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Finanzkrise: werden die Weichen neu gestellt?

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© Kurt Michel; Pixelio

Stellt die aktuelle Finanzkrise eine Bedrohung oder eine Chance für Nonprofit-Organisationen dar? Mit dieser Frage hat Brigitte Reiser die erste NPO-Blogparade eröffnet. Im Vorgriff auf diese Blogparade habe ich mich bereits in einem Beitrag mit den Auswirkungen der Finanzkrise auf den Kunst- und Kulturbereich beschäftigt und dort die Meinung vertreten, dass sie den Kultureinrichtungen langfristig nützen kann. Ich kann mir vorstellen, dass sich angesichts der Krise unsere Werte verschieben und Kunst und Kultur an Bedeutung gewinnen. Zumindest ließen sich solche Entwicklungen in der Vergangenheit beobachten.

In einem Artikel in der Los Angeles Times wirft Diane Haithman aber noch eine ganz andere Frage auf, die in meinen Augen hochinteressant ist und auf die ich im Augenblick noch keine Antwort habe. „A supply-and-demand approach to the arts?“ fragt sie darin und greift darin einen Vorschlag von Craig Smith auf. Der vertritt angesichts der Finanzkrise, die sich mehr und mehr zu einer Wirtschaftskrise ausweitet, den folgenden Standpunkt:

„Speaking as a former nonprofit administrator and fundraiser, I think [performing arts] groups should be looking to form partnerships or mergers, or even shut down and pass the assets on to healthier groups, if necessary, to keep their mission alive. As Jung quoted Freud: ‚Sometimes the doctor should not try to cure at all costs.‘ Ditto for nonprofits: better to end an organization’s life and pass assets on.“

Diane Haithman kann es sich nicht wirklich vorstellen, dass KünstlerInnen, die sich durch einen hohen Grad an Individualismus auszeichnen, darauf verzichten, ihre eigenen künstlerischen Ideen umzusetzen.

„We’ve all heard the phrase „art for art’s sake“ — but how about giving up art for some other artist’s sake?“

fragt sie sich und erinnert an den Leiter eines (amerikanischen) Symphonieorchesters, der sich in einem Interview nicht über die geringe Zahl an BesucherInnen beklagen wollte, sondern vorschlug, wie die Erdölindustrie das Angebot zu verknappen und weniger Konzerte anzubieten.

Tatsache ist, dass sich die Unternehmen in der nächsten Zeit eher zurückhalten werden, wenn es darum geht, den Kunst- und Kulturbereich finanziell zu unterstützen. Das trifft Amerika wahrscheinlich härter, weil dort der Anteil der privaten Drittmittel (Sponsoring, Fundraising, Stiftungen) höher ist als bei uns. Aber auch die öffentlichen Budgets für Kunst und Kultur werden bestenfalls das jetzige Niveau halten können.

Wenn nun also weniger Geld vorhanden ist und der Kuchen somit kleiner wird, heißt das, die Kunst- und Kultureinrichtungen müssen mit weniger Geld auskommen und haben dadurch für ihre Vorhaben noch weniger Geld zur Verfügung als jetzt schon. Die Alternative:  sie schließen sich, wie Craig Smith es vorschlägt, mit anderen Kulturbetrieben zusammen bzw. stellen den Betrieb ganz ein. Das heißt, sie würden ihre eigenen Pläne und Ideen zurückstellen oder ganz auf sie verzichten, um dem Kunst- und Kulturbereich insgesamt das Überleben zu ermöglichen (ok, das klingt jetzt etwas pathetisch).

Das würde bedeuten, um die Frage der NPO-Blogparade zu beantworten, dass die Finanzkrise für einzelne Kunst- und Kultureinrichtungen eine Bedrohung darstellt, für den Bereich insgesamt aber als Chance verstanden werden kann. Die Gefahr dabei: um Qualität bieten zu können, benötigt der Bereich eine kritische Masse. Wenn die nicht mehr vorhanden ist, dann hilft es auch nicht, wenn einzelne zugunsten des großen Ganzen verzichten. Aber ehrlich gesagt, mir fällt eine Antwort schwer.

Wahrscheinlich ist sie auch in allen anderen Bereichen des Nonprofit-Sektors nicht so einfach zu beantworten. Wie sehen Sie das? Glauben Sie, dass es Sinn macht, den Vorschlägen von Smith zu folgen und entweder den Laden dicht zu machen bzw. sich mit anderen Einrichtungen zusammen zu schließen?

PS: vielleicht haben Sie auch Lust dazu, bei der Blogparade mitzumachen und einen Beitrag über das Thema zu schreiben?

8 Comments Join the Conversation

  1. Man versucht am Besten, den Kuchen, der verteilt werden kann, wieder größer zu machen. Dies gelingt, indem man bisher vernachlässigte Gruppen als potentielle Spender und ehrenamtliche Helfer ins Auge fasst. Und indem sich Kultureinrichtungen zusammenschließen. Kooperation und Zusammenschlüsse schaffen neue Handlungsmöglichkeiten. Und für die Kunstfreunde eröffnen Kooperationen bei Ausstellungen usw. ganz neue Perspektiven. Ich glaube, das könnte eine Lösung sein, von der alle Seiten profitieren.

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  2. Die „Kuchenstücke“ werden auch größer, wenn das Angebot reduziert wird. In Großstädten gibt es geradezu ein Überangebot. Manche Museen machen fünf und mehr Ausstellungen im Jahr. Nicht nur aus finanziellen Gründen, sondern auch, weil kein Mensch mehr all diese Ausstellungen besuchen kann, sehe ich das als Chance.

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  3. @ Brigitte Reiser: das Problem ist nur, dass das mit den Kooperationen nicht so wirklich klappt, wenn wir mal von Großproduktionen absehen, die man alleine nicht mehr finanzieren kann.

    Bei den ehrenamtlichen Helfern sehe ich die Gefahr, dass das als Bestätigung verstanden wird, noch weniger Geld in den NPO-Bereich zu stecken. Ich habe nicht nur einmal in einer öffentlichen Stelle gehört, dass die Menschen diese Arbeit aus idealistischen Gründen machen und eigentlich gar kein Geld wollen.

    @ Ulrike Schmid: kennen Sie jemanden, der im Kunst- und Kulturbereich diese Position ganz dezidiert vertritt? Gut, da gab es Berlin, wo man irgendwann angesichts leerer Kassen festgestellt hat, dass man bei den Opernhäusern sparen könnte. Aber was ist z.B., wenn man zwei Chöre auffordert, zu fusionieren. Wie reagieren die darauf? Oder zwei freie Theatergruppen? Ich glaube, da würde man sich mit einem solchen Vorschlag nicht beliebt machen.

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  4. @Christian: Wenn ich von der Einbeziehung freiwilliger Helfer spreche, dann gehe ich davon aus, dass diese a) eine Aufwandsentschädigung bekommen, die nicht zwingend monetärer Art sein muss und sie b)Gestaltungsmöglichkeiten in die Hand bekommen. Ohne Partizipationsmöglichkeiten ist für mich das Ehrenamt nicht denkbar.

    @Ulrike Schmid: meines Erachtens ist nicht das kulturelle Angebot an sich das Problem (ist doch toll, wenn viele Menschen sich künstlerisch engagieren – es kann hier meines Erachtens gar kein ‚Überangebot‘ geben), sondern die Frage muss erörtert werden, welches dieser Angebote auch tatsächlich öffentlich gefördert werden sollte.

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  5. @Christian Henner-Fehr: Ich kenne niemand, der das so dezidiert vertritt. Wobei ich mich in erster Linie auf Museen und Ausstellungshäuser beziehe. Der Vorschlag mag zwar hart klingen, andrerseits bekomme ich auch mit, welche Anstrengungen unternommen werden müssen, um Konzertsäle voll zu kriegen.

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  6. @ Brigitte Reiser: wenn es gelingt, super. Alleine die Praxis zeigt, dass es gar nicht so einfach zu sein scheint, ein Mindestmaß an Partizipationsmöglichkeiten anzubieten.

    @ Ulrike Schmid: schade, das wäre dann wirklich spannend gewesen. Klar klingt der Vorschlag hart. Aber Tatsache ist doch, dass es immer mehr Menschen in den Kunst- und Kulturbereich zieht, die aber mit immer weniger Geld vorlieb nehmen müssen. Das heißt, bis jetzt scheint die Schmerzgrenze noch nicht erreicht worden zu sein, die meisten bleiben noch dabei.

    Was aber ist, wenn die Summen, die zur Verfügung stehen, noch mal um 40% zurückgehen? Das kann ja durchaus passieren, wir wissen es nicht.

    Wichtig ist dabei eine Unterscheidung, die sich an das, was Brigitte Reiser sagt, anlehnt. Klar kann es gar nicht genug Menschen geben, die sich künstlerisch engagieren. Die Frage ist aber, ob das auch für die Menschen gilt, die davon leben müssen? Was ist, wenn es immer mehr werden? Aus der Sicht der Kunst gibt es kein Zuviel, klar. Was aber ist, wenn die Leute wirklich nicht mehr mit ihrem wenigen Geld über Runden kommen?

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