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Twitter: Wiki in Echtzeit?

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Puzzleteile

© Gerd Altmann; Pixelio

Ich beobachte, dass in letzter Zeit viele Kultureinrichtungen und Dienstleister in deren Umfeld sich einen Twitter-Account zugelegt haben. Mit ein Grund für diese Entwicklung ist sicher der Hype rund um die Plattform. Die Nutzerzahlen sind in den letzten Monaten explosionsartig in die Höhe geschossen. Ein TechCrunch-Artikel zeigt, dass das Rad immer mehr an Schwung gewinnt. Im März lag die Zahl der „unique visitors“ in den USA bei 9,3 Mio, was einem Wachstum gegenüber dem Februar um 131% entspricht. In den Vormonaten waren es „nur“  jeweils 33% (Januar) und 55% (Februar).

Was aber mache ich nun mit meinem Twitter-Account? „Twittern ist Bloggen für Arme“ hat Jens Uehlecke in seinem ZEIT-Artikel „Schluss mit dem Geschnatter!“ geschrieben. Das würde  dann ja gut passen, schließlich zeichnet sich der Kunst- und Kulturbereich gerade dadurch aus, dass er über wenig bis gar kein Geld verfügt.

Ich denke, Twitter macht vor allem dann Sinn, wenn man über Informationen verfügt, die verlinkbar sind, so dass man auf sie verweisen kann. Das heißt, ich kombiniere Twitter mit verschiedenen anderen Kommunikationskanälen im Web. Ob das die eigene Website, das Blog, die Foto- oder die Videoplattform ist, spielt dabei keine Rolle. Sinn macht der Verweis auf die an anderer Stelle deponierten Informationen nur dann, wenn ich damit eine unbeschränkte Öffentlichkeit erreichen möchte.

Wenn Sie nun noch keine Erfahrungen bei Twitter gesammelt haben und auch noch keinen Account besitzen, aber zu dem Ergebnis kommen, dass Sie gerne Informationen unter die Leute bringen würden, dann empfehle ich Ihnen den „ultimative(n) Newbie-Guide zur Twitter-Kompetenz„, den Heide Liebmann vor wenigen Tagen auf ihrem Blog veröffentlicht hat. Darin finden Sie alle Basics, die notwendig sind, um mit dem Twittern zu beginnen.

Und dann? Wie gehen Sie die Sache an, wenn Sie angemeldet sind? Bei Twitter geht es um Gespräche, das Weitergeben bzw. den Austausch von Informationen. Aber mit wem sollen Sie diese Gespräche führen und woher wissen Sie, welche Informationen interessieren und welche nicht? Und dann soll das Gezwitscher oder „Geschnatter“ auch noch Spaß machen. Das Ergebnis ist vorhersehbar. Sie kommen nicht in die Gänge, wissen nicht, worüber Sie schreiben sollen, folgen will Ihnen auch niemand und so verwaist Ihr Twitter-Account zusehends. Ein gescheiterter Einstieg in Sachen Twitter? Viele würden diese Frage jetzt mit einem Ja beantworten. Aber vielleicht stimmt das gar nicht? Vielleicht funktioniert Twitter ganz anders als wir bis jetzt angenommen haben? Vielleicht müssen Sie gar nicht zur Gruppe derer gehören, die über tausende Follower verfügt und noch mal soviele Tweets unter die Leute bringt?

„Perhaps the most common reason given for joining the microsharing site Twitter is ‚participating in the conversation‘ or some version of that“,

schreibt Mark Drapeau auf O’Reilly Radar. Aber sein Beitrag ist überschrieben: „Twitter is Not a Conversational Platform“ und darin versucht er aufzuzeigen, dass Twitter gar nicht so sehr der Kommunikation und der Unterhaltung dient, sondern einen übergeordneten Nutzen hat. Twitter entspreche nämlich in seiner Dynamik gar nicht so sehr den Kommunikationsformen, wie wir sie von den Social Networks wie etwa Facebook kennen, sondern eher Wikis, in denen durch Kollaboration gemeinsames Wissen entsteht.

„Wikis are causally thought of as platforms for ‚collaborative‘ document creation. But on Wikipedia, while many people share knowledge to co-create pages, the process is not formally collaborative in the sense that contributors are not cooperating with each other ways that form group identity“,

stellt Drapeau fest und weist darauf hin, dass es im Fall von Wikipedia einige wenige sind, die das wohl bekannteste Wiki mit Inhalten füllen, während die große Masse überhaupt keinen Beitrag dazu leistet, also nur konsumiert. Ein ähnliches Bild ergibt sich auf Twitter, wie eine Harvard Business School Studie zeigt: 90% der Tweets kommen von 10% der Twitter-User. Auf Social Networks sehen die Zahlen etwas anders aus, erklärt Brian Solis: dort produzieren 30% der User 90% der Inhalte.

Während Twitter auf der Ebene der einzelnen User aus Gesprächen und dem Austausch von Links besteht, funktioniert die Plattform auf der übergeordneten Ebene ähnlich einem Wiki:

„as a knowledge-sharing, co-creation platform that produces content and allows its consumption. Conversation is perhaps the most simple and obvious form of collaboration, but would anyone claim that Wikipedia is a conversational platform? Despite the presence of information sharing, co-creation of an end product, and even discussion pages, Wikipedians on the whole aren’t having conversations“,

stellt Drapeau fest und behauptet:

„Twitter is no more a conversational platform than Wikipedia is.“

Außerdem entspreche das Userverhalten nicht dem von Social Networks, wie die oben erwähnte Studie zeigt:

„On a typical online social network, most of the activity is focused around women – men follow content produced by women they do and do not know, and women follow content produced by women they know. Generally, men receive comparatively little attention from other men or from women“,

zitiert Mark Drapeau Studienautor Mikolaj Jan Piskorski. Auf Twitter sieht die Sache etwas anders aus, wie die Studie zeigt:

Twitterstudie

Für Drapeau heißt das: Twitter ist genauso wenig ein Social Network wie Wikipedia:

„Wikis have user accounts and discussion pages, and it is possible for relationships to form. Twitter has user handles and direct messaging, and relationships can form. But social relationships on Wikipedia and Twitter are not a prerequisite for satisfaction and success.“

Wenn Twitter mehr einem Wiki als einem Social Network entspricht, was bedeutet das für den Umgang mit diesem Tool? Ähnlich wie bei Wikipedia können wir auch auf Twitter als passive Nutzer einen direkten Nutzen daraus ziehen. In diese Richtung geht auch Brian Solis, der meint, dass es manchmal durchaus sinnvoll sein könne, einfach präsent zu sein und von den Informationen, die auf Twitter zu finden sind, zu profitieren.

Seine Schlussfolgerung:

„But, perhaps its importance, at this moment in time, is more closely aligned with a powerful, new, and seemingly engaging one-way broadcasting ecosystem rather than a two-way dialogue channel we initially suspected.“

Das heißt, wenn Sie dabei sein wollen, sollten Sie sich gar nicht unbedingt dem Stress aussetzen, nun unbedingt mitzwitschern oder mitschnattern zu müssen. Wikipedia nutzen Sie ja auch, ohne gleich ein schlechtes Gewissen zu haben. Aber: auch wenn die aktive Teilnahme keine Voraussetzung dafür ist, von Twitter zu profitieren. Die Herausforderung besteht darin, die wichtigen Player und die wichtigen Informationen zu identifizieren. Dabei helfen Ihnen mittlerweile jede Menge Tools. Was für Sie aber wichtig ist, das müssen Sie selbst herausfinden.

8 Comments Join the Conversation

  1. Die Sache mit den Männern und Frauen lässt mich nachdenken. Wenn die Studie stimmt, könnte man verkürzt sagen, Twitter biete im Gegensatz zum Social Web konventionelle Rollen-Kommunikation in Reinform? Das wiederum würde heißen, dass ich, um angenehm und mit Gewinn zu agieren, die zu mir passende Kommunikationsform suchen muss? Oder habe ich da etwas falsch verstanden?

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  2. Naja, wie sieht denn das konventionelle Rollenverhalten aus? Männer twittern, Frauen netzwerken? Ich weiß nicht…

    Aber ich denke schon, dass es Sinn macht, sich zu überlegen, welche Ziele man verfolgt und dann die entsprechenden Kommunikationstools auszuwählen. Daraus könnte ich dann „Gewinn“ ziehen, wobei der nicht unbedingt monetär sein muss. Nur das „angenehm“ verstehe ich jetzt nicht ganz.

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  3. Nein, das Rollenschema betrifft diese Grafik zu Twitter, wer wem folgt, wer von wem ge(ver?)folgt wird. Das entspricht genau dem, was bei Partys in romanischen Ländern abläuft😉 Was Drapeau dagegen über das Folgeverhalten bei Social Media schreibt, scheint dies aufzubrechen. Vielleicht interpretiere ich in die zwei Sätze auch nur zu viel hinein.

    „Angenehm“: Meine Theorie ist die, dass ich dort mit Gewinn (nicht finanziell gemeint) agieren kann, wo ein Umfeld meinem eigenen Kommunikations- und Rollenverhalten entgegen kommt, wo ich mich am wenigsten verstellen muss.

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  4. Ich denke, es geht ihm darum darzustellen, warum Twitter eher dem Prinzip der Kollaboration wie im Falle von Wikipedia folgt und nicht so sehr den Social Networks ähnelt.

    Interessant ist aber vor allem die Tatsache, dass die Zahl der heavy user sehr niedrig ist. Für mich stellt sich die Frage, ob die anderen, die kaum Follower haben und keine Tweets veröffentlichen, nur Karteileichen sind oder ob sie auch als passive Besucher von Twitter profitieren?

    Bis jetzt hieß es ja immer, wer auf Twitter nicht kommuniziert, der hat davon nichts. In der direkten Kommunikation mag das stimmen, auf der übergeordneten nicht, wenn man Drapeaus Argumentation folgen mag.

    @angenehm: ja, weil der Aufwand nicht sehr groß ist, oder?

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  5. Pingback: Twitter: die Welt in 140 Zeichen « Kultur und Social Media

  6. Pingback: Twitter: Worin liegt der Mehrwert für den Kunst- und Kulturbereich? « Das Kulturmanagement Blog

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