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Von Meinungseinheitsbrei und Kuratoren: wie wir mit Informationen umgehen

4 Kommentare

Gestern Abend habe ich den Hinweis auf TweetPo.st erhalten, ein kleines Tool, das mich dabei unterstützt, Nachrichten gezielt über Twitter und Facebook unter die Leute zu bringen. Eigentlich ist dieses Tool ganz sinnvoll, denn es unterstützt mich dabei, von Twitter aus selektiv Nachrichten über meinen Facebook-Account zu veröffentlichen. Sinnvoll deshalb, weil viele ihre Tweets (auf Twitter verfasste Nachrichten mit maximal 140 Zeichen) 1:1 auch auf Facebook veröffentlichen. Folge ich so einer Person auf Twitter und auf Facebook, dann bekomme ich diese Nachrichten immer doppelt präsentiert.

Ich halte davon relativ wenig, weil ich der Meinung bin, dass Social Media Tools wie Twitter, Facebook oder auch Friendfeed ganz unterschiedlich zu nutzen sind und es deshalb wenig Sinn macht, alles zu vermanschen bzw. in einem Stream zu aggregieren. Wenn man das wirklich will, dann kann man ein Tool wie Livestream.fm nutzen und dort alles, was man so von sich gibt, ob Tweets, Blogposts oder Bookmarks, zusammenfassen und als Stream anbieten. Mein Web2.0-Stream ist dort auch zu finden, nur tut sich das in der Regel niemand an, weil das eigentlich völlig unergiebig ist und dort auch keine Kommunikation stattfindet. Meinungen, Tendenzen oder Entwicklungen lassen sich so nicht erkennen.

Wenn wir alles mit allem vermischen, dann entsteht so etwas wie ein Einheitsbrei. Genau davon spricht auch Viktor Mayer-Schönberger, der sich als Direktor des Information+Innovation Policy Research Centre in Singapur mit den politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Dimensionen moderner Informations- und Kommunikationsnetze beschäftigt, in einem Interview für den heutigen Standard. „Wir brauchen wieder Dissidenten“ ist das Interview mit ihm überschrieben, in dem er von einer „Übervernetzung“ durch die zahlreichen Web 2.0-Anwendungen spricht, die zu einem „Meinungseinheitsbrei“ führen würden.

Die Folge: radikale Innovationen haben keine Chance mehr, wir verharren im Meinungsmainstream:

„Wir drohen in vielen Bereich übervernetzt zu werden, uns fehlen die Freiräume, völlig Neues zu denken und anzugehen. Anstatt tausenden anderen auf Facebook mitzuteilen, was wir gerade machen, sollten wir wieder mehr auf unsere individuelle Kreativität setzen“,

ist Mayer-Schönberger überzeugt. Ganz so sehe ich es nicht, denn ich bin davon überzeugt, dass individuelle Kreativität zwar wichtig ist. Aber kreative Formen der Zusammenarbeit sind mindestens ebenso wichtig. Mehr hängt meiner Meinung nach von der Antwort auf die Frage ab, was man mit seiner Vernetzung macht? Vernetzung ist nicht gleich Vernetzung. Wenn ich die zahlreichen „Marketingexperten“ so anschaue, die auf Twitter zehntausende Follower sammeln und mir erzählen wollen, dass das das Geschäftsmodell der Zukunft ist, dann ist das etwas anderes als das gezielte Miteinander mit Personen, mit denen eine Zusammenarbeit für beide Seiten einen Mehrwert generiert.

Zwar werden die Angebote, sich zu vernetzen und Informationen aus dem Internet zu sammeln und zu aggregieren immer ausgefeilter. Aber glauben wir wirklich, dass wir hier irgendwann einmal einen Punkt erreichen, an dem wir sagen können: so, jetzt passt es? Der Anspruch auf Vollständigkeit, der sich dahinter oftmals verbirgt, mag viele motivieren, in diese Richtung zu tüfteln und neue Tools hervorzubringen. Aber ich glaube, wir fahren besser damit, wenn wir den Anspruch auf Vollständigkeit fahren lassen und uns an Personen orientieren, denen wir vertrauen. Steve Rubel hat in diesem Zusammenhang von den digitalen Kuratoren gesprochen (siehe dazu mein Blogpost: „Was das Internet von der Kunst lernen kann„), die diejenigen sind, die für uns die Informationen vorauswählen.

Andy Brudtkuhl hat das in seinem Blogpost „Google Reader Changed How I Consume Information (again)“ recht schön beschrieben. Statt zahllosen RSS-Feeds folgt er nun Personen wie Louis Gray, Robert Scoble oder Michael Fruchter. Und das nicht auf Twitter, sondern auf Friendfeed. Sein Ansatz

„The key is finding people in your industry that you trust and who share information“,

geht auch in Richtung des Kuratorenmodells. Dieser Ansatz kann uns auch vor dem von Mayer-Schönberger befürchteten „Meinungseinheitsbrei“ bewahren, denn das heißt, wir suchen uns ganz gezielt die Personen aus, deren Informationen für uns relevant sind. Funktionieren kann das aber nur, wenn wir unseren Anspruch auf vollständige Erfassung der Informationen aufgeben.  Auf den Einsatz von TweetPo.st habe ich übrigens verzichtet.😉

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  1. Zustimmung. Das wahllose Anhäufen von Followern, nur um dem eigenen Account den Anschein einer Bedeutung zu geben, verhindert den Austausch und die Bildung eines wirklichen Netzwerkes. Dies auf Twitter sich bilden zu sehen, ist allerdings eine interessante Angelegenheit.
    Mir fällt auf, daß die meisten der Künstler, Galeristen, Museen, denen ich folge, einer überschaubaren Anzahl von ausgesuchten Menschen folgen, und diese Jagd noch Followern unterlassen, um tatsächliche Kommunikation stattfinden zu lassen.
    Dahin geht auch mein Twitter-Kunstprojekt, daß ich genau diese handverlesene Gruppe von Followern aufgerufen habe, meine nächste Ausstellung zu kuratieren, um genau diese Form der Kommunikation und Interaktion zu thematisieren.
    Werkzeuge zur selektiven Auseinandersetzung mit der Twittersphäre benötige ich jedenfalls nicht. Ein bewußter Umgang mit der Person des Followers ist wichtiger. eigentlich ist es wie im richtigen Leben: everybody’s darling zu sein führt zu einer Korrumpierung der eigenen Persönlichkeit. Insofern ist es ein Respekt, den ich auch meinem digitalen Gegenüber schulde: will ich diesem Account wirklich folgen, interessiere ich mich für seine Tweets oder kommt es mir nur auf die Möglichkeit an, daß er mir folgt und damit meine Reputation erhöht? Von daher kann man die Werte des sozialen Miteinanders auch auf das Web 2.0 übertragen: Achte Deine nächsten, auf das Du geachtet wirst. Ich merke jedenfalls, daß die Leute, die aufgeregt Geschäfte machen wollen, ganz schnell meinen Twitternetzwerken verschwinden – eine Selbstreinigung, die auf diesem Dienst erstaunlich gut funktioniert.

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  2. Es ist richtig, dass viele Kultureinrichtungen sich nicht an der Jagd nach Followern beteiligen. Aber die Kommunikation, das Gespräch vermisse ich oftmals noch. Ich schaue mir bei den einzelnen Accounts immer an, wie viele „replies“ unter den Tweets sind.

    Meist fehlt ihnen noch die Idee, was sie mit Twitter machen können. Da finde ich die Idee, eine Ausstellung via Twitter kuratieren zu lassen ganz spannend, erlaubt das doch eine Öffnung, die so nicht möglich ist bzw. bisher nicht vorgesehen war.

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