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Kunst und Kultur: mehr als nur Unterhaltung?

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Vor ein paar Tagen fand ich auf der BBC-Website den Hinweis auf eine Veranstaltung, bei der das Publikum zu Beethovens Klängen herumlaufen oder sich miteinander unterhalten konnte. Gut, es gab Zeiten, wo das üblich war, aber heute ist es zumindest eine Meldung wert, sonst wäre ich ja nicht darauf gestoßen. Interessant ist auch der dort zu findende Mitschnitt der Diskussion, die dazu im Radio lief.

Nun werden viele ob dieser Respektlosigkeit entrüstet sein,  andere wiederum werden argumentieren, dass die Kunst zu den Menschen kommen muss und das dann halt ein möglicher Ansatz sei, um auf sie zuzugehen. Dahinter verbirgt sich dann aber die Frage, was Kunst für uns bzw. unsere Gesellschaft bedeutet? Immer wieder wird darauf hingewiesen, wie wichtig sie für jeden Einzelnen von uns, für die Gesellschaft bzw. für den Standort, also z.B. für Städte wie Wien sei.

Kunst und Kultur werden deshalb als öffentliches Gut bezeichnet, das daher – zumindest teilweise – mit öffentlichen Mitteln zu finanzieren ist. Was in den meisten Ländern auch passiert. Nachdem PolitikerInnen in erster Linie darauf schauen, wiedergewählt zu werden, werden die Gelder so verteilt, dass die BürgerInnen damit zufrieden sind.

Nun sind angesichts der Wirtschafts- und Finanzkrise aber die Kassen leer und daher gibt es nichts zu verteilen. Im Gegenteil, es muss gespart werden. Gespart wird dort, wo der Widerstand am geringsten ist. Und der hält sich, wenn es um Kunst und Kultur geht, in Grenzen, um es mal vorsichtig zu formulieren. Es stellt sich daher die Frage, welche Haltung die Öffentlichkeit zu Kunst und Kultur hat? Dass diejenigen, die in diesen Bereichen arbeiten, ihnen eine hohe Bedeutung bemessen, ist klar. Wie aber sehen die anderen das?

Der Fine Arts Fund in Cincinatti ist dieser Frage nachgegangen und hat die Ergebnisse in einer Studie zusammengefasst, die vor kurzem unter dem Titel „The Arts Ripple Effect“ (PDF) veröffentlicht worden ist. Ausgangspunkt dieser Studie ist die Tatsache, dass die finanzielle Unterstützung ihren Höhepunkt erreicht hat bzw. derzeit eher abnimmt. Zurückzuführen sei das auf den Stellenwert, den man Kunst und Kultur beimesse. Judith H. Dobrzynski hat darauf aufbauend in ihrem Blog „Real Clear Arts“ die Vermutung geäußert, dass man durch eine veränderte Kommunikation die Einstellung der Bevölkerung zu Kunst und Kultur „verbessern“ könnte. „What The Country Needs Is A New Message About The Arts“ hat sie deshalb ihren Beitrag überschrieben. Dazu müsse man aber, so Dobrzynski, wissen, was die Leute von Kunst und Kultur halten.

Die Ergebnisse aus der Studie fasst sie in dieser Hinsicht so zusammen:

  1. „People view the arts as ‚entertainment‘, and therefore ‚a matter of taste, not public responsibility‘ and as „an extra, not a necessity.“
  2. „People expect to have ‚a mostly passive, consumer relationship with the arts‘. The arts will be on offer, and they should succeed or fail in the marketplace, without the need for support.“
  3. „The arts are a low priority for most people, even when they value art.“

Nun basiert das Ergebnis dieser Studie zwar auf Befragungen in den USA, aber ich bezweifele, dass in Europa etwas völlig anderes dabei herauskommen würde. Das bedeutet, so die Studie:

„The existing landscape of public understanding is not conducive to a sense of broadly shared responsibility for the arts.“

Wenn die meisten Leute Kunst als ein Privatvergnügen betrachten, dann werden sie sich weder besonders dafür einsetzen, dass der Staat Kunst und Kultur finanziert, noch werden sie selbst bereit dazu sein. Die Schlussfolgerung daraus:

„To achieve that objective, we need to change the landscape by employing a message strategy that:

  • positions arts and culture as a public good – a communal interest in which all have a stake,
  • provides a clearer picture of the kinds of events, activities and institutions we are talking about,
  • conveys the importance of a proactive stance, and
  • incorporates all people in a region, not just those in urban centers.“

Hält man sich dies vor Augen, dann wird klar, warum manche Botschaften nicht funktionieren können, denn

„Art as a transcendent experience, important to well-being, a universal human need, etc., all speak to private, individual concerns, not public, communal concerns.“

Ebenso wenig zielführend seien Botschaften, die die wirtschaftliche Bedeutung von Kunst hervorheben würden, heißt es in der Studie weiter. Als sehr viel erfolgsversprechender habe sich aber eine ganz andere Botschaft erwiesen:

„A thriving arts sector creates ‚ripple effects‘ of benefits throughout our community.“

Zwei dieser „ripple effects“ (PS: über einen guten Übersetzungsvorschlag würde ich mich freuen, „sich allmählich ausbreitende Wirkung“ klingt nicht wirklich überzeugend) würden die Menschen besonders ansprechen, so die Studie weiter:

  • „A vibrant, thriving economy: Neighborhoods are more lively, communities are revitalized, tourists and residents are attracted to the area, etc. Note that this goes well beyond the usual dollars-and-cents argument.
  • A more connected population: Diverse groups share common experiences, hear new perspectives, understand each other better, etc.“

Vereinfacht gesagt geht es um eine Botschaft, die erstens mit einem griffigen Begriff versehen wird („arts ripple effect“) und zweitens zwei Dinge hervorhebt, die den Menschen wichtig sind: Kreativität und Community.

Es lohnt sich, sich die Studie genauer anzusehen (bei gut zwanzig Seiten ist das auch durchaus machbar) und daraus eigene Schlüsse zu ziehen. Judith H. Dobrzynski spricht von „communal ripples“:

„Among them is a ‚more connected population‘, with diverse groups sharing experiences and learning new perspectives, and revitalized communitites that go ‚well beyond the limited dollar-and-cents economic argument‘.“

Wenn Sie sich an das eingangs erwähnte Konzert erinnern. Passiert so etwas nicht, eben weil der Community-Gedanke nirgends zu entdecken ist? Vielleicht erinnern Sie sich noch an das Modell von Nina Simon, das ich gestern vorgestellt habe? Darin heißt es auf Stufe 5: „Individuals engage with each other socially.“ Das ist der entscheidende Punkt.

8 Comments Join the Conversation

  1. Ketzerische Frage: Wer sind denn die Zielgruppen dieser Werbebotschaft?
    Ich ketzere mal munter weiter:
    Die bildungsfernen Schichten sind es wohl nicht, die haben wenig Interesse an Konzerten und Theater, unabhängig davon ob man da herumlaufen darf oder nicht.
    Andererseits: Wenn es um die verteilung öffentlicher Gelder geht haben die Brennpunktbewohner auch wenig Einfluß.
    Solange Kunst sich selbst als überwiegende Mittelschichtsveranstaltung versteht ziehe ich die oben beschriebenen Fernwirkungen in Zweifel.
    Solange Kunstprojekte für das Prekariat als Modellprojekte mit massivem sozialpädagogischem Begleitschutz laufen (Getthokids in den Kammerspielen in München) halte ich die Behauptung von Ripple Effekt für einen Mythos, der ähnlich dem Trickle-Down-Effekt in der Wirtschaft zwar gerne behauptet wird, aber leider in der Realität nur bestimmte gesellschaftliche Zielgruppen erfasst.

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  2. @mir52: Das sehe ich auch so. Der Versuch Kunst für alle ist im Endeffekt gescheitert, obwohl es sehr wohl Ansätze gibt. Das Problem: diese Projekte bleiben immer Modellprojekte. Nach unzähligen Jahren ist das dann etwas wenig.

    Funktioniert haben solche Projekte immer nur durch das Tun. Das heißt, die Projektbeteiligten konnten sich künstlerisch betätigen. Nur wollen die meisten gar nicht, dass sich jede/r künstlerische betätigen kann. Und wenn dann die Ghettokids in den Kammerspielen auftreten, hat das fast was exotisches.

    Insofern stimmt Deine Behauptung: „Solange Kunstprojekte für das Prekariat als Modellprojekte mit massivem sozialpädagogischem Begleitschutz laufen, (…) halte ich die Behauptung von Ripple Effekt für einen Mythos.“

    Aber als Zielvorgabe halte ich viel davon.

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    • Als ehrlich gemeinte Zielvorgabe kann ich da ja auch mit. Nur wie ehrlich ist diese Zielvorgabe von welchen Inteessensgruppen gemeint?
      Im Kulturbetrieb unter kapitalistischen Verwertungbedingungen gelten dieselben Effekte struktureller Korruption, die auch anderswo greifen. D.h. primäres Ziel ist Machterhalt der Eliten (es gibt wirklich keinen besseren Begriff dafür). Geld ist konvertierbar in Macht (siehe Theorie generalisierbarer Medien, Luhmann etc.).
      Wer also schon an den Töpfen sitzt und wirtschaftlich erfolgreich sich behauptet kann gar kein Interesse haben, seinen Einfluß im Sinne einer „Demokratisierung“ des Kunstbetriebes geltend zu machen. Eher geht es doch darum die Töpfe besetzt zu halten?
      Aber da habe ich wenig Einblick und lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen.
      Wie gesagt, solange das alles auf Marketing rausläuft halte ich meine Grundsatzkritik aufrecht.

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  3. @mir52: Zielvorgabe habe ich es genannt, ansonsten sind das Vorschläge, die aus in den USA durchgeführten Umfrage resultieren.

    Obwohl ich auch die Gefahr sehe, dass daraus eine reine Marketingmaßnahme wird, verstehe ich die Studie als Angebot, sich Gedanken darüber zu machen, die über das Marketing hinausgehen.

    Die Probleme sehe ich aber auch und die Zweifel sind berechtigt. Ich werde nicht so sehr beim Begriff der Demokratisierung, sondern eher beim Begriff Partizipation hellhörig. Das Wort wird unheimlich gerne verwendet, geht man der Sache dann auf den Grund, merkt man schnell, dass Partizipation so eigentlich gar nicht gewünscht wird. In kleinen Dosen kann man sich das zwar vorstellen, aber so richtig? Nein, so ist es dann doch nicht gemeint.

    Mit dieser Haltung kann das oben Vorgschlagene nicht funktionieren, nur was heißt das jetzt?

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    • Vielleicht sollte man an der Stelle nochmal die befragten Fokus-Gruppen ansehen.
      „Topos conducted four focus groups
      with engaged citizens (people who are
      registered to vote, who pay attention
      to the news and who are involved in
      the community) representing a range
      of demographics (mix of gender, age,
      education, political affiliation, etc.).“
      Engagierte Bürger.
      Sozialwissenschaftlich schränkt das die Übertragbarkeit der Ergebnisse ein, praktisch bestätigt das, was ich oben ausgeführt habe.
      In der Gemeinwesenarbeit würde man diese Bürger als bereits aktiviertes Potential betrachten und versuchen davon ausgehend eine Vernetzung und weitergehende Aktivierung zu erreichen. Das funktioniert z.B. über aktivierende Befragungen.

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  4. Für die Aktivierung passiver Kulturkonsumenten spielen im ‚Kulturbetrieb unter kapitalistischen Verwertungbedingungen‘ wohl die gleichen psychosozialen Mechanismen wie im Bereich der Sub- oder Altenativkultur eine Hauptrolle: Kann ich durch Partizipation (auch als einfacher ‚Mitläufer‘) mein eigenes Image innerhalb der peer-group aufwerten bzw. kann ich meinem Clan dadurch mehr Einfluss verschaffen (oder erhalten). Die tatsächliche Qualität des Kulturinhalts ist dabei zweitrangig, muss aber intern so hochpoliert sein, dass eine Identifikation möglich ist.
    Auch durch eine ‚aktivierende Befragung‘ kann, wenn geschickt gemacht, ein erwünschtes Images zumindest suggeriert werden. Dabei muss das Ziel ja nicht die volle Partizipation in Form eigener kreativer Beteiligung der Animierten sein, sondern erstmal ’nur‘ die Bereitschaft zur Akzeptanz des Kulturangebots. Die ist auch für die ‚Macher‘ schon deshalb nötig, damit ihr Kulturidealismus und die damit verbundene Frickelarbeit zumindest etwas Wirkmächtigkeit (und damit Sinnhaftigkeit) erfährt.
    Und dann ist schon was gewonnen, wenn man auch nur gelegentlich jemand leibhaftig mit an Bord nehmen kann.

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  5. @mir52: das hängt jetzt davon ab, worauf wir hinauswollen. Wenn es darum geht, das Level der öffentlichen Kulturförderung zu erhalten bzw. zu erhöhen und gleichzeitig dafür zu werben, dass der Anteil derer, die Kultureinrichtungen finanziell unterstützen, ansteigt, dann reden wir von einer Marketingmaßnahme.

    Kulturpolitisch geht es nicht nur um die Botschaft, die da in der Studie vorgeschlagen wird, sondern auch um die Frage, wie sich das dann umsetzen lässt. Denn das passiert derzeit noch nicht ausreichend bzw. gar nicht.

    @Werner Friebel: volle Zustimmung. Ich glaube nur nicht, dass Partizipation wirklich gewünscht ist. Insofern ist die „Bereitschaft zur Akzeptanz des Kulturangebots“ wahrscheinlich schon ausreichend.

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  6. Pingback: “What Is Your Business?” « Das Kulturmanagement Blog

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