Child with Apple iPad
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Digital Natives: die große Ernüchterung?

9 Kommentare

Bild: Child with Apple iPad„; von Intel Free Press (CC BY-SA 2.0) auf Flickr

Während meines Studiums habe ich die längste Zeit meine Referate noch auf der Schreibmaschine getippt und erst zum Ende hin hatte ich dann einen Computer und einen Nadeldrucker, wobei mir letzterer oft mehr Probleme bereitete als der große Kasten daneben. Für mich war das der Einstieg in eine Welt, die nicht nur mir, sondern im Endeffekt uns allen neu war. Aber ich ließ mich anstecken von der Begeisterung, die manche versprühten, denn ich sah immer die Chancen, die sich durch all die technologischen Entwicklungen auftaten. Heute sehe ich das etwas nüchterner, es sind Instrumente, die mir da in die Hand gegeben werden. Ich muss sie nicht lieben, ich muss sie nur nutzen. Aber ich wundere mich, warum andere diese Instrumente nicht nutzen, zugegeben.

Als ich gestern den Blogbeitrag „Denn sie twittern nicht, was sie tun“ von Kerstin Hoffmann gelesen habe, kamen mir etliche der Situationen, die sie darin beschreibt, bekannt vor. Wenn ich heute Social Media-Workshops halte, will ich oft die überzeugen, die wir als Digital Natives bezeichnen und merke dann, dass sie sich gar nicht überzeugen lassen wollen. Während ich früher darüber etwas pikiert war, sehe ich das heute etwas anders. Ich gehöre zu einer Generation, die erlebt hat, wie eine neue Technologie aufgekommen ist und viele Dinge über den Haufen geworfen hat. Ich denke, ich nehme Technologie ganz anders wahr als diejenigen, die in eine Welt hinein gewachsen sind, in der das Internet eine Selbstverständlichkeit ist. Für mich hat Twitter eine ganz andere Bedeutung, schließlich steht diese offene Form der Kommunikation für etwas, das es früher nicht gab. Ich konnte anderen nur im persönlichen Gespräch, per Brief oder Festnetztelefon etwas mitteilen. Die Digital Natives brauchen Twitter dafür nicht, es gibt geeignetere Tools dafür. Mit anderen Worten: Bei ihnen steht die Technologie im Hintergrund und das ist eigentlich auch gut so, denn ob Twitter, Facebook, Whatsapp oder Snapchat, wir haben es hier nur mit Kanälen zu tun, nicht mehr und nicht weniger.

An dieser Stelle passt es, denke ich, ganz gut, auf das im letzten Oktober erschienene eBook „What If PR Stood for People and Relationships?“ von Brian Solis hinzuweisen, in dem er den Standpunkt vertritt, dass die Technologie nur Mittel zum Zweck sein sollte.

 

PR, das steht bei Solis – zumindest in diesem eBook – nicht für Public Relations, sondern für „People and Relationships“. Wir würden uns von den Versprechungen der digitalen Neuerungen blenden lassen, meint er und glaubt, dass wir alle unter dem „shiny object syndrome“ leiden. Ein möglicher Ausweg sieht für ihn so aus:

„Building bridges between you and the people you want to reach starts with turning an object or a thing into an opportunity to see and deliver value.“

Vermutlich konzentrieren wir uns, wenn wir Marketing, PR oder Werbung machen, viel zu sehr auf die technologischen Möglichkeiten und verlieren dabei das eigentliche Ziel aus den Augen. Die sozialen Medien haben uns nicht sozialer gemacht und in der Sharing Economy wird auch nur wenig geteilt, schreibt Solis und verordnet uns im nächsten Schritt weniger Tempo, um dem Hamsterrad zu entkommen. Sein Vorwurf: Wir würden uns bei persönlichen Gesprächen nicht mehr gegenseitig in die Augen sehen, manchmal nur wenig miteinander reden, aber dieses Beisammensein durchaus genießen und so unser digitales Leben in die reale Welt übertragen.

„Humanity becomes the killerapp“, schreibt Solis an anderer Stelle und bricht in dem 40-seitigen eBook, das von Hugh MacLeod brilliant illustriert worden ist, eine Lanze für passende Rahmenbedingungen. „Ideas are the byproduct of empowered cultures“, schreibt er auf Seite 25 und sieht darin die Grundlage für Kreativität und Innovation.

Die Digital Natives sollten sich damit eigentlich leichter tun, weil für sie die Technologie nicht so im Vordergrund steht, sie etwas Selbstverständliches ist. Allerdings dauert es vermutlich, bis sich das auch in den Strukturen auswirkt, in denen wir arbeiten. Ich sehe das auch in den Kulturbetrieben, die sich häufig auf die technologischen Neuerungen konzentrieren und hoffen, auf diese Weise ihre Ziele zu erreichen. Insofern ist es vielleicht ein ganz gutes Zeichen, wenn sich die Digital Natives nicht an das halten, was wir von ihnen verlangen oder wie Kerstin Hoffmann so schön schreibt: „Denn sie twittern nicht, was sie tun.“

9 Comments Join the Conversation

  1. Lieber Christian,

    vielen Dank für Deinen Beitrag. ich weiß nicht so richtig, was ich von den Begriffen wie Digital Natives halten soll und ich glaube zudem, dass wir einem Mythos hinterher rennen, wenn wir wieder „zurück“ zu anderer Kommunikation gehen sollen.

    Ja, Du hast Recht – wir reden und denken dauernd über Technologien nach aber nicht über Kommunikation. Und noch schlimmer: wir reduzieren, ja wir kastrieren die Optionen des Social Web, in dem wir es als zumeist preiswerte Plakatwand für veraltete PR-Aktivitäten nutzen.

    Aber auch ohne die digitale Welt hatten wir oberflächliche Kommunikation und die Unfähigkeit dem anderen in die Augen zu sehen. Wenn der Kultursektor von „echten Gesprächen“ redet, was soll das dann sein? Weiterhin jene auf einer nie vorhandenen Deutungshoheit basierende Lehr-Kommunikation? Jene Bildungsbürger-Nischen-Kommunikation? Auch vor der digitalen Revolution haben Kulturinstitutionen nur einen sehr kleinen und elitären Teil der Bevölkerung erreicht. Nicht die Inhalte waren das Problem, sondern die Form der Kulturvermittlung bzw. die Kommunikation.

    Bis heute ist der Kultursektor nicht in der Lage oder nicht willens, unsere analog-digitale Gesellschaft aktiv zu gestalten – und die sog. Digital Natives werden mit ihrer Technologie allein gelassen. Dabei ist die digitale Welt nur ein Spiegel der analogen Lebensrealität – und diese Lebensrealität wurde von der vorherigen Generation entwickelt. Wenn wir über die Defizite digitaler Kommunikation der Digital Natives reden, dann reden wir eigentlich über die Kommunikationsdefizite der damit verbundenen Elterngeneration.

    Was bedeutet das?

    Ja, wir müssen neu denken.

    Wir müssen verstehen, dass es im Social Web nicht um neue Technologien, sondern um eine neue Kultur bzw. neue Denk- und Arbeitsweisen geht.

    Wir müssen verstehen, dass Kultur nur dann im digitalen Raum erfolgreich sein kann, wenn sie sie im analogen ändert.

    So wir im digitalen Raum darüber nachdenken müssen, ob wir uns zu sehr auf die Technologien und zu wenig um die Kommunikation kümmern, müssen wir ebenso überlegen, ob wir uns im analogen zu sehr um die Institutionen und zu wenig um die Kommunikation, die Kunst und die Menschen kümmern.

    Die digitale Welt, Social Media und Co. sind keine Marketing- oder PR-Aufgabe, sondern eine strategische Querschnittsfunktion des Managements bzw. eine Führungsfunktion…

    Ich habe vor längerer Zeit ein paar Gedanken zu den Digital Natives verfasst, der sehr gut die Problematik dieser Definition bzw. die Probleme dieser Gruppe beschreibt:

    http://christoph-deeg.com/2011/10/11/warum-ich-froh-dass-ich-kein-digital-native-bin/

    Herzliche Grüße

    Christoph Deeg
    http://www.christoph-deeg.com

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  2. @Christoph: Danke erst einmal für Deinen langen Kommentar, der ja eigentlich eher als Beitrag denn als Kommentar zu zählen ist.😉

    Zu den Digital Natives: Ich meinte damit wirklich nur diejenigen, die mit dem Internet groß geworden sind und die deshalb nicht mit staunenden Augen vor mobilen Endgeräten sitzen und immer wieder darüber philosophieren, wie das früher mal war. So wie ich das in diesem Blogbeitrag gemacht habe.😉 Wenn es einen besseren Begriff dafür gibt, dann nehme ich den, mir ist nur keiner eingefallen.

    Ich meine nicht, dass wir zurück zu etwas gehen sollten, was früher mal war. Das verlangt auch Brian Solis in seinem eBook nicht. Aber erst einmal gilt es zu unterscheiden zwischen diesen jüngeren Generationen, die den digitalen Raum nicht beruflich, sondern einfach nur für ihre Kommunikation verwenden und dabei auf die Tools setzen, die für sie am praktischsten sind. Wir hingegen sprechen immer aus der Sicht von Menschen, die Social Media beruflich nutzen und damit bestimmte (berufliche) Ziele erreichen wollen.

    Natürlich ist es unsinnig, das Social Web als Plakatwand zu sehen, aber so sehen die meisten Postings leider aus. Die Marktschreier stellen die Mehrheit dar, ich würde mir wünschen, dass wir mehr Gespräche führen. Neu ist das nicht, die Agora gab es schon bei den alten Griechen. Nichts anderes sind heute Facebook und die anderen Netzwerke. denk an das Cluetrain Manifest: Märkte sind Gespräche, keine besonders neue Erkenntnis.

    Du hast auch recht, wenn Du die Kommunikation im digitalen Raum als etwas beschreibst, das über Marketing und PR hinausgeht. Stimmt, es ist eine Querschnittsmaterie, was anderes habe ich nicht behauptet und so ist auch Brian Solis zu verstehen, wenn er vom Kulturwandel spricht.

    Mir ging es eigentlich nur darum festzuhalten, dass wir aufhören sollten, die jüngeren Generationen nach unseren Vorstellungen zu bewerten. Ihnen gefällt nicht, was uns gefällt. Wenn wir sie aber überzeugen wollen, dann hilft uns keine Facebookseite, sondern das Gespräch mit ihnen, Dafür muss ich aber erst einmal mit ihnen ins Gespräch kommen. Empathie ist der Schlüssel, um Beziehungen aufzubauen und Relevanz zu schaffen, ähnlich hat es schon vor Jahren Peter Kruse formuliert, als er meinte, es gehe darum, die Resonanzmuster der Gesellschaft zu erspüren. Kultureinrichtungen sind weit davon entfernt, sollten aber lieber das Gespräch mit den für sie wichtigen Teilen der Gesellschaft suchen als aus allen Social Media-Rohren zu feuern.

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    • Lieber Christian,

      ich stimme Dir absolut zu – habe ich auch vorher schon. Mir ging es nicht darum, Dich zu kritisieren sondern noch genauer auf das Problem der analog-digitalen Lebensrealitäten hinzuweisen. Und das mit dem strategischem Denken und Handeln im Kultursektor ist ja eh unser beider Lieblingsthema:-)

      Herzliche Grüße

      Christoph

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  3. Dem kann ich mich voll und ganz anschließen. Als ich vor kurzem ein Social Media Seminar besuchte war ich total überrascht, dass vor allem die jüngeren Seminarteilnehmer kaum Social Media Plattformen nutzten bzw viele gar nicht kannten.
    Diese Erfahrung habe ich jedoch auch schon sehr oft u.a. mit meinen Lehrlingen gemacht. Technik interessiert die Digital Natives kaum, Hauptsache das Selfie passt. Während ich in totale Verzückung gerate, dass ich jetzt mit meinem Handy direkt über die Youtube-App Videos auf meinem TV sehen und steuern kann und mich Streaming-Dienste wie Netflix faszinieren, wissen die gar nicht von was ich eigentlich rede.
    Im Grunde haben sie ja Recht, es geht nicht darum welches Medium wir benutzen, sondern darum diesen Song anzuhören! Ich finde es ja nur deshalb so geil, weil ich mich noch gut daran erinnern kann, als meine Eltern sagten, man dürfe beim Einlegen einer CD nicht in die Stereoanlage schauen, sonst erblindet man vom Laser.
    Egal welches Medium wir nutzen, das Wichtigste ist und bleibt immer die Kommunikation. Wenn der whatsApp Chat mit meinem Lehrling nach zig Selfies und „lustigen“ Bildern mit einem „Gehen wir morgen Mittag gemeinsam essen, ich muss dir was erzählen“ endet, dann bin ich glücklich.

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  4. *lach* ich finde es auch total cool, YouTube-Videos auf dem TV-Gerät sehen zu können und das alles über Smartphone oder PC zu steuern. Aber wir kennen es halt noch anders, ich kann mich noch an die ruckligen kleinen Sequenzen erinnern, zwischen denen es immer drei Minuten Ladezeit gab.

    Vielleicht vergleichen wir es mit einer Waschmaschine. Wer gerät heute noch in Verzückung, wenn eine neue Waschmaschine ins Haus kommt? Wir sind es einfach gewohnt und verlieren kein Wort mehr darüber. So ähnlich mag es für jemanden sein, der mit Smartphones und all dem ganzen Technikkram groß geworden ist.

    Aber es wird halt nur im Alltag genutzt und so sind wir an einem Punkt, der eigentlich ganz normal ist. Marketingexperten wissen nicht nur, wie man solche Geräte bedient, sondern auch, wie man damit Marketing macht. Das müssen Jugendliche auch nicht wissen, sie müssen noch nicht mal Twitter nutzen. Warum auch, wenn sie für sie bessere Tools gefunden haben?

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  5. Pingback: Sonntagslektüre: Digital Natives, Blogger Relations und Zeitmanagement | museums(t)raum

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