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Web2.0: eine Herausforderung für Museen? (Teil II)

12 Kommentare

Ein häufig genanntes Argument gegen Social Media-Aktivitäten im Kunst- und Kulturbereich (und nicht nur da) sind die fehlenden Ressourcen und das (noch) nicht vorhandene Wissen. In diese Richtung geht ein Kommentar, der unter Christian Reinboths „Sieben Thesen zum ‚Museum 2.0‘“ zu finden ist, deren erste drei ich gestern vorgestellt habe.

Aber mal ganz ehrlich: welche Neuerung wurde in den letzten, sagen wir, hundert Jahren in Kulturbetrieben eingeführt, weil Geld und Zeit im Überfluss vorhanden waren und man gerade nichts anderes zu tun hatte? Wer etwa Zeit und Geld für das Thema Social Media in die Hand nimmt, investiert in etwas, was ihm einen Nutzen zu bringen verspricht. Wer an diesen Nutzen nicht glaubt, wird nicht investieren. Was dann auch sinn voll ist, denn Geld und Zeit dafür zu verwenden, um am Ende die Bestätigung zu erhalten, dass das Thema eh nur ein Hype ist und dem eigenen Haus nichts bringt, ist Ressourcenvergeudung.

Aber vielleicht trägt die Entwicklung ja dazu bei, die eigenen Ressourcen zu schonen? Christian Reinboth postuliert:

(4) Durch Digitalisate-Datenbanken werden museumsübergreifende Kollektionen ermöglicht.

Reinboth sieht in virtuellen Datenbanken, die die Bestände mehrerer Museen erfassen, eine Chance für die Museumslandschaft, die sich mehr und mehr nach inhaltlichen Themenbereichen verknüpft. So lassen sich Kunstobjekte verschiedener Häuser zum Vorteil der UserInnen online zusammenführen und erlauben Einblicke in Themen, die ein einzelnes Haus unter Umständen so gar nicht zu leisten vermag. Dies ermögliche, so Reinboth, eine ganz neue Museumserfahrung,

„in deren Zentrum nicht mehr isolierte Museen mit ihrer jeweiligen Sammlung stehen, sondern themenbezogen ganz neue Sammlungen auf Zeit zusammengestellt und wieder verworfen werden können“.

Vielleicht  wird in diesem Zusammenhang ja auch Second Life wieder ein Thema, wo solche Datenbanksammlungen dann auch entsprechend in einen visuell interessanten Kontext gestellt werden können.

(5) Für Museen wird die Themenpräsenz im Internet zukünftig wichtiger sein, als die Präsenz unter eigenem Namen.

Das ist ein interessanter Punkt, denn schon vor ca. zwei Jahren ging es um die Frage, ob eine eigene Website überhaupt noch notwendig sei und wenn ja, wie sie aussehen müsse. Die Diskussion kreiste um die Frage, ob die Präsenz in den social networks eine eigene Homepage überflüssig macht. Für das DDR Museum ist die Antwort klar:

Ich weiß nicht, ob Christian Reinboth mit seiner These diese Frage wieder aufleben lassen wollte. Ich denke, ein Museum kann es sich schlichweg nicht leisten, keine Website zu haben, auf der die wichtigsten Informationen zu finden sind. Aber je kleiner und unbekannter ein Museum ist, desto größer die Gefahr, dass niemand auf es aufmerksam wird. Da lohnt es sich dann schon, im Social Web präsent zu sein.

Aber es geht noch um etwas anderes. Es ist ja keine große Leistung, bei Google aufzutauchen, wenn jemand den Namen des Museums eingibt. In so einem Fall auf Platz eins des Rankings zu erscheinen, ist eine Selbstverständlichkeit. Aber wer so sucht, muss zumindest den Namen des Museums kennen, sonst hat er keine Chance. Es sei denn, jemand sucht nicht nach Namen, sondern nach Themen und stößt so auf das Museum. Reinboth spricht von der „thematischen Präsenz“ und hat damit völlig Recht. Es geht nicht darum, über den Namen des Hauses gefunden zu werden, sondern über möglichst viele Schlagworte, die zu dem Museum und dessen Aktivitäten passen. Diese thematische Präsenz ist vor allem für Museen wichtig, deren Bekanntheitsgrad gering ist. Mit Hilfe von Schlagworten erhöhen sie ihre Chance, entdeckt zu werden. Ein Guggenheim Museum hat das nicht wirklich nötig, denn die meisten können mit diesem Namen etwas anfangen.

(6) Museen werden die Wissenskraft digitaler Communities besser nutzen lernen.

„Die Chancen, die sich aus dem Rückgriff auf das Wissen von Communities aus Laien oder Experten für Museen ergeben, werden aktuell erst in geringem Umfang erschlossen, mit der steigenden Interaktivität der Anwendungen dürfte aber auch eine Zunahme der Community-Bedeutung einhergehen.“

Diese Behauptung unterschreibe ich sofort, vor allem was die Bedeutung von Communitys betrifft. Kultureinrichtungen und die sogenannten Laien werden sich mehr und mehr auf Augenhöhe begegnen, zum Nutzen beider Seiten.

(7) Virtuelle Museumsbesuche werden das reale Besuchserlebnis – auch langfristig – nicht ersetzen können.

Die Sorge, dass jemand ein Museum nicht mehr besucht, weil er sich schon alles online angeschaut hat, halte ich für völlig unbegründet. Wobei: so etwas kann durchaus vorkommen, allerdings kann das verschiedene Ursachen haben. Ich könnte z.B. feststellen, dass meine Erwartungen hinsichtlich einer bestimmten Ausstellung völlig falsch sind und ich, so ich sie besucht hätte, maßlos enttäuscht gewesen wäre. Unter Umständen wäre ich deshalb nie wieder in dieses Haus gekommen, nur weil ich einmal ein negatives Erlebnis hatte. Habe ich mich davor online informiert, bleibt mir dieses Erlebnis erspart und die Chance auf einen Besuch erhalten.

Insofern würde ich nicht von „ersetzen“ sprechen, sondern von „ergänzen“. Ich kann mit Hilfe verschiedener Online-Angebote Lust auf den Museumsbesuch machen und so das Internet dazu nützen, dass mehr BesucherInnen kommen. Für mich persönlich ist ja immer noch Second Life ein interessanter Weg, etwas über Museen zu erfahren. Nur leider sind viele SL-Präsenzen verwaist. Eigentlich schade, denn hier ließen sich spannende Dinge entwickeln, um Lust auf einen Ausstellungsbesuch zu machen. Aber nur Bilder anzuschauen, ist zu wenig. Ich habe mich, um obigen Screenshot zu erstellen, wieder mal etwas umgeschaut bei den SL-Präsenzen von Museen. Leider bin ich innerhalb von ca. 30 Minuten niemandem begegnet, was natürlich nicht sehr motivierend ist und unter Umständen Auswirkungen hat, wenn es um die Frage eines Museumsbesuches geht.

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  1. Zum Thema Second Life und Museen. Wenn man einfach ein Museum 1:1 nachbildet, dann ist das halt zu wenig. Es wird dann spannend, wenn ich Dinge mache, die nur im Kontext Second Life funktionieren. Allerdings ist der Aufwand den man in Second Life betreiben muss, um diese Attraktivität zu erreichen, immens.

    Und ich glaube es gibt noch ein zweites grundsätzliches Problem mit Second Life. Das Web 2.0 ermöglicht mir einen individuellen Mix aus Push und Pull. Ich gehe regelmässig auf bestimmte Seiten aber lass mir auch immer mehr Content zuschicken via Feeds. Das heisst, ich bestimme, wann ich welche Informationen abrufen will. Second Life jedoch, lebt zum Grossteil davon, dass man virtuelle Personen vor Ort trifft. Das funktioniert eben nicht zeitversetzt. Und wenn ich dann mehrfach hingeh und keine Sau ist da, tja, dann komm ich halt auch nicht mehr. Das heisst, ich brauche zeitlich klar definierte Events.

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  2. @Axel Vogelsang: da kann ich Dir leider nicht widersprechen. SL ist definitiv kein einfaches Medium, ich selbst dilettiere auch immer noch damit herum.

    Punkt zwei stimmt natürlich auch. Ständig durch völlig verlassene Räume zu wandern, ist eher abtörnend. Aber für Events eignet sich SL recht gut, ich habe auf diese Weise schon ein paar Mal an interessanten Konferenzen teilgenommen, die nur in SL organisiert wurden.

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  3. So, nun habe ich auch den zweiten Teil gelesen und will ihn nicht ganz unkommentiert lassen…

    1) Themenpräsenz: In der Tat ging es mir hier weniger um die Frage, ob eine eigene Webseite erforderlich ist (das Vorhandensein einer solchen als „Zentrum“ einer Web 2.0-Strategie halte ich sogar für essentiell), sondern darum, ob SEO/SEM für Museen zum Thema werden könnte (oder sollte) und wenn ja, wie hier die möglichen Zielstellungen aussehen könnten. Es ist mir bei Vorträgen und Einzelgesprächen schon mehr als einmal passiert, dass ein Museumsvertreter der Ansicht war, die Webseite seines Hauses bedürfe keiner Optimierung, da sie bei einer Google-Suche nach dem Museumsnamen an erster Stelle steht. Wie Du schon richtig anführst, ist das ja aber keine große Kunst – die besteht meines Erachtens nach vielmehr darin, solche Nutzer auf das Museum aufmerksam zu machen, deren Suchanfragen ein inhaltliches Interesse an den im Museum behandelten Themen offenbaren. Wer bereits den Namen des Museums kennt und gezielt nach Informationen über die Einrichtung sucht, findet seinen Weg dorthin ohnehin früher oder später. Sucht dagegen jemand nach „Eisenkunstguss“ und stößt über diese Anfrage auf ein Museum, dessen Existenz ihm bislang unbekannt war, ist der Erfolg sicher als ungleich größer zu bewerten…

    2) Museumsbesuche: In den beiden Vorträgen, die ich zu dem Thema bislang vor einem größeren Publikum aus Museumsvertretern halten konnte, kam der Einwand „Wenn wir unsere Sammlungen über das Netz verfügbar machen, sinken unsere Besucherzahlen“ praktisch unmittelbar auf den Tisch. Auch wenn ich persönlich daran zweifele, dass ein derartiger Zusammenhang existiert, halte ich es inzwischen für wichtig, sich mit dem Argument auseinanderzusetzen, da derartige Befürchtungen natürlich innovationshemmend sind. Unausgesprochen steckt ja auch der Gedanke dahinter, dass der Schaden für das Museum durch Besucherverlust umso schlimmer wird, je besser sich die Einrichtung im Internet aufstellt. Die Aufnahme von Online-Besuchern in die regulären Erfolgsmetriken könnten hier bereits helfen, entsprechende Ängste abzubauen.

    Ich persönlich finde es ja unheimlich spannend, mich auf gut gemachten Museums-Webseiten umzuschauen oder durch Archive wie museum-digital.de zu surfen, den realen Museumsbesuch würde ich deshalb aber niemals aufgeben wollen. Ich bin als Kind zwar nicht im Deutschen Museum, dafür aber im Hessischen Landesmuseum in Darmstadt „sozialisiert“ worden und würde einen Besuch dort der besten Webseite jederzeit vorziehen. Die Befürchtung, dass niemand mehr ins Museum kommt, nur weil man sich Fotos von Exponaten im Internet ansehen kann, halte ich vor diesem Hintergrund für ziemlich überzogen, bin dem Argument aber nun schon so oft begegnet, dass ich für nicht länger ignorierbar halte. Vielleicht bedarf es zur Klärung dieses Punktes ja tatsächlich einmal einer empirischen Studie unter Onlinebesuchern…

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  4. Ich denke, dass Web 2.0 eine gute Ergänzung für das Museum selber ist. Ich als Künstlerin kann mir vorher einen Überblick verschaffen. Es gibt viele Ausstellungen und die Zeit ist begrenzt. Ich suche mir gezielt durch die Museumsseiten die Bilder oder die Künstler heraus, deren Bilder ich sehen möchte. Und um aus den Bildern zu lernen und sie richtig beurteilen zu können, muss ich sie life sehen. Ich möchte dann das Geheimnis des Künstlers lüften und manchmal stehe ich sehr lange (wirklich sehr lange) vor einem Bild und schaue mir die Pinselstriche an.
    Es gibt aber auch Orte, da komme ich einfach nicht hin. Jedenfalls nicht in absehbarer Zeit. Und mir dort im Internet einen Überblick zu verschaffen, das ist dann einfach klasse. Wie drückte es eine Besucherin meines Blogs aus: Sie kann eine ganze Ausstellung anschauen, ohne von zu Hause weg zu gehen.
    Die Museen bekommen also Besucher, die sie definitiv vorher nicht gehabt hätten….🙂
    Gruß Susanne

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  5. @Christian Reinboth: auch hier,sorry, dass ich den Kommentar erst jetzt im Spamfilter entdeckt habe.

    Zur Themenpräsenz: in dieser Hinsicht muss einfach noch Aufklärungsarbeit gemacht werden. Eigentlich reicht es ja, wenn man sich anschaut, über welche Suchbegriffe die UserInnen auf die Museumswebsite gekommen sind. Aber das Argument, man stehe eh bei Google mit dem Namen auf Platz eins und brauche daher keine Optimierung, das kenne ich.🙂

    Wahrscheinlich lehnen sie die Optimierung ab, weil sie glauben, dass das mit hohen Kosten verbunden sei. Auch ich betreibe hier auf diesem Blog SEO, aber das ohne großartige Tricks, basierend auf den Erkenntnissen, die mir die Statistiken von WordPress liefern und auch ohne Kosten.

    Das Argument, dass Online-Besucher dann nicht mehr das Museum besuchen kommen, kenne ich natürlich auch. Hier stehe ich, ehrlich gesagt, etwas an, denn ich weiß auch nicht, wie ich hier überzeugen kann. Vielleicht möchte mal jemand eine Diplomarbeit zu diesem Thema schreiben und untersuchen, ob der Besuch der Online-Präsenzen eines Museums dazu führt, dass das Museum nicht mehr besucht wird? Damit wäre vielen geholfen!

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  6. @Christian Henner-Fehr: Obwohl ich das Google-Namens-Argument mittlerweile schon ziemlich oft gehört habe, kann ich es immer noch nicht ganz nachvollziehen. Jeder Autohändler oder Hotelier versteht sofort, warum es für ihn wichtiger ist, unter „Gebrauchtwagen Düsseldorf“ oder „Hotel Harz“ gefunden zu werden, als unter „Auto-Paule“ oder „Steinmeier-Hotel“. Dagegen begegnen mir immer wieder Museumsvertreter, die der Ansicht sind, es sei vollkommen ausreichend, wenn ihre Einrichtung unter „Museum XY“ gefunden wird, und die mit diesem Argument eine inhaltliche Optimierung ablehnen (die oft recht einfach und mit geringen Kosten durchführbar wäre, das viele Begriffe aus dem Kunst- und Kulturbereich kaum „umkämpft“ sind). Ein wenig Basis-SEO um überhaupt eine Chance zu haben, für die eigenen Inhalte gefunden zu werden, sollte eigentlich im Interesse jedes Verantwortlichen sein – leider hat sich diese Erkenntnis noch nicht allgemein durchsetzen können…

    Ähnlich ist es mit dem Argument, dass Online-Besucher nicht mehr ins Museum kommen. Auch das höre ich immer wieder und kann es nur schlecht entkräften, obgleich mir die dahinter stehende Annahme völlig unsinnig zu sein scheint. Ich jedenfalls bin schon manches Mal durch einen interessanten Online-Auftritt erst zum Besuch eines Museums animiert worden – und den Interessenten, die aus geographischen Gründen ohnehin nie in eine Ausstellung kommen würden, über das Netz einen Blick auf die Exponate zu ermöglichen, gehört meines Erachtens nach ohnehin zum Bildungsauftrag der Museen dazu.

    Auch das vielleicht ein Problem, dass sich durch die Integration der Online-Statistik ins Kennzahlensystem beheben ließe – auch wenn die Lösung sicher keine elegante ist… Besser wäre natürlich eine empirische Untersuchung zum Thema, die eine Befragung unter „echten“ und virtuellen Museumsbesuchern umfassen könnte bzw. sollte. Ließe sich der meines Erachtens nach viel wahrscheinlichere Zusammenhang („echte“ Besucher informieren sich vor dem Besuch im Internet über das Museum und virtuelle Besucher fühlen sich durch gut gestaltete Webseiten zum Besuch animiert) mit Zahlen untermauern, würde dies die Entkräftung entsprechender Befürchtungen sicher erleichtern.

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