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last.fm und die Abogebühr: eigentlich muss man ihnen ja dankbar sein

20 Kommentare

Seien wir ehrlich: viele – eigentlich notwendige – Veränderungen passieren nicht, weil wir faul sind und die Dinge gerne so lassen, wie sie sind. So lange sie für uns passen. Wahrscheinlich hätte ich diesen Beitrag nie geschrieben, würde ich in Deutschland leben. Dann könnte ich nämlich last.fm weiterhin kostenlos nutzen. So wie ich last.fm bis jetzt auch hier in Österreich genutzt habe, zum Anhören von Musik.

Um es ganz deutlich zu sagen: ich kaufe seit etlichen Jahren keine Musik mehr. Ich habe über viele Jahre hinweg Schallplatten gesammelt (ca. 3 Meter habe ich noch) und auch um CDs habe ich lange Zeit keinen Bogen gemacht. Doch der Wunsch, Musik zu besitzen, ist nicht mehr wirklich vorhanden, mir reicht ein Stream. Das heißt nun nicht, dass ich es kategorisch ausschließe, eine CD, eine Schallplatte oder was auch immer zu kaufen. Aber grundsätzlich reicht es mir, Musik zu hören, ich muss sie nicht mehr besitzen. Manchmal freue ich mich über Musik, die ich früher gerne gehört habe, manchmal interessiert mich das, was ich noch nicht kenne.

Für beide Varianten gibt es im Internet unzählige Plattformen, auf denen Altbekanntes und/oder Neues zu hören ist. Eine davon ist last.fm, die Martin Weigert auf  Netzwertig.com als „Urgestein und Vorzeige-Social-Network für Musikfreunde“ bezeichnet. Ich habe last.fm gerne genutzt, allerdings nicht ausschließlich. Nun soll ich monatlich drei Euro dafür zahlen, wenn ich last.fm weiter nutzen möchte. Das werde ich nicht tun und zwar aus zwei Gründen:

  1. Grundsätzlich kann ich es akzeptieren, wenn ein Unternehmen im Internet den UserInnen ein Angebot macht und nach einiger Zeit darauf kommt, dass sich diese Angebot nicht rechnet, weil die Kunden es kostenlos nutzen können und die Werbeeinnahmen nicht den Erwartungen entsprechen. Nicht akzeptieren kann und will ich es aber, wenn ich für ein Angebot etwas zahlen soll, während andere dieses Angebot weiterhin kostenlos nutzen können. Das Argument, nur in den USA, UK und Deutschland entsprächen die Werbeeinnahmen den Erwartungen ist vorsichtig formuliert, kurios.
    Auf der eigenen Website bezeichnen die Macher last.fm als „globale(n) Musikdienst, der in zwölf Sprachen zur Verfügung steht“. Entweder bin ich global oder ich bin es nicht. Und wenn es morgen gelingt, in Italien einen lukrativen Vertrag an Land zu ziehen, dann fällt dort die Abogebühr oder wie darf ich das verstehen?
    Die Argumentation erscheint mir unglücklich und wenn ich mir die Reaktionen auf diese Aktion im last.fm-Blog (aktuell immerhin knapp 660) anschaue, dann behaupte ich mal, dass diese Aktion PR-technisch gesehen eher in die Hose gegangen ist.
    Also entweder zahlen alle oder es zahlt keiner. Aber so verscherzt man es sich einerseits mit seinen UserInnen, andererseits ermöglicht man es der Konkurrenz, sich ein Stück vom (Kunden)-Kuchen abzuschneiden. Was die Entwicklung neuer innovativer Musikangebote im WWW angeht, ist das sicher keine schlechte Sache. Was für die UserInnen gut ist, muss aber für last.fm noch lange nicht gut sein, ganz im Gegenteil.
  2. last.fm muss diese Abogebühr einführen, weil es von der Musikindustrie dazu gezwungen wird, hohe Lizenzgebühren zu zahlen. Hohe Lizenzgebühren waren auch der Grund, dass Pandora seine Dienste bei uns nicht mehr anbieten konnte. Gut, dann verschwindet halt auch last.fm von der virtuellen Landkarte.
    Martin Weigert hat Recht, wenn er für kostenlose Musikstreams schwarz sieht. Und das, weil die Verwertungsgesellschaften und die Musikindustrie glauben, dass sie ihre Umsätze retten können, wenn sie sich hier unnachgiebig geben. Womit ich bei Grund Nummer zwei bin, warum ich diese drei Euro Abogebühr nicht zahlen werde. Indirekt wird dadurch die Musikindustrie unterstützt und dazu bin ich nicht mehr bereit.

Aber eigentlich muss man last.fm, muss man den Verwertungsgesellschaften und der Musikindustrie dankbar sein, wenn sie hier weiter an der Daumenschraube drehen. Nur so können sich alternative Strukturen bzw. Angebote entwickeln. Bei mir läuft z.B. seit gestern Abend Musik von der Plattform Jamendo, auf der Musik unter Creative Commons Lizenzen veröffentlicht wird. D.h. KünstlerInnen und Gruppen, die dort veröffentlichen, haben, auf Deutschland bezogen, keinen Vertrag mit der GEMA abgeschlossen. Die Musik, die dort zu hören ist, kann ich privat hören und downloaden soviel und sooft ich will. Erst für die kommerzielle Nutzung zahle ich.

Nun kann man natürlich einwenden, damit sei kein Geld zu verdienen. Unter den derzeit herrschenden Rahmenbedingungen scheint das wirklich schwer zu sein. Aber wie gesagt: wenn die Verwertungsgesellschaften und die Musikindustrie diejenigen, denen sie ihre Existenz zu verdanken haben, die Kunden, weiter so zuvorkommend behandeln, dann kann sich das Blatt leicht wenden. Insofern ist es vielleicht gar nicht so schlecht, dass sich last.fm für diesen Weg entschieden hat.

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  1. Doch der Wunsch, Musik zu besitzen…

    Der Satz ist eigentlich genau das Problem. Man kann Musik nicht besitzen oder einen Text. Man kann den Datenträger besitzen, sonst nichts. Auf ihm sitzen sogar.

    Ein raubkopierter Zappa ist ein Zappa, ein Goethe bleibt ein Goethe.

    Darf man Gemälde eigentlich abhängen, nur um sie zu Hause aufzuhängen?

    Oder um es noch besser zu beschreiben:

    Eine digitale Kopie der Gedichte Schillers sind doch immer noch Kunst? Und die Kopien von Gemälden?

    Nur mal so zum nachdenken. Und wer sagt, dass man zu Hause zu jeder Zeit die Musik hören können muss, die man sich wünscht?

    Ich hätte gerade gerne die Mona Lisa bei mir im Schlafzimmer, nein keine Kopie, oder doch? Nun, und im Garten was von Miche, dem Angelo?

    Musik kann man nicht kaufen. Nur Datenträger oder downloads von solchen zu solchen.

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  2. @mikel: mmmh, interessante Anmerkung, obwohl es mir hier eigentlich um etwas anderes ging. Ich denke, nicht der Besitz ist das eigentliche Thema, sondern das, was Walter Benjamin in seinem Buch Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit als Aura bezeichnet.

    Und dann ist da noch die Frage, ob sich unsere Märkte nicht eh in eine Richtung entwickeln, wo es nicht so sehr um den Besitz, sondern den Zugang geht, um etwas nutzen zu können? Das wäre der Ansatz, den last.fm geht. Was auch durchaus ok sein kann, meine Kritik zielte aber in eine andere Richtung.

    @Klaus Karlbauer: stimmt!

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  3. Das ist ja schon fast bizarr: Im globalem Markt, den man sich selbst gerne erklärt, ein Länderabhängiges Hybridkonzept anzubieten, der den Service für andere verteuert. Wenn ich also im Urlaub in einem Land bin, wo`s für last.fm gut läuft, kann ich kostenlos nutzen, woanders muss ich zahlen – für eine Leistung, die aus dem ein- und denselben Land (Rechenzentrum) kommt.

    Und das ist mein Eindruck als Freund von paid services und Musik, die ich (gerne) kaufe.

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  4. Ich danke dir für diesen hervorragenden Artikel. Insbesondere den zweiten Grund gegen die Abo-Gebühren und den Hinweis auf Jamendo und andere Creative-Commons-Plattformen unterstütze ich voll und ganz. Es sollten noch mehr Leute so handeln wie du, um der Musikindustrie zu zeigen, daß sie hier ganz gehörig auf dem Holzweg ist!
    Im Übrigen stimmt es nicht, daß man mit freieren Lizenzen wie Creative Commons oder freier Software kein Geld verdienen kann. Im Gegenteil, der Markt der freien Software zeigt sich im Moment sogar sehr krisenfest. Die Musikszene könnte sich daran ein Beispiel nehmen. Denn auch sie wird unter der Wirtschaftskrise leiden. Wenn Menschen weniger Geld haben, wird an nicht wirklich benötigten Dingen wie Musik halt gespart.

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  5. Nachdenkliche Frage, unabhängig vom Fall: So schön die hippe Verschenkkultur ist – wovon leben in Zukunft die Künstler?

    Insofern möchte ich den vorletzten Satz gern umdrehen: Verwertungsgesellschaften und Musikindustrie leben von den Erzeugnissen der Künstler. Die müssen zuerst da sein und Kunst machen, bevor es Kunden gibt.

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  6. @Petra van Cronenburg: Creative Commons als „hippe Verschenkkultur“ zu bezeichnen, ist reichlich verfehlt. Genauso wenig wie freie Software „frei“ im Sinne von kostenlos sein muß, müssen Werke, die unter einer CC-Lizenz stehen, kostenlos sein. Der Urheber kann sein Werk auch verkaufen und es trotzdem unter eine CC-Lizenz stellen. Es geht bei diesen Lizenzmodellen nicht um die Frage „kostenlos oder nicht kostenlos?“, sondern um Rechte, die dem Benutzer oder Konsumenten eingeräumt werden, die er bei anderen Lizenzen nicht bekommt.

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  7. @Alexander Schlestag
    Sorry – das ist ein Missverständnis. Mir hatte es beim Klicken das Vorposting gekillt, wo noch stand: „unabhängig von diesem Fall“ – ich bezog mich weder auf last.fm noch auf die Lizenzen. Dass man als internationale Firma (?) nicht in einem Land Geld nehmen kann und im anderen kostenlosen Zugang bietet, akzeptiere ich auch nicht. Supermärkte arbeiten ja auch mit Mischkalkulation.

    Mir geht es in meiner Frage *grundsätzlich* um die Haltung der Konsumenten (aller Künste), die derzeit extrem wächst, nämlich dass man für nichts mehr im Internet zahlen will. Und damit meine ich nicht nur die Musik. Ich sehe täglich die andere Seite, die der Künstler – und eine Entwicklung, die mir Angst macht. Dort wächst nämlich ein neues Prekariat heran, das sich durch Nebenjobs wie früher auch nicht mehr auffangen lässt, weil die ebenfalls entwertet werden.

    Ich habe noch nie so viele Künstler (außerhalb des mainstreams) erlebt wie in diesem Jahr, die deshalb aufgeben mussten. Und die hören alle immer eins: „Warum willst du Geld, der X macht’s umsonst.“
    Daran hat mich Christian Henner Fehrs Beitrag einfach erinnert (und vielleicht ist meiner fehl am Platze, ich assoziiere manchmal zu wild).

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  8. @Petra van Cronenburg: Die Frage ist berechtigt, denke ich, denn das Problem, für die eigene (kreative) Leistung nicht bezahlt zu werden, haben immer mehr Menschen.

    Ich weiß ehrlich gesagt auch nicht, wie sich dieses Problem lösen lässt. Ich bin aber davon überzeugt, dass eine Verschärfung von Gesetzen und Regelungen nicht der richtige Weg ist.

    Wenn es für uns heute selbstverständlich geworden ist, Leistungen aus dem Internet kostenlos zu konsumieren, dann heißt das auch, dass wir diesen Leistungen und deren Urhebern keine Wertschätzung entgegenbringen.

    Aber vielleicht ist Wertschätzung gar keine Kategorie, die in unserem System vorgesehen ist? Vielleicht sind wir nun an dem Punkt angekommen, an dem wir erkennen müssen, dass das System mangelhaft ist und so nicht mehr weiter funktionieren wird?

    Im Endeffekt ist es ja ganz einfach: wir als Individuum müssen uns ändern und bereit sein, den Kreativen die entsprechende Wertschätzung bzw. Bezahlung zukommen zu lassen. Da ist der Ansatz der Creative Commons Lizenz für mich ein Schritt in die richtige Richtung, denn sie steht in meinen Augen sinnbildlich nicht so sehr für den erhobenen Zeigefinger, sondern ist eher als Einladung zu verstehen.

    Notwendig ist ein Mikropayment-System, das kostengünstig und mit maximal zwei Mausklicks funktioniert und unsere Bereitschaft, für gute Leistungen auch zu zahlen. Das kann man z.B. bei Jamendo in Form einer Spende, wobei ich zugeben muss: auch dort ist das System noch so kompliziert, dass ich daran gescheitert bin, weil ich irgendeinen Sicherheitscode nicht habe oder nicht kenne.

    Für mich heißt das: ich suche nicht nach dem optimalen System, in dem Gerechtigkeit herrscht, sondern versuche mein eigenes Verhalten an meinen Wertmaßstäben auszurichten.

    just my 2 cent…

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    • Das Stichwort Micropayment passt wunderbar! Ach gäbe es doch einmal ein einheitliches, international funktionierendes, einfaches… Genau daran scheitern ja die Zeitungen.
      Ob Menschen Wertschätzung wieder lernen können – ich weiß es nicht. Ich möchte daran glauben!

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      • Ich glaube nicht, dass Anbieter nur an einem einheitlichen Micropayment-Verfahren scheitern oder das Fehlen daran hindert. Für mich ist das auch nicht ausschlaggebend und ein einziges Modell dürfte es auch Marktbelebend gar nicht geben. Nein: Es gibt ohne Ende MP-Zahlungsmöglichkeiten, die mir als Konsumenten Transaktionen in einer noch nie dagewesenen Weise vereinfachen.

        Einzig zählt die Bereitschaft, für etwas Geld auszugeben wollen. Und natürlich das know how, es auch richtig zu vermarkten und zu verkaufen.

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