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Was wissen Kultureinrichtungen eigentlich von ihren Zielgruppen?

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© Gerd Altmann ; Pixelio

Während meiner Schulzeit bin ich immer wieder gerne ins Stadion gegangen, um mir Fussballspiele anzuschauen. Natürlich gab es schon damals die Sportschau, aber das Erlebnis vor Ort war ein anderes. Aber trotzdem wechselte ich vom Stehplatz auf die Couch, unter anderem, um dort nicht nur ein Spiel, sondern alle Spiele konsumieren zu können. Als ich Jahre später wieder mal ein Spiel live verfolgte, war ich enttäuscht. All die Annehmlichkeiten vor dem TV-Gerät, vor allem natürlich die Zeitlupe, konnte mir das Stadion nicht bieten.

Eine ähnliche Situation dient Jared M. Spool als Ausgangspunkt für seinen Beitrag „Context Aware Design: A New Frontier„. Dank der heute zur Verfügung stehenden Technologien lässt sich, so schreibt er, zum Beispiel das Problem der fehlenden Zeitlupe relativ leicht lösen. Ein funktionierendes WLAN und mobile Endgeräte, die sich die Fans ausleihen oder kaufen können, sorgen dafür, dass die Stadionbesucher auf die Annehmlichkeiten der Sportschau nicht verzichten müssen.

Eine solche Lösung ist eigentlich keine große Herausforderung mehr, da das Angebot für alle Stadionbesucher, so Spool, ident ist. Dieses Broadcast-Modell funktioniert aber nicht immer. Spool beschreibt die Situation der BesucherInnen einer ihnen fremden Stadt: Sie wissen nicht genau, wo sie sich gerade befinden, kennen den Weg zum Bahnhof nicht, von dem weg sie der Zug wieder nach Hause bringt. Sie wissen nicht, wann der Zug fährt, sie wissen nicht, von wo er abfährt und sie wissen nicht, ob es eine Möglichkeit gibt, auf dem Weg bis ins Zugabteil noch etwas zu essen, nach Möglichkeit die Art von Essen, die sie bevorzugen.

Spool hat diesen Beitrag geschrieben, weil es sein Job ist, mobile Anwendungen so zu designen, dass die UserInnen auch einen Nutzen daraus ziehen können. Apps, die einem zeigen, wo man sich gerade befindet, gibt es bereits, auch die Abfahrtszeiten von Zügen lassen sich leicht herausfinden. Die Herausforderung besteht aber für ihn darin, eine Anwendung zu designen, die alle diese einzelnen Bedürfnisse befriedigen kann. Dafür muss man aber erst einmal die Bedürfnisse der – in diesem Fall – Städtetouristen kennen.

„This process starts with mapping out the current experience. If we watched people traveling to board the train, we can discover what they need and when they need it. We can see where the context breakpoints occur, where information needs to shift in the application,“

schreibt Spool. Seine Schilderung hat mich sofort an den Kunst- und Kulturbereich erinnert, vermutlich weil ich mit Städtereisen immer auch Kunst und Kultur verbinde. Wie sieht denn ein Szenario aus, in dem Städtetouristen eine Ausstellung, ein Konzert oder eine Theaterinszenierung besuchen? Und wie sehen die Szenarien bei denen aus, die in dieser Stadt leben?

Kontextbezogene Angebote, das müsste doch eigentlich Auswirkungen haben sowohl auf die Apps (bzw. mobile Website) als auch auf die Homepage? Wäre es nicht hilfreich, wenn wir mehr über die wissen würden, die tagtäglich die Angebote von Kultureinrichtungen nutzen? Gerade das Beispiel Städtereisen würde vermutlich zeigen, dass die große Mehrzahl der KurzzeiturlauberInnen bestimmten Mustern gehorcht. Muster, die wir allerdings nicht kennen.

Was aber wäre, wenn wir sie kennen würden? Big Data heißt das dazu passende Schlagwort. „Daten machen Menschen zu äußerst vorhersehbaren Wesen“, beginnt Martin Weigert sein Blogpost „Ich weiß, was du diesen Sommer twittern wirst„, in dem er auch auf eine Studie verweist, die behauptet, dass unser menschliches Verhalten zu 93 Prozent vorhersehbar sei.

Die dazu notwendigen Daten existieren bereits, sie müssen nur noch verarbeitet und veredelt werden. Vereinzelt kommen sie bereits zum Einsatz, zum Beispiel in Supermärkten oder auch bei Amazon. Voller Entrüstung die Nutzung solcher Daten abzulehnen wird vermutlich nicht viel bringen, es geht wohl eher darum, den Umgang mit unseren Daten (gesetzlich) zu regeln.

Mir geht es für den Kunst- und Kulturbereich aber gar nicht primär um die Verwertung riesiger Datenmengen, sondern um den Hinweis von Jared M. Spool, dass wir uns mit der Frage beschäftigen müssen, wie denn Szenarien aussehen, in denen Menschen in Theater, Museen, Opernhäuser, etc. gehen? Es geht darum, mehr über diese Menschen zu erfahren, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, ihnen Fragen zu stellen, um herauszufinden, welches ihre Bedürfnisse sind. Und wenn wir dann riesige Datenmengen zur Verfügung haben und in der Lage sind, Rückschlüsse daraus zu ziehen, dann könnten wir in Anlehnung an die Überschrift von Martin Weigert behaupten: „Ich weiß, in welche Ausstellung Du im Sommer gehen wirst.“ Diesen Menschen über die passenden Kanäle die dazu notwendigen Informationen zur Verfügung zu stellen, das wäre dann zugleich Aufgabe und Herausforderung.

2 Comments Join the Conversation

  1. Spannendes Thema! Im Unterschied zu kommerziellen Angeboten, wird aber im Kulturbereich zu wenig Geld verdient, um die Entwicklungsarbeit für „big data mining“ zu bezahlen; ich finde es auch aus Datenschutzsicht nicht unproblematisch. Was sich wirklich „lohnen“ würde, wären Datenanalysen, die über Lernverhalten z.B. in Museen Auskunft geben und nicht gewinnorientiert, sondern zur Verbesserung der Didaktik dienen. Arbeitet schon jemand an so etwas?
    Ben

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  2. @Ben2Blanken: Ich wollte damit auch nicht Kultureinrichtungen auffordern, sich mit Big Data zu beschäftigen. Aber etwas mehr Interesse an Daten würde ich mir wünschen. Wenn ich mir anschaue, wie viele interessante und hilfreiche Studien in den USA erstellt werden, dann finde ich die Situation hier etwas traurig.

    Natürlich wären Datenanalysen, die sich mit dem Lernverhalten beschäftigen, ein großer Gewinn. Ich würde aber gar nicht zwischen gewinnorientiert und nichtgewinnorientiert unterscheiden, denn ein Museum könnte von solchem Wissen durchaus profitieren, auch finanziell. Ob daran schon gearbeitet wird, kann ich nicht sagen. Vermutlich aber nicht.

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