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Die Zukunft von Kunst und Kultur: alles wird anders

25 Kommentare

Als gestern der Bundestagsabgeordnete Siegmund Ehrmann den diesjährigen Kulturinvest Kongress eröffnete, passierte etwas ganz interessantes. Kurz nach Beginn der Wirtschafts- und Finanzkrise – damals war es vor allem eine Finanzkrise – hieß es seitens der Politik, dass sich in einer solchen Situation der Vorteil unseres Systems zeige, denn hier bei uns, wo die Finanzierung von Kunst und Kultur in den Händen der öffentlichen Hand liege, müssten sich die Kulturbetriebe keine Sorgen machen.

Ehrmann, der als Mitglied der SPD im Parlamentsausschuss für Kultur und Medien sitzt, sprach nur sehr selten über Kunst und Kultur, dafür aber umso häufiger über die Kultur- und die Kreativwirtschaft. Welche Wirtschaftsleistung diese Branche vorweisen können und wie viele Beschäftigte dieser Bereich aufweise. Gleichzeitig prophezeite er der staatlich geförderten Kunst und Kultur Probleme und in Anlehnung an diverse Studien meinte er, dass die öffentliuche Kulturförderung bis 2020 um 8 bis 10% zurückgehen werde und jede zehnte Kultureinrichtung von der Schließung bedroht sei. Nicht sofort, aber innerhalb der nächsten Jahre. Um dieser Entwicklung entgegen zu wirken, nahm er nicht sich selbst, den Kulturpolitiker in die Pflicht, sondern die Unternehmen und die Zivilgesellschaft, die sich vermehrt für das Überleben von Kunst und Kultur einsetzen sollten.

Da verabschiedet sich also die Kulturpolitik klammheimlich aus einer Verantwortung, die ihr Pius Knüsel gerade erst umgehängt hat und entsprechend logisch ist es dann natürlich, wenn sich die Diskussion von der „Makropolitik“ hin zum „Mikromanagement“ bewegt. Auf dieser Ebene versuchte Adalbert Kurkowski von der Berliner Bank zu beweisen, dass zumindest sein Unternehmen die Botschaft schon verstanden hat und sich darum bemüht, Kunst und Kultur zu unterstützen. Die daraus resultierende Win-Win-Situation ergibt sich aber in meinen Augen nur dann, wenn die Bank die geforderte finanzielle Unterstützung verweigert und damit nicht nur sich, sondern auch den oder die KünstlerInnen vor (finanziellem) Schaden bewahrt. Diese auf Anfrage getätigte Aussage war entwaffnend ehrlich, aber sie trifft ins Schwarze. Schließlich verändert sich auch der Anspruch des Publikums, wie Susanne Keuchel, die Direktorin des Zentrums für Kulturforschung in ihrem Vortrag „Der demografische Wandel und seine Auswirkungen auf das Kulturpublikum“ ausführte.

Ihre zentrale These lautete: das Publikum wird älter und bunter, was die Sache für die Kulturbetriebe nicht leichter macht, vor allem in den klassischen Sparten. Für die, z.B. das Theater interessiert sich noch die Generation 50+, aber die Jüngeren können mit dem Theater oder der Oper immer weniger anfangen. Interessanterweise definiert die jüngere Generation Kunst aber genau über die Sparten, die sie nicht mehr nutzt. Genutzt werden Kunst und Kultur vor allem von den Jugendlichen, die über eine hohe Bildung verfügen. Mit der einher geht auch das Interesse, selbst aktiv zu werden und wer selbst aktiv wird, nimmt dann eher kulturelle Angebote wahr.

Das spricht also nicht unbedingt dafür, dass man den Musikunterricht in den Schulen kürzt und das Thema kulturelle Bildung nach und nach aus den Augen verliert. Auf diese Weise verliert die Kunst nämlich ihr junges Publikum. Die, die sie schon verloren hat, geben an, so Keuchel, dass unter anderem hohe Preise und ein fehlendes jugendgerechtes Ambiente sie vom Besuch von Kulturveranstaltungen abhalten. Interessant, dass die Generation 50+ genau das Gegenteil als Hindernis angibt, nämlich zu viele Angebote, die sich nur an Jugendliche richten. Theoretisch müsste es dann eigentlich passen.😉

Klar ist aber: Kunst muss unterhalten und dementsprechend, so der Rat der Vortragenden, sollten Kultureinrichtungen den Unterhaltungsfaktor wieder mehr in den Vordergrund rücken. Kunst als Unterhaltung, das war jahrzehntelang verpönt, wie der Soziologe Kai-Uwe Hellmann in seinem Vortrag „Kulturpublikum zwischen Konsumtion und Produktion. Alvin Tofflers ‚Prosumer‘ und dessen Nachfahren“ erläuterte. Adorno war es, der mit seiner Kritik an der Kulturindustrie und der Gegenüberstellung von Kunst und Konsum dazu beitrug, dass wir noch heute zwischen ernster und unterhaltender Kunst unterscheiden, einer Trennung, die anderen Kulturkreisen fremd ist.

Erst die Cultural Studies machten aus dem passiven (Kultur)-Konsumenten den aktiven Konsumenten, denn es bedarf entsprechender Willensanstrengungen, um sich mit dem jeweiligen Themen beschäftigen und auseinandersetzen zu können. Alvin Toffler bereitete dann mit seinem Buch „The Third Wave“ den Boden für den „Prosumenten“, ohne dessen aktiven Beitrag ein Produkt oder eine Dienstleistung, so Hellmann, nicht fertiggestellt werden könne. Das heißt, der Anbieter ist auf den Prosumenten angewiesen. Ikea ist da in meinen Augen ein schönes Beispiel, denn erst unsere Bereitschaft, die Möbelstücke zu kaufen und selbst zusammen zu bauen, macht aus dem Haufen Bretter ein Regal.

Hellmann hat im nächsten Schritt versucht, die Prosumtion auf den Kultursektor zu übertragen. Herausgekommen ist dabei die folgende Grafik (die Kurve ist nur bei mir so zittrig und krumm geworden, sorry):

In den Bereichen Hoch- und Trivialkultur sieht Hellmann wenig bis keine prosumtiven Ansätze, wohl aber im Bereich der Soziokultur. Mir erscheint diese Unterscheidung gewagt, ich denke, es geht hier um partizipative Ansätze und die kann es in allen Bereichen geben, wobei ich auch der Meinung bin, dass es uns im Fall der Trivialkultur darum geht, uns berieseln zu lassen. Hellmann behauptet außerdem, dass wir uns immer mehr in Richtung Trivialkultur bewegen, d.h. wir schlagen die Richtung ein, die Adorno vor mehr als 50 Jahren kritisiert hat, als er zwischen Kunst und Konsum unterschied.

Wenn wir uns auf die Hochkultur konzentrieren, dann bedeutet das, so Hellmann, im Falle des Theaters: die jetzige Konstellation Produktion und Konsumtion  wird ergänzt durch die Prosumtion. Hellmann beruft sich dabei auf Gerhard Panzer, der Theater in die drei Phasen Werkproduktion, Inszenierung und Aufführung einteilt. Prosumtion ist für Hellmann nur in der Phase der Aufführung möglich, in den anderen beiden Phasen sieht er hierfür kein Potenzial.

Dieser Ansatz bzw. Erklärungsversuch ist für mich sehr interessant gewesen, weil er eigentlich das Thema der stART10 aufgreift, bei der es um Geschäftsmodelle und die oft diskutierte Öffnung der Wertschöpfungskette aufgreift. Ist es wirklich so, dass nur in der Aufführung Prosumtion möglich ist? Ich glaube nicht, verschiedene Museen in den USA haben immer wieder mal versucht, ihr Publikum mit einzubeziehen, wenn es um die Konzeption der Ausstellung ging.

Im Theaterbereich fällt mir Peter Brook ein, der mit seiner Theatergruppe in Afrika unterwegs war und Einheimische in das Theaterspiel integrierte, sie an der Entstehung des Stückes beteiligte. Außerdem fällt mir hierzu mein Blogbeitrag „Theaterfinanzierung: geht es auch ohne Förderungen?“ ein.

Aufschlussreich war für mich die große Ablehnung, auf die Hellmanns Ansatz stieß. Verstehen kann ich sie, denn Kunst verliert so den Habitus des Elitären, wenn der Prosument plötzlich auch etwas zu sagen hat. Und das finden nicht alle gut. So wird aus einer nicht geführten kulturpolitischen Debatte plötzlich etwas ganz Neues, bei dem die Kulturpolitik keine Rolle mehr spielt. Oder anders ausgedrückt: Kulturmanagement beschäftigt sich mit „Makropolitik“ und beginbt sich, das muss man zugeben, auf ein gefährliches Pflaster.

25 Comments Join the Conversation

  1. Das brauchen manche, um sich ihrer selbst vergewissern zu können: ihr „E“ über das „U“ stellen. Seltener machen sich „U“-Künstler über „E“ lustig, als dass „E“ler die „U“-Künstler verächtlich machen. Was ist aber heute „E“rnstes Theater? Und was „U“nterhaltendes?

    „Politisches Theater heute funktioniert nicht mehr über Ideologien, sondern über gesellschaftliche Analyse“, behauptet zum Beispiel die Programmdirektorin des Festivals „Theater der Welt“, Frie Leysen.

    Wer aber liefert die Analyse?

    Brauchen wir da jemand? Loriot? Dario Fo? Pollesch? Petras?

    Ne, ich glaub, das leisten wir mal eben selbst. Und das Ergebnis unserer Analyse ist nicht falscher oder richtiger als das anderer. Aber es ist brauchbar. Für uns. Und unser Publikum.

    Wir halten es gern mit Loriot zum Beispiel. Wie er möchten wir die eigenen Unzulänglichkeiten vor Augen halten, wie etwa die grassierende Unfähigkeit, miteinander zu kommunizieren. Oder die radikalen Unterschiede zwischen Mann und Frau. Wie etwa Loriot (oder auch Dario Fo und seine Partnerin Franca Rame) mit wachem Blick das Verhalten von Politikern und anderen Machtmenschen geschickt entlarven und kleinbürgerliche Ordnungsprinzipien ad absurdum geführt haben (und führen), möchten auch wir mit den Stücken anderer Autoren, die wir in unseren Spielplan aufnehmen, vor allem aber mit unseren Eigenproduktionen in dieser Richtung „unterhalten“; das bringt keine Reputation bei den Auguren, macht aber im Theater denen auf der Bühne und vor allem denen im Parkett enormen Spaß.

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  2. augustheater schrieb:

    „Wie er möchten wir die eigenen Unzulänglichkeiten vor Augen halten, wie etwa die grassierende Unfähigkeit, miteinander zu kommunizieren. “

    Ab und an schau ich mal, was so in den besseren Non-U-Theatern läuft. Und da sehe ich dann: es ist genau DAS! Immer weiter, immer mehr vom selben… Zu Zeiten von Botho Strauss und Peter Stein war das noch mitreissend, berühred, verstörend. Aber heute?

    Der Geist des 21.Jahrhunderts ist eben eher post-kritisch. Aus guten Gründen, denn was nützen ständig wiederholte Blicke in diverse Spiegel, wenn daraus doch nichts folgt? Und jeder das auch schon weiß, wenn er das Theater betritt?

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    • Der Geist des 21. Jahrhunderts? Der ist gar nichts. Der kann noch gar nicht – mindestens nicht beschrieben werden, weil er ja grad mal zehn ist. Aber aneinander vorbei geredet wird. Auch die ersten zehn Jahre dieses Jahrhunderts. Täglich. Und immer mehr. Es wird posaunt und auf Resonanz gehofft. Wieso? Woher kommt die Zuversicht? Die meisten betreten keinn Theater, weil sie vermeinen zu wissen, was sie da erwartet. Grad heute war Premiere von „Venedig im Schnee“. Da haben uns etliche nachher angesprochen, die (immerhin 30- bis 40jährige) erstmals in einem Theater waren – die gaben an, sie seien echt überrascht gewesen, wieviel ihnen das zusagen gehabt hätte, was sie gerade gesehen haben. Oder red ich auch gerade wieder vorbei? Oder an die Wand? Oder allein für mich?

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  3. @augustheater: einigen wir uns doch darauf, dass es gutes und schlechtes Theater gibt, mehr brauche ich eigentlich nicht.😉

    @claudia klinger: stimmt, (politische) Konsequenzen gibt es heute nicht mehr. Was mich aber interessieren würde: welche Kunstsparte hat denn noch das Potenzial, Veränderungen zu bewirken und was müsste getan werden, um ihr (wieder) die nötige Überzeugungskraft zu verleihen?

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  4. „z.B. das Theater interessiert sich noch die Generation 50+, aber die Jüngeren können mit dem Theater oder der Oper immer weniger anfangen.“

    Vielleicht sollte man mal über den Tellerrand in andere Länder (nicht zwingend die USA) schauen, was die besser machen? Erst gestern gab es in Paris wieder Strawinsky vom Feinsten für Kinder – sowas ist lange im Voraus ausgebucht. In meinem Blog stellte ich mehrfach Projekte vor wie „Rhythm is it“ von Sir Simon Rattle und Royston Maldoom oder das südamerikanische El Sistema.

    Nur darf man bei diesen erfolgreichen Alternativen (die es auch kleiner und in anderen Künsten gibt) nicht vergessen, dass dafür hohe Summen an Zuschussgeldern norwendig sind – und die Offenheit und Unterstützung von Politik und Bildungssystem.
    Außerdem beruhen all diese Projekte auf dem Grundsatz: Nicht nur fördern, sondern auch fordern!

    Aufgabe von Kunst und Kultur kann nicht das andere Extrem sein, durch ausschließlich private Gelder zu einer Art Gefälligkeitsbetrieb zu werden. Wer aber soll freiwillig Kunst fördern / bezahlen, die zunächst vielleicht nur provoziert, verstört, herausfordert?

    Ein missratenes Extrembeispiel habe ich in der Nähe vor Augen: Da lässt sich ein Theater zur Geldbeschaffung und Jugendbindung vom „Managen mit Shakespeare“ über Jugendlaienstücke bis hin zu nett animierten Abenden alles mögliche einfallen, bringt aber dann im Betrieb nur brave Streichelware ohne Risiko für 70+.

    Mir stellt sich die Frage, ob nicht auch mehr Risikobereitschaft und Entscheidungfreude Grundvoraussetzungen für moderne Finanzierungssysteme wären. Wenn man schon nichts mehr zu verlieren hat, könnte man doch in die Vollen gehen?

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  5. Ich stelle es mir ziemlich schwierig vor, das Publikum in die Produktion eines Stückes einzubinden. Es ist ohnehin schon als kollektiver Prozess der unterschiedlichen professionellen Beteiligten komplex genug und zu viele Köche werden den Brei dann wenn nicht verderben so doch furchtbar verwässern.
    Man sollte den prosumtiven Charakter bei der Aufführung aber nicht unterschätzen. Für die Literaturwissenschaft ist es ja ein alter, aber immer noch gut & angemessen sitzender rezeptionsästhetischer Hut aus den 70er/80er Jahren – die Leerstellentheorie, „der implizite Leser“ etc. Das Werk entsteht erst & nur im Zusammenspiel von Text und Leser mit all seinen Hinter- (und auch Vorder-)gründen. Und um so ertragreicher wird es dann eben, je mehr der „Nutzer“ auch in umfassenderen Zusammenhängen zu denken versteht. Kurioserweise stimmt das dann mit der zweiten Verwendung des Begriffs „Prosument“ (siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Prosument ) im Konsumwarenbereich überein.
    Zentral scheint mir aber etwas anderes zu sein. Dass das junge Publikum so fehlt, ist eben das Ergebnis der verfehlten (Kultur-)Bildungspolitik der letzten 30 Jahre. Während die soziokulturellen Zentren gegründet wurden, wurde zeitgleich die Kultur immer mehr aus den Schulen vertrieben. Ergebnis: Kulturelle Angebote erhielten die (viel zu wenigen) Kinder und Jugendlichen in den wenigen sozialen Brennpunkten, in denen wirklich soziokulturell mit ihnen gearbeitet wurde, und ansonsten die, deren Eltern eh kulturell aktiv waren.
    Eine Konsequenz daraus ist, dass in der Politik heute nicht mehr der ehemals gutbildungsbürgerliche Konsens über den hohen Stellenwert kultureller Bildung und Angebote selbstverständlich gilt; denn nicht wenige der heutigen Entscheider sind ja auch ohne größere kulturelle Erfahrung in ihre gesellschaftlichen Positionen gelangt. Auf diesem ebenso gemütlichen wie leider nicht selten auch spießig-miefigen Sitzkissen können Kulturmacher sich heute darum nicht mehr ausruhen und sind so in die Legitimationskrise geraten.
    Ob man diese kulturpolitische Lost Generation kulturbildnerisch noch „retten“ kann, ist eher fraglich. Eventuell wäre es darum sinnvoller, in dieser Richtung eine Art mittelfristiger Überwinterungsstrategie zu fahren und gleichzeitig den Schwerpunkt der Arbeit massiv auf die kulturelle Bildung von Kindern und Jugendlichen zu legen. Denn je regelmäßiger und intensiver sie aktiv (und da sind wir letztlich wieder beim Prosumenten) in Kulturprojekten involviert sind, um so ausgeprägter wird dann später auch in der Politik wieder das Bewusstsein für die Bedeutung der Kultur als Erfahrungsbereich im Rahmen einer ganzheitlichen Persönlichkeitsentwicklung werden. Voraussetzung ist aber, dass mit diesen Projekten nicht nur die Eh-Interessierten erreicht werden, sondern jedes Kind / jeder Jugendliche ganz automatisch einbezogen wird.
    In Nordrhein-Westfalen wird in diesem Sinne seit 2006 das Landesprogramm „Kultur und Schule“ betrieben. Mit Zuschüssen von Land (80%) und Städten können KünstlerInnen aus allen Sparten ein Jahr lang in 40 Doppelstunden ihr Projekt in einer Schule realisieren. Allein in unserer Stadt (Mönchengladbach) sind so in dieser verhältnismäßig kurzen Zeit zusätzlich zu sonstigen Angeboten kultureller Einrichtungen für Kinder und Jugendliche über 100 ganzjährige Projekte durchgeführt worden. Unabhängig davon, dass das lange noch nicht reicht und diese Bemühungen unbedingt weiter ausgebaut werden sollten, wird ein entscheidender Faktor aber bleiben, ob es gelingt, die Schulpolitik von der Unsinnigkeit ihrer Focus-degenerierten „Fakten Fakten Fakten“-Hard Science-Gläubigkeit zu überzeugen und ihr deutlich zu machen, dass diese einseitige Bildungsidee viele unserer sozialen Probleme gebiert.

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  6. @MAG: ja schon, aber Kunst machen ist doch auch nicht schlecht, oder? Und dafür braucht es bestimmte Rahmenbedingungen, die derzeit eher schlechter als besser werden.

    @Petra: Mir gefällt der Satz „Nicht nur fördern, sondern fordern“. Ich denke, viele Menschen – formerly known as audience – wären mit Freude bereit, sich aktiver einzubringen und eben nicht mehr nur Publikum zu sein. Ich vermute, dass würde dem Kunst- und Kulturbereich viel bringen, auch im Hinblick auf die Legitimation von Kunst und Kultur.

    Ich glaube nicht, dass die Unterstützung durch Private den Kunst – und Kulturbetrieb zu einer Art Gefälligkeitsbetrieb machen würde, aber ich glaube nicht, dass wir jetzt aus der finanziellen Not heraus auf private Gelder setzen sollten. Ganz so leicht sollten wir die Kulturpolitik nicht aus ihrer Verantwortung entlassen.

    Das ist die übergeordnete Ebene, auf der die kulturpolitische Debatte geführt werden muss. Aber ganz praktisch gedacht würde ich niemandem raten, sich auf die öffentlichen Gelder zu verlassen.

    Wenn man die derzeitige Kulturpolitik beschreiben müsste, dann würde ich sagen, derzeit verwaltet sie Kunst und Kultur. Das Wort Risiko existiert dort, vermute ich, gar nicht mehr.

    @Thomas: ob viele Köche den Brei verderben, weiß ich nicht. Zugegeben, die Komplexität macht die Sache nicht leichter, aber ich denke nicht, dass dadurch die Qualität darunter leiden muss. Wir sind ja nicht in der Politik, wo es um den kleinsten gemeinsamen Nenner geht.🙂

    Interessant wäre auch die Frage, wo man die Prosumenten einbindet? Mitklatschen ist damit eher nicht gemeint.

    Darüber müssten wir auch gar nicht diskutieren, wenn es um die kulturelle Bildung nicht so schlecht stehen würde. Das ist eigentlich der traurigste Punkt in der ganzen Debatte, denn ehrlich gesagt ist es für mich nicht nachvollziehbar, warum die Kulturpolitik seit Jahrzehnten gegen alle Empfehlungen handelt.

    Ich fürchte auch, dass hier ein bzw. eher zwei Generationen „verloren“ sind. Wobei sich das „verloren“ eher darauf bezieht, dass die Politik den Ernst der Lage nicht erkennt und bereit ist, genügend Geld in die Hand zu nehmen.

    Die Frage ist für mich, was noch passieren muss, damit hier wieder mehr Geld investiert wird. Dass es notwendig ist, wissen wir ja alle. Bis auf die Kulturpolitik halt.😦

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  7. Nach den neuesten Politikeraussagen sieht es ja eher so aus, als ob in den nächsten Jahren noch mehr gestrichen und geschlossen würde als erwartet.😦 Private Gelder sehe ich da wie Sie eher als „Notnagel“.

    Das Projekt „Kultur & Schule“ klingt hochinteressant (feiner Beitrag!) – so ähnlich haben die Franzosen Kinder und Jugendliche in Theater und Konzerthallen gebracht – und jetzt streicht Sarkozy genau das zusammen … die Folgen sind bereits schmerzhaft spürbar. (Warum hat eigentlich noch keiner Studien gemacht, dass der Niedergang von Kunst und Kultur eine Gesellschaft auch aggressiver und orientierungsloser macht?)

    Die vorangegangenen Beiträge bringen mich noch auf einen anderen Gedanken: Die Künstler müssten sich ändern! Es gibt natürlich den kreativen Kernprozess im stillen Kämmerlein, bei dem wirklich JEDER stören würde. Diesen Freiraum muss ich haben und finanzieren können. Ich muss mich aber dann auch als Künstler „unternehmerischer“ verstehen und mir Möglichkeiten der Beteiligung dieser Prosumenten ausdenken (die wiederum Zeit und Geld kosten).

    Welche Künstler sind bereit dazu?
    Welche Künstler haben überhaupt die Fähigkeit, solche Visionen zu entwickeln und in die Tat umzusetzen?
    Kann man Eigenunternehmertum wirklich lernen?
    Fährt man am Rande der Existenznot (als freier Künstler) nicht lieber Taxi, als sich noch ein unkalkulierbares Risiko aufzubürden? Und die angestellten Künstler, wie ist das mit denen?

    Harte, aber auch spannende Zeiten kommen auf uns zu…

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    • Es sei erlaubt, an dieser Stelle einen Literaturhinweis zu geben: In „Deutsches Theater seit 1945“ (Philipp Reclam jun., Stuttgart 1976) überschreibt der Autor Hans Daiber ein Kapitel (s. 395 ff.): „Auch das Publikum ist ein Ensemble“. Bei vielen der dort (keineswegs vollzählig) angeführten Experimente eines Ulmer Ensembles haben wir (heutigen Theatermacher vom AuGuSTheater Neu-Ulm) aktiv mitgearbeitet, beim Entwickeln und Realisieren. Selbstverständlich fließt noch vieles in unsere heutige Arbeit ein. „Natürlich“ haben wir auch einige Jahre Improtheater (Theatersport) gemacht, eine logische Folge unserer damaligen Arbeit des Improvisierens vor und mit dem Theaterpublikum. Eine der häufigsten Sequenzen, die zum Beispiel beim telefonischen Bestellen von Karten, fällt, ist neben dem „Ist das auch lustig? Wir haben ja im Alltag Probleme genug!“ die Folgende: „Bitte, nicht die erste Reihe. Muss man da mitspielen?“

      Ich bin etwas skeptisch, ob das Publikum ein Ensemble sein will, ob es aus der Rolle des Konsumenten in die des Produzenten kommen will.

      Natürlich probieren wir im Netz rauszufinden, durch umfagen, welche Titel besser „ankommen“, welches Genre eher goutiert wird, welche Plakatvariante präferiert wird. Wir sind noch nicht soweit gegangen wie ein Filmprojekt, für das mit Hilfe von Publikumsvoten (Neben-) Rollen gecastet werden. Aber selbst die Ansätze, die wir gemacht haben, wurden nur beschränkt angenommen.

      Wir bleiben in Bezug auf Changing am Ball.
      Ein Theater, was sich weitgehend selbst trägt und nicht im Focus der Auguren ist, zu klein, als dass Sponsoren ihren Mehrwert abschöpfen können, muss sich immer neu orientieren.

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  8. Pingback: KulturInvest 2010: ein Resümee « Das Kulturmanagement Blog

  9. @Petra: Informationen über eine solche Studie habe ich leider nicht finden können, ich weiß also nicht, ob es eine solche überhaupt gibt.

    Gut gefällt mir die Forderung, KünstlerInnen müssten „unternehmerischer“ handeln. Wobei wir uns darüber im Klaren sein sollten, dass das nicht jedermanns Sache ist. Das gilt nicht nur für den Kunst- und Kulturbereich, sondern ganz generell. Auch im nicht-künstlerischen Bereich haben Menschen kreative und innovative Ideen, scheitern aber damit, weil sie nicht über die unternehmerischen Fähigkeiten verfügen. Vielleicht macht es in einem solchen Fall Sinn, sich mit anderen zusammen zu tun, die über die entsprechenden Fähigkeiten verfügen, denn man kann zwar entsprechende Fertigkeiten entwickeln, aber ich weiß nicht, ob das unternehmerische Denken wirklich erlernt werden kann. Schwer zu sagen…

    Oder muss man als KünstlerIn EinzelkämpferIn sein und darf sich nicht mit anderen verbünden? Ich glaube nicht.

    @augustheater: Ja, dieses Mitspielen-Müssen kenne ich auch und ich muss gestehen, ich finde es fürchterlich. Es ist in meinen Augen eine Art von Mitspielen, die mich als mitspielenden Konsumenten in eine Rolle drängt, in der ich nur Staffage bin, ein Trottel, der ja nichts falsch machen darf, damit er sich nicht vor den anderen Konsumenten blamiert.

    Wirkliches Mitmachen funktioniert nur, wenn ich Vertrauen habe zu denen, die mich zum Mitmachen einladen. Auf dieser Ebene erhält das Mitmachen eine ganz neue Qualität, Brian Solis spricht davon, dass in einem solchen Fall das Publikum zur Community wird, wobei er sich nicht auf den Kunst- und Kulturbereich bezieht. Aber ich denke, der Transfer ist erlaubt.

    Aber auf der anderen Seite sehe ich auch ein, dass nicht jeder im Theater mitmachen will. Die 90-9-1-Regel von Jakob Nielsen gilt hier wohl auch. Das heißt, es kann sich nur um partizipative Angebote handeln. Ob sie angenommen werden, entscheiden immer noch die BesucherInnen. Das heißt, ich als KünstlerIn habe es gar nicht in der Hand, ob das, was ich vorhabe, auch wirklich funktioniert.

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    • „Gut gefällt mir die Forderung, KünstlerInnen müssten “unternehmerischer” handeln. Wobei wir uns darüber im Klaren sein sollten, dass das nicht jedermanns Sache ist. Das gilt nicht nur für den Kunst- und Kulturbereich, sondern ganz generell. Auch im nicht-künstlerischen Bereich haben Menschen kreative und innovative Ideen, scheitern aber damit, weil sie nicht über die unternehmerischen Fähigkeiten verfügen.“

      Genau so sehe ich das auch. Deshalb muss immer Raum auch für die herkömmlichen Wege bleiben.

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    • Das ist exakt auf den Punkt gebracht das Problem dieser Situationsaussetzungen:

      „Ja, dieses Mitspielen-Müssen kenne ich auch und ich muss gestehen, ich finde es fürchterlich. Es ist in meinen Augen eine Art von Mitspielen, die mich als mitspielenden Konsumenten in eine Rolle drängt, in der ich nur Staffage bin, ein Trottel, der ja nichts falsch machen darf, damit er sich nicht vor den anderen Konsumenten blamiert.

      Wirkliches Mitmachen funktioniert nur, wenn ich Vertrauen habe zu denen, die mich zum Mitmachen einladen.“

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  10. Pingback: stART11: ein Experiment « Das Kulturmanagement Blog

  11. Pingback: Transmediales Erzählen in der Community « Das Kulturmanagement Blog

  12. Danke Christian für den sehr informativen Artikel. Tut man aber Adorno nicht zu viel Ehre an, wenn man ihn mitverantwortlich macht für die Aufteilung in U- und E-Kultur. Ich denke das sitzt viel tiefer und er hat lediglich Vorhandenes reflektiert.

    Ich hab mir schon öfters Gedanken gemacht, warum diese Trennung existiert, vor allem in meiner Zeit in England. Dort ist diese Trennung vielleicht nicht aufgehoben aber sehr viel unschärfer als in Deutschland. Das Gleiche gilt im übrigen für die Wissenschaften. Während ein angelsächsischer Wissenschaftler sich durchaus auch mal der Allgemeinheit verständlich machen darf (populärwissenschaftlich) und trotzdem von seinen Kollegen ernst genommen wird, so ist so etwas in Deutschland eher verpönt. Ich hab mal irgendwo gelesen, dass der Deutsche sich durch Idealismus auszeichnet, während die Engländer Pragmatiker sind. Das entspricht durchaus auch meiner Erfahrung. Der Idealist gibt sich eben ungern mit den Niederungen der Alltagskultur ab.
    Ausserdem war Kultur schon immer ein Instrument mit dem Herrschaft ausgeübt werden konnte. Die Trennung in Hoch- und Populärkultur weist den Plebs in seine Schranken. In England gibt es paradoxerweise zwar noch ein Klassensystem, andererseits aber ist „das Volk“ viel weniger obrigkeitshörig und sehr viel rebellischer als in Deutschland.

    Bin sicher zu dem Thema gibts jede Menge Forschung. Würde mich mal interessieren…

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  13. @Axel: Deine Beobachtungen aus England sind interessant, ob darüber schon so viel geforscht worden ist, weiß ich gar nicht. Interessant wäre es aber natürlich. ich kann mich noch an ein Seminar in Theaterwissenschaft erinnern, in dem es um die Karnevalskultur ging, auch das ist ja ein typisches Beispiel für die Kultur des „Volkes“. Die Frage wäre jetzt, wohin sich diese Art von Kultur entwickelt hat und ob es Verbindungen gibt zu unserer heutigen Populär- oder wie es Hellmann genannt hat, Trivialkultur?

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  14. Immer wieder stoßen wir auf dieses Thema. Klar: Bei „Kultur“ geht es um Leute, die damit was anfangen können, um Publikum, um Rezipienten, LeserInnen, ZuschauerInnen, BesucherInnen. Wer sind die? Wo sind die? Wie erreich ich die? Wer darüber nicht nachdenken muss, machen kann, was er will, weil er in keiner Form, weder materiell noch emotional davon abhängig ist, braucht das nicht zu diskutieren. Aber weshalb muss das meistgespielte Stück in deutschsprachigen Theatern Jahr für Jahr „Faust“ (und keine Bange: Wir haben einen äußerst achtbaren „Faust“ inszeniert und gespielt) sein? Weshalb wird in den Schulen immer wieder Goethe hochgehalten? Die Leute interessieren sich für Philosophie, aber sie lesen lieber Precht als Kant! Wieso glaubt man hierzulande, mit „Kunst“ (und was das ist, definiert allein der „Künstler“) noch Leute hinterm Ofen hervorzulocken. Mannomann: Bohlen jagd demnächst dem Gottschalk den Quotensieg ab – und Gottschalk war schon unsäglich. Die „Künstler“ wollen aber immer noch ihre Kunst machen …

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  15. Es geht gar nicht um frei ausdiskutierbare Inhalte, weil die Diskussion schon nicht von Gleichen geführt wird. Es wird eher diktiert, von Meinungs-Monopolisten, die sich auf Grund erworbener Zertifikate berechtigt sehen. Ob sie diese Zertifikate berechtigterweise besitzen, kann auch nicht mehr angezweifelt werden.

    (Wer eine Approbation besitzt, darf behandeln. Wer heilen kann, aber keine Approbation besitzt, muss sich das Heilen verkneifen, sonst wird er strafrechtlich verfolgt.)

    Wir leben in Zeiten radikaler Vorherrschaft von
    ökonomisierter Naturwissenschaft und Technologie gegenüber Philosophie und Kultur. Es wird –
    und zwar vergeblich – mit allen möglichen Mitteln am sogenannten neuen Menschen gebastelt,
    theoretisch und praktisch, statt dem alten Menschen Bewusstsein für sich und seine Geschichte
    abzuverlangen – was Sache von Philosophie und Kultur sein könnte. Ein Paradox sondergleichen: Unser ganzes Dasein scheint von etwas beseelt, was alles
    andere als lebendig, sondern vielmehr ganz tot ist: Geld.

    Am Sonntag fand ich in einer Zeitung ein großes Interview mit dem Titel „Alles, was Precht“ ist. Daraus ein kurzer, provozierender Ausschnitt:

    http://theater-neu-ulm.de/cmsroot/pdf/precht-interview.pdf

    Was er da sagt, lässt sich auch auf andere Inhalte (zum Beispiel des Theaters, Theatermachens) übertragen.

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  16. Haben wir es hier nicht mit Pendelbewegungen zu tun und erleben, dass das Pendel gerade in Richtung Geld schlägt? Hinzu kommt, dass wir die Zeit, in der wir leben, immer als besonders schlimm ansehen.

    Wirft man einen Blick zurück in die Vergangenheit, dann wird man feststellen, dass solche Äußerungen immer wieder gefallen sind. Philosophie, Literatur und Kunst werden nicht erst seit heute kritisiert.

    Richtig ist aber, dass heute das Geld im Vordergrund steht. Aber ich glaube auch, dass das Pendel irgendwann einmal wieder zurückschlagen wird. Die Frage ist, ob uns das jetzt hilft.😉

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