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Digital sozial und trotzdem nicht messbar

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Als ich vor fast drei Jahren mit diesem Weblog begann, war die Social Media-Welt noch überschaubar. Ich schrieb meine Beiträge und nutzte Social Bookmarking-Dienste. Gefunden wurde ich, indem ich auf andere Blogpost verlinkte, dort kommentierte und ansonsten schaute, dass mein Blog auch auf Delicious, Mister Wong, etc. zu finden war. Ach ja, und Xing gab es noch.

Je mehr Blogs auf das eigene verlinkten, desto besser. Wie erfolgreich man dabei war, konnte man bei Technorati nachlesen. Mein großes Ziel war es immer, dort im Ranking besser als Position 100.000 zu sein. Rund 100 Blogs mussten innerhalb der letzten 180 Tage auf einen verlinkt haben, um diese Hürde zu schaffen. Heute bin ich ungefähr auf Platz 84.000, aber dafür sind nur mehr 40 eingehende Links nötig. Mal abgesehen von der Tatsache, dass Technorati nicht mehr sehr zuverlässig wirkt, ist aber klar, dass die Verlinkung zwischen den Blogs nachgelassen hat.

Dafür gibt es zwei Gründe: auf der einen Seite existieren mittlerweile einfach viel mehr Blogs als noch vor zwei Jahren. Das heißt, man kann theoretisch auf unzählige Blogs verlinken. Da fallen für den Einzelnen einfach weniger Links ab. Und andererseits hat sich unser Linkverhalten verändert.

„Mein Blog „Sprechblase” wird mittlerweile um ein Vielfaches mehr über Twitter und ähnliche Microbloggingdienste verlinkt als über andere Blogs“,

schreibt Cem Basman in seinem Beitrag „Die Digitale Soziosphäre“ . Ich kann das bestätigen. Nicht nur die Links haben abgenommen, auch die BesucherInnen meines Blogs kommen eher selten von anderen Blogs, aber sehr häufig via Facebook, Twitter & Co. Das heißt, Rankings, die die Verlinkung zwischen Blogs messen, haben eigentlich nur noch begrenzte Aussagekraft.

Interessant ist aber, dass ich neben meinem Platz im Ranking bei Technorati noch erfahre, wie hoch meine „Authority“ ist. Meine „Autorität“ ist ident mit der Zahl der eingehenden Bloglinks. Wenn Bloglinks aber gar nicht mehr die Relevanz früherer Zeiten besitzen, dann habe ich keinen Orientierungsrahmen mehr, wer in der Blogosphäre wichtig ist und wer nicht.

Cem Basman weist darauf hin, dass auch die Reputation von WissenschaftlerInnen nicht mehr ausschließlich an Hand der Zahl ihrer wissenschaftlichen Publikationen ablesbar sei. Auch wenn man nun andere Kennzahlen verwendet, z.B. die Anzahl der Kommentare oder die Zahl der LeserInnen, wird man der Komplexität der Begriffe Autorität oder Reputation nicht gerecht. Basmans Vorschlag, um eine Bewertung vornehmen zu können:

„Eigentlich müsste es darum gehen, wieviele neue positive Impulse jemand in die Digitalen Soziosphäre liefert und wie diese neuen Anregungen, Ideen, Initiativen, Aktionen von den anderen angenommen werden, sich dort fortpflanzen, die Entwicklung in der Digitalen Soziosphäre befruchten und voranbringen. Das allerdings halte ich für schwer oder fast gar nicht messbar.“

Das geht ganz stark in die Richtung, die Tina Guenther in ihrem Blogpost „Karrierefalle Internet” – ein alternativer Vorschlag zum Thema Reputation im Netz“ eingeschlagen hat. Sie bezeichnet Reputation als ein „symbolisch generalisiertes Interaktionsmedium“, das analog zum Geld in unseren Sozialsystemen zirkuliere, wobei man seine Reputation online oder offline nutzen könne.

„Wer viel Reputation akkumuliert hat, kann mit geringem Aufwand ein hohes Maß an Konsens erzielen“,

schreibt Guenther weiter, was bedeutet, dass ich mir, so ich über eine geringe Reputation verfüge, die Reputation von anderen „ausleihen“ bzw. andersrum anderen meine Reputation „leihen“ kann. Wenn aber Reputation nicht nur sozial, sondern auch dynamisch ist, dann ist klar, dass sie sich weder steuern noch kontrollieren lässt,

„denn dies würde ja voraussetzen, dass die Reputation dem Akteur gehört bzw. dass er sie beherrschen kann. Vielmehr tauschen sich Akteure über Dritte aus. Das heißt, sie erzählen einander Geschichten (wahr oder falsch) über Dritte (positiv oder negativ)“,

so Guenther weiter. Wie aber soll ich etwas messen bzw. bewerten, wenn es dynamisch und weder steuer- noch kontrollierbar ist? Theoretisch bleibt, wie Cem Basman am Ende seines Beitrags schreibt, nur die „subjektive Einschätzung im Auge des Betrachters“. Trotzdem sind wir aber weiter auf der Suche nach irgendwelchen Rankings, in denen wir möglichst weit oben stehen. Das ist auch, denke ich, nicht verwerflich, so lange wir uns vor Augen halten, dass es halt nur ein Teilaspekt dessen ist, was wir als „authority“ oder „Reputation“ bezeichnen. Und wir müssen uns vergegenwärtigen, dass uns beides nicht gehört, sondern von den anderen sozialen Akteuren gegeben und genommen wird. Bleibt die Frage, wann und warum das passiert?

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