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Kein Publikum, keine Förderung, ja und?

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Hagen Kohn hat vor ein paar Tagen zu einer Blogparade aufgerufen, die den fortschreitenden Abbau der Kulturförderung thematisieren möchte. Um die Wirtschafts- und Finanzkrise in den Griff zu bekommen, haben die Staaten gewaltige Summen ausgegeben. Geld, das sie nicht haben und das sie nun auf irgend eine Weise wieder hereinbekommen müssen. Auch Kunst und Kultur werden unter diesen Sparbemühungen leiden, wobei klar ist, dass diese Haushaltsposten die öffentlichen Budgets nicht retten werden können, denn sie sind schlichtweg zu klein.

Passend dazu bin ich gestern via Twitter auf einen Artikel in See-Online, der Onlinezeitung für den Bodenseeraum aufmerksam geworden, in dem Martin Tröndle, Juniorprofessor für für Kulturbetriebslehre und Kunstforschung an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen den Konzert- und Opernhäusern einen dramatischen Niedergang prophezeit. Nebenbei bemerkt ist die Art und Weise, wie ich auf den Artikel aufmerksam gemacht worden bin, ein Beleg dafür, dass in einem gut funktionierenden Netzwerk relevante Informationen zu einem kommen und nicht umgekehrt. Wie schrieb Matthias Schwenk auf Google Buzz so nett:

„An Dich habe ich dabei gedacht, deshalb der Retweet! :-)“

Danke Matthias, aber zurück zum Thema. Den Niedergang prophezeit Tröndle den Kulturbetrieben, weil deren Publikum immer älter werde. Was aber nicht nur auf den Anstieg des Durchschnittsalters zurückzuführen sei, denn

„das Durchschnittsalter des Klassik-Publikums (ist) in den vergangenen 20 Jahren dreimal so schnell angestiegen (um rund 11 Jahre) wie das Durchschnittsalter der Bevölkerung (rund 3,4 Jahre)“,

wird Tröndle in dem Zeitungsartikel zitiert. Sich darauf zu verlassen, dass die Jüngeren älter werden und sich dann für die klassische Musik interessieren, hält er für falsch, denn hier handle es sich um einen Kohorteneffekt. Mit dem Thema Kohorteneffekt hat sich Greg Sandow schon vor längerer Zeit in einem Blogpost beschäftigt (siehe dazu mein Blogpost „Wer hört eigentlich klassische Musik?„). Und auch Sandow kommt zu dem Ergebnis, dass man nicht darauf warten könne, dass sich jemand mit fortschreitendem Alter für die, in diesem Fall, klassische Musik zu interessieren beginne, sondern es gelte, entsprechende Konzepte zu entwickeln, um Menschen für die klassische Musik zu begeistern.

Das Blogpost von Greg Sandow ist im November 2006 veröffentlicht worden. Die entsprechenden Studien des NEA (National Endowment for the Arts) stehen hier seit Jahr und Tag online zur Verfügung. So neu ist die Erkenntnis von Martin Tröndle also eigentlich nicht. Wenn in dem Artikel der folgende Absatz aus seinem Buch Das Konzert zitiert wird:

„Obwohl sich die Rahmenbedingungen des Konzerts etwa durch die technische Reproduzierbarkeit von Musik, den Siegeszug des Visuellen und des Virtuellen, ein verändertes Arbeits- und Freizeitverhalten, die Ausdifferenzierung und Pluralisierung der Lebensstile oder die Ökonomisierung nahezu aller Lebensbereiche maßgeblich gewandelt haben, dominiert das standardisierte bürgerliche Konzertwesen, dessen Höhepunkt zwischen 1870 und 1910 lag, bis in die Gegenwart den Musikbetrieb“,

dann heißt das auf gut Deutsch: da wurde eine Entwicklung verschlafen. Und daraus resultierend sei die Frage gestattet, warum ein Bereich an, wie Tröndle es nennt, völlig veralteten Darstellungsformen festhält und dafür dann noch Förderungen erhalten soll?

Das Problem besteht unter anderem darin, dass, so Tröndle, die Fördergelder für den Erhalt des Bestehenden eingesetzt werden, aber nicht für Innovationen. Wer also brav so weiter tut wie bisher, hat einerseits ein schwindendes Publikum und seit einiger Zeit auch ein schwindendes Budget. Was sollte daran so schlimm sein?

Nun werden unter Umständen einige einwenden, dass Kunst und Kultur für die Gesellschaft einen hohen Wert besitzen. Dass sich Kunst in für die Gesellschaft wichtige Themen einmischt und so das (Problem)-Bewusstsein der Bevölkerung beeinflusst. Schön und gut, darauf wird zwar seitens der Kulturpolitik (manchmal) und seitens der  Kunst (häufig) hingewiesen. Nur leider kommt diese Botschaft nicht an, wie die Studie „The Arts Ripple Effect“ des Fine Arts Fund in Cincinatti zeigt (siehe dazu mein Blogpost „Kunst und Kultur: mehr als nur Unterhaltung?„). Die meisten Menschen betrachten dieser Studie zufolge den Konsum von Kunst und Kultur als Privatvergnügen und sehen daher nicht ein, warum dieser Bereich öffentlich finanziert werden muss?

Das heißt: Kunst und Kultur halten häufig an Jahrhunderte alten Konzepten fest, die Kulturpolitik hat eigentlich aufgehört zu existieren und diejenigen, für die Kunst gemacht wird, stehen der ganzen Sache eher gleichgültig gegenüber, weil Kunst und Kultur einen immer geringeren Teil ihres Freizeitvergnügens ausmachen.

Ich denke, dass Kunst und Kultur durchaus einen hohen gesellschaftlichen Wert haben können. Aber dann sollten sie diesem Anspruch erstens gerecht werden und zweitens dafür etwas tun. Die oben erwähnte Studie des Fine Arts Fund gibt dazu einige Anregungen, auch der Blick in das von Charles Leadbeater herausgegebene eBook „Remixing Cities: Strategy for the City 2.0“ lohnt sich (siehe dazu mein Blogpost „Remixing arts and culture„). Sowohl in der Studie als auch im eBook taucht oftmals das Wort Partizipation auf. Partizipation ist in meinen Augen einer der entscheidenden Ansätze, um die Menschen bei den rasanten Veränderungen, die wir derzeit erleben, mit ins Boot zu holen. Nur wo lassen sich in Kunst und Kultur partizipative Ansätze finden? Mitklatschen im Konzert ist damit jedenfalls nicht gemeint.

Manches in diesem Beitrag mag etwas polemisch klingen. Zugegeben, aber ich denke, wenn es Kunst und Kultur nicht gelingt, sich selbst aus dem Sumpf zu ziehen, dann wird es mit jedem Jahr etwas weniger Geld, etwas weniger Angebote, aber auch etwas weniger Publikum geben. Und irgendwann ist das dann eine nette exotische Sache, die entweder der Behübschung dient oder verständnislos mit einem Kopfschütteln quittiert wird. Bevor sich Kunst und Kultur über sinkende Förderungen aufregen, sollten erst einmal die Hausaufgaben gemacht werden. Wirklich viel Zeit ist dafür nicht mehr.

Zurück zur Blogparade von Hagen Kohn: natürlich ist es unsinnig, wenn die Politik die BürgerInnen Glauben machen möchte, dass mit Einsparungen im Kunst- und Kulturbudget die Krise der öffentlichen Budgets überwunden werden kann. Nur ganz ehrlich: sollte es nicht um ganz andere Themen gehen? Hagen Kohn fordert in seinem Beitrag einen „bundesweit verbindlichen Mindestprozentsatz für die Kulturförderung“. In Ordnung, aber die Frage sei erlaubt: wofür?

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  1. Super Beitrag, danke! Ich finde was du schreibst gar nicht polemisch, sondern vollkkommen korrekt. Die klassischen Kulturinstitutionen müssen erklären können, warum ihre Branche förderungswürdig ist, Pop/Rock und Jazz aber nicht. Vieles im zeitgenössischen Theater oder in der sog. Neuen Musik veranlasst lediglich ein paar Kritiker zur Diskussion – gesellschaftliche Relevanz: Fehlanzeige.

    Was mich aber veranlasst hat, eine Blogparade zu starten, ist das offenkundige Desinteresse kommunaler Politiker gegenüber Kultur allgemein und der Hang, diese im Rahmen von Haushaltsdebatten immer wieder zu instrumentalisieren.

    Vielleicht könnte die Lösung so aussehen: einen Mindestsatz an Kulturförderung verbindlich festlegen (z.B. per Bundesgesetz), ABER das Geld auf die Einrichtungen verteilen, deren Arbeit gesellschaftliche Relevanz besitzt (Politischer Diskurs, Bildung, sozialer Einfluss).
    Partizipation des Publikums ist hier sicher die überzeugendste Möglichkeit, dies zu beweisen.

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  2. Pingback: Die große Kulturkrise? « Kulturbeutel

  3. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man die Probleme politisch lösen kann (Stichwort Mindestsatz an Förderung). Wer legt denn fest, was gesellschaftlich relevant ist? Sind Stadttheater relevant oder nur die großen Bühnen, über die überregional geschrieben wird? Neue Musik oder die traditionellen Kulturorchester? Ich glaube, da lässt man sich auf eine Diskussion ein, die zu nichts führen kann und die auch nicht zu beantworten ist. Partizipation ist schön und gut, aber auch kein unbedingtes Kriterium für Relevanz. Ich glaube allerdings, dass Partizipation ein guter Weg ist, um Begeisterung für Kultur zu wecken und ihr damit zu Relevanz zu verhelfen. Ich denke da z.B. an das „Rhythm is it“-Projekt oder „Jedem Kind ein Instrument“.

    Tröndles Argumentation in dem verlinkten Artikel kann ich nicht nachvollziehen, da ich meine, dass Form (der Darbietung) und Inhalt (Kunstwerk) nicht losgelöst voneinander existieren können, sondern sich gegenseitig bedingen. Ich habe mal Mahlers Vierte in einer mecklenburgischen Scheune gehört, in der eine Schwalbenfamilie ihr zu Hause hatte. War ganz witzig, funktionierte aber nicht wirklich, weil Mahler nicht die akustischen Bedingungen von norddeutschen Scheunen vor Ohren hatte beim Komponieren und die Schwalben sich auch nicht an die Noten halten wollten. Das Regietheater, das Tröndle anführt, ist ein weiterer guter Beleg gegen seine eigene These: Das ist rein pseudo-innovativ im Sinne der „Eventisierung“, die er ablehnt. (Im übrigen ist Innovation ein Begriff, der immer auch die Marktfähigkeit von Produkten und Leistungen einschließt. Man müsste also erstmal diskutieren, ob dieser Begriff für das Kulturmanagement passt, wo es nicht unbedingt um Marktfähigkeit der Leistungen geht.)

    Die traditionelle Kultur ist in sich museal, da kann man sich auf den Kopf stellen. Die Gesellschaft muss deshalb definieren, was ihr der Erhalt wert ist. Das lässt sich m.E. nicht dauerhaft festschreiben, sondern muss kontinuierlich in der Diskussion bleiben. Ich denke, je klarer sich die Akteure und Befürworter traditioneller Kultur darüber sind, was diese „leisten“ kann und was nicht, umso eher lassen sich auch andere Personen von ihrer Relevanz überzeugen. Mahler in der Scheune und „Carmen in der Damensauna“ (W. Schneyder) sorgen zwar kurzfristig für Aufmerksamkeit, sind da m.E. langfristig nicht sehr hilfreich.

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  4. Tja, das ist mir auch schleierhaft, wie der ganze Klassikbetrieb vor dem Aussterben gerettet werden kann. Die Rezeption klassischer Musik hat doch auch was mit Bildung bzw. kulturellem Kapital zu tun und wo das fehlt, wird es schwierig. Aber man blieb einfach zulange unter sich in dieser Szene. Es hat wahrscheinlich nicht viele gestört, dass der Klassikbetrieb eine geschlossene Gesellschaft ist, die sich um sich selbst dreht.

    Nun kommen die Spar- und Streichattacken und man bittet um gesellschaftliche Solidarität. Aber da kommt nun ins Spiel, was B.Kanter vor kurzem sagte: Build your network bevor you need it. Das heißt, Netzwerke in den gesellschaftlichen Raum muss man frühzeitig bilden, denn sonst sind sie nicht da, wenn man sie braucht.

    Ebenso ist die Vernetzung innerhalb des Nonprofit-Sektors dringend notwendig. Oftmals kämpfen soziale/kuturelle/Sportvereine parallel zu einander, statt dass sie auf kommunaler Ebene ihre Anstrengungen bündeln. Jeder bleibt in seinem Bereich, sieht die eigenen Sorgen, erlebt die anderen als Konkurrenz. Politisch wirksamer sind aber Bündnisse über Sektorengrenzen hinweg.

    Diese sollten nicht nur – wie derzeit – gegen Sparvorschläge protestieren, sondern – wie im Artikel angesprochen – auch auf Innovation setzen und auf neues Publikum und neue Unterstützer, die man sich aber erst (in mühevoller Arbeit) suchen muss.

    Um einen Anreiz für Unterstützer zu schaffen, ist Partizipation sicher ein zentrales Thema – nicht nur im Kulturbereich, sondern im ganzen Nonprofit-Sektor.

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  5. @Hagen: woher sollte das Interesse der Kulturpolitik denn kommen? (Kultur)-PolitikerInnen haben den eigenen Machterhalt im Sinn, so etwas wie das Gemeinwohl interessiert da nur am Rande.

    Ich glaube auch nicht, dass sie das Thema Kulturförderung instrumentalisieren. Derzeit klafft ein großes Loch in den Budgets und das gilt es zu stopfen. Ansetzen werde ich entweder dort, wo der Widerstand am geringsten ist oder ich verteile die Kürzungen gleichmäßig über alle Ressorts. Um Inhalte geht es da nicht, also ist es auch müßig, sich mit den Gründen zu beschäftigen, die dann als Argument herhalten müssen. kannst Du Dich an einziges Argument erinnern, dass Dich diesbezüglich in den letzten zehn Jahren nur ansatzweise überezugt hat? Mir fällt keines ein.

    @Kulturblogger: diese Fähigkeit traue ich der (Kultur)-Politik auch nicht zu. Wer sich darauf verlässt, hat schon verloren. Die enge Verbindung von Form und Inhalt sehe ich nicht als gegeben an. Das Theater in der Antike ähnelte eher einem Stadium und demnetsprechend ging es dort auch zu. Warum sollte das nicht funktionieren? Klar, wir sind anderes gewöhnt, aber ansonsten?

    Auch den Vorwurf der „Eventisierung“ lasse ich so nicht gelten. Wer schreibt uns denn vor, wie Kunst zu funktionieren hat? Müssen wir da wirklich andächtig lauschend und in uns gekehrt als Ahnungslose dankbar sein, dass wir bei dem Ereignis dabei sein dürfen? Ist die Impressionismus-Ausstellung, die in der Albertina stattgefunden hat, abzulehnen, weil sie mehr Eventcharakter hatte als eine nur schlecht besuchte Aussstellung in einem anderen Museum? „Art as the social hub“ gefällt mir immer noch ganz gut als Leitspruch.

    Wenn die traditionelle Kultur museal bleibt, dann wird sie früher oder später die Legitimation öffentlicher Unterstützung verlieren. Wenn die meisten Menschen, wie oben im Beitrag geschrieben, Kunst als Freizeitvergnügen betrachten und niemand genau weiß, worin der gesellschaftliche Nutzen eigentlich besteht, dann kann das nicht funktionieren.

    @Brigitte, Du sprichst die wichtigen Punkte an: Netzwerke bauen und partizipative Ansätze entwickeln. Wer das nicht rechtzeitig macht, ist früher oder später weg vom Fenster, mache wir uns doch nichts vor. Wer heute noch auf die KulturpolitikerInnen setzt, ist entweder grenzenlos optimistisch oder einfach nur naiv.

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  6. @Kulturblogger
    Ich finde durchaus, dass es Relevanzkriterien gibt, z.B. die Zahl derer, die sich für eine Kultureinrichtung interessieren und sich optimalerweise auch für diese engagieren (Partizipation!). Wenn einem Theater die Besucher weglaufen, weil handwerklich schlecht gemachte Inszenierungen gezeigt werden oder der Spielplan einfach langweilig ist, spielt es am Publikum vorbei. Und da spielt nicht nur das Budget eine Rolle. Ich meine Relevanz also weniger im absoluten Sinne, sondern in Hinblick auf Aufmerksamkeit/Interesse. Auch das Kriterium Unterhaltung ist für mich kein Tabu (die Allermeisten gehen nun einmal aus diesem Grund ins Konzert oder ins Theater – ich auch).
    Weiterhin würde ich auch soziales/pädagogisches Engagement als Kriterium werten, aber hier sind wir uns glaub ich einig – „Rhythm is it“ ist da ein hervorragendes Beispiel. Man sollte auch nicht übersehen, was sich in den letzten 10-20 Jahren POSITIV verändert hat.

    @Christian
    Bezüglich der Kulturpolitik hast du leider nicht unrecht. Ich erwarte aber von einem halbwegs intelligenten Bürgermeister oder Kulturdezernenten, dass er Kultur auch als Standortvorteil und Imagefaktor begreift. Da hat Klaus Wowereit (über den ich normalerweise keine Lobeshymnen singe) seinen Kollegen in NRW einiges voraus.

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  7. @Hagen Ich finde auch, dass es Relevanzkriterien gibt, so ist es nicht. Ich glaube nur, dass selbst wir paar, die hier diskutieren, schon größte Mühe hätten, uns auf welche zu einigen. Warum z.B. soll soziales Engagement für eine Kultureinrichtung ein Finanzierungskriterium sein? Ein Motto der Kulturförderung (in DL) ist ja, „zu fördern, was es schwer hat“. Das finde ich grundsätzlich auch einen sinnvollen Ansatz. Aber das sind typischerweise Kunstwerke, deren Relevanz nicht jedem gleich ins Auge springen, sondern die sich oftmals erst längerfristig zeigt, zum Beispiel im Einfluss auf andere Künstler. Ansonsten glaube ich nicht, dass Kulturpolitiker ignoranter sind als andere. Die Handelskammern und Unternehmensverbände verzweifeln an den Wirtschaftspolitikern genauso wie die Bundeswehrfunktionäre an den Verteidigungspolitikern und die Ärzte an den Gesundheitspolitikern usw. usf. Das ist in meinen Augen eher ein allgemeines Systemproblem als eine systematische Benachteiligung der Kultur.

    @Christian Wie Kunst „zu funktionieren“ hat, schreibt der Künstler in Bezug auf seine Werke vor, weil er dem Inhalt eine spezifische Form gibt und beides zusammen das Kunstwerk in seiner Einzigartigkeit ausmachen. Natürlich ist es – zumindest nach 70 Jahren – nicht mehr verboten, Kunstwerke zu sampeln, zu bearbeiten, neu aufzulegen, als Inspiration zu nutzen, auch nicht, sie zu verwursten oder was auch immer mit ihnen zu machen. Aber wenn dem Spezifischen eines Werkes nicht mehr Rechnung getragen wird, dann sehe ich auch keinen Grund, warum das öffentlich finanziert werden sollte. Warum nutzt man das Geld dann nicht lieber, um wirklich neue Kunstwerke zu ermöglichen anstatt alte – in Form von mehr oder weniger originellen Konzertereignissen oder Inszenierungen – neu aufzugießen. Traditionelle Kultur kann als solche nur „museal“ (im besten Sinne) sein oder aber nicht mehr traditionell, das ergibt sich für mich schon aus der Begrifflichkeit. Wenn sie aber nicht mehr traditionell ist oder sein soll, dann finde ich es konsequenter und auch spannender, gleich ganz neue Kunst zu machen. Warum also nicht lieber einen jungen Komponisten mit einem Werk beauftragen, das man in einer Scheune aufführen kann und das speziell für diesen Ort konzipiert ist? Jede Wette, dass das Ergebnis künstlerisch ungleich innovativer und interessanter gewesen wäre, als die Interpretation von Mahlers Vierter, deren Facettenreichtum, der sie ausmacht, in diesem Setting (logischerweise) einfach abgeschmiert ist.

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  8. Mahlers Vierte in der Scheune mit Schwalbengesang ist ein schönes Bild. Hätte eine Schwalbe dem Dirigenten auf den Kopf geschissen, wäre das ein Lacher gewesen. Bei der Aufführung von klassischer Kunst darf gelacht werden. Die meisten Anhänger der ernsten Musik sind aber allzu ernsthafte Leute. Leider lässt sich so ein Volgelschmatz nicht geplant in ein Konzert einbauen, sonst hätte so eine Aufführung tatsächlich gesellschaftspolitische Relevanz. Aber wer fördert so was? Vielleicht ein Vogelfutterfabrikant? Wer auf dem Facettenreichtum von Mahlers Vierter besteht, der fordert seinen eigenen habituellen Geschmack als Maßstab. Gerade dieser feine, gezüchtete Geschmack im erlesenen akkustischen Raum ist die Hemmschwelle für Menschen mit einfachem gesellschaftlichen Hintergrund, klassische Konzerte zu besuchen. Da ist also eine Scheune einfach ein anderes, unvergleichliches Erlebnis, das man auch als ErntehelferIn genießen kann.
    Gefördert wird, was Interessen der Förderer befriedigt. Das sollte aber kein Grund für KünstlerInnen sein, diese Interessen zu bedienen, nur damit die Kasse klingelt und der mediale Ruhm steigt.
    Danke Christian für Deine klaren Aussagen. Die Kulturtreibenden sollen sich um ihr Publikum selber kümmern und nicht um Förderungen jammern.

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  9. @Kulturblogger: Warum sollte solche Kunst dann nicht mehr gefördert werden? Baut Kunst nicht auf Kunst auf? Oder anders gefragt: Ist nicht jedes Kunstwerk im Grunde genommen so etwas wie ein Mashup?

    Grundsätzlich ging es mir aber nicht um die Kriterien, ob, wann und was gefördert wird, sondern was die Kunst tut, um dieses System aufrecht zu erhalten? Nur immer zu jammern, wie @Wolfgang schreibt, reicht einfach nicht. Wolfgang, Du beschreibst das eigentlich recht schön. Erst kommt die eigene Idee, die eigene Kunst und dafür setzt man sich ein. Ob das dann gesellschaftliche Relevanz besitzt, entscheidet sich doch erst später.

    Wer vorweg auf dieses Argument pocht, um z.B. Förderungen zu erhalten, ist entweder ein hellseher oder vermessen.

    @Frank: Mir ist in der Antwort auf Deinen Kommentar (siehe Dein Link) dieser Satz ins Auge gefallen: „Beim Literaturhaus freue ich mich einfach über die schönen Veranstaltungen – auch wenn mir derzeit leider meist die Zeit fehlt.“ Das ist das Problem: alle finden die Kunst irgendwie nett, aber leider hat keiner Zeit hinzugehen. Bleibt die Frage, ob es auf dieser Grundlage Förderungen geben muss bzw. soll?

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  10. @Wolfgang Wenn die Schwalben getan hätten, wie du sagst, dann hätte man wohl nicht nur 1500 neue Mahler-Fans, sondern auch gleich noch 1500 Fans fürs Action Painting gewonnen?!😉 Im Ernst: Die „Erntehelfer“ sucht man natürlich auch in der Scheune vergebens. Es ist das ganz normale Festival-Publikum, das mal den Anzug und das Kostüm zu Hause lässt, aber auch in diesem Aufzug einen ganz normalen Konzertsaal aufgesucht hätte. Wenn es wirklich so einfach wäre, dann würden wir diese Diskussion nicht führen. Ohne den „gezüchteten Geschmack“ (ich würd es eher kulturelle Bildung nennen), ist Mahler weder in der Scheune noch im Konzertsaal ein Vergnügen, sondern einfach langweilig.

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  11. @Wolfgang
    Ich würde deine letzte Aussage leicht modifizieren: Kulturtreibende MÜSSEN sich um ein Publikum bemühen, dürfen aber auch für innovative Kunst Unterstützung erwarten.

    Hier ein Beispiel für ein Berliner Theater, das sich neu ERfunden und sein Publikum GEfunden hat: http://www.hebbel-am-ufer.de/
    Ich persönlich kann mit dem Programm nicht viel anfangen, würde aber jederzeit für eine Förderung plädieren (ohne die ein solches Haus sofort dichtmachen könnte).

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  12. Ich stelle mir gerade vor, dass die Kulturförderung für die kulturelle Bildung der Jugend an den öffentlichen Schulen ausgegeben wird.

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  13. @Christian Ja. Meine Frage ist: Warum werden nicht die neuen „Mashups“ gefördert, also die originären Kunstwerke, die heute entstehen (und die natürlich auf einer Tradition aufbauen) und die spezifisch auf das reagieren, was heute passiert? Und warum wird die Tradition nicht als Tradition unterstützt, sondern als Ersatz für die „neuen Mashups“? Deswegen meine Idee: etwas wirklich Neues, Passendes für die Scheune und Mahler bewährterweise weiterhin im Konzertsaal.

    @Wolfgang: Das wäre wohl das effektivste und nachhaltigste. In der Ausgabe 09/2005 von „Das Orchester“ gibt es dazu einen hochspannenden Artikel über eine Studie die belegt, dass Musikmachen im Kindesalter das wirksamste Mittel gegen leere Konzertsäle in 50 Jahren wäre.

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  14. Hallo Christian,
    tja da legst Du den Finger in die Wunde und Du hast schon ein wichtige Aussage gefunden, interessant und keiner geht hin. Es gibt bei uns einen Fördergrundsatz für die Theater. Ein wesentlicher Teil der Förderung ist an die Entwicklung der Besucherzahlen geknüpft. Also es geht nicht um die absolute Zahl😉 Damit haben auch kleine Einrichtungen die Chance sich zu empfehlen.
    Ich habe übrigens ein interessantes Gespräch am Rande eines Interviews. Der Journalist sagte, dass Kunst auch verständlich sein muss und Qualität zeigt sich auch dadurch, dass man Menschen erreicht. Er vergleich dabei eine „hochgestochene“ Ausstellung, Besucher bei der Vernissage 12 und in den darauffolgenden Tage 5 – 10. Ein Professor mit den Möglichkeiten eines Lehrstuhls einer Hochschule – ???? Die Ausstellung wurde von einem Kunstverein und dem Land gefördert. Wozu? Des Namens wegen. Der Kunst als Selbstzweck wegen …
    Ich hoffe, dass die Schüler des Proffs ihn überflügeln.
    Hierfür Regeln zu finden, die von vielen akzeptiert werden, ist die Schwierigkeit.

    FRank

    FRank

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  15. Danke für die vielen Kommentare!🙂 Wolfgang, aus Deinem Vorschlag, der, wie Christian schreibt, sicher am nachhaltigsten wäre, ergibt sich für mich dann die Frage: was würde denn die Kunst dazu sagen? Schließlich würde nicht mehr in die Anbieter, sondern in die Nachfrager investiert?

    Darauf eine Antwort zu finden ist sicher nicht leicht. Mir ging es mit diesem Beitrag ja vor allem darum, diesen „Reflex“ zu kritisieren, erst einmal etwas von den anderen zu verlangen. Mir ist klar, dass es nicht so ganz einfach ist, Förderungen zu begründen bzw. ein sinnvolles Modell zu finden. Aber diese Aufgabe steht an, denn das derzeitige Modell kracht bereits an allen Ecken und Enden.

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  16. Mal so herum gefragt: Warum soll die öffentliche Hand eigentlich eine Musikkultur fördern, die manchmal erschreckend undemokratische Strukturen aufweist oder befördert?

    Dass ein GMD ernsthaft alleine über Gastdirigenten bestimmen dürfen zu müssen glaubt (wie Thielemann in München), ist doch ein Unding. Das Orchester „gehört“ der Stadt und den Bürgern. Die müssen doch mit dem Klammerbeutel gepudert sein, wenn sie einem „Sonnenkönig“ so viel Macht übertragen, eine Macht übrigens, die keinen Raum für die Entwicklungswünsche des Orchesters lässt.

    Was natürlich auch auf den Theaterbetrieb übertragbar ist. Jeder kennt sie, die Intendenaten, bei den immer die selben Regisseure, immer die selben Autoren, immer die selben Schauspieler zum Zuge kommen, die sich einen kompletten Hofstaat halten und damit alle paar Jahre von Intendanz zu Intendanz weiter ziehen … Aber bitte nicht von meinem Geld.

    Besonders schlimm: die Ausbildungwege. Irgendwann las ich von einer Klavier-Studentin, dass sie auf 50 Stunden Üben pro Woche käme. Das wären mindestens sieben Stunden pro Tag (7×7=49). Ich halte das für unmenschlich. Was bedeutet das für die Musikkultur? Ja, wollen wir Bürger eine Musikkultur, in der Musikstudenten glauben, 50 Stunden pro Woche am Klavier sitzen zu müssen, um Aussicht auf eine berufliche Zukunft zu haben?

    Ich fände es schön, wenn die Budget-Diskussionen auch mit inhaltlichen Diskussionen verbunden würden. Als Bürger möchte ich weder Dirigenten-Sonnenkönige noch die Ausbildung von Klavier-Robotern oder die Entourage von Intendanten finanzieren. Und übrigens auch kein drittes Konzerthaus im Ruhrgebiet, wie ich inzwischen meine …

    Freundliche Grüße

    HG

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