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Kultur und Web 2.0: wie geht es weiter?

21 Kommentare

Anlässlich der stARTconference wird es, ich habe es ja schon mal erwähnt, auch einen Tagungsband geben. Nachdem die stART.09 inhaltlich sehr breit angelegt war, geht es im nächsten Schritt darum, einzelne Themenstränge zu identifizieren, die für die stART.10 interessant sein könnten.

Welche Trends sind zu erkennen, welche Themen an der Schnittstelle von Kultur und Web 2.0 werden uns nächstes und die darauffolgenden Jahre beschäftigen? Für den Tagungsband würde ich gerne eine Beitrag schreiben, in dem die möglichen Entwicklungen angesprochen werden. In dem aber auch die offenen Fragen formuliert werden.

Die meiner Meinung nach wichtigsten Fragen und Entwicklungen möchte ich hier kurz auflisten:

  1. Erfolgsmessung im Web 2.0: Immer schneller steigt die Zahl der Kultureinrichtungen, die ein Facebook- bzw. Xing-Profil haben, bloggen, twittern oder auf Flickr bzw. YouTube vertreten sind. Wie aber lässt sich der Erfolg der Web 2.0-Aktivitäten überhaupt messen? Welche Aussagekraft besitzen so Kategorien wie „visits“, „visitors“ oder die Verweildauer auf einer Website? Reichen solche Zahlen überhaupt? Oder ist es notwendig, sich ganz andere Kriterien zu überlegen? Reputation etwa, oder die Fähigkeit zum Dialog?
  2. Geschäftsmodelle: Bis jetzt lebt ein großer Teil der Kultureinrichtungen im deutschsprachigen Raum vor allem von öffentlichen Geldern. Hinzu kommen meist noch Ticketeinnahmen und Geld, das über die Fundraising-Aktivitäten eingenommen werden kann (Sponsoring z.B.). Was können sich Kultureinrichtungen vom Fundraising 2.0 erwarten? Öffnen sich hier wirklich neue Finanzierungswege? Stichwort Sellaband. Werden wir in absehbarer Zeit Kleinstbeträge online transferieren können. Was muss passieren, damit ich online mit einem Mausklick einen Euro spenden kann, ohne dass die Hälfte davon für die Transaktionskosten drauf geht? Über Geschäftsmodelle zu reden heißt aber auch darüber nachzudenken, wie die Kreativen, die KünstlerInnen, die für das Internet den Content produzieren, von ihrer Arbeit leben können? Ist die Flatrate ein geeignetes Modell, um entsprechende Gelder zu lukrieren und an die ContentproduzentInnen zu verteilen?
  3. Urheberrecht: Spricht man über Geschäftsmodelle und die Frage, wer wieviel Geld für die Contentproduktion erhält, dann landet man wahrscheinlich sehr schnell beim Urheberrecht. Die Zeiten, in denen KünstlerInnen Kunstwerke produzieren und wir andächtig und staunend davorstehen, sind vorbei. Die Amateure emanzipieren sich, werden zu Experten und beginnen, das Kunstwerk weiter zu verarbeiten. Wie sollen die Kulturbetriebe, die KünstlerInnen darauf reagieren? Sie werden, so die Entwicklung sich fortsetzt, ihren Expertenstatus verlieren. Ist das erstrebenswert oder nicht?
  4. Unternehmenskultur: Kulturbetriebe sind häufig streng hierarchisch organisiert. Einrichtungen, die sich ins Web 2.0 begeben, treffen dort auf eine Welt, die ganz anders funktioniert. Flache Strukturen, Transparenz und was wahrscheinlich die größte Herausforderung bedeutet: die Dinge lassen sich nicht mehr kontrollieren. Kultur und Web 2.0, was heißt das für die Unternehmenskultur im Kunst- und Kulturbereich? Werden die Aktivitäten scheitern, weil hier verschiedene Wertesysteme aufeinanderprallen und sich die alten Strukturen durchsetzen können? Oder führen die Web 2.0-Aktivitäten zu einem neuen Bewusstsein, das dann auch ganz neue Strukturen hervorbringt? Oder kurz gesagt: hier geht es um Partizipation versus Hierarchie.
  5. Marketing und PR: Was bedeuten all diese Veränderungen für die Bereiche Marketing und PR? Wie gelangen die Informationen zu den Zielgruppen? Wie kann man ihnen das „Produkt“ Kunst schmackhaft machen? Aus dem (Marketing)-Monolog wird der Dialog und die PR verliert ihre Gatekeeperfunktion. Was heißt das für Agenturen und Abteilungen, die bis jetzt den jeweiligen Content produziert haben bzw. für die beiden Bereiche zuständig sind? Werden Sie überflüssig oder wird bald jede größere Kultureinrichtung über eine Community-ManagerIn verfügen?
  6. Mobile Web: Wie lange werden wir noch, wenn wir vom Internet sprechen, dabei an unseren Desktop oder das Laptop denken? Dank Smart- und iPhone greifen immer mehr Menschen über die mobilen Devices auf das Internet zu. Für die Kunst- und Kultureinrichtungen heißt das nicht nur, dass sie ihre Inhalte entsprechend aufbereiten müssen, sondern es entstehen ganz neue Möglichkeiten, die online- und die offline-Welt miteinander zu verbinden. Stichwort Augmented Reality. Tags werden nicht mehr nur für einzelne Websites vergeben, sondern als sogenannte Airtags mit der realen Welt verbunden.

Wie sehen Sie das? Welche Trends werden uns im Kunst- und Kulturbereich beschäftigen? Habe ich wichtige Punkte vergessen? Und welche Fragen sind Ihnen im Hinblick auf das Social Web wichtig? Schreiben Sie mir doch, was Ihnen noch abgeht oder wie Sie zukünftige Entwicklungen einschätzen?

21 Comments Join the Conversation

  1. Interessant finde ich auch die Frage, ob grundsätzllich immer ALLE denkbaren Social Media Kanäle bedient werden müssen, oder ob man sich nicht bewusst auf 2-3 beschränkt, diese aber intensiv pflegt.
    Aus meiner Sicht ist es kaum machbar (und auch nicht zielführend), auf allen faceblogyouspaceflicktwitterVZfeeed-Plattformen zu networken. Wo soll man auch die Zeit hernehmen?
    Die Fragestellung lautet also: WAS macht für WEN wirklich Sinn?

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  2. Hallo Christian,

    dem schließe ich mich an. Super Zusammenfassung !!!

    Ich selber bin sehr gespannt, in welche Richtungen es sich verändern wird. Daß es sich verändern wird, steht ausser Frage.

    Was Du sehr gut beschrieben hast, ist es das Aufeinanderprallen zweier unterschiedlicher Systeme, dem flachen, demokratischen im Netz, und dem hierarchischen im Kulturbetrieb.

    Und in diesem Punkt wird sich aus meiner Sicht entscheiden, ob das technisch machbare auch eine Umsetzung erfahren wird.

    Denn der Kulturbetrieb, auch der Kunstmarkt, funktioniert aus meiner Sicht nur hierarchisch.

    Ob die Verflachung von Strukturen nicht auch einfach elementare Interessenslagen in Frage stellt, und ob diese sich dann nicht dagegen zur Wehr setzen, bleibt abzuwarten. In der Musik erleben wir das täglich. Wer da am Schluss das Rennen macht, werden wir sehen.

    Aber spannend wird es allemal🙂

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  3. @Hagen Kohn: Ein wichtiger Punkt, danke. Wovon, glaubst Du, hängt die Auswahl der verschiedenen Kanäle ab? Von der Institution oder der Person, die da kommuniziert?

    Oder anders gesagt: kann man sagen, dass z.B. Museen am besten die Social Media Kanäle x,y und z einsetzen sollen? Oder ist es sinnvoller, einen auf die jeweils kommunizierende Person zugeschnittenen Mix zu finden? Oder beides?🙂

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  4. @christian @Hagen ich denke das kann man so
    pauschal nicht sagen. Da muss einfach auch experimentiert werden. Es hängt auf keinen Fall von der Person ab, die dafür verantwortlich ist, sondern von den Menschen, die angesprochen werden sollen. Noch vor einigen Jahren musst man, um mit Musikern zu kommunizieren bei MySpace sein. Heute erreiche ich sie bei
    Facebook.
    Und natürlich hängt es auch davon ab, welches Budget zur Verfügung steht.

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  5. Pingback: Darkmind-Pathfinder's opinion: Kultur und Web 2.0

  6. Ich finde auch, dass das eine gute, umfängliche Zusammenfassung ist. Ich würde zwei Dinge ergänzen wollen: Die Schlussfolgerung, dass Amateure Kunstwerke weiterverarbeiten und deshalb zu Experten werden finde ich ziemlich mutig und würde es deshalb nur als Hypothese gelten lassen, die zu überprüfen wäre. Worin liegt hier wirklich die Neuerung? Eine Amateur-Kulturszene ist ja nichts neues, es gab immer auch schon Leute, die z.B. nicht nur ins Konzert gehen, sondern auch im Laienorchester auf zum Teil ganz erstaunlichen Niveau musizieren. Also die Grenze zwischen Amateur und Experte war auch schon vor dem Web 2.0 fließend.

    Eine weitere Frage, über die ich an der Konferenz ins Gespräch kam und die ich bedenkenswert finde, ist die nach der Qualität der Öffentlichkeit, die man im partizipativen Web erreicht. Zum Beispiel: Entsprechen 5000 Twitter-Follower 5000 Adressen in der Datenbank bzw. wieviele Follower entsprechen x Postmailing-Adressen? Das gehört mit in das Themengebiet Erfolgsmessung.

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    • @kulturblogger

      Der Unterschied zwischen dem Amateurstatus vergangener Zeit ist der, daß Kunst selber zu einem Prozess werden kann. Die Grenzen in der bildenden Kunst beispielsweise zwischen dem Museum und den technischen Kommunikationsmitteln werden fliessender.

      Ich habe das selber mal in zwei meiner Arbeiten durchgespielt.

      http://www.spursuche.de/2009/05/13/leave-britney-alone/

      Hier habe ich als Anregung ein Video genommen, was unter youtube für einige Furore gesorgt hatte

      Wenn der Künstler über Web 2.0 direkteren Kontakt zu seinem Publikum bekommt, kann es passieren, daß er direkte Einflüsse und Ideen einarbeitet , umsetzt. Das würde zumindest schoneinmal das Copyright verändern. Wie Christian ja selber mal berichtet hatte, ist es ja in der Pop-Musik schon üblich, daß von Bandss entwickelte Videos von Fans weiterbearbeitet werden. diese dann wiederum von anderen bearbeitet werden. Das einzelne Werk löst sich auf zugunsten eines Prozesses, an dem sowohl Künstler als auch Fans beteiligt sind.

      Ein solcher Prozess hätte für Kultureinrichtungen wie Museen z.B. die Perspektive, über solche Kunst ganz andere Zielgruppen anzusprechen. Als Vision könnte ich mir vorstellen, Ausstellungen, die eher einer Lan-Party entsprechen.

      Es wird innerhalb dieses Prozesses immer Versionen geben, die unterschiedliche Qualitäten haben. Aber dennoch wird auch die schlechtere die gute beeinflußt haben.

      Denkbar ist es. es setzt nur eben voraus, daß Künstler und Kunstmarkt bereit sind, sich diesem Prozess zu öffnen.

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  7. @Christian Ich glaube wir haben uns missverständen. Ich glaube NICHT dass es von der Person, die für Social Media verantwortlich ist, abhängt über welche Kanäle kommuniziert wird. Denn die Verantwortliche muss da sein, wo ihre Gesprächspartner sind (Ich finde den Begriff Zielgruppe im Zusammenhang mit Social Media unpassend) Bezüglich Institution wollte ich mit meinem MySpace-Facebook-Beispiel nur ausdrücken, dass es für Konzerthaus XY sinnvoll sein kann bei Facebook zu sein, für Konzerthaus YZ aber XING oder SchülerVZ die bessere Wahl ist. Das gilt natürlich auch für Museen …

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  8. @Ulrike: der Punkt kam von mir, da ich der Meinung bin, dass die Person, die da kommunizieren soll, nur das Tool verwenden sollte, das ihr auch liegt. Wer also nicht gerne schreibt, sollte kein Blog führen. Natürlich kann man dann die Frage stellen, warum jemand, der nicht gerne schreibt, ein Blog führen sollte? Aber ich wollte nur diesen Punkt erwähnt haben.

    Ansonsten gebe ich Dir natürlich Recht. Bei der Verwendung des Begriffes „Zielgruppe“ habe ich weniger Probleme, denn diejenigen, die z.B: twittern, lassen sich schon als Gruppe definieren. Und wenn ich sie ansprechen will, dann stellen sie eine Zielgruppe dar.

    Aber es stimmt natürlich: mit dem Begriff „Zielgruppe“ werden ich dem Grundverständnis des Social Web weniger gerecht als mit dem Begriff „Gesprächspartner“. Zugegeben.🙂

    @Christian und @Michael: mir geht es an dieser Stelle nur darum, auf die Entwicklung und die vielen offenen Fragen in diesem Zusammenhang hinzuweisen. Michael hat ja auf ein recht schönes Beispiel hingewiesen. Ich vermute, es wird immer schwerer, den „Profi“ vom „Amateur“ abzugrenzen, übrigens nicht nur im Kunst- und Kulturbereich. Und wahrscheinlich wird das einer der Hauptstreitpunkte der nächsten Jahre sein.

    @alle: danke für die vielen Anmerkungen und Anregungen. Ich denke, an Ideen für die inhaltlichen Schwerpunkte der nächsten stARTconference herrscht spätestens jetzt kein Mangel mehr.🙂

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  9. Christian, es wird sich zeigen, ob es das nicht das Wesen von Kultur, so wie wir sie verstehen , sein und bleiben wird, lediglich eine bestimmte Schicht ansprechen zu wollen, und sich gegenüber dem Rest abzukapseln. Denn es ist ja nicht so, daß es uns heutzutage an Medien mangelt, mit denen wir Inhalte transporteieren könnten. Sondern es mangelt uns an einer Kultur, die breite Schichten anspricht, wenn wir von der Hochkultur reden. Subkulturen haben ihr Publikum und ihre Kommunikationsmittel. Einem Rockmusiker erzählst du mit den Dingen hier ja nichts neues. In der Popkultur ist das alles ja Schnee von gestern.

    Das heißt was hier vielleicht noch fehlt…..wie muß sich eventuell auch das Produkt verändern, damit die technisch möglichen Kommunikationstechniken überhaupt gesucht und genutzt werden?!

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    • @Michael: daran schließt sich ja dann auch die Frage an, ob es sinnvoll ist, überhaupt alle ansprechen zu wollen? In der Praxis gehen viele Bereiche da ja sehr gezielt vor.

      Was die Produktveränderung betrifft: ich denke, das hängt davon ab, wie nah die jeweilige Kunstsparte an den Technologien dran ist. Bei Film und Musik ist das sicher eher ein Thema als im Theaterbereich.

      Das wäre doch eigentlich ein Thema für eine Diplomarbeit?😉

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  10. Apropros Diplomarbeit: Ein weiteres interessantes Thema ist natürlich auch die Frage, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse und Forschungsbemühen und Projekte es zu der Frage Web 2.0 und Kultur gibt. Typischerweise geht man Projekte rund ums Web 2.0 recht hemdsärmelig an und liest vorab zwei bis drei How-tos, weswegen die auch so eine Konjunktur in diesem Themenbereich haben. Aber das Thema ist auch aus verschiedenen wissenschaftlichen Perspektiven interessant.

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  11. @Christian @Ulrike
    In Hinblick auf den Punkt „Budget“ würde ich noch den Begriff „Zeit-“ ergänzen. Das ist bei all den Möglichkeiten im Social Media Bereich sicher der Knackpunkt. Ich könnte beispielsweise den ganzen Tag für VioWorld networken, bloggen, kommentieren, twittern, aber die schnöde Büroarbeit muss ja auch gemacht werden🙂

    Bei der Wahl des richtigen Mediums steht auch für mich die Frage nach der Zielgruppe im Vordergrund, aber die Person spielt natürlich auch eine Rolle. Da muss jeder für sich herausfinden, was ihm liegt. Vor allem der Umgang mit Twitter ist doch sehr mit der Persönlichkeit des Twitternden verknüpft. Deshalb finde ich es auch lustig, wie viele selbst ernannte „Twitter-Coaches“ es gibt. Daraus eine Wissenschaft zu machen widerspricht doch der Natur dieses Mediums.

    @kulturblogger Das soll aber nicht heißen, dass das Phänomen Social Media nicht unter wissenschaftlichem Aspekt interessant wäre…

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  12. Pingback: Nonprofits-vernetzt.de » Soziales Kapital und gemeinnützige Organisationen

  13. Hallo Zusammen!
    Mich interessiert die Frage, ob Lean Management im Kulturbetrieb anwendbar ist und zu Erfolg führen kann!? Sind flache Hierarchien im Kulturbetrieb möglich? Und wenn ja, nur in kleinen Betrieben?
    Kann mir jemand helfen?

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