARTcampden ersten Schritt setzen? Mir würde das gefallen.😉

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  4. Dann lass uns das in Dortmund machen!! Wir können ja mal drüber hangouten oder so, wie wir uns da einbringen. Und auf welche Weise wir das dokumentieren können. Ein gemeinsames Bild malen oder die Kriterien tanzen … ich bin offen für jede Art von kreativem Input!

    Mir wäre es auch sehr lieb, wenn wir die Banalitätsdiskussion mal auf die Ebene hieven könnten, auf der die wirklich spannenden Fragen diskutiert werden.

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  5. Zwei Dinge möchte ich gerne anmerken:

    1. Schlechte Zahlen bedeuten meiner Meinung nach zunächst nicht, dass ein Scheitern vorliegt. Der positive Effekt von schlechten Zahlen ist, dass ich dann endlich mal weiß, dass ich irgend etwas falsch mache. Es ist also eine Option zur Verbesserung. Nur wenn ich die Zahlen habe, kann ich daraus auch lernen und beginnen, neue Wege zu gehen, die ich mit den vorherigen Zahlen vergleichen kann. Im Normalfall ergeben sich daraus immer positive Entwicklungen. Es ist wahrscheinlich aber auch immer eine Frage der Unternehmenskultur, ob schlechte Zahlen von den Oberen positiv oder negativ verwendet werden.

    2. Der Vorteil von Apps ist, dass ich, während der Besucher durch meine Kultureinrichtung geht, jeden seiner Schritte verfolgen kann. Es geht zunächst einmal nicht darum, den Besucher zu personalisieren, sondern ihm als anonymen Besucher zu folgen. Aus den gesammelten Daten lassen sich umfangreiche Erkenntnisse sammeln. Und wenn wir es schaffen, auch noch alle anderen Bewegungsdaten der einzelnen Nutzer auf anderen Plattformen zusammenzuziehen, so dass wir tatsächlich die gesamte Customer Journey nachvollziehen können, dann sollte sich daraus ein erheblicher Mehrwert zunächst für die Kultureinrichtung und dann, nach entsprechenden Maßnahmen, auch für die Besucher ergeben.

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    • @Martin: Ja, ich stimme in beiden Punkten zu. Fehler zu machen, sind die Grundvoraussetzung, um sich weiter entwickeln zu können. Ansonsten herrscht Stillstand. Leider haben wir bei uns eine ganz unsägliche Fehlerkultur, die dazu führt, dass sich jeder seiner Fehler schämt und sie zu verbergen versucht.

      Auf die Idee, die App auch wegen der Daten zu wählen, kommen nur wenige. Dazu bräuchte es aber auch ein Grundverständnis über die Wichtigkeit von Daten. Das fehlt im Kunst- und Kulturbereich aber leider. Zumindest derzeit…

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  6. Pingback: Sonntagslektüre: Blogger-Relations, #MuseumSound und mehr | museums(t)raum

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