Sasquatch main stage and the gorge
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Deutschland: Kulturpolitik ohne Visionen

26 Kommentare


Sasquatch main stage and the gorge“; By Jess Sloss (CC-Lizenz)

Jimi Hendrix, Ray Charles und auch Kurt Cobain wurden in Seattle geboren, der Stadt, die am Pazifik liegt und sich selbst als Musikstadt bezeichnet. Die Bezeichnung ist berechtigt, denn die Musikindustrie spielt mit einem Umsatz von 1,2 Mrd USD und 20.000 durch sie entstandenen Arbeitsplätzen eine wichtige Rolle. Eine 2008 veröffentlichte Studie zeigt darüber hinaus, wie breit die Branche aufgestellt ist und welch interessante Kooperationen in den letzten Jahren entstanden sind.

Arnaudville hingegen ist ein kleiner Ort im US-Bundesstaat Louisiana, über den es eigentlich nichts zu berichten gibt. Laut Wikipedia hatte dieser kleine Flecken vor zwölf Jahren knapp 1.400 Einwohner, heute sind es ca. 100 mehr. Dieser für den Ort beachtliche Bevölkerungszuwachs hat auch mit dem Künstler George Marks zu tun, der 2005 eine alte verlassene Autowerkstatt zum Ausgangspunkt seiner Aktivitäten machte und Arnaudville zu einem ländlichen Zentrum kultureller Aktivitäten machte.

Seattle und Arnaudville ist gemeinsam, dass sie für ihre Aktivitäten Geld aus den Fördertöpfen des National Endowment  for the Arts (NEA) erhalten haben. “Our Town” nennt sich ein Programm, hinter dem der Grundgedanke des Creative Placemaking steht. Was sich hinter diesem Begriff versteckt, erklären Ann Markusen und Anne Gadwa in ihrem gleichnamigen Whitepaper, in dem noch weitere Projektbeispiele beschrieben werden. In dem bereits 2010 erschienenen Bericht bezeichnen die beiden Autorinnen Creative Placemaking als einen Prozess, in dem

“partners from public, private, non-profit, and community sectors strategically shape the physical and social character of a neighborhood, town, city, or region around arts and cultural activities.” (S.3)

Das Grundprinzip ist schnell erklärt:

“Creative placemaking animates public and private spaces, rejuvenates structures and streetscapes, improves local business viability and public safety, and brings diverse people together to celebrate, inspire, and be inspired.” (S.3)

Ausgangspunkt ist die Krise und die erleben wir in Deutschland derzeit auch. Und um die zu lösen haben Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Knüsel und Stephan Opitz ein Buch geschrieben, das in der nächsten Woche erscheinen und für Aufregung sorgen wird, wie der Spiegel prophezeit. In “Der Kulturinfarkt” stellen die vier Autoren das derzeitige Fördersystem in Frage und provozieren mit der Idee, den etablierten Institutionen einen großen Teil ihrer Fördermittel wegzunehmen und für innovative Entwicklungen abseits der Hochkultur einzusetzen. Finanzierungsbedarf orten die Autoren in den Bereichen

  • der öffentlichen Kulturinfrastruktur,
  • der Laienkultur,
  • der (noch nicht existierenden) Kulturindustrie,
  • der Hochschulen für Kunst, Musik und Design und
  • der gegenwartsbezogenen kulturellen Bildung.

Das heißt, man nimmt den “Großen” etwas weg, damit die “Kleinen” etwas bekommen können. Eine nette, allerdings vermutlich auch unrealistische Idee: es wird nicht “die Hälfte” der öffentlichen Förderungen eingespart, sondern lediglich umverteilt. Nach welchen Regeln dieser Verteilungswettbewerb ausgefochten werden soll, lassen die Autoren allerdings offen, schließlich verstehen sie ihr Buch (und den Spiegel-Artikel) nur als Provokation und Anlass für die Debatte über eine zukünftige Kulturpolitik. Ob wir anlässlich dieses Buches jemals über die Frage diskutieren werden, unter welchen Voraussetzungen Innovation im Kunst- und Kulturbereich entstehen kann, darf bezweifelt werden, die Kritiker haben bereits Stellung bezogen, so etwa der Deutsche Kulturrat, der sich in einer Stellungnahme “irritiert” zeigt und die Frage stellt, von welcher Realität da die Rede sein solle. Oder Max Hollein, der den Autoren Populismus vorwirft und der Ansicht ist, dass die Thesen extrem pauschal und nicht durch Zahlen belegbar seien.

Eine Diskussion wird so wohl nicht entstehen und wenn, diskutieren wir vermutlich nur die Frage, ob es wirklich sinnvoll sei, den etablierten Kultureinrichtungen die Hälfte ihrer Förderungen wegzunehmen? Aber ist das wirklich die Frage? Ich bin, ehrlich gesagt, von dem Spiegel-Artikel enttäuscht. Zwar heißt es immer wieder, es gehe gar nicht so sehr ums Geld, aber auch Stephan Opitz landet in einem Deutschlandradio-Interview recht schnell wieder bei diesem Thema.

Statt nur über die verkrusteten Strukturen und den Änderungsbedarf zu schreiben, hätte ich mir ein paar Anhaltspunkte erwartet, wohin die Reise gehen kann. Ich hätte mir erwartet, dass mögliche Ziele formuliert und zur Diskussion gestellt werden. Unter diesen Voraussetzungen bin ich dann recht schnell wieder bei Ann Markusen und Anne Gadwa gelandet, die in ihrem Bericht einen in meinen Augen sinnvollen Bottom-up-Ansatz verfolgen, denn

“Instead of a single arts center or a cluster of large arts and cultural institutions, contemporary creative placemaking envisions a more decentralized portfolio of spaces acting as creative crucibles.”

Wie lässt sich dieser Ansatz umsetzen? Neil Takemoto nennt in seiner Zusammenfassung des Berichts sechs Komponenten:

  • “Creative Initiator – Finding that one person or small team that starts it all.
  • Designing Around Distinctiveness – Build on existing expertise and characteristics of place.
  • Mobilizing [Government Will] – If your city government isn’t supportive, good luck.
  • Garnering Private Sector Support – If no one’s looking to invest in it, good luck.
  • Securing Arts Community Engagement – This is more than working with arts leaders, this is about crowdsourcing the time and investment of thousands of its patrons.
  • Building Partnerships – Figuring out a way for all of the above to work together.”

Wo sind unsere InitiatorInnen? Wer kann bei uns diese Veränderung auslösen? Wo ist die Kulturpolitik, deren Aufgabe es eigentlich wäre, solche Entwicklungen zu initiieren?

Peter Linett stellt in seinem Blogpost “As the arts conversation shifts to ‘creative placemaking’, will large institutions still count?” fest, dass in den USA in den letzten Jahren vermehrt neue Förderprogramme aufgetaucht sind, in denen Kunst nicht mehr um ihrer selbst Willen gefördert werde, sondern eher als Mittel zum Zweck diene, um zivilgesellschaftliche, ökonomische Probleme oder solche im Bildungsbereich zu lösen. Solche Ansätze wünsche ich mir auch für den deutschsprachigen Raum. Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Knüsel und Stephan Opitz haben da eine große Chance vertan, denn der Ansatz des “Creative Placemaking” verlangt gerade von den großen Kultureinrichtungen ein hohes Maß an Veränderung. Veränderung, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen ist aber, so denke ich, allemal attraktiver als der aus der (finanziellen) Not heraus entstehende Druck, sich verändern zu müssen.

Neil Takemoto spricht davon, dass der Erfolg auch von der Fähigkeit abhängt, Verbündete zu gewinnen. Wenn ich mir die Scharmützel im Vorfeld der Veröffentlichung des Buches anschaue, kann ich nur schwer glauben, dass das gelingen wird. Aber ich lasse mich gerne überraschen.

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  1. Super-blog-post!

    Bestärkt uns in Neu-Ulm, den eingeschlagenen Weg weiter zu beschreiten (wobei “schreiten” nicht ganz korrekt wiedergibt, wie wir uns bewegen).

    “Neu-Ulm: Neue Wege”.

    http://winulm.wordpress.com/

    Da ist dokumentiert, was wir im Laufe eines einzigen Jahres bewegt haben, was zur Zeit läuft und was in der nächsten Zeit passieren soll.

    Den “Creative Initiator – that one person or small team that starts it all” haben wir.

    Das macht entsprechend der international ausgerufenen aktuellen Design-Aufgabe nichts anderes als: Ideen formen statt Objekte.

    Das lokale Government wird heftig angestoßen, sich zu bewegen, und – hat tatsächlich schon “gemuckt”.

    Der private Sektor ist teilweise gewonnen. Wir strengen uns an, da noch mehr ins Boot zu holen.

    Binnen eines Jahres sind wir von 22 Händlern auf jetzt knapp 60 Mitglieder aus den verschiedensten Bereichen gewachsen, da ist sogar eine Schule dabei, Dienstleister aller Art, Designer, Künstler, die Diakonie, Medien ….

    Jetzt würden wir nach Lektüre allen um uns rum diesen Artikel gern in die Hand drücken und die Lektüre empfehlen. Er liefert alle Argumente. Aber wie wir von Antonio Damasio wissen: Das kognitive Unbewusste muss erzogen werden! (Antonio Damasio: “Selbst ist der Mensch. Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins”, Siedler Verlag, München, 2011, ISBN978-388680-924-0 – unbedingt: Seite 295 ff.).

    Antwort

  2. Pingback: Wir in Neu-Ulm

  3. Pingback: Inspirieren, dass die Heide wackelt « Theaterfreak's Blog

  4. Ich finde, dass Kunst und Künstlerinnen gefördert werden müssen. Die Kunst sollte kein Mittel zur Verwirklichung von gesellschaftlichen Formen oder Ereignissen sein. Kunst muss frei sein. Hört sich vielleicht romantisch an.
    Kreative Placemaking liest sich -ich muss jedoch genauer nachlesen- so, dass Geld, die für Kunst zur Verfügung steht, in die Stadtentwicklung geht. Stadtentwicklung kann man nur befürworten, umso mehr, wenn man in Wuppertal lebt;-) Aber es hat nichts mit Kunst zu tun, aber natürlich mit Kultur.

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  5. Hallo Christian,

    da ich, wie Du weißt, ein langjähriger und aufmerksamer Leser Deines Blogs bin und Deine kritische und „authentische“ Art sehr schätze, bin ich überrascht, wie einseitig hier diese Sache betrachtet wird. Vier kleine Anmerkungen

    1) Dass Hollein & Co. diese nicht zustimmen, ist doch wirklich kein Wunder. Hier sei an das berühmte Merz-Zitat erinnert: Wer den Sumpf trockenlegen möchte, braucht nicht die Frösche zu fragen.

    2) Du schreibst „Eine nette, allerdings vermutlich auch unrealistische Idee: es wird nicht ‚die Hälfte‘ der öffentlichen Förderungen eingespart, sondern lediglich umverteilt“ – Da hast Du wie viele etwas falsch verstanden – es geht den Autoren nicht um „Kürzung“ sondern nur um Umverteilung. Armin Klein erklärt dies schön in einem Interview in SWR2 http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3517136?documentId=9792270

    3) Du zitierst hier Ann Markusen und Anne Gadw, wie wenn die etwas Gegenteiliges wollten. Genau das wird auch von Hasselbach, Klein & Co gefordert. Statt den Großen immer mehr zu geben, soll es nun in die andere Richtung gehen! Ich bin (als ehemaliger Mitarbeiter von Herrn Klein) sicher, dass alle vier den Satz „in denen Kunst nicht mehr um ihrer selbst Willen gefördert werde, sondern eher als Mittel zum Zweck diene, um zivilgesellschaftliche, ökonomische Probleme oder solche im Bildungsbereich zu lösen“ zustimmen würden – genau das ist das Ziel (und eigentlich auch im Spiegel zu lesen oder im oben aufgeführten Interview).

    4) Und warum wird immer über das Geld geredet? Als Mitorganisator der startConference sieht man ja bei Eurem aktuellen schönen Crowdfunding-Projekt, dass man etwas Geld benötigt, wenn man etwas Spanendes auf die Beine stelle möchte. Ohne dieses Geld wäre die startConference nur ein Barcamp. Hasselbach, Klein und Co. nennen konkrete Beispiele, die Sie zukünftig mehr fördern wollen. Neben Laienkultur, Games und eben auch Projekte in neuen Medien sind es genau Projekte wie eben die startConference, die von einer Umverteilung profitieren möchten – ich fände dies (als startConference-Fan) wunderbar!

    Der Hinweis auf „Verbündete“ ist richtig – nur wenn „fair“ mit den Kulturinfarkt-Thesen umgegangen wird, besteht eine Chance – wollen wir es nicht versuchen, diese Chance zu nutzen?

    Schöne Grüße,

    Simon

    P.S.

    Heute Abend, 3sat Kulturzeit (19:20) wird es auch einige Stellungnahmen geben.

    Antwort

      • Hallo Simon,

        ich habe den Artikel im Spiegel noch nicht gelesen, aber ich verstehe deine Kommentare teilweise nicht:

        zu 2) CHF hatte doch nicht von “Kürzung” sondern (richtig verstanden) von “Umverteilung” gesprochen. Dein Satz da ist toal unlogisch, oder?

        zu 3) “in denen Kunst nicht mehr um ihrer selbst Willen gefördert werde, sondern eher als Mittel zum Zweck diene, um zivilgesellschaftliche, ökonomische Probleme oder solche im Bildungsbereich zu lösen” >> Wenn das die Erwartung an Kunst in unserer Gesellschaft sein soll, dann dann kann man den Begriff “Kunst” im Artikel 5, Absatz 3 des GG auch irgendwie in die Tonne kloppen. Der braucht da dann nicht mehr sein, oder? Ich verstehe zwar, dass es um generelle Zielsetzungsmängel geht, die von der Kulturpolitik nicht oder noch nicht angegangen werden, aber man muss schon etwas vorsichtiger mit solchen Sätzen umgehen, denke ich.

        zu 4)” Laienkultur, Games und eben auch Projekte in neuen Medien ” > Das sind für mich keine Beispiele, sondern Abteilungen, die erstmal nichts mit Kunst zu tun haben. Das sind sehr sehr weite Felder – ein “Regelwerk” noch lange nicht.

        Beste Grüße!

  6. Dass der Kulturrat, der Bühnenverein und natürlich auch die Vertreter der einzelnen Kultureinrichtungen das Buch als reine Provokation und völligen Nonsens abtun wollen, ist klar. Es geht schließlich um ihren Arbeitsplatz. Neben den Angestellten in Kultureinrichtungen werden sich auch die Lieferanten (von A wie Agenturen bis Z wie Zimmereien), das “Hochkulturpublikum” und vermutlich auch die Kulturjournalisten auf ihre Seite schlagen. Denn sie alle profitieren ja von dem derzeitigen Subventionssystem. Und genau das ist das Problem! Eben weil von den 10 Milliarden Kulturförderung so viele profitieren, bewegt sich so wenig.

    P.s. Das Buch hat übrigens 288 Seiten, der Spiegel-Artikel fünf. Zumindest was die Detaildiskussionen anbelangt, so sollte man noch ein wenig warten.

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  7. Hallo ok2punktnull, oh ja, wie ich jetzt auch lese ist 2) von mir sehr ungeschickt formuliert. Ich hatte da noch eine andere Diskussion auf Facebook im Kopf. Was ich betonen wollte ist, dass es genau der Punkt ist, dass es NUR um Umverteilung geht. Aber Christian hier vorzuwerfen, er hätte das falsch verstanden ist wirklich unsinnig, da habe ich nicht genau gelesen.

    Antwort

  8. @Christina Bolius: wenn Kunst wirklich “frei” sein soll und nicht in irgendeiner Form etwas transportiert, was gesellschaftlich relevant ist, dann stellt sich mir, so sie mit öffentlichen Mitteln gefördert wird, die Frage, warum ich kein Geld vom Staat bekomme, wenn ich Löcher in die Luft starre und über die Welt nachdenke. Was wäre das Argument, der KünstlerIn Geld zu geben und mir nicht?

    @Simon: nachdem die vier Herren in den diversen Interviews darauf hingewiesen haben, dass sie ihr Buch (und damit wohl auch den Spiegel-Artikel) als Provokation und Anstoß zur Diskussion verstehen, müsste es doch eigentlich auch mir gestattet sein, einseitig zu sein. Ich habe mich ja auch nicht darüber beklagt, dass es in dem Artikel heißt, jeder Kulturmanager strebe in den Beamtenstatus. Hätte das irgendjemand geschrieben und mir, der ich ganz sicher nicht die Absicht habe, Beamter zu werden, vorgeworfen, hätte ich mich vermutlich geärgert. Nachdem dieser Vorwurf von vier Herren kommt, die, wenn ich nicht ganz daneben liege, alle als Staatsdiener zu bezeichnen sind, finde ich das eher witzig. So viel zum Thema Einseitigkeit…

    Zu Deinen vier Punkten:
    1. Ich gebe Kulturrat, Hollein & Co ja auch nicht Recht, sondern habe lediglich darauf hingewiesen, dass die Kritiker bereits Stellung bezogen haben. Allerdings kritisieren sie den Artikel auf einer Ebene, auf der die Diskussion eigentlich überflüssig ist. Ich habe auch nirgends geschrieben, dass die Diagnose falsch ist, sie reicht mir nur nicht. Der Anspruch “Kultur für alle” ist gescheitert, darüber müssen wir doch heute nicht mehr wirklich diskutieren, oder? Wenn wir uns heute mit der Urheberrechtproblematik beschäftigen, dann liegt eine der Ursachen darin, dass das heutige Programm in Anlehnung an eine Formulierung von Steffen Peschel eher lauten muss: “Kunst durch alle”. darüber sollten wir uns Gedanken machen.

    2. Gut, das Missverständnis hat sich mittlerweile aufgelöst, aber trotzdem bleibt ein schaler Nachgeschmack. Erstens finde ich es bemerkenswert, dass in allen Interviews und auch von Dir darauf hingewiesen wird, dass es eben nicht um Kürzungen gehe, sondern um Umverteilung. Es mag provokant klingen, aber für mich ist es egal, ob gekürzt oder umverteilt werden soll. Man muss kein großer Prophet sein, um vorhersagen zu können, dass uns die Zukunft wohl eher Kürzungen als Umverteilungen bescheren wird. Ich hätte mir im Artikel diesbezüglich mehr Klarheit gewünscht und auch Du schreibst, es gehe “nur” um Umverteilung. Nein, das Geld reicht hinten und vorne nicht, also reden wir sehr wohl von Kürzungen.

    3. Vielleicht habe ich mich zu wenig verständlich ausgedrückt, dann tut mir das leid. Ich denke auch, dass Haselbach & Co und Markusen/Gadwa in eine ähnliche Richtung denken, gar keine Frage. Was mir in dem Spiegel-Artikel fehlt, ist, ich habe es auch im Blogpost geschrieben, die Perspektive. Umverteilung ist doch kein Selbstzweck, Schön, es werden fünf Bereiche genannt, in die dann Geld fließen soll. Aber warum soll jetzt plötzlich aus einer Hochschule ein Produktionszentrum werden? Werden die dann von verbeamteten Produktionsleitern geführt? Genau diese Aspekte, was dann damit passieren soll, die fehlen mir. @Axel Kopp hat zwar gemeint, man dürfe nicht zu sehr in die Tiefe gehen, da das Buch noch nicht erschienen sei. Das lasse ich so aber nicht gelten, denn sonst müsste ich ja davon ausgehen, dass der Artikel nur zu Werbezwecken geschrieben ist. ;-)
    Das Buch heißt, “Der Kulturinfarkt” und es liefert lediglich eine Diagnose. Während man in Amerika Visionen entwickelt und Ziele formuliert, bleiben wir bei der Benennung des Problems stecken. Patrick Breitenbach hat das heute in einem Tweet sehr schön formuliert: “Abriss ohne Neubauplanung ist immer unbefriedigend.”

    4. Natürlich geht es um Geld, ich brauche Geld, um etwas auf die Beine stellen zu können. Aber ist es wirklich eine Lösung, wenn wir jetzt die großen Kultureinrichtungen dichtmachen und stattdessen Laienkultur fördern? Ehrlich gesagt, bin ich da dagegen. Mir geht es darum, Ziele zu formulieren und mir dann zu überlegen, auf welche Weise ich sie erreichen kann? Mir gefällt, was ich bei Markusen/Gawda gelesen habe und was auch Peter Linett schreibt. Es geht darum, große Kultureinrichtungen dazu zu bringen, sich zu verändern. Ich möchte Veränderung durch Wandel und nicht durch Zusperren und das ist vermutlich mein Hauptkritikpunkt an dem Spiegel-Artikel. Manche Kultureinrichtungen werden diesen Wandel nicht hinbekommen und zusperren, klar. Aber es ist was anderes, ob das das Ziel ist oder das Ergebnis einer Entwicklung.

    Und noch ein letzter Punkt: wer austeilt, muss auch einstecken können, das gehört zum Spiel. Fair kann es aber trotzdem bleiben. ;-)

    Antwort

    • zu “wenn Kunst wirklich frei sein soll…” : Präambel zum Bericht der Enquête-Kommission „Kultur in Deutschland“ des Deutschen Bundestages von 2007: „Kultur in der demokratischen Gesellschaft benötigt Freiräume für das Unverfügbare, das weder ökonomisch noch politisch Nutzbare – um der Künstler willen, aber auch um ihrer selbst willen.“

      Wenn Kunst nicht mehr frei sein kann, sondern immer im Hinblick auf einen – möglichst einschätzbaren und gesellschaftlichen, sowie monetären – Nutzen hin produziert wird, dann bedeutet das die Sinnentleerung ihres Begriffs.
      Dann geht es letztlich nur noch um pseudo-kreative Beschäftigungs- und Gestaltungstherapien, die der informationsüberflutete Bürger nutzen soll, um seine Defizite wieder in Einklang mit seinen Produktivkräften zu bringen.

      Ich würde auch nicht dafür plädieren jedem x-beliebigen Menschen, der so tut, als würde er künstlerisch tätig sein, das Geld in den Hintern zu schieben (sorry)…, aber das wird doch auch nicht getan. Viele professionelle Künstler, die wirklich was mit ihrer Kunst sagen, auch ohne einen “Auftrag” zu haben, leben am Existenzminimum, während Leute wie z.B. Jonathan Meese sich mit Hilfe des realitätsfernen “der-Künster-ist genial-und-darf-alles-Image” von Gestern für den Kunstmarkt professionell prostituieren, dabei viel, viel Geld scheffeln und damit sogar den Einzug in viele von Staat und Ländern geförderten Ausstellungshäuser schaffen. Das finde ich nicht in Ordnung. Das ist sogar eine Sauerei! Solche Art von Künstlern, die die “Diktatur der Kunst” propagieren, sollten überhaupt nicht mehr staatlich unterstützt werden.

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  9. Pingback: Merkt Euch die neuen Wörter! « Augustheater's Blog

  10. @ok2punktnull: da befindet sich in einem Dilemma, wer die Freiheit der Kunst einfordert und gleichzeitig deren finanzielle Unterstützung fordert. Ich denke, diese Freiheit muss keine Illusion sein, aber wer sagt, dass diese Freiheit ein ganzes Leben lang dauern muss? Und wer sagt, dass nur KünstlerInnen das Anrecht auf Freiheit haben? Nein, ich sehe das eher pragmatisch: wir alle haben vermutlich den Wunsch nach Freiheit in uns, aber nur die wenigsten erreichen diesen Zustand und dann meist nur eine kurze Zeit. Diese Freiheit ist also kein Zustand, sondern höchstens ein Moment.

    Antwort

  11. @christian: Finde ich sehr klug formuliert. Es wird auch keine Lösung für das Problem des Umschlags von Stabilität in Erstarrung geben, sondern nur eine ständige Anstrengung, umd die Beweglichkeit zu erhalten, zu begünstigen und zu fördern. Das Problem ist auch, dass “die etablierten Institutionen” (ich denke gerade an Museen) bestimmte Leistungen überhaupt nur wegen ihrer Stabilität erbringen können – sammeln und erforschen zum Beispiel. Die “50-%-Keule” bringt nicht die große Befreiung. Ohnehin ist in den letzten 15 Jahren vieles in Bewegung gesetzt worden – z.T. allerdings, das muss man zugeben, weil die Mittel immer knapper und die Ansprüche (auch die Konkurrenz) immer größer wurden.
    Ein Hinweis noch auf gute Beiträge zum diskutierten Buch: http://www.dradio.de/dlf/sendungen/kulturheute/1703660/

    Antwort

  12. @Ben: Stimmt, Stabilität ist ein wichtiges Kriterium, um Kunst und Kultur am Leben zu erhalten. Deshalb ist es auch falsch, hier Gegensätze zu konstruieren. Mich interessiert eigentlich, wie das Wechselspiel von Tradition und Innovation aussieht und woher Innovation eigentlich kommt? Kirby Ferguson hat in seinem wahrscheinlich vielen bekannten Video “Everything is a remix” (Teil 3: http://vimeo.com/25380454) Innovation so beschrieben: “copy, transform, combine.” D.h. wir können auf das, was da ist, nicht so einfach verzichten, sonst entziehen wir der Innovation die Grundlage. Bleibt noch die Frage, in welcher Hinsicht wir uns eigentlich Innovation wünschen? Innovation um ihrer selbst Willen funktioniert nämlich nicht.

    Antwort

  13. Lieber Herr Henner-Fehr, ich lese immer wieder mit großem Gewinn Ihren Blog und freue mich über Ihre innovativen Ansätze. Wir brauchen dringend auch in der Kulturpolitik mehr Innovation, Offenheit und in einer vernetzten Welt mehr Unterstützung von Einzelinitiativen. Ich würde mich freuen, wenn wir uns dazu auch einmal persönlich austauschen könnten, Güsse Klaus Haasis

    Antwort

  14. Wenn das stimmt, dass absolut knappe finanzielle Mittel die Kreativität von Künstlern beflügelt, warum halten wir nicht unsere Politiker knapper, vielleicht funktioniert der Armuts-Trick auch da.

    Und noch ernsthafter:
    Wie hoch ist der Prozentsatz dessen, was wir Menschen unbewusst tun). Freud sagte bekanntlich: 96 Prozent. Die moderne Gehirnforschung sagt: noch viel höher! Nahezu hundert Prozent. Und wenn wir etwas anders machen (“innovativ” sein) wollen, muss das Unbewusste erzogen werden – ein absolut anstrengendes Unterfangen. Das Bewusstsein soll das Sein bestimmen. Aber wir lassen das Gegenteil immer wieder (gern?!) zu.Wir verharren in der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Deswegen ist die Katastrophe (finanzielle Engpässen, Fehlen von Ressourcen) oft Anlass, umzudenken. Das ist “natürlich”. Menschlich(er = unnatürlich) wäre ein vom Bewusstsein gesteuertes Umdenken.

    “Wir müssen uns bewusst sein, welche Hürde unsere durch bewusstes Denken getroffenen Entscheidungen überwinden müssen. (Anm.d. Säzzers: Dieses verdammte Beharrungsvermögen, diese geistige Trägheit, diese liebgewonnenen Routinen) Sie müssen einen Weg ins kognitive Unbewusste finden, um bis zum Handlungsapparat durchzudringen.” – So der oben bereits zitierte Antonio Damasio (in Antonio Damasio: “Selbst ist der Mensch. Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins”, Siedler Verlag, München, 2011, ISBN978-388680-924-0).

    Antwort

  15. @Christian: Ich meine nicht, dass Künstler für “Nichtstun” Geld erhalten sollen. Ich finde aber gut, wenn Künstler (auch mal altruistisch) unterstützt werden und dann auch etwas Gutes dabei herauskommt, dass die “Kunst” und im besten Fall die “Gesellschaft” voranbringt. Aber um dies tun zu können, muss man frei von Zwängen sein und darf keine Vorgaben auferlegt bekommen. Das wäre ja dann Angewande Kunst. Ich finde das Thema sehr schwierig: Wer will entscheiden, wer Künstler ist und Geld erhält und wer nicht? Ich glaube, man muss Kunst und Kultur stark voneinander trennen. So wie man auch Kunst und Markt voneinander trennen muss.

    Aber es geht ja in dem Artikel um Kulturmanagement. Wenn das Geld auf viele kleine Institutionen verteilen würde, hätte man m.E. mehr unterschiedliche Blickwinkel präsentiert. Wenn das Geld auf die großen Häuser verteilt ist, dann sieht man natürlich große Ausstellungen wie z.Zt. Gerhard Richter – und ja, es gehen viele Menschen hin – aber das heißt nicht, dass diese Ausstellung interessanter ist, sondern nur, dass mehr Werbung gemacht werden kann. Insofern kann ich mich deiner Meinung anschließen.
    Aber am besten warten wir erstmal das Buch ab.

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  16. Pingback: Fehlt es am guten Willen? Oder am richtigen Bewusstsein? « Theaterfreak's Blog

  17. Pingback: Fehlt es am guten Willen? Oder am Bewusstsein? « Augustheater's Blog

  18. @Christina Bolius: das ist ein spannender Punkt, den Du da ansprichst. Klar, für’s Nichtstun werden wir wohl niemanden gerne bezahlen wollen, das entspricht nicht unseren Wertevorstellungen. Aber angesichts der Knappheit an bezahlter Arbeit wäre dann die Frage zu stellen, ob wir nicht doch jemanden dafür bezahlen sollten, dass er nichts tut. Auch Landwirte werden teilweise dafür bezahlt, dass sie ihr Land nicht bestellen.

    Aber das nur am Rande, denn entscheidend ist Dein Hinweis, wir sollten “altruistisch” handeln und KünstlerInnen einfach mal so bezahlen. Ich glaube, wenn wir das tun, dann handeln wir nicht altruistisch, sondern als Gesellschaft sehr klug und vorausschauend. Denn wir tun das in der Erwartung, dass KünstlerInnen uns den Input liefern, der – auf einer Metaebene – dazu beiträgt, unsere Gesellschaft weiter zu entwickeln. Eigentlich ist die Investition in Kunst gleichzusetzen mit Investitionen in die Grundlagenforschung. Wir wissen nicht, was dabei rauskommt (oft vermutlich auch nichts), aber wir wissen, dass wir sie brauchen.

    Demgegenüber stehen solche Programme, wie ich sie in meinem Blogpost beschrieben habe. Du hast für das Programm “Creative Placemaking” genau den richtigen Begriff gefunden: Angewandte Kunst. Wenn wir die Unterscheidung Grundlagen- und angewandte Forschung auf den Kunst- und Kulturbereich übertragen, haben wir schon mal sehr viel gewonnen.

    Diese Unterscheidung fehlt mir in dem Spiegel-Artikel, deshalb meine Kritik. In dem Artikel wird das Scheitern der Kulturpolitik auf einer Metaebene beklagt, Lösungsmöglichkeiten (eben das “Umverteilen”) aber auf der operativen Ebene vorgeschlagen. Dadurch gerät die Sache aus den Fugen, die Diskussion verliert sich im Nichts.

    Antwort

  19. @Christian: Ein letzter Punkt fiel mir noch ein als Kritik an der Unterstützung der großen Institute: Es schreiben nicht Künstler, sondern Kunsthistoriker die Kunstgeschichte und diese Personen werden mehr und mehr vom Markt beeinflusst. Also schreibt der Markt bzw. das Geld die Kunstgeschichte. Insofern ein Punkt dafür, das Geld zu verteilen! Das ist natürlich meine private Meinung. Aber nun warten wir wirklich mal das Buch ab :-) Die Unterscheidung in Grundlagenforschung und angewandte Forschung finde ich gut!

    Antwort

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