Orchestrated Text
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Musikvermittlung: „Orchestrated Text“

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Orchestrated Text

Über diesen Artikel bin ich auf die Website „Orchestrated Text“ gestoßen, ein in meinen Augen sehr spannendes Projekt, bei dem ich die Chance habe, in Textform mehr über das zu erfahren, was ich gerade höre. Zu hören gibt es ganz konkret „die vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi. Und beschrieben wird die Musik dann in dieser Form:

Orchestrated Text

Die Kombination ist spannend, vor allem ist es vermutlich gar nicht so einfach, in knappen Worten die Musik in Textform zu gießen. Die Worte sind gut gewählt, der Text eröffnet einem Perspektiven, die einem so gar nicht unbedingt klar sind.

Richard Birkin, von dem die Idee stammt, schreibt dazu in einem Blogpost:

„Over Christmas I sat under a blanket coding up a new prototype involving HTML5, Javascript, classical music and wintery landscapes. It’s called Orchestrated Text.“

Der von ihm entwickelte Prototyp enthält derzeit nur den Winter und ist etwas mehr als drei Minuten lang. So lange habe ich durchgehalten, bin mir aber nicht sicher, ob ich es wirklich geschafft hätte, die ganzen vier Jahreszeiten so zu verfolgen. Ich kann mich dann doch nicht auf beide Kanäle konzentrieren und fürchte, entweder den Text oder die Musik zu verlieren. Was halten Sie von dieser Idee? Glauben Sie, dass man auch mehr als drei Minuten klassische Musik „vertexten“ könnte? Aber hören und lesen Sie doch erst einmal hinein.

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  1. Mal abgesehen davon ob man sich beim Hören von Musik überhaupt auf konkrete Bildassoziationen anderer Personen einlassen will oder nicht doch lieber die eigenen inneren Bilder entstehen und fliessen lassen möchte… –
    das, was du über „beiden Kanäle“ sagst – den visuell-textlichen und den akkustisch-musikalischen – trifft das Problem bei der Sache genau: Sie konkurrieren miteinander um die Wahrnehmung.
    Im Filmschnitt wird dieses Phänomen „Bild-Ton-Schere“ genannt: Es ist für unsere Wahrnehmung unmöglich, sowohl Toninformation als auch Bildinformation gleichzeitig zu verarbeiten. In dem Masse, wie die Komplexität der visuellen Information zunimmt, verringert sich die Wahrnehmungsfähigkeit auf der akkustischen Ebene und umgekehrt: Die Schere klafft immer weiter auseinander….
    So geht mir es auch beim „Orchestrated Text“: sobald ich anfange zu lesen, höre ich nur noch die sehr dominanten Ereignisse im musikalischen Geschehen. Wenn ich die subtileren, komplexeren Strukturen der Musik wahrnehmen möchte, schliesse ich die Augen und sofort weitet sich der akkustische Raum und aus ihm erscheinen vorsprachliche Bilder in nicht-sagbarer Schönheit😉

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  2. @spoxx: Danke für die Beschreibung dieses Phänomens und den Hinweis auf den Filmbereich. Du hast das sehr viel besser ausgedrückt als ich, denn genau aus diesem Grund habe ich zwar mit viel Konzentration für kurze Zeit beides – zumindest ansatzweise – geschafft, aber wie Du schreibst: das Ganze ist zu komplex.

    Wie löst Ihr denn im Filmbereich das Problem? Komplexität durch das Hintereinander von Informationen reduzieren?

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    • …genau! Entzerren… linearisieren…:
      Wenn ein Film-Editor z.B. eine Aktion-Szene montiert, in der ein komplex choreographierter Samurai-Schwertkampf zu sehen ist (hoher visueller Informationsgehalt), und er würde da einen Sprechertext unterlegen, der den Verhaltenscodex eines Samura-Ritters beschreibt (hoher akkustisch-sprachlicher Informationsgehalt), dann würde die Szene nicht funktionieren: Der Zuschauer würde entweder dem Schwertkampf folgen können, wüsste aber hinterher nichts über die Samurai-Etik – oder er würde sich auf den gesprochenen Text konzentrieren, könnte sich aber nicht mehr an den Verlauf des Schwertkampfes erinnern. Wahrscheinlich aber würde weder von dem einen noch von dem anderen viel hängenbleiben, da die Wahrnehmung wahllos „springt“ und die Zusammenhänge in beiden Bereichen verloren gehen.
      Um dem abzuhelfen könnte der Editor in der Montage abwechseln: Ein Stück des Schwertkampfs, unterlegt mit Geräuschen oder einer „seichten“ Untermalungsmusik – dann Schnitt auf ein informationsarmes („untermalendes“) Bild, z.B. Landschaft, Schilf im Wind, fliessendes Wasser…, und dazu den Sprechertext mit der Samurai-Logik. Dann wieder Schnitt zurück auf den zweiten Teil des Schwertkampfs… – etc.
      Durch diese Entzerrung kriegt der Zuschauer den Informationsgehalt beider „Sphären“ mit. Und mehr noch: wenn der Editor die jeweiligen Blöcke geschickt auswählt und kombiniert, kann sogar neuer, zusätzlicher Informationsgehalt entstehen, der weder im A-Block noch im B-Block explizit enthalten ist, sondern durch die gegenseitige Zuordnung erst geschaffen wird: denn der Zuschauer interpretiert jeden Wahrnehmungs-Moment auf der Grundlage der vorangehenden und ergänzt das, was „im Dazwischen“ liegt aus seiner eigenen Erfahrung und Weltsicht zu einem Ganzen, das mehr ist als die Teile…

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    • Danke für die Erklärung!🙂 Wenn ich das jetzt auf „Orchestrated Text“ übertrage, würde das bedeuten, dass Musik und Text hintereinander kommen müssten. Geht aber vermutlich nicht, weil dadurch die Musik auseinandergerissen werden würde und wir immer nur ein paar Takte hören würden. Obwohl, Miha Pogacnik geht genau so vor. Er spielt ein paar Takte auf seiner Violine und erklärt dann etwas dazu. Mmmhhhh…

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  3. Wenn „Orchestrated Text“ vor allem die didaktische Intention hätte, musikalische Strukturen durch bildliche Assoziationen erkennbar zu machen (z.B. um ungeübte Hörer überhaupt ersmal an die Musik heranzuführen), dann wäre das Segmentieren der Musik vielleicht garnicht so übel: Erst beschreibe ich den Wind, die Kälte, den Sturm, dann erkenne ich es wieder in der Musik.
    Wenn „Orchestrated Text“ vor allem die künstlerische Intention hätte, eine persönliche visuelle Assoziationswelt für andere lebendig werden zu lassen, dann könnte man die animierten Texte vielleicht auffassen als ein Drehbuch für „untermalende“ Bilder…

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  4. Danke für den interessanten Link. Man muss schon dazu sagen, dass er sichs leicht macht. Das ist DAS programmatische Werk des Barocks schlechthin, eine Blaupause für alle programmatischen Komponisten nach ihm. Ein geniales Werk, jeder einzelne Satz. Und eigentlich tuts das jeweilige Sonett, das Vivaldi jeweils vorm Satz hinstellt, auch, um zu wissen was er meint. Es wär jedoch interessant zu sehen, was ochestrated text zu einem absoluten Stück meint, zB einer Mozartsinfonie oder einer Klaviersonate, die nicht unbedingt gleich „Mondschein“ im Titel heißt.
    Oder orchestra text probiert es mit dieser Vivaldiversion (http://www.youtube.com/watch?v=CM6tnbdAtA4&playnext=1&list=PLD23EA3BA56AC641A&feature=results_video). Ich wäre interessiert, ob sie da das Gleiche dabei denken wie ich beim Arrangieren gedacht hab😉

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  5. Ich finde es eine ganz nette Spielerei, es als »Musikvermittlung« zu bezeichnen, finde ich allerdings zu hoch gegriffen, da gehört schon noch ein bisschen mehr dazu😉 Es erinnert mich außerdem an die »Textunterlegungen«, die in Musikerkreisen bei bestimmten klassischen Sinfonien kursieren, wie z. B. für das Thema des 1. Satzes der 8. Sinfonie »Unvollendete« von Franz Schubert: “This is the symphony that Schubert wrote but never finished; he never finished it, but no one cares ‘cuz it’s a nice one, a nice one…” Kennt man den Text, hört man dieses Thema nie mehr, ohne daran zu denken, was gleichermaßen eine gute Merkhilfe und eine Pest sein kann😉

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  6. Ein didaktischer Effekt ist mit Sicherheit vorhanden, und ich könnte mir Orchestrated Text als nette Spielerei z. B. im Musikunterricht Klasse 5 vorstellen – die nötige Technik ist in vielen Klassenzimmern ja sogar vorhanden😉 Aber es wäre schon ein methodischer Holzhammer … Gut, auch der mag seinen Sinn erfüllen, und eine Tür zu der Erkenntnis aufbrechen, dass(!) Musik etwas sagen kann, und wie sie das ungefähr tut. Um solches zu erreichen, ist gerade ein leicht erfassbares und kurzes Stück Musik perfekt geeignet.

    Danach sollte man aber schnell wieder das Weite suchen, in einem doppelten Sinne: „weit weg“ von solchen extremen Reduktionen („A bedeutet B“), hin zu einer „weiteren“ Auffassung musikalischer Semantik. Ein Ansatz wäre eine interaktive Version dieses Scripts, mit der man dann – was weiß ich – den Vivaldi-Sommer selbst vertexten könnte.

    Hoffentlich kommt NIE irgendein Orchestermanager auf den abwegigen Gedanken, so ein Dings im Konzertsaal an die Wand zu beamen. Der Smalltalk in der Pause würde schnell den allerletzten Reiz verlieren.

    Wie die Verflechtung von Musik und Text hintereinander funktioniert, kann man übrigens schön bei Marko Simsa lernen. Oder natürlich bei Sergej Prokofiew persönlich😉

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  7. Pingback: 18.1.2013 – worums hier eigentlich geht … | wolfgangradl

  8. @Spoxx: Interessante Idee, die Musik nicht mit Hilfe von Text, sondern mit Bildern zu „erklären“. Solche Visualisierungen gibt es ja schon und sie haben den Vorteil, dass sie das, was @NCE kritisiert, nicht tun, nämlich die Musik zu reduzieren.

    Man soll nie nie sagen, aber mein Vorstellungsvermögen sprengt es, sich diese Art von Text an der Wand eines Konzertsaals vorzustellen. Vermutlich würde man sich dann in der Pause über den Text und nicht über die Musik unterhalten.😉 Danke für den HInweis auf Marko Simsa und Sergej Prokofiew.

    @Wolfgangradl: es würde dann mehrere Textversionen geben, die jeweils auf einer Interpretation der Musik beruhen.🙂 Ansonsten: Ja, es gibt schwierigere Stücke zum „Vertexten“ und vielleicht muss man sich dann in die Bilderwelt „retten“, weil man die Musik nicht mehr in Worte fassen kann.

    @Birgit: Zumindest als einen Versuch würde ich es bezeichnen und dann könnten wir uns darüber unterhalten, ob der Versuch gelungen ist oder nicht.😉 Aber so schlimm wie Dein Zitat ist das hier nicht, da muss ich Richard Birkin in Schutz nehmen. Er beschreibt zumindest nur und bringt keine Bewertungen ins Spiel.

    Aber ganz ernsthaft gefragt: ab wann ist denn Musikvermittlung Musikvermittlung? Gibt es da eine klar zu ziehende Grenze?

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