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Twitter: Worin liegt der Mehrwert für den Kunst- und Kulturbereich?

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Wenn wir vom Thema Social Media sprechen, dann meinen wir damit meist Facebook, Twitter, Foto, Video und Blogs. Alle anderen Tools und Plattformen tauchen eher selten auf, aus welchen Gründen auch immer. In Gesprächen mit Kunst- und Kultureinrichtungen stelle ich immer wieder fest, dass Facebook-Aktivitäten mittlerweile fast selbstverständlich geworden sind, während viele skeptisch sind, wenn es um das Thema Twitter geht. Was bringt mir das, wo doch klar ist, dass das Grundrauschen enorm laut ist und ein Tweet nach wenigen Stunden schon so weit in der Timeline nach unten gerutscht ist, dass ihn vermutlich niemand mehr wahrnimmt?

Axel Kopp hat da ganz klar Position bezogen. In seinem Blogpost „Echtzeit: Weniger Twitter, mehr Livestreams!“ fragt er sich, ob Twitter als Kanal zur Echtzeitkommunikation für den Kunst- und Kulturbereich einen Nutzen hat. Zwar versieht er die Überschrift „Twitter als Datenmüllhalde“ noch mit einem Fragezeichen, aber seine Haltung ist klar:

„Für alle, die an der Kunst interessiert sind, bieten (.) ‚Live Events‘ wie ‚Twittern im Museum‚ keinen Mehrwert.“

Statt live aus einem Konzert oder einer Theateraufführung zu twittern, erwartet sich Axel Kopp eine gepflegte Nachberichterstattung, zum Beispiel in Form eines Blogposts. Und wenn es schon live sein muss, dann bitte mit Hilfe eines Livestreams und vor allem deshalb, weil der Long Tail dafür sorgt, dass zumindest die Aufzeichnung irgendwann jemanden erreicht, der sich dafür interessiert. Aber Twitter, das ist für ihn nur Small Talk, wie er dann in einem seiner Kommentare schreibt, denn Informationen bezieht er aus seinen rund 70 RSS-Feeds.

Nun spricht nichts dagegen, dass jemand seine Informationen via RSS organisiert und auf Twitter verzichtet. Aber dass das nun für den gesamten Kunst- und Kulturbereich gelten muss, bezweifle ich dann doch, denn letzten Endes geht es doch um die Frage, welche Ziele ich überhaupt mit Twitter erreichen kann und welche ich erreichen will?

Axel Kopp bemängelt die Nachhaltigkeit von Twitter und betrachtet es als einen Kanal, auf dem nur Small Talk stattfindet. Ich sehe das gänzlich anders, denn Twitter bietet mir durchaus die Möglichkeit, mich mit anderen Twitterati zu unterhalten. Auf der anderen Seite ist es aber auch eine Plattform, auf der unendlich viele Informationen zu finden, die ich allerdings finden muss. Dies geschieht aber nicht, indem ich 24 Stunden am Tag live auf Twitter bin und alle Tweets lese, die auf diese Weise über meinen Bildschirm laufen. Insofern habe ich nicht das Problem „langweiliger“ Tweets, wie Hagen Kohn in seinem Kommentar schreibt. Denn ob die Liveberichterstattung via Twitter langweilig oder spannend ist, das muss ich als UserIn selbst entscheiden. Und man kann davon ausgehen, dass das „Live-Twittern“ vor allem für die interessant ist, die aktiv dabei sind. Zumindest mir geht es so. Alles andere lese ich dann nach und entscheide, in welcher Ausführlichkeit ich verfolge, wer was twittert. Oder ich lese es gar nicht, weil es für mich nicht relevant genug ist.

Ich schreibe bewusst relevant und nicht langweilig, denn diese Unterscheidung ist wichtig, wenn man Twitter nutzt. Ich habe vor einiger Zeit über „Relevanz als Schlüsselbegriff in der digitalen Welt“ gebloggt und mich dabei auf den von Jeff Jarvis verwendeten Begriff der „unerwarteten Relevanz“ bezogen. Es gibt kein Tool im Social Web, mit dem ich leichter auf Inhalte stoße, die für mich von unerwarteter Relevanz sein können. Und genau darauf werde ich als Kultureinrichtung spekulieren, wenn ich Twitter nutze. #Operaplot ist nur deshalb so erfolgreich gewesen, weil die Möglichkeit des Retweet so vielen die Chance gegeben hat, davon zu erfahren (wobei vermutlich niemand auf der Suche nach einem Wettbewerb war, bei dem es darum ging, den Inhalt einer Oper in 140 Zeichen wiederzugeben). Und ähnlich ist es natürlich mit der Aktion „Twittern im Museum“ und anderen Aktionen. Für die einen ist es Small Talk, für die anderen ein plötzlicher und interessanter Einstieg in ein für sie unerwartet interessantes Thema.

Twitter ist aber nicht nur ein Tool, das Kommunikation in Echtzeit ermöglicht. Es ist etwas, was Mark Drapeau schon vor drei Jahren in seinem Blogpost „Twitter is Not a Conversational Platform“ als eine Art Wiki in Echtzeit bezeichnet hat (siehe dazu meinen Beitrag „Twitter: Wiki in Echtzeit?„). Für Drapeau funktioniert Twitter auf zwei Ebenen. Einerseits auf der Ebene der Gespräche, des Small Talks, wie Axel Kopp schreibt. Andererseits aber

„as a knowledge-sharing, co-creation platform that produces content and allows its consumption“.

Mark Drapeau vergleicht Twitter in dieser Hinsicht mit Wikipedia und weist darauf hin, dass die Inhalte in beiden Fällen von einer Minderheit der UserInnen zur Verfügung gestellt wird, während die große Mehrheit passiv bleibt und die Inhalte nur konsumiert.

Das heißt, die meisten stehen vor der Herausforderung, die für sie relevanten Inhalte zu finden, was nicht ganz so einfach ist. Aber dafür gibt es Tools (zum Beispiel Twilert), deren Einsatz aber voraussetzt, dass man sich überlegt, wonach man sucht.

Wenn Axel Kopp sich nur genervt über den Small Talk auf Twitter äußert und in Aktionen wie „Twittern im Museum“ keinen Mehrwert erkennen kann, dann mag das seine persönliche Meinung sein. Ich selbst schätze Twitter wesentlich höher ein als zum Beispiel eine Facebookseite. Vorausgesetzt ich weiß, wie Twitter funktioniert und was ich davon haben kann.

8 Comments Join the Conversation

  1. „Unerwartete Relevanz“ ist ein guter Begriff in Hinblick auf Twitter, genau das macht den besonderen Reiz aus.

    Generell glaube ich, dass jeder das Kommunikationstool seiner Wahl finden muss. Ich poste beispielsweise sehr wenig bei Facebook – warum auch immer.

    Übrigens hatte ich nicht den Eindruck, dass Axel sich „genervt“ über Twitter äußert, sondern zurecht den Nutzen von Tweetups in Frage stellt. Ich würde gerne mal aus Sicht eines Rezipienten hören, warum ein Tweetup so einen tollen Mehrwert darstellt. Wer behauptet, dass es diesen gäbe, muss sich auch kritisch fragen lassen, worin dieser besteht.

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  2. Vielen Dank für die Replik! Ich habe gerade nicht die Zeit, um mir den Beitrag von Mark Drapeau in Gänze durchzulesen, aber in der Überschrift „Twitter is Not a Conversational Platform” steckt ja schon viel Richtiges. Das Problem: Es wird von den Twitterati zu oft als Konversationsplattform genutzt.
    Dass viele Leute für ihre jeweiligen Anliegen die falschen Tools/Kommunikationskanäle nutzen, ist ein wesentlich größeres Problem. Allein, es lässt sich nicht aus der Welt schaffen, weil es organisch entstanden ist. Das beziehe ich nicht nur auf Social Media sondern würde die Problembeschreibung auch auf Face-to-Face-Gespräche, Telefonate oder E-Mails ausdehnen. Zu oft werden beispielsweise E-Mails geschrieben, wo Telefonate wesentlich besser wären. Und die gut gemeinte und richtige Forderung von Sascha Lobo nach „hermetischem E-Mail-Schreiben“ ist aussichtslos, aber nicht verkehrt. Die Leute kommunizieren so wie sie wollen und lassen sich nichts vorschreiben. Ihnen zu zeigen, wie sie es besser machen können, ist nichtsdestotrotz richtig. Ich glaube deshalb nicht daran, dass ich „Twittern im Museum“ aufhalten kann (ohnehin würde mir das nichts geben…), aber ich kann den Nutzen solcher Tweetups – wie Senecaintensiv richtig sagt – in Frage stellen und anregen, andere/bessere Kanäle zu nutzen.

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  3. @Hagen Kohn: stimmt, Du und ich können frei entscheiden, welches Tool wir bevorzugen. Auf der Unternehmensebene sind die Sachzwänge aber schon ein ganzes Stück größer, denke ich. Ich weiß nicht, wie Du das siehst.

    Was den Mehrwert von Tweetups betrifft: ich denke, ein erstes Ziel besteht darin, den Bekanntheitsgrad der Museen und deren Inhalte zu erhöhen. Das geschieht, indem ich wahrnehme, dass es da entweder ein Museum gibt, das twittert oder jemanden, der über das Museum twittert. Strategisch geschickt wäre es, wenn dieses Museum dann gleich noch irgendetwas anzubieten hat, was für seine Follower von Interesse ist. Ob das nun eine Einladung zu einer Führung für Twitter-Follower ist oder ein Gutschein für 10% Rabatt, muss das Museum entscheiden. Wenn es mir gelingt, auf diesen beiden Ebenen ein Stück weiter zu kommen und im Idealfall ein paar neue Kontakte zu knüpfen, dann ist das doch eine feine Sache, oder? Die Kritik von Axel, dass ein Tweet keinen Mehrwert biete, weil er im Sinne der Kunstkritik nicht analytisch sei, kann ich so nicht nachvollziehen, denn es ist, so behaupte ich, nicht das Ziel eines Live-Tweet-Events, Kunstkritik zu üben.

    @Axel Kopp: Gespräche sind auf Twitter nicht verboten. Ich unterhalte mich auch eher selten auf Twitter, aber deshalb kann ich nicht behaupten, Konversationen auf Twitter seien unsinnig oder es würde zuviel davon geben. Natürlich hast Du recht, wenn Du schreibst, dass viele das falsche Kommunikationstool wählen. Aber gerade Twitter erlaubt das Gespräch und ganz ehrlich: jenseits irgendeines Mehrwerts kann es sehr witzig und unterhaltsam sein, sich die Zeit auf Twitter mit Gesprächen zu vertreiben. Ich erinnere mich, während der Übertragung des letzten Grand Prix d’Eurovision in einem Zug gesessen zu sein. Hätte ich die Sendung live gesehen, hätte ich mich vermutlich gelangweilt. So war es eine der unterhaltsamsten Zugfahrten meines Lebens. Auch wenn keiner der Tweets auch nur im Ansatz analytisch war.😉

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  4. Pingback: Twitter: Worin liegt der Mehrwert für den Kunst- und Kulturbereich? | Medialia | Scoop.it

  5. unerwartete Relevanz – das gefällt mir.

    Muss denn alles immer eine Mehrwert haben? Kann etwas nich einfach nur auch mal Spaß machen?
    Wobei ich den Mehrwert bei einer Museumstwitterei durchaus in dieser temporären, möglicherweise unerwarteten Community sehe. Und by the way – Twittereien aus dem Museum entstehen – bislang, soweit ich weiss – aus der Community. Und wenn ein Museum das vielleicht noch unterstützt, wie Christian oben schreibt: Fein.

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