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Kulturmanagement aus Forschersicht: gestern, heute, morgen

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Was genau ist eigentlich Kulturmanagement und warum brauchen wir KulturmanagerInnen? Immer wieder habe ich mich hier auf diesem Blog mit diesen Fragen beschäftigt (unter anderem hier, hier oder hier). Nun habe ich im aktuellen Jahrbuch für Kulturmanagement einen sehr hilfreichen Beitrag von Birgit Mandel gefunden, die seit letztem Jahr Professorin für Kulturmanagement und Kulturvermittlung an der Universität Hildesheim ist. In ihrem Beitrag „Kulturmanagementforschung, Ziele, Fragestellungen, Forschungsstrategien“ skizziert sie die Entwicklung des Kulturmanagement und formuliert zukünftige Fragestellungen.

Kulturmanagement, darunter verstanden Anfang der 1990er Jahre die öffentlichen Kultureinrichtungen vor allem effektives und effizientes Handeln, während für die privaten Kulturbetriebe betriebswirtschaftliche Methoden und für gemeinnützige Kulturbetriebe PR- und Marketingkonzepte im Vordergrund standen. Grundsätzlich ging es aber, so schreibt Mandel, um die Frage, ob Kulturmanagement eine Gefahr für die Kunst sei und zu ihrer Kommerzialisierung führe? Welch starken Einfluss diese Frühphase auf unsere heutige Sichtweise von Kulturmanagement ausübt, demonstriert Birgit Mandel anhand einiger Glaubenssätze, die, wie sie schreibt, unser heutiges Bild von Kulturmanagement prägen:

  • „Kulturmanagement orientiere sich am ökonomischen Prinzip.
  • Kulturmanagement sei ein Set von Management-Tools.
  • Kulturmanagement finde im öffentlichen Kulturbetrieb statt.
  • Kulturmanagement habe eine dienende Funktion.
  • Kulturmanagement orientiere sich an der Anbieterseite.
  • Kulturmanagement sei Kunstmanagement.“ (S. 14f)

Diese Sichtweise werde dem Kulturmanagement aber nicht gerecht, ist Mandel überzeugt. Kulturmanagement unterscheide sich wesentlich vom Management für andere Produkte, durch die Besonderheit von Kunst und von kulturellen Prozessen.

„Diese zeichnen sich durch ihren gesellschaftlichen Symbolwert, durch Zweckfreiheit, Unberechenbarkeit, Prozesshaftigkeit, ihren dialogischen Charakter sowie die Notwendigkeit einer aktiven inneren Beteiligung der Rezipienten aus“,

schreibt sie und fordert, Kulturmanagement vor allem

  • „als Gestaltungsaufgabe,
  • als unternehmerische Aufgabe (und als)
  • Gestaltung kultureller Kontexte, die über den Kunstbetrieb hinausgehen“ (S.17)

zu verstehen. Das heißt, KulturmanagerInnen sind daran beteiligt, die Entwicklung im Bereich Kunst und Kultur voranzutreiben. Das heißt nicht, dass sie in Konkurrenz zu den KünstlerInnen treten, allerdings üben sie ihren Einfluss aus durch die Zusammenstellung von Produktionsteams oder durch „Aufmerksamkeitsmanagement“, wie Mandel schreibt. Das heißt, sie beeinflussen durch ihr Tun die Rezeption von Kunst.

Diese Gestaltungsfreiheit kommt, so Mandel, auch dadurch zum Ausdruck, dass KulturmanagerInnen immer häufiger als selbständige UnternehmerInnen auftreten und ihre eigenen Visionen zu verwirklichen versuchen. Ich würde es etwas anders formulieren. Es ist richtig, dass die Zahl der selbständigen KulturmanagerInnen stark zunimmt. Ob sie aber immer vom Willen, sich unternehmerisch betätigen und ihre eigenen Visionen verwirklichen zu wollen, angetrieben werden, das bezweifele ich. Ist es nicht auch häufig die Not, keinen „Job“ gefunden zu haben? So erlebe ich das zumindest häufig in der Praxis. Ich würde mir allerdings wünschen, dass jede KulturmanagerIn die Möglichkeit erhält, ihre eigenen Visionen zu verwirklichen.

Diese Visionen können, so Mandel, durchaus über den Bereich von Kunst und Kultur hinausgehen. Als KulturmanagerIn gesellschaftliche Entwicklungen mitgestalten, dass ist, finde ich, eine großartige Herausforderung. Es würde Kunst und Kultur dazu verhelfen, wieder einen Schritt aus der Ecke zu treten.

Mandel definiert in ihrem Artikel vier zentrale Forschungsfelder für das Fach Kulturmanagement. Übertragen auf die Praxis heißt das: Kulturmanagement ist zu verstehen als das „Managementhandeln innerhalb von Kulturbetrieben“ und „im Hinblick auf das Umfeld von Kulturbetrieben“. Gleichzeitig geht es aber auch um die kultur- und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und – auch das erscheint mir in der Praxis wichtig – um die „Meta-Reflexion des Kulturmanagements“.

Aus ihrer Sicht ergeben sich daraus eine Vielzahl von Forschungsfragen, die aus unterschiedlichen Blickwinkeln bzw. Perspektiven (BWL, Politik, etc.) gestellt werden können. Wenn Mandel schreibt, dass Kulturmanagementforschung weniger als eigenständige Disziplin einzuschätzen sei denn als eine Interdisziplin,

„an der verschiedene Einzelwissenschaften mit ihren jeweiligen Forschungsperspektiven und Forschungsmethoden beteiligt sind“,

dann wird klar, wie groß das Aufgabenfeld einer KulturmanagerIn heute ist beziehungsweise in Zukunft sein wird. Mir fällt in diesem Zusammenhang Charles Leadbeater und sein eBook Remixing Cities: Strategy for the City 2.0“ ein (siehe dazu meine beiden Beiträge „Remixing arts and culture“ und „Kunst als Innovationstreiber„). Darin beschreibt er die Bedeutung partizipativer Ansätze. Partizipation, das ist eines der wichtigsten Merkmale des Social Web. Womit wir bei der Frage wären, welche Rolle das Web 2.0 im Bereich Kulturmanagement spielt bzw. spielen kann? Aber dieses Thema ist wohl einen eigenen Beitrag wert.

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  1. Pingback: Kulturmanagement: auf der Suche nach der richtigen Theorie « Das Kulturmanagement Blog

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