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Spielplanwahl am Thalia Theater: demokratisches Experiment oder pseudodemokratische Albernheit?

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© Gerd Altmann / Pixelio

Besonders gut geht es dem deutschen Theater derzeit nicht. Die öffentliche Hand ist nicht mehr in der Lage, die steigenden Kosten in den Häusern vollständig zu finanzieren und außerdem scheint das Interesse an dem, was auf den Bühnen zu sehen ist, nicht besonders groß zu sein, denn in der Saison 2009/10 ging die Zahl der BesucherInnen der öffentlich getragenen Theater gegenüber der vorangegangenen Saison um eine halbe Million zurück, wie es in einer Aussendung des Deutschen Bühnenvereins heißt.

Warum die Menschen immer seltener ins Theater gehen, darüber lässt sich nun trefflich streiten. Vielleicht liegt es unter anderem daran, dass dort Stücke gespielt werden, die niemanden interessieren? Zumindest dachten wohl die Verantwortlichen des Thalia Theater in Hamburg in diese Richtung und ließen über einen Teil des Spielplans für die Saison 2012/13 per Voting abstimmen. Das (Protest-)Geschrei war groß, erstens wegen der Idee, „Dilettanten“ über den Spielplan abstimmen zu lassen und zweitens wegen des Resultats, denn am Ende hatten sich die WählerInnen geweigert, die ersten Plätze den Usancen entsprechend mit Faust, Emilia Galotti und dem Sommernachtstraum zu besetzen.

Stattdessen landeten Dürrenmatts „Die Ehe des Herrn Mississipi“, das Transmedia-Projekt „Peer returns“ und Thornton Wilders „Wir sind noch einmal davon gekommen“ auf den ersten drei Plätzen. Die Bewertung dieser Wahl, an deren Ende 5.500 Stimmen gezählt wurden, fällt in den Printmedien einhellig negativ aus. Klaus Irler spricht in der TAZ von einem „sauberen Eigentor“, Christoph Twickel schreibt im Spiegel von „völlig unbekannte(n) und skurrile(n) Werke(n), die die vordersten Plätze einnehmen. Gerhard Stadelmaier amüsiert sich in der FAZ darüber, dass das Theater nun „brav Amateurdramen spielen (muss), die mittels sozialer Netzwerke massenhaft gepusht worden sind“ und Till Briegleb bezeichnet das Abstimmungsergebnis in der SZ als „Reinfall“. Letzterer empfiehlt am Ende seines Artikels dem Intendanten Joachim Lux und Dramaturg Carl Hegemann das öffentliche Geständnis: „Wir haben es vermasselt“.

Bleibt die Frage, wer da was vermasselt hat? Sind es nicht eher die Journalisten, die sich hier eine eher peinliche Blöße geben, getrieben von der Angst, dass vielleicht schon bald auch über ihre Artikel abgestimmt  wird und sie von „Amateuren“ und „Dilettanten“ überholt werden? Wäre es nicht ihre Aufgabe gewesen, in klugen Artikeln die Entwicklung des Theaters zu unterstützen und sich Gedanken zu machen, wie sich die Häuser all denen öffnen können, die sich schon lange von den Bühnen verabschiedet haben. Sich über diese Aktion nur lustig zu machen, wird der Sache nicht gerecht, zu ernst ist die Situation. Nicht umsonst widmet der Fachverband Kulturmanagement seine nächste Jahrestagung unter anderem der Erforschung kultureller Beteiligungsstrategien. Ich hoffe, die Herren sind dann vor Ort und berichten darüber.

Vielleicht hätten sie sich auch schon vor dieser Aktion mit der Frage, welche partizipativen Formen das Theater benötigt, beschäftigen sollen? Man kann ein Theater leicht als weltfremd bezeichnen und ihm vorwerfen, eine pseudodemokratische Abstimmung initiiert zu haben. Aber wie würde denn ein demokratischer Prozess wirklich aussehen? Wer soll denn überhaupt daran beteiligt werden? Nur die BesucherInnen des Thalia-Theaters? Alle HamburgerInnen? Oder alle, die sich angesprochen fühlen? Dir Frage ist nicht so leicht zu beantworten.

Und warum ist das Ergebnis so schlecht? Immerhin haben sich Menschen engagiert, um bestimmte Stücke im Ranking in die vorderen Positionen zu bringen. Dürrenmatt und Wilder mögen nicht unbedingt tagesaktuell sein, aber wer weiß, ob das 2013 immer noch so ist? Schließlich sind beide keine Groschenromanschreiber. „Peer returns“ kann man natürlich, wenn es einem gefällt, als „dröhnend ambitioniertes Rock-Musical“ bezeichnen, aber ich hätte viel lieber gelesen, dass sich dahinter eines der ersten transmedialen Projekte verbirgt, das an einem deutschsprachigen Theater aufgeführt werden soll.

Man hätte diesen Entscheidungsprozess, der sicher nicht so abgelaufen ist, wie sich das die Verantwortlichen vorgestellt haben, auch analysieren können, wie das Ulf Schmidt in seinem lesenswerten Blogpost „Das Thalia und die Spiel(plan)verderber 2: Durch Leiden wird man Demokrat“ getan hat. Was ist denn ein demokratischer Prozess eigentlich? Kommt er ohne die Einflussnahme von Interessensgruppen aus oder sind es nicht sie, die in unserer Demokratie mehr und mehr bestimmen? Ist es also nicht scheinheilig, dem Theater etwas vorzuwerfen, was in allen anderen Bereichen schon lange an der Tagesordnung steht?

Schmidt betrachtet den Abstimmungsprozess als eigenes Stück und fordert, das „Drama der Demokratie“ für den Mühlheimer Dramatikerpreis zu nominieren, denn

„seit langem hat (es) kein Theater [..] in ähnlicher Weise geschafft, eine größere Menge von Menschen  in eine theatrale Aktion einzubinden […], die allen Beteiligten am eigenen Leibe erfahren lässt, was es mit Demokratie, Mitbestimmung, Partizipation wirklich auf sich hat. Ein in dieser Hinsicht grandioses Projekt, dem es gelingt, lang verschüttete, halb- oder unbewusste demokratische Prozesse offen zu legen, sie in ihrer ganzen Fragilität, Bedrohlichkeit, Missbrauchs- und Unfallanfälligkeit darzustellen.“

Darüber zu diskutieren wäre vermutlich sinnvoller gewesen als sich über die Idee des Thalia-Theaters lustig zu machen. Das „Drama der Demokratie“ ist derzeit nicht nur auf den Bühnen dieser Welt zu beobachten, sondern auch im realen Leben, wo es unter anderem unter dem Titel „arabischer Frühling“ läuft. Ob es sich dabei um demokratische Experimente handelt oder um pseudodemokratische Albernheiten, muss jede/r für sich selbst entscheiden.

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  1. Eine stärkere Einbindung des Publikums in auch spielplanrelevante Prozesse ist nur zu begrüßen, ich finde den gemachten Schritt sehr mutig. Allerdings muss man den verantwortlichen Personen am Theater doch „blauäugiges Herangehen“ an die Materie attestieren. Und vor allem das in aller Öffentlichkeit zelebrierte böse Erwachen, als dann plötzlich „Schadensminimierung“ betrieben wurde, zeugt nicht unbedingt von Durchdachtheit im Vorfeld. Aber wie könnte Basisdemokratie an Theatern, Opern- und Konzerthäusern etc. tatsächlich funktionieren? Ohne fixe Rahmenbedingungen und einer gewissen sanften Steuerung scheint man wohl dann doch nicht auskommen zu können.

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  2. @Kurt: ob sie wirklich blauäugig an die Sache herangegangen sind, könnte ich nur dann beantworten, wenn ich ihre Ziele kennen würde. Nehmen wir mal an, es wäre das Ziel des Thalia-Theaters gewesen, in die Schlagzeilen zu kommen. dann könnte man zwar über den Weg streiten, aber das Ziel wäre eindeutig erreicht. Blauäugig wäre es aber nicht gewesen.

    Damit sind wir aber auch in meinen Augen beim Hauptkritikpunkt. Ein demokratischer Prozess oder ein partizipativer Ansatz machen für mich nur dann Sinn, wenn zugleich auch das Ziel eindeutig formuliert wird. Daraus ergeben sich dann die Rahmenbedingungen für den Prozess, aus denen sich dann die Regeln ableiten lassen. Macht man das nicht, muss man, so wie auch in diesem Fall, schnell zurückrudern. So nach dem Motto: ups, das hbe ich nicht gewollt. Was schade ist, denn ich halte die Idee, andere Menschen, egal ob BesucherInnen oder Nicht-BesucherInnen, in den Entscheidungsprozess einzubeziehen, für plausibel. Mir fällt dazu das Blogpost von Chris Brogan ein, in dem er den Wandel des Publikums in eine Community beschrieben hat. Dazu bedarf es aber mehr als der Aufforderung: nun wählt mal.

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  3. Wie mein Vorredner glaube auch ich, dass das »blauäugige Herangehen« an diese Aktion nicht zum Erfolg führen konnte. Ich würde die Aktion daher — leider! — eher in die Rubrik »pseudodemokratische Albernheit« einordnen, weil sie in meinen Augen im Vorfeld nicht durchdacht war. Ich erkenne z. B. für mich persönlich keinen Sinn darin, als Nicht-Hamburgerin via Internet über Teile des Thalia-Spielplans mitbestimmen zu können.
    Wir hatten ja kürzlich schon über Demokratisierungsprozesse im Theater diskutiert, als ich in meinem Blog über den Vortrag von Ruud Breteler, dem ehemaligen Leiter des Rotterdamer Theaters Zuidplein, beim Forum Kulturvermittlung in Bern berichtet habe. Am Theater Zuidplein waren (1998) die Demokratisierungsprozesse letztlich erfolgreich, weil es sich nicht um ein kurzfristiges Spielplan-»Wunschkonzert« handelte, sondern weil die StadtteilbewohnerInnen qua Laien-Beirat langfristig und budgetverantwortlich in die Spielplanerstellung/Theaterarbeit eingebunden wurden. Das ist für mich ein demokratisches Experiment. Allerdings konnte es wohl nur gelingen, weil es damals kulturpolitisch gewollt war und die lange finanzielle Durststrecke als anfängliche Konsequenz des Experiments mitgetragen wurde.

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  4. @Birgit: wir hätten uns als Nicht-HamburgerInnen mit dem Thema Spielplangestaltung beschäftigen und der Frage nachgehen können, wer denn eigentlich in solche Prozesse eingebunden werden muss? Ich bin in der Vergangenheit mehr als einmal hunderte Kilometer gefahren, um eine Inszenierung zu sehen. Und ganz grundsätzlich finde ich die Frage nicht so ganz albern. Wo wird denn die Grenze gezogen? Am Stadtrand? Oder darf auch mitstimmen, wer demnächst Hamburg besucht? Alleine darüber lohnt es sich nachzudenken.

    Aber ohne einen Rahmen und ein klar formuliertes Ziel ist es unsinnig, da mitzustimmen. Ich habe mich auch nicht angesprochen gefühlt und deshalb nicht mitgemacht. Insofern kann ich Deine Meinung verstehen.

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  5. Jede(r) Beteiligte weiß für sich, was Theater ist und soll.
    Da zitiere ich den bengalischen Dichter Alokeranjan Dasgupta:
    „Wissen ist Tod“

    Also muss immer wieder die Frage aufgeworfen werden:
    „Was soll das Theater.“

    Das ist ja die Aufgabe von Kunst:
    „Existentielle Fragen immer wieder neu stellen.“

    Das versäumen die „Wissenden“ seit ….

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  6. Der Aufruhr um diese Aktion bestätigt einmal mehr meine gern und oft wiederholte These, wie museal das Theater doch ist. Offenbar will keiner, dass sich wirklich etwas ändert. Sonst gäbe es keinen Grund über misslungene Experimente zu ätzen, wie es die Feuilletonisten getan haben, sondern – wie in diesem Beitrag – den Mut dazu zu loben, auch wenn es schlussendlich nicht geglückt sein mag.

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  7. Pingback: Ein Lob an das Thalia Theater | Axel Kopp

  8. @Christian: Ja, uns selbst dann ist immer noch die Frage, welche Maßstäbe man für eine Beurteilung anlegt. Herr Stadelmaier hat da bestimmt andere als 90 % der Zuschauer. Deswegen finde ich auch, dass das Experiment gut ist. Das man bei einem weiteren Mal einige Dinge besser macht, ist damit ja nicht ausgeschlossen.

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  9. lieber Christian, die Diskussion ist hilfreich. Nur: der Ausgangspunkt der Wahl, oder besser: die zur Wahl stehenden Dinge sind der Haken an dem ganzen Ding. Und an diesem Punkt arbeiten sich die Feuilletonisten ab, erkennen aber leider nicht das wahre Problem. Wenn man Stücke zur Wahl stellt, muss man sich ja bewusst sein, dass diese Stücke von jemandem geschrieben worden sind. Dass sich dann communities um bestimmte Autoren usw. über die socialmediakanäle versuchen die Wahl zu beeinflussen ist ja klar, und muss nicht weiter kritisiert werden, wie mancher in den Feuilletons. Aber eben daran krankt das ganze, da es deutlich macht, dass die normale Programmplanung im Theater zwar künstlerisch motiviert sein mag, aber eben auch in einer bestimmten Art und Weise immer willkürlich ist: es werden bestimmte Autoren anderen vorgezogen und diese Entscheidungen sind nicht transparent. Dem sogenannten Publikum zur Wahl zu stellen, welche Stücke ins Programm kommen sollen, ist eigentlich feige und nicht demokratisch, denn das „Publikum“ hat ja nicht den Zugang zu allen möglichen Theaterautoren und -texten. Exemplarisch dafür ist ja die Reaktion der Theaterleitung auf die Wahl, man rudert zurück, da man gemerkt hat, man hat die Frage falsch gestellt. Interessant wäre gewesen, zu wissen was das Publikum für Themen gerne am Theater aufgearbeitet oder verhandelt haben will. Das hätte wahrscheinlich eine andere Auseinandersetzung provoziert und hätte das Publikum besser mit einbezogen, denn es hätte auf die Stücke und Inszenierungen die zu diesen gewählten Themen ausgesucht worden wären, inhatlich reagieren können. Jetzt wird, wenn die Stücke überhaupt ins Programm kommen, über die Inszenierung, d.h. über die Form der Darbietung diskutiert und nicht mehr über den Inhalt.

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  10. @Walter: genau so sehe ich das auch. Die Idee war gut, die Ausführung hat noch ein paar Schwächen.😉 Deine Idee, Themen anzubieten und dann wählen zu lassen, hätte vermutlich mehr gebracht und so etwas wie einen Spannungsbogen ermöglicht, der über die ganze Spielzeit anhält.

    Eine Anmerkung noch zur demokratischen Spielplanplanung: ich glaube nicht, dass ein Spielplan demokratischer Legitimierung bedarf, weil das für die Kunst keine Kategorie ist. Für mich ist eigentlich die Frage nach dem partizipativen Ansatz entscheidender und hier ist das Ende der Fahnenstange sicher noch nicht erreicht. Bis jetzt funktioniert das eher nach dem Prinzip Wunschfilm der Woche. Da geht schon noch mehr…

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  11. Pingback: kulturblog.net – Zur Spielplanwahl am Thalia

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