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Axel Kopp: Wenn’s mal wieder länger dauert… Staatstheater und Web 2.0 (Gastbeitrag)

28 Kommentare

Bis jetzt stammen alle Beiträge hier im Blog von mir. Nachdem ich dieses Blog aber als eine  Plattform verstehe, auf der Gespräche stattfinden sollen, möchte ich hier zukünftig auch Andere zu Wort kommen lassen. Andere Menschen, andere Sichtweisen und Standpunkte. Ich denke, dass davon alle, Sie und ich profitieren können.

Los geht es mit Axel Kopp, der 27 Jahre alt ist und in Dortmund in Angewandte Literatur- und Kulturwissenschaften studiert hat. Derzeit macht er seinen Master an der PH Ludwigsburg in Kulturwissenschaft und Kulturmanagement. Axel Kopp hat sich im Rahmen einer Studienarbeit die Web 2.0-Aktivitäten der Staatstheater in Deutschland angeschaut, die Ergebnisse sind sehr aufschlussreich.

Die Arbeit wurde Mitte August fertiggestellt, das heißt, mittlerweile können sich Änderungen ergeben haben. So twittert zum Beispiel das Staatstheater Wiesbaden seit Anfang Oktober (ok, bei 4 Tweets sagt man wohl besser, sie haben einen Account eröffnet😉 ).

axel_kopp

Wenn’s mal wieder länger dauert… Staatstheater und Web 2.0

Im Rahmen einer kleinen Studienarbeit wurde die Web 2.0-Aktivität von 17 deutschen Staatstheatern in der Sparte Schauspiel ausgewertet. Neben der obligatorischen Frage „Eigener Blog?“ wurde auch geschaut, ob die Einrichtungen twittern, Videos auf YouTube hochladen, eine Gruppe auf facebook oder wer-kennt-wen betreiben und ob sie ihren Wikipedia-Artikel pflegen. Hier die Ergebnisse im einzelnen:

Eigener Blog / Microblog: Twitter

Der einzige Blog wird vom Badischen Staatstheater betrieben, bietet einen Blick hinter die Kulissen, ist recht aktuell und gut geschrieben. Nur mangelt es anscheinend an Lesern. Zumindest hatte Blogger Donald Berkenhoff im Juni 2009 „zunehmend das Gefühl in ein schwarzes Loch zu schreiben“.
Twitter wird von keinem Staatstheater genutzt.

Soziale Netzwerke: facebook und wer-kennt-wen (wkw)

Im Bereich Social Media Marketing halten sich die Staatstheater mit Informationen großzügig zurück. Zwar gibt es auf facebook und wkw zu sieben Staatstheatern Gruppen, doch sind diese meist auf Initiative von Besuchern entstanden und werden von den Staatstheatern wenig bis gar nicht beachtet. Entsprechend dünn ist der Content. Es gibt kaum Informationen zu Aufführungen, kaum Fotos und Videos, keine speziellen Angebote etc. In beiden Netzwerken hat das Hessische Staatstheater die meisten Mitglieder: circa 60 bei facebook und 240 bei wkw.

Videoportal: YouTube

Sieben Staatstheater laden zwar entweder selbst oder über ihre Produktionsfirmen Clips und Trailer auf YouTube hoch, doch schließen sich keine Folgeaktionen oder Interaktionen mit den Nutzern an. Anreize zur kreativen Teilnahme fehlen und die Partizipationsmöglichkeit beschränkt sich folglich auf die wenig genutzten Bewertungs- und Kommentierfunktionen von YouTube. Insofern ist es wenig verwunderlich, dass die drei Staatstheater mit eigenem YouTube-Kanal nur fünf bis elf Abonnenten haben, selbst, wenn sie spartenübergreifend sind und regelmäßig aktualisiert werden. Die Anzahl an Aufrufen pro Video liegt oft im dreistelligen, mitunter auch im vierstelligen Bereich wie etwa beim Trailer zu „Die Räuber“ des Staatstheaters Cottbus mit über 2100 Aufrufen.

Wiki: Wikipedia

Alle Staatstheater haben einen eigenen Wikipedia-Artikel. Doch die Länge der Artikel und die Anzahl der Fotos variiert stark. Der Artikel zum Badischen Staatstheater etwa ist bildlos und umfasst weniger als 300 Wörter, wohingegen der Artikel zum Meininger Theater zwölf Fotos beinhaltet und eine Textlänge von rund 2600 Wörtern hat.
Wikipedia darf und soll natürlich kein Marketing-Instrument sein, dennoch tun die Staatstheater gut daran, Informationen über das Haus und dessen Geschichte auch auf Wikipedia bereit zu stellen. Inwiefern die Artikel von Angestellten der Staatstheater geschrieben wurden, konnte im Rahmen der Arbeit nicht untersucht werden.

Fazit:

In Sachen Web 2.0 läuft bei den 17 Staatstheatern in der Sparte Schauspiel nur wenig. Dabei haben sich auf facebook und wkw sogar schon Gruppen gebildet, die man nur noch mit Informationen und Angeboten füttern müsste. Besonders unverständlich ist das vor allem in Bezug auf die Theatertrailer, die vielerorts aufwendig produziert werden, in deren Verbreitung allerdings nur wenig investiert wird. Warum nicht auf facebook eine Gruppe gründen (sofern noch nicht vorhanden) und die Videos dort einbetten? Denn der schönste Trailer ist nur dann etwas wert, wenn ihn sich jemand anschaut. Das gilt übrigens auch für Blogs, liebes Badisches Staatstheater.

PS: Hier können Sie die ganze Arbeit downloaden.

28 Comments Join the Conversation

  1. @christian, prima, dass Du Dich „öffnest“, vielleicht bewerbe ich michh auch mal mit einem Beitrag.

    @Axel Kopp Ich hab mal das blog des Badischen Staatstheaters angeklickt und kann Donald Berkenhoff, den ich schon lange persönlich kenne und sehr schätze, nur sagen: So lange man sich erst einmal registrieren muss, um was kommentieren zu können, sind das Hürden, die man nicht so schnell überwindet.

    Wir haben seit Beginn der Spielzeit unser Besucher-blog mehr propagiert und kleine Erfolge:
    http://augustheater-publikumsstimmen.blogspot.com/

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  2. @Luise Haeberle: Vor dem selben Problem stand ich auch, als ich mir das Blog angeschaut habe. Eigentlich wollte ich einen Kommentar schreiben, aber anmelden wollte ich mich nicht extra.

    Ich kann die Angst vor negativen oder beleidigenden Kommentaren verstehen, aber auf der anderen Seite baue ich so hohe Hürden auf, dass überhaupt niemand kommentiert. Vielleicht wäre die Moderation der Kommentare im Fall des Staatstheater-Blogs ein ganz guter Kompromiss?

    Gib Bescheid, wenn Du was schreiben willst.

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  3. @Christian: den Axel solltest Du Dir warm halten, aus dem wird mal was😉

    @Axel: wir hatten ja schon das ein oder andere angeregte Gespräch zu dem Thema… und auch diese Studie ist mal wieder gelungen.
    Ich möchte nur ein paar lose Meinungen dazu beisteuern. Vielleicht kannst Du ja noch eine Ursachenanalyse hinterherschieben (da kommt ja bald eine Masterarbeit…):

    1. In gewisser Weise haben es Staatstheater (jedenfalls vielerorts) (noch) nicht nötig, Marketing via Web2.0 zu betreiben. Die vielen Chancen von web2.0 sind bestimmt klar, aber „am Ende des Tages“ sind erhöhte Aufmerksamkeit und mehr Besucher und damit Einnahmen wohl die gewichtigen Argumente. Ersteres bekommen die ST auch so und die Besucher stimmen in den „Leuchttürmen“ meist auch (wie gesagt: noch). Der Grenznutzen und die (wenn auch indirekten) Akquisekosten sind wahrscheinlich einfach zu hoch. Siehe Dein Beitrag auf der Seite der stART Conference.

    2. In Staatstheatern wiegt wahrscheinlich einer der Hinderungsgründe, die in Karin Janners Abschlussarbeit sehr schön beschrieben sind, besonders schwer: bei teilweise über 1000 Mitarbeitern sind die Abstimmungswege einfach zu lang und zu kompliziert. Außerdem: gerade die ST stehen unter besonderer öffentlicher und politischer Beobachtung. So erfrischend ein launiger Staatstheater-Blog mal wäre, so unwahrscheinlich ist er doch in Anbetracht des Risikos, sich Feinde zu machen. Und wenn im Blog dann vielleicht nur die Programmhefttexte multipliziert werden, verliert sich das Interesse schnell. Da wäre man bei der Know-How-Frage und einen externen Blogger will man ja auch nicht.

    3. Kenne Dein Publikum und Deine Zielgruppe. Beim durchschnittlichen Besucheralter eines Staatstheaters ist mangelndes Interesse an Social Media verständlich.

    4. Kleinere und private Theater tun sich damit leichter (schönes Beispiel Augustheater).
    Ich bin so frei noch eins zu bringen: die (zugegeben) mir nahe stehende freie Gruppe Lokstoff (5 ehrenamtliche Mitarbeiter!, so viele Produktionen in 6 Jahren wie Staatstheater in einer Spielzeit). Zahlenvergleich: 55 Facebook-Fans und der Youtube Trailer hat 4300 Views.

    Wie erwähnt: nur Meinungen. Guter Gastbeitrag, gutes Blog. Übrigens.

    Grüße,
    Tom

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  4. Dabei wäre es doch so einfach, gerade als Theater Publikum auf ein Blog oder sonstiges Social Media Tool zu bekommen. Wer wenn nicht ein Theater ist prädestiniert dafür, spannende Geschichten zu erzählen. Und das nicht nur auf der Bühne…
    Aber klar, ich verstehe, dass bei Riesenbetrieben die Abstimmung unter den Mitarbeitern nicht immer so einfach ist.
    Vielleicht wäre ja eine Art Cross-Promotion – also die Bewerbung unterschiedlicher Plattformen auf den jeweils andern – ein gangbarer Weg, um Publikum dafür zu gewinnen.
    @ Axel: wie sieht es mit der Bewerbung dieser Blogs, Tools etc. bei den Theatern aus? Woher wissen die Stakeholder von solchen Angeboten?

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  5. Ich hab gerade nicht so viel Zeit (Freitagabend…), deshalb nur ganz kurz:
    Etwaige Abstimmungsprobleme sind sicherlich Gründe keinen Blog zu führen, aber keine guten. Ich muss da immer an den guten alten Frosta Blog denken (http://www.frostablog.de/blog/). Die haben’s mit ihren 1.500 Mitarbeitern auch hingekriegt…
    Was die Altersfrage anbelangt, so möchte ich auf die Statistik von Facebook verweisen: http://facebookmarketing.de/zahlen_fakten/facebook-nutzerzahlen-deutschland-september-2009 Die Alten kommen…
    @Kurt: Zur Bewerbung der Web2.0-Maßnahmen kann ich leider nichts sagen, aber denken kann ich’s mir😉

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  6. @Tom Schößler: mach ich, wenn Du das sagst. ;-)Aber ich kann Deine Meinung verstehen, ich seh das genauso…

    Ob die Theater das nötig haben, ist schwer zu sagen. Wir müssten definieren, was nötig haben heißt. Klar, wenn ein Haus eine hundertprozentige Auslastung hat, dann ist der Druck, etwas zu tun, aktuell nicht so groß. Aber wenn wir mal davon ausgehen, dass das Social Web immer wichtiger wird, dann wird der Einstieg mit jedem Tag, den man verstreichen lässt, teurer. Aber die Haltung, das brauchen wir derzeit nicht, ist sicher verbreitet, stimmt.

    Punkt 2: ja, das ist in der Tat ein Problem. Allerdings hat da jede hierarchische Struktur ab einer bestimmten Größe mit zu kämpfen. Ein möglicher Ausweg: eine neue Unternehmenskultur. Aber ok, das ist leicht gesagt…

    Punkt 3: das glaube ich nicht. Die Altersgruppe, die die Theater besucht, findet sich mittlerweile sehr gut im Internet zurecht. Wer meint, die eigene Zielgruppe sei im Web 2.0 nicht zu finden, irrt. Ein Blick in die ARD/ZDF-Onlinestudie belegt das.

    Punkt 4: ja und die haben auch einen viel größeren Druck. Im Übermaß gibt es Blogs von kleinen Theatern aber trotzdem nicht, leider. Und nachdem sie schwer zu finden sind, habe ich mir erlaubt, einen Link auf das Lokstoff-Blog zu setzen.😉

    @Kurt: Stimmt, Blog und Theater, das passt perfekt zusammen. Blogs bewerben ist so eine Sache. Es gibt nicht viele Theater, die ein eigenes Blog haben. Die Arbeit von Axel zeigt das ja. Und wenn man eines hat, muss man noch wissen, wie man das macht. Was von viralen Kampagnen in ein Konzept zu schreiben ist die eine Sache. Aber so was wirklich in Gang zu bringen ist eine Herausforderung.

    Ein Blog zu haben ist keine Kunst, aber es zu betreiben…

    @Axel: zu den Abstimmungsproblemen: ich denke, es geht nicht nur um die Größe des Unternehmens, sondern vor allem um die Unternehmenskultur. So fortschrittlich sind (große) Theater in dieser Hinsicht nicht. Leider.

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  9. Wirklich ein schöner Beitrag. Ganz besonders richtig finde ich Deine Feststellung bzgl. der Trailer-Verbreitung.
    Ich kenne das Problem aus Berlin, wo doch einige Bühnen Trailer erstellen – manche stellen die sogar auf youtube ein.
    Damit ist dann aber auch schon das Ende der Kreativität erreicht.
    Das Ergebnis sind dann grandiose Trailer, die sich 250 Menschen ansehen.
    Der Impuls geht (wie so oft) von Entertainment-Veranstaltern aus, die sich im Moment gezielt die Online-Umfelder erschließen, in denen sie ihre Bewegtbild-Werbung unterbringen können.
    (Bestes Beispiel Eventim, deren Veranstalter in den letzten Monaten begonnen haben ihre youtube Channels auszubauen und über Eventim-Ticketing Bewegtbild Werbung als Google-Ads zu schalten).
    Damit erschliesst sich Eventim Content-Partnerschaften, die später wohl nicht gerade förderlich für die staatlichen Häuser sein dürften.
    Dabei sollte man doch glauben, dass die staatlichen Häuser keinen Grund haben, sich hier in irgendeiner Weise zu verstecken.

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  10. Guter Beitrag von Axel Kopp. Aber: Diese Feststellungen sind ja nicht neu und offensichtlich.

    Daher: Viele von Euch sitzen doch so dicht an Beteiligten/Entscheidern in diesen Kulturbetrieben. Welche konkreten Aussagen/Auskünfte gibt es denn von denen, warum dieses und jenes in der Kulturmarketingarbeit im Web nicht eingesetzt bzw. genutzt wird?

    Ich glaube nicht unbedingt, dass der lange Entscheidungsweg über n Mitarbeiter das große Thema ist. Jede neue Printkampagne und Motiv wird auch nicht über alle Mitarbeiter durchentschieden. Ein „Kommunikations-Risiko“ z.B. in Blogs kann grundsätzlich durch Filtern und Moderieren auch ausgeschlossen/reduziert werden. Kreativität, Netz-affines know how-Potential der Mitarbeiter und technische Mittel sind allerorts mehr als vorhanden und sicherlich auch nicht das hindernde Thema.

    Mich würde mal hier ein Kommentar eines Mitarbeiters dieser Kulturbetriebe interessieren.

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  11. @Christoph F. Mathiak

    Das Thema Video für z.B. gezielte Tourpromo ist tatsächlich und erstaunlich mehr als rar. Auch bei eventim muss man das suchen und bei größeren privatkommerziellen Konzertpromotern fehlt das Kommunikationselement noch gänzlich.

    Das hier sind Ausnahmen:
    http://aeglive.com
    http://www.youtube.com/user/RolfMillerTV

    Bei einigen Betrieben ist die Unwissen- und Unsicherrheit des Rechtethemas sicherlch auch noch ein wichtiger Grund.

    Es fehlen aber auch noch die Medien, die diese Kommunikationselemente einbinden können. „Nur“ YouTube macht ja noch nicht wirklich glücklich hinsichtlich Zugriffe.

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  12. Spannender Beitrag und Diskussion – nur eine kurze Anmerkung (zu Tom Schössler): „In gewisser Weise haben es Staatstheater (jedenfalls vielerorts) (noch) nicht nötig, Marketing via Web2.0 zu betreiben.“ – Ich glaube, es führt in die falsche Richtung, bei Web 2.0 zuerst an Marketing denken. Das Web 2.0 bietet gerade enorme Chance für Kunst- und Kulturvermittlung – und auch ST hätten es m. E. nötig, dies im Web 2.0 zu tun, oder?

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    • @Simon Frank: Richtig, aber Vermittlung, auch pädagogischer Art, zähle ich im weitesten Sinne unter den Begriff der Distribution, und damit ins weite Feld des Marketing.

      @Klaus Wolfrum: Ein paar Erfahrungen aus dem Theaterbereich teile ich gerne. Sie stammen aus verschiedenen Arten und Größen von Theatern.

      Vorher noch: Claus Peymann hat vor nicht allzu langer Zeit gesagt, dass Kultur gar kein Marketing braucht (das meine ich auch mit der Einstellung, dass die Staatstheater es z.T. „nicht nötig haben“. Das ist nichtmal böse gemeint. Wenn man gewohnt ist, dass die Zuschauer auch so kommen…wozu dann Geld in Marketing stecken?). (dass das allerdings kurz gedacht ist, brauchen wir hier nicht zu besprechen, glaube ich)

      Wie Christian Henner-Fehr absolut richtig feststellt läuft es auf die Einstellungsfrage hinaus. Viele Theaterleiter sind zu Ruhm und Ehren gekommen, als es noch keine Computer gab. Ich kann vielen nicht verdenken, dass sie der Meinung sind, dass es auch ohne geht. Übrigens gibt es auch in großen Industrie-Unternehmen Führungskräfte, die sich ihre E-mails ausdrucken und die handschriftlichen Antworten von der Sekretärin abtippen lassen. Selbst erlebt. Ich möchte das aber gar nicht polemisch verstanden wissen. Wenn man über Jahrzehnte technologische Neuerungen kommen und gehen sieht, ist es verständlich, das man „nicht mehr alles mitmachen will“. Wir, die wir es nicht anders kennen, können das nicht nachvollziehen, vielleicht brauchen Blogs, Twitter, FB etc. aber einfach noch Zeit. Und das Abwarten lohnt auch manchmal: oder wer würde heute seine Investitionen in Second Life noch als Erfolg werten?

      Daran anknüpfend liegen bei vielen konkreten neuen Möglichkeiten nur wenige empirische Daten vor, mit denen man seinem Intendanten die Notwendigkeit von Social Media ein-eindeutig nachweisen könnte. Die Erfolgsmessung ist schwierig. Ich bin ein großer Fan der Balanced Scorecard, die auch beim Thema Web2.0 eingesetzt werden kann (siehe C.H-F.s Beitrag im Kulturmanagement.net Magazin), aber selbst die ist trotz fast 30 Jahren erfolgreichen Einsatzes im Management für viele Kulturbetriebe im besten Fall eine Neuigkeit, im schlechtesten nur „neumodisches Zeug“.

      Die Frage der Organisation ist m.E. gar nicht hoch genug zu bewerten. Wenn immer nochmal einer drüber schauen muss, oder man sich ständig rückversichern muss, was man jetzt bloggen darf und was nicht, kann man es wahrscheinlich gleich lassen. Wenn man mit der gleichen Geschwindigkeit twittert, mit der eine Printkampagne entsteht, verliert man wahrscheinlich schnell das Interesse der Follower. In den meisten Intendantenverträgen steht außerdem standardmäßig, dass er/sie das Theater in der Öffentlichkeit zu vertreten hat. Auch da finde ich es nachvollziehbar, dass im schwer kontrollierbaren Medium Internet ein Risiko gesehen wird. Sich Blogposts kommentieren zu lassen ist ein Risiko, das einfach nicht jeder eingehen will.

      Sorry…das ist schon wieder so lang. Wurde aber auch schnell eine recht umfangreiche Diskussion hier…
      Grüße,
      TS

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    • @Tom Schößler: Stimmt, die Erfolgsmessung ist nicht so ganz einfach. Aber sie ist möglich, wenn man sich im ersten Schritt überlegt, welche Ziele man erreichen möchte. Und wenn es die Steigerung der Besucherzahlen ist, dann wird man halt nach einiger Zeit feststellen, dass das Ziel nicht erreicht wurde und man entweder die Web 2.0-Aktivitäten einstellen oder aus den Erfahrungen lernen und sich andere Ziele stecken muss

      Dass es nun überall heißt, der Erfolg sei im Web 2.0 nicht messbar, das halte ich aber auch für falsch. Das führt zu einer Art Beliebigkeit, wo man dann zu Recht die Frage stellen kann, was das Web 2.0 denn dann bringt? Und es führt dazu, Erfolglosigkeit zu entschuldigen. Mit der Balanced Scorecard, die Du hier erwähnst, lässt sich einiges an Zielen ermitteln.

      Aber wie Du schreibst, ist sie leider im Kunst- und Kulturbereich noch nicht wirklich angekommen. Zumindest wenn es um den Einsatz von Web 2.0-Tools geht.

      PS: danke für den tollen Kommentar!!😉

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  13. @Klaus Wolfrum: Ich höre häufig folgende Gründe heraus:
    – der Zeitfaktor: der Einwand ist auch durchaus berechtigt. Wer schon ohne Web 2.0-Aktivitäten kaum sein Pensum schafft, der wird nicht auch noch auf die Schnelle ein Blog starten und zu twittern beginnen.
    – die Unternehmenskultur: Du nennst es die langen Entscheidungswege. Die sind in der Tat ein Thema. Zwar lässt sich dieses Problem lösen, behaupte ich, aber wenn man die Sache zu Ende denkt, dann geht das einher mit einer Veränderung der Unternehmenskultur. Und das geht erstens nicht so schnell und wird zweitens auch nicht immer gewünscht.
    – die Erfolgskriterien: meist mündet das in die Frage, ob man durch Twitter & Co neue Besucherschichten ansprechen bzw. mehr BesucherInnen gewinnen kann. Nachdem die Gleichung drei Follower sind ein neuer zahlender Besucher so nicht aufgeht, lässt man die Sache lieber mal bleiben und wartet darauf, dass irgendwo Fakten auftauchen, die dann Sinn bzw. Unsinn des Web 2.0 belegen.

    Insofern würde ich nicht von Ablehnung, sondern von Unsicherheit sprechen, die es aufzulösen gilt.

    @Simon A. Frank: ich denke auch, dass die Fixierung auf den Marketingaspekt zu kurz greift.

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  14. Nochmal kurz wegen der „Fixierung auf den Marketingaspekt“: Ich habe gerade als Definition von Marketing „die Herbeiführung und Gestaltung von Austauschprozessen“ gefunden. Finde das sehr passend für das, was wir mit Web2.0 im Kulturbetrieb erreichen wollen, oder?
    Wie gesagt, ein weites Feld…😉

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  15. @Tom Schößler

    Sehr aufschlussreich. Vielen Dank!

    Woher ist man es gewohnt, dass die Zuschauer kommen? Hat man es tatsächlich nicht nötig? Es bestehen doch schon ordentliche Werbebudgets für klassische Medien/Werbekanäle, oder? Weißt Du, wie hoch dieses für eine Spielzeit an einem solchen Staatstheater ist?

    Ich für meinen Eindruck denke, dass der stattfindende Medienstrukturwandel vielen Beteiligten im Kopf mehr zu schaffen macht, als sich eingestehen wollen. Dazu zähle ich auch die Künstler und beteiligte Medien-PR-Dienstleister selbst.

    Der Kulturbereich lebte jahrzehnte lang in der lediglichen Bereitstellung von Informationen für Medien, die folgend ihre Existenzberechtigung dadurch bestreiten konnten. Mehr waren die Medien zeitwegs auf die Veranstalter angewiesen. Im Web 2.0 und der grundsätzlichen Mediennutzung ändert sich das. Markant. Hier muss man die Antenne selbst ausfahren und aktiv mit-kommunizieren. Das ist nicht verwunderlich, dass es manchem hier dann so schwer fällt, die Senderrolle aktiv auch zu übernehmen.

    Das könnte rein theoretisch auch so noch länger weitergehen, wenn nicht die klassischen Werbekanäle (von Litfaßsäule bis hin zu Tageszeitung) an Kraft und Wirkung durch das Netz weiter verlieren – auch wenn man dort hochbudgetiert. Ich denke, dass bei vielen Kulturbetreiben auch ab Mitte 2010 durch das Wegbrechen von Sponsoren ein stärkerer Knackpunkt zum Umdenken kommt bzw. kommen muss. Naja, oder halt nicht;-)

    Ich kann hier aber nur im Bereich „Veranstaltungswerbung“ tatsächlich mitsprechen. Nur darin kenne ich mich auch aus.

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  16. Nur noch als kleine Anekdote: Ich habe mich letzthin mit einer Nachwuchsband unterhalten und Ihnen unser Veranstaltungsportal samt Blog vorgestellt. Im Portal stellen ausschliesslich die Veranstalter ihre Termine selbst ein. Wir bieten keinerlei redaktionellen Service. Im Blog haben wir seit kurzem eine Kategorie „Online-PR Praxis-Tipps für Künstler ( http://www.frankentipps.de/blog/?cat=38 ). Mein Ziel des Gespräches war: Wenn Du als Künstler Deinem Veranstalter unser Medium empfiehlst, haben wir beide Nutzen. Wenn Du als Künstler Deine PR verbesserst, hast Du als Künstler weiteren Nutzen. Eigentlich alles an sich ja sehr schlüssig.

    Am Ende des sehr ausführlichen und langen Gespräches zückte der Musiker eine Demo-CD und einen Packen Flyer mit der Bitte, ob wir über ihn schreiben könnten und ob wir etwas kennen, wo wir es für ihn mit auslegen könnten.

    Er hatte mir gar nicht zugehört.

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  17. Heute war Mitgliederversammlung Landesverband Bayern im Deutschen Bühnenverein. Da sitzen Intendanten und Verwaltungschefs. Die haben Sorgen … Aber das web2.0 macht ihnen nicht zu schaffen.

    So war unter TOP 5 „Sonstiges“ der Unterpunkt 5.2. „Bayerische Theatertage“ aufgeführt und da dann 5.2.b „Vorstellung Entwürfe Coporate Design / Logo“.

    Wie man dann das Logo für die Bayerischen Theatertage samt der anderen dazugehörigen Infos an welche Adressaten bringt, war nicht Gegenstand. Weil dies Corporate Design samt Logo ja für Flyer, Plakate, Programme, Fahnen, Stelen und andere herkömmliche entworfen wird – und die Verteilung dieser Sachen ist doch kein Problem.

    Das Logo kann ja auch auf einer website zu den Bayerischen Theatertagen auftauchen, aber die website sollte ansonsten wohl so wie die Seite des ausrichtenden Hauses aussehen.

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    • @Luise Haeberle: ich denke, es ist einfach eine Frage der Zeit, bis das ein Thema wird. Irgendwann werden sie feststellen, dass das mit der Bewerbung nicht mehr so funktioniert. Oder sie hören von anderen, die da so komische Dinge im Internet machen.🙂

      Und dann wollen sie das auch gerne haben und schon ist der Einstieg schon geschafft. Ob Web 2.0 oder nicht, hängt, denke ich, davon ab, ob man einen Bedarf erkennt. Eigentlich ist es ja sinnvoller, erst dann in das Thema einzusteigen.

      Einfach so zu twittern, weil es alle machen, ist nicht wirklich zielführend und führt dann zu den zahlreichen Twitterleichen…

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  18. @Klaus Wolfrum: Für mich geht es in Sachen Web 2.0 ganz stark auch um eine neue Unternehmenskultur. Und die entsteht nun mal in den Köpfen.

    Ich denke, das ist so ein Wechselspiel. Der Einsatz diverser Tools führt langsam zu einem Umdenken. Daraus resultiert dann wieder der Einsatz neuer Tools…

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