Wir wollen Guttenberg zurück
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Das Internet verändert uns

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Gut, die Zahl derer, die das, was da im Internet (und um das Internet herum) passiert, als Modeerscheinung abtun, ist mittlerweile gering geworden. Aber was geschieht da eigentlich und in welcher Form betrifft es auch uns? Natürlich können wir über Facebook reden oder noch besser, darüber schimpfen. Was genau geht da aber vor sich?

Bei den letzten Wahlen im Iran wurde immer wieder die Bedeutung von Twitter für die Berichterstattung betont. Wir haben 2011 den sogenannten arabischen Frühling erlebt und wir stellen fest, dass sich zum Beispiel auf Facebook mehr als eine halbe Million UserInnen zusammengeschlossen hat, um ihrer Forderung „Wir wollen Guttenberg zurück“ Nachdruck zu verleihen.

Seine Gegner sind in dieser Hinsicht weit weniger erfolgreich und haben es nur auf etwas mehr als 50.000 Fans gebracht. Die BefürworterInnen waren also auf Facebook wesentlich „erfolgreicher“ als seine GegnerInnen. Und wenn wir uns die Auseinandersetzungen um den deutschen Bundespräsidenten ansehen, dann stellen wir fest, dass sich da auf Facebook im Vergleich zum Ex-Minister recht wenig tut.

Warum ist das so bzw. was passiert da eigentlich? Antworten auf diese Fragen liefert Peter Kruse, Unternehmensberater und Honorarprofessor für Allgemeine und Organisationspsychologie an der Universität Bremen. In seinem (dreieinhalbminütigen) Vortrag im Rahmen einer Sitzung der Enquete Kommission Internet und digitale Gesellschaft gelingt es ihm, in wenigen Minuten das zu skizzieren, was da derzeit um uns herum passiert.

Wir haben erstens, so Kruse, die Vernetzungsdichte in der Welt stark erhöht und mit dem Aufkommen des Web 2.0 dafür gesorgt, dass zweitens Spontanaktivitäten in bisher unerreichtem Ausmaß möglich sind. Durch die Möglichkeit des Teilens und Weiterleitens (z.B. durch das RT auf Twitter) können „kreisende Erregungen im Netzwerk“ entstehen, was letzten Endes dazu führen kann, dass Systeme sich selbst aufschaukeln und dadurch eine bisher ungeahnte Macht entfalten.

Weil die Menschen das gemerkt haben, schließen sie sich zu Bewegungen zusammen in der Hoffnung, genau diese Macht zu erlangen. Nicht mehr die, die oben stehen, üben in einem solchen Prozess die Macht aus, sondern die, die unten stehen, die UserInnen oder mit den Worten Kruses, die NachfragerInnen. Da sich solche Entwicklungen nicht vorhersagen lassen, verlieren die Wulffs und die Guttenbergs die Kontrolle über das, was da in den Netzwerken passiert. Laut Kruse gibt es zwar keine Möglichkeit vorherzusagen, was passiert, aber wer emphatisch ist, verfügt zumindest über ein „Gefühl für die Resonanzmuster der Gesellschaft“. Diesem empathischen Einfühlungsvermögen steht – zumindest in der Politik – meist der Narzissmus derer im Weg, die hier auf eine erfolgreiche Karriere hoffen (was wohl mit ein Grund ist für das Versagen der PolitikerInnen im Social Web ist).

Das Wissen um diese revolutionäre Entwicklung hat natürlich auch Auswirkungen auf uns, die wir das Social Web nicht nutzen, um unseren Narzissmus ausleben zu können (oder vielleicht doch?), sondern die wir Social Media für Kunst und Kultur erfolgreich einsetzen wollen. Im Idealfall lösen wir genau die von Kruse angesprochenen Aufschaukelungsprozesse aus (nicht immer muss es um Revolutionen gehen), nur lassen sie sich leider nicht vorhersagen. das heißt nun nicht, dass wir alles dem Zufall überlassen müssen, klar ist aber: ohne Empathie und die Fähigkeit, Resonanzmuster zu erkennen, haben Konzepte und Strategien  nur begrenzten Wert. Aus diesem Grund ist es so wichtig, dass Kultureinrichtungen diejenigen entdecken, die über empathische Fähigkeiten verfügen. Zusammen mit ihnen lassen sich dann Ideen erarbeiten und Konzepte entwickeln.

Wie das funktionieren kann, hat das Maxim Gorki Theater gestern Abend eindrucksvoll gezeigt. Auf der Maxim Gorki Theater Online-Bühne wurde das Stück Effie Briest 2.0 aufgeführt. Innerhalb kürzester Zeit hatte diese Facebook-Gruppe über 1.000 Mitglieder, aktuell sind es mehr als 1.300. Die Idee war klasse, das „Publikum“ begeistert. Auch in diesem Fall hat ein Aufschaukelungsprozess stattgefunden, der natürlich erhofft wurde, aber sich keineswegs vorhersagen ließ. So hat eine Vielzahl von Menschen die Geschichte der Effie Briest gelesen oder vorgeführt bekommen. Da trifft es sich gut, dass in ein paar Tagen, am 14. Januar, die Effie Briest Premiere auf der Bühne dieses Theaters feiert.

Empathie, Strategien und das Wissen, dass die Sache auch schiefgehen kann, das ist das Erfolgsrezept nicht nur im Social Web, sondern auch im realen Leben, denn die Grenzen zwischen der Offline- und der Online-Welt existieren eigentlich schon gar nicht mehr. Insofern ist das, was Peter Kruse in seinem Video sagt, für uns alle von großer Bedeutung, egal, ob wir uns mit dem Web 2.0 oder unserem täglichen Leben beschäftigen.

4 Comments Join the Conversation

  1. Die Bewertungskriterien der „Aktivitäten“ im web 2.0 müssen dem Medium gerecht sein – so kann man bei Seiten wie der Guttenberggeschichte auf FB eigentlich nicht von „Zusammenschluss“ sprechen und auch die Motivationen diese Seite zu liken sind unterschiedlichst … Daraus abzuleiten, dass es mehr Befürworter gibt oder dass die Befürworter erfolgreicher sind, ist nicht richtig.
    Außerdem brauchen wir, glaube ich, eine ernsthaftere Auseinandersetzung (als zur Zeit üblich oder als ich wahrnehme) mit der Rolle der Bürger und der Medien innerhalb einer Demokratie, im Prinzip brauchen wir eine ernsthaftere Auseinandersetzung mit den demokratisch relevanten sozialen Vernetzungen – die, ich sage da natürlich etwas Profanes, immer komplexer werden.

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  2. @Manuel: vermutlich lässt sich der gestrige Abend nur in der Facebook-Gruppe nachverfolgen, so das Theater keine eigene Dokumentation plant.

    @Anja: Ich habe die Guttenbergseite nur unter dem Gesichtspunkt des Aufschaukelungsprozesses gesehen und aus diesem Grund auch die Bewertung („erfolgreich“) in Klammer gesetzt. In jeder anderen Beziehung ist die Aussage nicht haltbar und war auch nicht beabsichtigt.

    Interessant ist aber die Frage nach den Bewertungsaktivitäten von Aktivitäten im Web 2.0. Im realen Leben wirft man die Fans von einer Person oder einem Produkt auch bedenkenlos zusammen, ist das auf Facebook anders? Vielleicht hat Facebook auch genau aus diesem Grund die Bezeichnung Fan „abgeschafft“? Interessant wäre dann aber herauszufinden, unter welchen Bedingungen wir dann von einer Gruppe sprechen dürfen und ab wann wir diese ernst nehmen sollen bzw. müssen.

    Damit wären wir beim zweiten Teil des Kommentars gelandet, dem ich voll zustimmen kann. Ich würde noch einen Schritt weiter gehen und nicht nur die Rolle der Bürger und Medien in einer Demokratie hinterfragen, sondern mir die Frage stellen, welche Auswirkungen die von Peter Kruse skizzierte Entwicklung auf die Demokratie selbst hat? Müssen wir nicht irgendwo „Sicherungssysteme“ einbauen, wenn solche Aufschaukelungsprozesse zu, ich nenne es mal undemokratischen Ergebnissen führen?

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