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„Schöne“ Kunst macht hilfsbereit

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© Rainer Sturm; Pixelio

Haben Sie sich eigentlich schon mal gefragt, warum im Rahmen einer Spendengala viele KünstlerInnen auftreten? Klar, nur die ganze Zeit die Kontonummer aufsagen, wird wahrscheinlich eher abschrecken denn zum Spenden animieren. Aber das – in der Regel – musikalische Rahmenprogramm ist noch aus einem anderen Grund wichtig. Eine Studie hat nämlich herausgefunden, dass ein schönes und vor allem erbauliches Kunsterlebnis unsere Hilfsbereitschaft erhöht, berichtet der ORF auf seiner Website.

Die im Rahmen solcher Sendungen gesammelten Spenden sind nicht nur das Ergebnis unseres Mitleids, sondern hängen auch „mit dem Gefühl der Erbauung, das wir beim Betrachten guter Taten und virtuoser Handlungen verspüren“, zusammen, wie der ORF schreibt. Die für die Studie konzipierte Versuchsanordnung teilte die Probandinnen in zwei Gruppen und führte ihnen zwei unterschiedliche Videos vor. Während die einen einen Ausschnitt aus einer Show sahen, in der sich Musiker für die Unterstützung bedanken (Erbauungsvideo) , sah die andere Gruppe einen Ausschnitt aus einem Naturfilm (Kontrollgruppe).

Das Ergebnis: die Mitglieder der ersten Gruppe zeigten sich

„‚bewegter‘, ‚hilfsfreudiger‘ und insgesamt ‚optimistischer gegenüber der Menschheit'“,

wie es in der Meldung heißt. Außerdem war ihre Bereitschaft, an einem weiteren, aber unbezahlten Experiment teilzunehmen, höher als in der anderen Gruppe.

Da es bis zu diesem Punkt nur um Absichtserklärungen ging, sollte in einer weiteren Studie das praktische Verhalten untersucht werden. Diesmal wurden die Probandinnen in drei Gruppen eingeteilt, von denen zwei die oben erwähnten Videosequenzen sah, währen die dritte Gruppe einen Ausschnitt aus einer „amüsanten“ TV-Serie vorgesetzt bekam (Spaßgruppe). Im Anschluss an ein zum Schein abgebrochenes Experiment, für das sie trotzdem das vereinbarte Honorar erhielten, wurden sie kurz vor dem Verlassen des Raumes gefragt, ob sie noch ohne Honorar einen „langen und langweiligen“ Fragebogen ausfüllen würden, wobei sie die Möglichkeit hätten, die Beantwortung jederzeit abzubrechen.

Während sich die Mitglieder der beiden Gruppen, die die Sequenz aus dem Naturfilm und der TV-Serie gesehen hatten, rund 20 Minuten Zeit dafür nahmen, war es bei der Gruppe, die die Show mit den Musikern gesehen hatte, die doppelte Zeit.

„Sie waren also doppelt so hilfsbereit wie ihre Kolleginnen, manche verbrachten mehr als die ursprünglich anberaumte Zeit von einer Stunde im Experimentierraum“,

heißt es im ORF-Text. Die an der Studie beteiligten Psychologinnen kamen daher zu dem Schluss:

„Erbauung sei ein eigenständiges Gefühl, dass sich von der einfachen ‚guten Stimmung‘ unterscheide und unser Verhalten positiv beeinflussen kann.“

Zwar sei die Studie nur mit Frauen durchgeführt worden, man könne aber davon ausgehen, dass Männer das gleiche Verhalten an den Tag legen, heißt es weiter.

Ich finde die Ergebnisse äußerst interessant. Zwei mögliche Konsequenzen: erstens sind KünstlerInnen bei Benefizveranstaltungen nicht nur schmückendes Beiwerk, sondern tragen entscheidend dazu bei, dass Spendengelder fließen. Zweitens sollten diese Erkenntnisse in die Fundraisingstrategie der Kulturbetriebe selbst einfließen und die Hilfsbereitschaft des Publikums stärken.

Wie sehen Sie das? Sollten Kulturbetriebe darauf reagieren und versuchen, einen entsprechenden Nutzen daraus ziehen? Oder sind Sie der Meinung, dass solche Ansätze mit den künstlerischen Vorstellungen unvereinbar sind?

PS: danke an Alexandra Graßler, die mich via Twitter auf diese Studie aufmerksam gemacht hat.

4 Comments Join the Conversation

  1. Ich weiss, der Kommentar kommt etwas spät – aber soeben lese ich (Buch!) eine Stelle, die mich an diesen Post erinnert und so würde ich das Zitat hier gern zum Besten geben:

    Es handelt sich um eine Episode aus dem Roman „Der Stille Don“ von Michail Scholochow (der dafür 1965 den Literaturnoblepreis erhielt). Es ist die Geschichte der Kosaken vor dem Hintergrund der Wirren von Erstem Weltkrieg, Oktoberrevolution und dem darauf folgenden Bürgerkrieg zwischen den „Weissen“ und der Roten Armee…

    In der fraglichen Szene kommt der Offizier Grigori an einem Hof vorbei, aus dem er Gesang hört. Es sind vier Soldaten, junge Kosaken, die ein mehrstimmiges Lied vortragen. Grigori fragt die Soldaten, warum sie denn sängen, wo sie doch offensichtlich nicht besoffen seien.

    Ein Kosak antwortet:

    „“…Aus Not singen wir. Für nichts und wieder nichts wird man in dieser Gegend nicht gerade gut verpflegt, außer einem Stück Brot kriegt man nichts. Da sind wir auf den Gedanken gekommen, Lieder zu singen. Kaum beginnen wir irgendwo, schon kommen die Weiber gelaufen und hören uns zu; wir singen was Wehmütgiges, dann sind sie gerührt und schleppen heran, die eine ein Stück Speck, die andere einen Krug Milch oder sonst was Essbares…“
    „Wir macht’s wie die Popen, Herr Leutnant, wir singen und sammeln dann mlide Gaben“, sagte der Vorsänger, zwinkerte seinen Kameraden zu und kniff die lachenden Augen Zusammen.“

    (Michail Scholochow, Der Stille Don. Band II, Ost-Berlin) 1961, S.674)

    Endlich wird die Literatur durch die Wissenschaft bestätigt😉

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  2. @spoxx: zu spät gibt es gerade auf Blogs nicht mehr, Stichwort Long Tail.😉 Themen dann aufzugreifen, wann man möchte, darin liegt ja die Freiheit.

    Die Textstelle passt perfekt zu dem, was die Studie besagt, vielen Dank dafür!! Ich hatte bis jetzt noch nichts gefunden und freue mich darüber, weil ich solche Beispiele immer gerne verwende, um Dinge anschaulicher zu machen.

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