8592 - St Petersburg - Hermitage
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Schwierige Situation im Museumsbereich: 4 Minuten pro Kunstwerk oder zusperren?

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8592 – St Petersburg – Hermitage„; By thisisbossi (CC-Lizenz)

Solche Warteschlangen vor den meist großen Museen trifft man leider immer häufiger an, wobei sich das „leider“ vor allem auf die bezieht, die auf diese Weise wertvolle Zeit verlieren. Für die Museen ist es eher eine Bestätigung der eigenen Arbeit und der Hinweis darauf, dass die Ausstellung den Geschmack des Publikums getroffen hat. So schön das große Interesse auch sein mag, ganz so toll ist eine lange Schlange vor den Kassenhäuschen aber auch für das Museum nicht, denn vermutlich schreckt die Aussicht auf eine längere Wartezeit viele potenzielle BesucherInnen ab.

Mittlerweile gibt es eine Vielzahl von Konzepten, die solche Situationen zu vermeiden helfen sollen. So bieten etwa viele Museen die Möglichkeit an, die Tickets online zu kaufen und damit nicht alle zur selben Zeit vor den Ausstellungsobjekten stehen, gelten die Tickets nur für einen bestimmten Zeitraum. Was eine ganz plausible Lösung zu sein scheint, um den Ansturm der Massen etwas zu entzerren, kann auch schnell ins Gegenteil umschlagen und dann eher abschreckend wirken.

So wird den BesucherInnen der National Gallery bei der am 9. November beginnenden Leonardo da Vinci Ausstellung nur noch ein arg kleines Zeitfenster zugestanden.

30 Minuten für insgesamt sieben Gemälde, da bleiben den BesucherInnen nur noch genau 4 Minuten und 17 Sekunden, so Julia Voss in ihrem Artikel „Stress im Museum“ in der FAZ. Und das bei einem Ticketpreis von 16 Pfund. Für Nicholas Penny, den Direktor der National Gallery, ist das kein Problem:

„Es ist ausgesprochen wichtig, unsere Website gründlich zu lesen und sich vor dem Besuch zu informieren,“

zitiert ihn Julia Voss in ihrem Artikel. Ein Ratschlag, den man von Museumsseite eher selten hört, schließlich ist dort die Angst groß, dass der Besuch der Website für immer mehr Menschen als Ersatz für den Museumsbesuch angesehen wird und die Besucherzahlen deshalb sinken.

In die gleiche Kerbe schlägt die Autorin, wenn sie schreibt, dass es

„eindeutig besser (sei), ein Gemälde nie im Original gesehen zu haben – als 4 Minuten, 17 Sekunden davor in einer Blockbusterschau zu stehen.“

Während also auf der einen Seite die Museen mit allen Tricks arbeiten, um das Publikum möglichst rasch durchzuschleusen, haben die meisten Museen das gegenteilige Problem: zu wenig BesucherInnen.

Unter der Überschrift „Sind Museen nur noch reine Unterhalter?“ hält Claudia Hangen in „The European Circle“ fest, dass die kleinen Museen, die keine großen Attraktionen bieten, da nicht mehr mithalten können und um ihr Überleben kämpfen müssen. „Ihr Manko“, so die Autorin,

„sie bieten Schätze aus Sammlungen, die zeitlos sind, keiner Mode unterstehen und durch keinen PR-Manager für die Masse attraktiv angepriesen werden.“

Während sich also die einen mit allen Mitteln der Massen zu erwehren versuchen, fehlen den anderen die so dringend benötigten BesucherInnen. Die Großen werden immer größer und den Kleinen geht es an den Kragen, eine Entwicklung, die wir  nicht nur im Museumsbereich erleben.

Markbereinigung nennt man das dann, wenn etwa im Handel die kleinen Geschäfte nach und nach verschwinden und sich am Ende ein paar große Ketten durchsetzen. Spricht man jemanden auf diese Entwicklung an, hört man von ihm meist ein paar Worte des Bedauerns, bevor er in den nächsten Supermarkt verschwindet. So ähnlich ist das im Museumsbereich wohl auch. Wir finden es zwar traurig, wenn immer mehr kleine Museen dicht machen müssen. Aber wer besucht schon ein Bezirksmuseum, wenn er doch beim nächsten Großstadtbesuch eine Blockbusterausstellung zu sehen bekommt. Zwar vielleicht  nur 4 Minuten und 17 Sekunden für jedes Ausstellungsstück. Aber um zu Hause erzählen zu können, dass man natürlich dort die vielgerühmte Ausstellung gesehen habe, reicht das allemal.

Wer ist Schuld an dieser Entwicklung? Eigentlich alle. Die Kulturpolitik, weil sie es nicht schafft, Konzepte zu entwickeln (und umzusetzen), die den großen und kleinen Häusern das Überleben ermöglichen. Die auf den ersten Blick unspektakuläre Arbeit der kleinen Museen ist die Grundlage für die Publikumserfolge der großen Häuser. Die Blockbuster mag man kritisieren, aber sie sind auf der anderen Seite auch eine Art Werbeträger. Es kommt auf die Mischung an, auf das richtige Verhältnis und genau das scheint gerade verloren zu gehen, wenn die Kleinen mangels Geld zusperren müssen, während die Großen sich gegenseitig toppen müssen, um genügend Aufmerksamkeit zu erregen.

Schuld an dieser Entwicklung sind aber auch die Museen selbst, die es verabsäumt haben, sich so zu vernetzen, dass alle von der Zusammenarbeit profitieren. Warum kooperiert immer nur Groß mit Groß und Klein mit Klein? Gibt es da irgendeine mir nicht bekannte Gesetzmäßigkeit? Warum gelingt es Museen erst dann, die Öffentlichkeit auf sich aufmerksam zu machen, wenn die Schließung unmittelbar bevorsteht?

Und warum nehmen wir das „Museum um die Ecke“ erst dann wahr, wenn es zugesperrt werden soll, während wir ansonsten bei jeder sich bietenden Gelegenheit von unserem Besuch der Tate, des Guggenheim-Museums, etc. berichten? Es macht also keinen Sinn, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Noch geht es uns und unserer Museumslandschaft so gut, dass sie erhalten werden kann. Dazu können die Kulturpolitik, die Museen und wir als BesucherInnen beitragen. Übrigens: heute ist internationaler Museumstag.😉

Update: Um das Missverständnis auszuräumen: im FAZ-Artikel ist davon die Rede, dass nach 30 Minuten die nächsten 180 BesucherInnen in die Ausstellung eingelassen werden. D.h. nicht, dass man als BesucherIn nach 30 Minuten rausgeworfen wird. Jeder kann selbstverständlich  so lange bleiben, bis das Museum schließt.

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  1. Mein Vorschlag zur „Akuthilfe“ bei großen Schauen ist relativ simpel: Die Museen müssten sich konsequent von ihren an Behörden erinnernde Öffnungszeiten verabschieden. Und das nicht nur bei Langen Nächten der Museen, sondern immer. Warum nicht bis 24 Uhr öffnen? Die Personalkosten dürften kein Kriterium sein, wenn dafür mehr Besucher – und mehr zufriedene Besucher – angelockt werden können. Die spielen das wieder ein.

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  2. Ich persönlich meide größere Sonderausstellungen grundsätzlich. Falls eine solche Ausstellung ausnahmsweise mal nicht nur spektakulär mit großen Namen auftrumpft, sondern auch einmal inhaltlich wirklich Interesantes und Neues aufweist, reicht der Katalog allemal.

    Das beste Rezept zur Vermeidung der Besuchermassen und der größten Absurditäten des Museumsbetriebs ist immer noch, die Dauerausstellungen zu besuchen. (Sinnvollerweise sollten zumindest diese auch stets kostenlos sein.) Die Werke sind eigentlich immer mindestens genauso interessant wie die in den Sonderausstellungen, nur hat man die nötige Zeit und Ruhe, man ist ja oft genug ganz alleine.

    Mich ärgert es immer ganz besonders, wenn Museen Teile der Dauerausstellung ganz wegräumen, um Platz für irgendeine Sonderausstellung zu haben. Das ist eine Entwertung der eigenen Bestände, die dann auch auf das Publikum abfärben wird: so wichtig kann die Sammlung ja dann auch nicht sein. Beispiel: Ich war kürzlich im Liebieghaus in Frankfurt und konnte die bedeutende Renaissance- und Barocksammlung nicht sehen, weil eine Sonderausstellung, die mich nicht weiter interssierte (weil ich die Werke wie wohl ziemlich jeder Tourist der Welt schon längst vom Ursprungsort Wien her kannte) das halbe Museum belegte. Das sagt einem aber beim Kauf des Tickets niemand. Lustigerweise ist in der Sonderausstellung dann auch noch das Fotografieren verboten (während die gleichen Objekte „zu Hause“ im KHM durchaus fotografiert werden dürfen).

    Ägrerlich ist es auch, dass gerade die Dauerausstellungen großer deutscher Museen ausgesprochen schlecht und lieblos beschriftet sind (das gilt allerdings überhaupt nicht für das gerade erwähnte Liebieghaus: dort ist das sogar vorbildlich). Oft sind diese Konzepte Jahrzehnte alt, in manchen Fällen fehlen Beschriftungen dann auch mal ganz. Wer soll Museen, die so mit der Kernkompetenz, nämlich der eigenen Sammlung, umgehen, ernst nehmen? Eine Sonderausstellung weniger, dafür ein wirklich gutes Konzept für die Dauerausstellung und ständige Evaluation der Besuchermeinungen und vor allem auch der Technik in den Dauerausstellungen (das Multimediazeug ist ja fast immer nach spätestens einem halben Jahr nach der pressewirksamen Einweihung defekt): das wäre vielleicht ein Rezept, um der Verwahrlosung der Museen zu begegnen. Die Dauerausstellung muss auch in der Presse als ebenso aufregend beworben werden wie eine Sonderausstellung, und stets auf neue Art beleuchtet werden. Ebenso wichtig fände ich eine deutliche und häufige Präsenz von Museumsmitarbeitern außerhalb des „Wachpersonals“ in den Räumen der Sammlung, und zwar nicht nur bei Führungen.

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  3. Die Öffnungszeiten sind nur teilweise das Problem, denke ich. Ist der Erfolg der langen Nächte nicht eher darauf zurückzuführen, dass man daraus ein Event gemacht hat? Ein attraktiver Rahmen, der das Interesse am Museum weckt und die Leute dazu bringt, etwas zu tun, was sie normalerweise nicht tun: ins Museum zu gehen.

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    • Stimmt, und ich habe ja auch gar nichts gegen derartige Aktionen (auch wenn ich finde, es geht oft zu sehr um Events an sich und zu wenig um Substanz, Relevanz und Inhalt. Aber um erste Kontakte zwischen neuen Besuchern und Museen zu ermöglichen, ist das schon ein sinnvoller Weg). Längere Öffnungszeiten (auch bei Sonderschauen) würden einfach helfen, das Gedränge zu entzerren. Sie würden zudem vermutlich auch neue Personengruppen ansprechen (wenn auch wohl wieder nur in Verbindung mit speziellen „Abendevents“ …).

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  4. @AndreasP: Dauerausstellungen sind ein sehr interessantes und zugleich schwieriges Thema. Eigentlich ist es ja verständlich, wenn Museen in die Sonderausstellungen mehr Zeit und Mühe stecken, schließlich macht es auch Spaß, in regelmäßigen Abständen eine neue Ausstellung zu entwickeln. Bei Dauerausstellungen ist das aus bekannten Gründen etwas anders, hinzu kommt, dass in der Dauerausstellung nur ein Bruchteil aus den eigenen Beständen gezeigt werden kann.

    Museen verstecken ihre Objekte nicht wirklich gerne, insofern habe ich oft den Eindruck, die Dauerausstellung ist die Pflicht, die Sonderausstellung die Kür.

    Bleibt die Frage, wie man die Dauerausstellungen sowohl für das Haus als auch für das Publikum attraktiver machen kann? Ständig umzubauen ist wahrscheinlich finanziell nicht möglich, bleibt eigentlich nur der virtuelle Bereich, in dem man sich „austoben“ kann. Hier sehe ich noch ziemliches Potenzial…

    @Harald Link: längere Öffnungszeiten sind natürlich wünschenswert, wo die Nachfrage entsprechend groß ist. Aber es gibt ja auch viele Museen, die das umgekehrte Problem haben…😉

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  5. Aber was wird da, freilich in Begleitung von Zwanghaftigkeiten, wirklich gefeiert? Niemand ist doch verurteilt das mitzumachen! Jeder bekommt anscheinend die Aufmerksamkeit die er verdient. Dies schließt aber nicht aus, dass hier auch noch eine Assimilation von Gegensatzparen, Antonymen und so etwas vor sich geht. Draussen ist frische Kunst. Drin sind ranzig anmutende, matte Ölschichten? So einfach kann es doch nicht sein? Da muss doch etwas sein von dem wir nicht genug wissen!

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  6. @Frank: die Frage ist, ob es beim Besuch der Blockbuster-Ausstellungen um die Kunst geht? Ich vermute, dass man mit so einem Ausstellungsbesuch vor allem die eigene Reputation erhöht, indem man dokumentiert, dass man in der Ausstellung XY gewesen ist.

    Das klingt jetzt sehr überzogen, aber im Kleinen erliegen wir doch alle immer wieder diesem Mechanismus und tun oder nutzen Dinge, die über ihren rein praktischen Nutzen hinaus noch einen übergeordneten haben.

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