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Eine Masterarbeit beschäftigt sich mit dem partizipativen Potenzial des Social Web für Museen

13 Kommentare


au @museolab„; By samuel bausson (CC-Lizenz)

Macht das Internet Kulturvermittlung überflüssig?“ habe ich vor wenigen Monaten hier auf dem Blog gefragt und damit nur verkürzt eine von Birgit Mandel gestellte Frage wiedergegeben, die in ihrem in den Kulturpolitischen Mitteilungen veröffentlichten Beitrag „Herausforderungen und Potenziale der Kulturvermittlung im Internet“ so lautet:

„Welche Ziele und welche Bedeutung kann die Kulturvermittlung im Zeitalter des Internets noch haben, wenn ein Großteil der Lebenszeit sich in virtuellen Räumen abspielt, die kaum mehr zu überschauen, geschweige denn zu steuern sind?“

Vor allem die Angst, etwas nicht mehr überschauen oder steuern zu können, scheint für viele Kunst- und Kultureinrichtungen groß zu sein, drohen sie doch die Deutungshoheit über die Kunst zu verlieren. Ähnlich klingt, was Axel Vogelsang in einem Kommentar zu meinem Blogpost geschrieben hat:

„Es geht ja eigentlich nicht nur um die Frage der Kulturvermittlung. Was dahinter steckt ist ja die Angst, dass das Museum in die digitalen Medien ausgelagert wird und das Museum obsolet wird.“

Werden Kultureinrichtungen und mit ihnen KulturvermittlerInnen überflüssig? „(Z)um Teil“, meint Birgit Mandel am Ende ihres Artikels und beschränkt sich dabei aber auf die „kulturellen Selbstbildungsprozesse der ‚digital natives'“, während Axel Vogelsang hier keine Gefahr sieht.

Ich sehe sie auch nicht, diese Gefahr, allerdings nur dann, wenn die Kunst- und Kultureinrichtungen auch dort präsent sind, wo ein Großteil ihrer (potenziellen) BesucherInnen einen ständig größer werdenden Teil ihrer Lebenszeit verbringen, nämlich im Internet, insbesondere im Social Web.

Wie aber kann diese Vermittlungsarbeit aussehen? „Partizipation durch Social Media? Museale Vermittlung und das Partizipative Web“ hat Bettina Riedrich ihre vor wenigen Tagen in Zürich veröffentlichte Masterarbeit betitelt, in der sie sich eingehend mit den Möglichkeiten beschäftigt, die Social Media den Museen für die Vermittlungsarbeit an die Hand gibt.

Ausgangspunkt ihrer Überlegungen ist die Tatsache, dass wir als Gesellschaft neue (Netz)-Strukturen herausbilden („Schwarm“ statt „Kleinfamilie“) und die Nutzung des Internets für uns immer selbstverständlicher wird, zwei Entwicklungen, die gut zueinander passen und denen sich Museen, so Riedrich,  als öffentliche Institutionen nicht entziehen können. Darüber hinaus fühlen sich immer mehr Museen einem Trend verpflichtet, der unter dem Stichwort Partizipation die museale Vermittlungsarbeit zunehmend bestimmt.

Riedrich liefert dafür in ihrer Arbeit den theoretischen Hintergrund und skizziert darin die Entwicklung des Social Web sowie den Übergang von der Informations- zur Wissensgesellschaft, in der eines der Ziele lautet, „eigenständig Wissen zu generieren“. Vom Konsumenten zum Produzenten, dass dieser sehr beliebte Slogan mit Vorsicht zu genießen ist, darauf weist die Autorin an dieser Stelle hin, schließlich bedürfe es neben den Zugangsmöglichkeiten auch der entsprechenden Medienkompetenz, um an der „‚Dauerbaustelle des Wissens‘ mitarbeiten (zu) können“. Dazu gehören auch museale Inhalte, die den Angehörigen eines bestimmten sozialen Feldes vorbehalten bleiben, was dazu führen würde, dass sowohl die Produktion als auch die Rezeption von durch Museen autorisiertem Wissen in den Händen weniger Eliten liegen, heißt es in der Masterarbeit. Dahinter verberge sich, so Riedrich, die Gefahr, den Anschluss an eine sich verändernde Gesellschaft zu verlieren.

„Mit Info- oder Edutainment, partizipativen Vermittlungsangeboten oder kollaborativen Ausstellungen reagieren immer mehr Museen auf die sich ändernden Strukturen und öffnen sich langsam auch inhaltlich ihren BesucherInnen“,

verweist die Autorin auf den Druck, dem die Museen ausgesetzt sind. Wie sieht die Vermittlung aus? Riedrich übernimmt das von Carmen Mörsch entwickelte Raster (siehe dazu: Carmen Mörsch: Kunstvermittlung 2: Zwischen kritischer Praxis und Dienstleistung auf der documenta 12 (Affiliate-Link)), in dem diese zwischen vier verschiedenen Funktionen von Vermittlung unterscheidet:

  • Affirmative Funktion: „übernimmt die Aufgabe, das Museum und seine Tätigkeiten wie Sammeln, Bewahren, Forschen und Ausstellen nach aussen zu vertreten und seine Inhalte zu kommunizieren. (…)“
  • Reproduktive Funktion: „wendet sich mit niederschwelligen Angeboten stärker an (…) ein Publikum, das nicht von vorneherein zur Gruppe der klassischen MuseumsbesucherInnen gehört. (…)“
  • Dekonstruktive Funktion: versteht das Museum als Institution, „die Vorstellungen und Geschichten nicht nur zeigt, sondern auch konstruiert.“
  • Transformative Funktion: sieht das Museum inmitten gesellschaftlicher und politischer Prozesse, das so zum gesellschaftlichen Protagonisten wird. „Vermittlung fndet statt in von den TeilnehmerInnen selbstbestimmten Projekten, die Einfuss auf die Institution nehmen (können). Die Beziehung zwischen Museum und Öffentlichkeit wird hinterfragt und umgekehrt.“

Zur Anwendung kommen dabei verschiedene Vermittlungsformate, die Riedrich in die Kategorien

  • rezeptiv,
  • interaktiv,
  • partizipativ und
  • kollaborativ

einteilt. Am interessantesten und zugleich am herausforderndsten ist natürlich das letztere Format, denn

„während es bei rezeptiven, interaktiven und partizipativen Formaten stets einen hierarchischen Bezug auf die durch die Vermittlung repräsentierte Institution gibt, ermöglicht kollaborative Vermittlung dem Publikum eine Position, die auch ausserhalb der institutionellen Vorgaben bestehen könnte“.

Andererseits erlaubt es der kollaborative Ansatz dem Museum aber, eine völlig neue und gesellschaftliche  relevante Rolle einzunehmen und so dem drohenden Bedeutungsverkust zu begegnen.

Riedrich steckt darauf aufbauend den theoretischen Rahmen für die Social-Media-Aktivitäten ab und kommt zu dem nicht überraschenden Ergebnis:

„Wie bei medialen Vermittlungsangeboten innerhalb einer Ausstellung bedarf auch Vermittlung durch Social Media klarer Konzepte, das heisst einer professionellen Auseinandersetzung nicht nur mit den Inhalten sondern auch mit den Medien der Vermittlung.“

Welche Medien das sind und wie sie funktionieren, beschreibt die Autorin auf den folgenden Seiten. Ob Blog, Facebook, Twitter oder Foto- und Videoplattformen, Riedrich erklärt nicht nur kurz das jeweilige Tool, sondern bringt auch gleich Praxisbeispiele aus dem Kunst- und Kulturbereich.

Das im Rahmen der Arbeit entstandende Social-Media Konzept für das „Ortsmuseum Küsnacht“ hat Riedrich aus nachvollziehbaren Gründen nicht auf ihrem Blog veröffentlicht, aber uns bleibt ja noch das abschließende Kapitel, in dem die Autorin zusammenfasst, welche Auswirkungen diese Aktivitäten unter anderem für das Museum und die Funktionen der Vermittlung haben. Ganz wichtig ist in meinen Augen das mit „Bereitschaft“ überschriebene Kapitel. Dahinter verbergen sich elf Empfehlungen, die sich Museen zu Herzen nehmen sollten, wenn sie das Social Web für ihre Vermittlungsarbeit nutzen wollen.

Am wichtigsten ist in meinen Augen wohl dieser Tipp:

„Nicht der Einsatz von partizipativen Medien macht die Vermittlung partizipativer, sondern die Einstellung der Beteiligten.“

Riedrich stellt völlig richtig fest, dass es an diesem Punkt eigentlich erst so richtig losgehe und sich in weiterer Folge viele Fragen ergeben, die es zu beantworten gilt. Mit ihrer Masterarbeit hat Bettina Riedrich aber erst einmal die Voraussetzungen und damit eine gute Grundlage geschaffen für die Einbeziehung der Social Media in die museale Vermittlungsarbeit.

Hier können Sie die Arbeit downloaden: „Partizipation durch Social Media? Museale Vermittlung und das Partizipative Web

13 Comments Join the Conversation

  1. Bereitschaft eben, weil es nur menschlich ist dem Menschen den Vorrang zu geben. Ohne sie ist ja in dem Menschen gar nichts da von dem was in oder aus ihm erscheinen sollte und wir bleiben Habenichtse, egal was wir glauben ihm abgenötigt zu haben. Freilich gibt es nur eine Qualität zu fördern, die der Bereitschaft. Der Mensch besteht nur aus ihr, das Biest besteht auf Nichtkooperation, auch wenn es uns willig deucht. Entschuldigung zu dieser Banalisierung es ist schon etwas lächerlich das Problem mit den niederträchtigen Entitäten in dem ganzen Theater / Museumsbetrieb. Sie sind die Ursache und nicht unsere Bereitschaft. Die bleibt Wirkung und verbiestert auch zusehends und hat ihren eigenen „Verfassungsschutz“ der sich vor sie stellt mit „tu was dagegen“; eine wirkungsvolle Strategie Bereitschaft zu brechen. Trotzdem, Bereitschaft wäre die Globallösung. Da braucht man keineswegs weiter herumzustochern. Das ist Fakt. Deshalb sollte wir nichts dagegen tun sondern damit. Nein, auf „tu was dagegen“ wird gesetzt. Denn „Bereitschaft“ wie Christian sagt, ist hier, wäre da, so wie ich das sehe, der nicht zu überschreitende Höhepunkt der Betrachtungen und Abwägungen. Man dürfte sich nicht über diesen Punkt über den Tisch ziehen lassen, keinesfalls. Allerdings wäre es dann doch geschichtlich gesehen ein Novum oder nicht, sollte jemand aus Reih und Glied hervortreten und den ganzen Reigen durcheinander bringen? Es gibt immer einen ersten Anfang der gesetzt wird, immer wieder geschieht das, manchmal rechtzeitig. Ich meine schon in der ersten Begegnung ganz darauf zu setzen, voll, dann dieses als Leitthema durchhalten und dann freilich erleben wie sich das umkehrt und verbreitet. Das Antonym von geneigt oder ganz zugeneigt beizutragen, Mangelhaftigkeit also, ist in die Geschichtsbücher eingetragen. Also dafür würde ich den Nobelpreis verteilen, nur dafür. Und das ist durchaus doppelbödig gemeint. Da glaube ich eher die Stellen fallen in Vakanz. Dies wiederum leistet dem Vorschub das getan werden kann, leider aber auf längere Sicht immer das ohne Not zerstörerische Mantra war . Und das ist die bizarre Lösung die es beständig gab und die uns jetzt das Leben noch weiter wegrückt, durch die Größe der Monitore auch. Wer von uns hat heute beispielsweise noch eine Vorstellung, nach Monitor, Fernsehschirm, Kino, Theater, Freilichtbühne, alles zurückgelassen, welche Formate da sein könnten, wenn, ja wenn man „Bereitschaft“ hätte zur Maxime machen können? Fernsehen von einem Gipfel aus beispielsweise! Aufführung unter freiem Himmel! Museum gleichfalls für die Sinne! Vielleicht muß Bettina Riedrich nicht lange darauf warten.

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  2. Vielen Dank für den Hinweis auf diese scheinbar spanende Masterarbeit, die ich umgehend lesen werde. Wenn „pratizipatives“ Museum als „Leitkonzept“ genannt wird, stellt sich bei mir immer folgende Frage: Aktuelle Studien (z. B. ARD/ZDF-Onlinestudie) haben ermittelt, dass nur etwa ein Drittel der deutschen Internetnutzer Interesse haben, aktiv Inhalte ins Netz zu stellen. Wenn man also auch partizipative Online-Kulturvermittlung setzt, erreicht man dann nur ein Drittel? Wenn ja ist es nur ein Nebenschauplatz … Oder wird sich das Interesse einfach ändern und in ein paar Jahren werden 90% angeben, dass sie gerne aktiv Inhalte ins Netz stellen?

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  3. @Simon: ich weiß nicht, ob es Sinn macht, mit absoluten Zahlen zu arbeiten. Ich würde einen solchen Ansatz eher mit den Konzepten vergleichen, die bis jetzt in dem jeweiligen Museum realisiert werden. Aber ein Thema ist das natürlich schon. Bettina Riedrich erweitert diesen Aspekt noch und weist darauf hin, dass es auch im Social Web sogenannte Eliten gibt, die sich dort sehr viel leichter im Umgang mit Social Media tun. Bildungsferne Schichten sind da nur selten vertreten, was bedeuten würde, dass schon die Rahmenbedingungen verhindern, „neue“ Zielgruppen zu erreichen bzw. für das Museum zu interessieren.

    @Solveig: ich glaube, an der Stelle, an der diese Arbeit endet, gehen die Probleme eigentlich erst richtig los. Bettina Riedrich zählt auf Seite 38 einige Punkte auf, die wichtig sind und wo Du durchaus ansetzen könntest. Wichtig wären z.B. Modelle, auf denen solche Konzepte aufbauen und die dann auch nachhaltig erfolgreich sind. Dazu müsste man erst einmal verschiedene Vermittlungsprojekte analysieren und versuchen, die entscheidenden Kriterien für Erfolg und Misserfolg zu entdecken.

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  4. @Birgit: Du hast in Deinem Blogpost Partizipation fördern – die Rolle von Nonprofit-Organisationen eigentlich genau die kritischen Punkte angesprochen, die auch für den Museumsbereich entscheidend sind.Die von Dir angesprochene Teilhabe ist nur dann möglich, wenn sich die meist hierarchischen Strukturen öffnen und es zulassen, dass andere sich an Entscheidungsfindungsprozessen beteiligen, die nicht beim Vorschlagsrecht aufhören.

    Ob man dadurch bildungsferne Schichten erreicht, bezweifle ich ehrlich gesagt. Die Konsequenz daraus wäre: Bildung, Bildung, Bildung, man kann es nicht oft genug sagen bzw. schreiben.

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  7. Ich denke, dass es teilweise neue Begrifflichkeiten geben muss, um das, was bei „Vermittlung“, „Partizipation“, „Kommunikation“ etc. mit Social Media sich ereignet. „Es“ bedient sicher nicht unbedingt nur den Begiff der „Partizipations-Kunst“, oder nur den „Teilhabe-Grad“ an kulturellen Projekten. Kulturmanagement und Kultur- bzw. Kunstvermittlung haben unterschiedliche und zum Teil sich überschneidende Ziele. Künstler wiederum intendieren wiederum andere Grade an Teilhabemöglichkeiten (die sehr unterschiedlich sein können). Wie wäre es, wenn man die neu entstehenden Formen von Rückkoppelungen „Creative-Cloud-Feedback“ nennen würde. Ich finde es gerade sehr schwer in meiner Arbeit, in der es auch um das oben genannte Thema geht, den Begriff Partizipation so einfach zu verwenden, da er äußerst unterschiedlich in den verschiedenen Kontexten verwendet wird. Bei einer -vielleicht vorübergehenden- neuen Begrifflichkeit s.o. ist das Potenzial der neuen Kulturtechnik, der Schwarmgedanke und die Rückkopplung (mit Auswirkung) enthalten. Was meint ihr?

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