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Rezession und Innovation: betrifft das Kunst und Kultur?

12 Kommentare

Tunnel-Licht
© Christine Schmidt; Pixelio

Gerade habe ich in Martin Oettings Beitrag „Die Krise ist die Chance“ auf ConnectedMarketing das folgende Zitat gefunden:

„Der strukturelle Wandel von klassischen Medien zu neuen Medien ist stärker als die Rezession.“

Deshalb muss man der Krise eigentlich dankbar sein, denn in Zeiten, in denen alles gut läuft, ist die Bereitschaft zur Veränderung viel geringer. „Warum, es läuft doch eh alles?“ bekommt man da häufig zu hören. Jetzt, wo so gar nichts „läuft“ besteht die Notwendigkeit zum Handeln. Auch und gerade in der Kommunikation zu den Stakeholdern, womit wir schon bei den von Martin Oetting angesprochenen neuen Medien angelangt sind. Jetzt müsse man innovative Lösungen entwickeln, bekommen wir immer wieder zu hören. Das Problem dabei: die Ratlosigkeit ist groß, wenn es darum geht, den Begriff der Innovation etwas zu präszisieren.

Wie kann ich denn als Kulturbetrieb überhaupt innovativ sein? Gerade der Kunstbereich schmückt sich doch immer mit den Attributen kreativ und innovativ? Stellen wir uns doch mal angesichts der Krise die Frage, wie Innovation im Kulturbetrieb eigentlich aussehen kann?

Ganz hilfreich ist da der auf dem Blog „Impulse für Innovation“ von Graham Horton verfasste Beitrag „Die vier Arten der Produktinnovation„. Horton spricht dabei von Innovationsprojekten, in denen es um neue Produkte oder Dienstleistungen geht. Dass es dabei um höchst unterschiedliche Arten der Innovation geht, zeigt seine Grafik:

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Dieses Vier-Stufen-Modell, so Graham Horton,

„basiert auf der Unterscheidung zwischen zwei Funktionen eines Innovationsprojektes, die Exploitation (Verwertung) bzw. Exploration (Erkundung) genannt werden. Bei der Exploitation geht es darum, von bereits existierenden Vorarbeiten weiteren Nutzen zu ziehen, während bei der Exploration neue, bisher unbekannte Wege gesucht werden.“

Daraus ergeben sich, wie die Grafik zeigt, vier verschiedene Formen von Innovation:

Verbesserungen: hier sprechen wir von einer exploitativen Innovation, bei der es um „kleine Änderungen“ geht, die dazu dienen, entweder die Kosten zu senken oder die Qualität zu erhöhen. Im Kunst- und Kulturbereich können das z.B. Maßnahmen im Bereich Ticketverkauf sein, die es im Idealfall den potenziellen BesucherInnen leichter machen, Tickets zu erwerben und gleichzeitig zu Einsparungen führen.

Erweiterungen: auch hier sprechen wir von exploitativen Innovationen, die, wie Horton schreibt, – „ausgehend von bereits existierenden Produkten – neue Varianten und Ergänzungen einführen“. Ein Beispiel dafür ist die Erweiterung des Angebots durch Augmented Reality-Lösungen im Museumsbereich (siehe dazu: Augmented Reality: Schatzsuche im Kärntner Landesmuseum).

Generationswechsel: Hier werde, so schreibt Horton, ein Produkt durch ein grundsätzlich neues ersetzt. Hier wird es jetzt schon schwieriger mit den Beispielen.🙂 Eingefallen ist mir das Thema Programmheft. Vielleicht erinnern Sie sich noch an meine Frage, ob Programmhefte in Zukunft überflüssig sein werden? Ersetze ich es durch ein digitales Angebot (in welcher Form auch immer), dann wäre das in meinen Augen ein Beispiel für einen solchen Generationswechsel.

Marktneuheit: Dabei handelt es sich, schreibt Graham Horton,

„um ein vollkommen neues Produkt, das auf keine nennenswerte Weise von bestehenden Produkten abgeleitet ist. Es ist für das anbietende Unternehmen ein Versuch, in einem neuen Markt Fuß zu fassen und gilt daher als rein explorativ.“

Da bin ich mir jetzt nicht ganz sicher, ob z.B. die „Met im Kino“ (mehr dazu hier) als Marktneuheit zu bezeichnen ist? Oder ob es sich um ein ergänzendes Angebot handelt? Wenn damit neue Zielgruppen angesprochen werden, ist es ja durchaus als Versuch zu werten, in einem neuen Markt Fuß zu fassen, wie Horton es formuliert. Aber vielleicht fällt Ihnen ja ein besseres Beispiel ein.

Mit diesem Wissen um die verschiedenen Formen von Innovation kann ein Kulturbetrieb ganz anders an das Thema herangehen. Es lässt sich ein Innovationsmix erstellen, in dem die verschiedenen innovativen Produkte und Dienstleistungen (die ich bei den Beispielen vernachlässigt habe) aufeinander abgestimmt werden können. Darauf baut dann die Strategie auf, die Ihnen hilft, sich nicht zu verzetteln, denn sonst versanden alle Ihre guten Ideen und Sie haben nichts davon außer einer gehörigen Portion Frust. Und den können Sie derzeit sicher nicht gebrauchen, denn ich fürchte, die Rezession wird uns alle angehen.

12 Comments Join the Conversation

  1. hallo,

    ich freue mich über das zitat unseres blogs „impulse für innovation“.

    im sinne der graphik ist das sicher keine marktneuheit, denn die met muss – außer ein paar kameras aufzustellen – nichts neues entwickeln. es ist mit dem projekt auch kaum ein unternehmerisches risiko verbunden.

    mehrdeutig ist das projekt in bezug auf den gegensatz exploitation / exploration. exploitativ ist es deswegen, weil es sich um ein bereits vorhandenes produkt (einer opernaufführung) geht, aus dem mehr ertrag gewonnen werden soll. explorativ, weil es a prori nicht absehbar ist, ob sich das medium internet für solche kulturprodukte eignet.

    viele grüße

    graham

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  2. @Graham Horton: danke für die Rückmeldung. Das Projekt „Met im Kino“ hat ja nichts mit dem Internet zu tun, sondern es geht eben darum, die Liveübertragung im Kino zu sehen. Immerhin waren es jetzt beim ersten Netrebko-Auftritt ca. 11.000 KinobesucherInnen. Verbunden ist das für Oper und Kinos mit erheblichen Investitionen in die (Übertragungs-)Technik.

    Ich weiß jetzt allerdings nicht, inwieweit diese Investitionen für die Opernübertragungen getätigt wurden. Und auch über die Zielgruppe weiß ich nichts Näheres. Wenn das alles OpernliebhaberInnen sind, die sonst in die Oper gehen und das hier nur auf Grund der Entfernung nicht gemacht haben, dann ist das in der Tat keine Marktneuheit.

    Wie ist es aber mit neuen Zielgruppen, die sonst nicht in die Oper gehen? Bzw. kann man diese Form der Opernübertragung überhaupt als neues Produkt betrachten oder ist das einfach nur eine Produkterweiterung?

    Ich denke, diese Grenze ist nicht so leicht zu ziehen.

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  3. ich hatte angenommen, das signal wird über das internet in die kinos übertragen.

    tatsächlich handelt es sich aber um eine satellitenübertragung.

    vielleicht ist das nicht einmal ein neues produkt, sondern lediglich ein zusätzlicher vertriebsweg…

    gh

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  4. Mit Licht und Schatten neue Kunstprodukte schaffen

    Eigentlich könnte dies ein eigener Blog-Artikel bei mir werden😉 Aber hier passt er aus meiner Sicht besser.
    Schauen wir in die Kunstszene, kann festgestellt werden, dass gerade die Kreativen zur Unkreativität verdammt werden. Grund ist die Einbettung in gesellschaftliche Schienen, die so überhaupt nicht zum kreativen Kunstmarkt zu passen scheinen.
    Künstler müssen sich mehr als Produktionszelle verstehen. Ihnen wird Material zur Kunstgestaltung angeboten und nach dem Produktionsprozess soll die Absatzlogistik folgen. Soweit die Theorie, die seit Jahrhunderten funktioniert.

    Heute sind die Entfaltungsräume jedoch kleiner geworden. So habe ich letzte Woche an einer öffentlichen Diskussion bezüglich Fotokunst teilgenommen. Frappierend war für mich, dass eine große Zahl von Künstlern nicht mehr die Fotomaterialien beziehen können, die sie für ihre Arbeiten brauchen. Im Zuge der Digitalisierung entsteht ein Einheitsbrei, in dem sich Künstler nur noch mit dem zu Verfügung stehenden Material bewegen können. Die Abgrenzungen von anderen Kunstschaffenden werden kleiner. Letztendlich verarmt hierdurch eine ganze Sparte der Bildenden Kunst. Das Schaffen von neuen Kunstprodukten wird unmöglich. Ist es wirklich so? Nein!

    Aktuell zeigt die Spürsinn-Gruppe (http://www.spuer-sinn.net/blog1/), dass es ein Mehr an Möglichkeiten und Material gibt. Ganz „nebenbei“ machen sie auf die Lomografie aufmerksam. Mehr noch, es werden Sonderangebote gemacht, die jedermann nutzen kann, egal ob er professioneller Künstler oder geneigter Hobby-Künstler ist. Parallel dazu habe ich begonnen, auf meinem Blog die unterschiedlichen Fotomaterialien noch einmal im Überflug vorzustellen (http://www.spuer-sinn.net/blog2/?p=2262). Mir würde nämlich klar, dass viel Wissen über fotografische Materialien in den letzten Jahren verloren gegangen ist. Aber mir fällt auf, dass gerade die Kreativen immer wieder „zum Saufen getragen“ werden müssen, weil entweder

    A – das bestehende Angebot an künstlerischen Materialien nicht bekannt ist
    oder
    B – die Bezugsquellen nicht bekannt sind
    oder
    C – einzelne Kreative auf das Folgen der Herde ausgerichtet sind
    oder
    D – das Grundverständnis für künstlerische Materialien mit den Jahren verschüttet gegangen ist

    Ich bin fest davon überzeugt, dass wir künstlerisch an einem genialen Zeitpunkt stehen, weil die Rezession zur Kreativität auffordert. In dem bequemen Zug, in dem sich die letzten 10 Jahre ein Großteil der Kunstambitionierten eine Fahrkarte gekauft haben, wird nur noch gelegentlich der quietschende Bistro-Wagen vorbeikommen und lauwarmen Kaffee anbieten. Ich bin gespannt, was aus der Spürsinn-Aktion wird. Sicher ist aber schon heute, dass durch solche Aktionen der Blick der Öffentlichkeit auf diese Sparte der Bildenden Kunst gerichtet wird. Warum muss es immer so sein, dass zuerst ein Künstler alleine vor sich hin werkelt und Neues erdenkt, um nachher unter vielen Mühen das Herz von Käufern zu öffnen? Warum kann man es nicht einmal anders herum probieren und dadurch einen Sog erzeugen?

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  5. Pingback: Studie: Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland « Das Kulturmanagement Blog

  6. @Graham Horton: eigentlich müsste es ja reichen, wenn man das in der jeweiligen Situation für sich selbst definiert, oder?

    @Michael K. Trout: Interessanter Punkt, den Du da ansprichst, danke für den langen Kommentar!

    Was mir nicht ganz klar ist: ist das Problem, nur über bestimmte Materialien zu verfügen, nicht eines, das KünstlerInnen immer haben? Und das besonders dann, wenn (technologische) Veränderungen neue Materialien und Ansätze hervorbringen? Oder siehst Du das jetzt als ein ganz spezielles singuläres Problem?

    Bei diesem Schlussstatement:

    „Warum muss es immer so sein, dass zuerst ein Künstler alleine vor sich hin werkelt und Neues erdenkt, um nachher unter vielen Mühen das Herz von Käufern zu öffnen? Warum kann man es nicht einmal anders herum probieren und dadurch einen Sog erzeugen?“

    hast Du meine volle Zustimmung. Genau diesen Ansatz vermisse ich!!

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  7. Christian, ich bin nun einmal als Fotograf ein Fachidiot. In anderen Bereichen kenne ich mich nicht so gut aus. In wie weit dort Materialien knapp oder nicht mehr verfügbar sind, kann ich nicht beurteilen. In der Fotografie ist das jedenfalls sehr krass.

    Vielleicht wäre es interessant, an einer zentralen Stelle eine Art „wer liefert was?“ für Künstler zu erstellen. Gerade social networks im Web2.0 erscheinen mir dafür sehr geeignet. Evtl. könnte mit stART als Konferenz der Kunst- und Kulturschaffenden eine solche Zentralfunktion des Bezugsnetzwerkes geschaffen werden.

    Beispiel aus dem prallen Leben: Dort sucht ein Theater-Regisseur zur Bühnengestaltung Dia-Bilder im Stil der 1930er Jahren, auf denen die heutigen Schauspieler zu sehen sind = 1. Problem, aber mit dem richtigen Material locker umsetzbar.
    Jetzt geht es noch weiter. Hierfür werden geeignete Projektoren gesucht. Ok, die gibt es tatsächlich noch, man muß nur wissen wo = 2. Problem.
    Nun kommt das 3. Problem, das mal wieder in der Finanzierung liegt. Kauf der Projektoren ist aus Geldmangel nicht möglich. Miete wollen die Projektorhersteller nicht mitmachen. Jetzt muß also der Künstler, der die Dias erstellt, erst mal auf die Idee kommen, daß man am Ende der Spielzeit die Dias versteigert und somit eine (Teil-)Finanzierung der Projektoren ermöglicht. Klar, das geht gut, weil Dia immer ein unwiederbringliches Einzelstück darstellt. Aber am Ende stehen dann Projektoren rum, die keiner mehr haben will (Sorgen der Theater-Requisite). Die Story könnte ich noch fast endlos fortsetzen … aber alles dreht sich um das „wer hat – wer liefert – wer bietet“. Plötzlich werden Künstler zu Maklern. In der aufgewendeten Zeit ist das Kunstschaffen nicht möglich und somit entsteht eine Produktionslücke, die sich im Kühlschrank bemerkbar macht.

    Ich denke, hier sind wir an einer komplexen Problemlage, deren Lösung für die gesamte Kunstszene wichtig ist. Mein Augenmerk liegt auf der Fotografie … sicher gibt es bei anderen Kunst- und Kultursparten ähnliche Probleme.

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  8. Das war mir als Problem so noch nie wirklich bewusst, Michael. Technisch sollte sich so etwas aber eigentlich lösen lassen. Die Frage ist wohl eher, ob die KünstlerInnen mitspielen? Wenn alle information hiding betreiben, dann kann das nicht funktionieren. Ansonsten ist das eine Datenbankgeschichte…

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  9. Pingback: Krise, Kultur- und Kreativwirtschaft « Verlagsgründung für Anfänger

  10. Gutenberg hat mit seinem Wirtschaftsministerium mal wieder tolle Arbeit bewiesen.
    Die Rezession ist vorbei!!! Olé olé!!! Jetzt ist dann wieder alles normal, wie vor den
    zahlreichen Krisen. Die letzten Jahre (vor 2007) hatten wir einen Aufschwung, der seines
    Gleichen gesucht hat – trotzdem wurden Menschen entlassen um später wieder in Zeitarbeitsfirmen
    für den ehemaligen Arbeitgeber arbeiten zu können (natürlich mit weniger Geld in den Taschen).
    Ich finde die Gesellschaft braucht so eine Krise, um endlich aufzuwachen und sich nicht
    alles von der Regierung und den Lobbyisten diktieren zu lassen. Wann werden wir endlich wach?
    Ich hoffe nicht allzu spät…

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  11. Seit es so schwer ist, ueber eine Galerie Bilder zu verkaufen denke ich schon, dass sich Online-Galerien durchsetzten werden. Die Rezession hat mich schon entmutigt, was meine Kunst (Malerei) betrifft, auf der anderen Seite auch zu Höchstleistungen getrieben.
    Ich male weiter in der Hoffnung auf bessere Zeiten.

    Cornelia Winet, 7000 Chur CH

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