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Streiten bis zum bitteren Ende: Friedrich Glasl und seine Eskalationstreppe

13 Kommentare

Meinungsverschiedenheiten und Streitigkeiten kennen wir alle, wir sind immer wieder damit konfrontiert. Häufig enden sie mit einem für die „Streithähne“ positiven Ergebnis, man verträgt sich wieder. Manche Streitigkeiten werden aber auch bis zum bitteren Ende geführt, Gewinner gibt es dann keine mehr. Was also anfangs durchaus befruchtend sein kann, wenn unterschiedliche Meinungen aufeinandertreffen, kann in der Katastrophe enden.

Wie dieser Weg aussieht, darüber hat sich Friedrich Glasl Gedanken gemacht und ihn in Form einer Eskalationstreppe dargestellt. Mit ihrer Hilfe stellt Glasl dar, wie Konflikte eskalieren können (zum Vergrößern bitte Bild anklicken).


Das Wissen um die neun Stufen kann recht hilfreich sein, wenn man sich in Konfliktsituationen befindet. Die Frage, wie es weitergeht, wenn man nichts dagegen unternimmt, ist damit beantwortet.

Wichtig ist in meinen Augen, dass wir uns darüber klar werden, dass Konfikte per se nicht negativ zu bewerten sind. Gerade die ersten beiden Stufen Verhärtung (damit sind unterschiedliche Meinungen bzw. Standpunkte gemeint) und Debatte können mühelos auf konstruktive Weise aufgelöst werden und zu einer, wie es auf Wikipedia richtig heißt, Win-Win-Situation führen.

Ab da wird die Geschichte dann aber einseitig, denn einschließlich der Stufe 6, den Drohstrategien, geht der Ausgang des Konflikts zulasten einer der beiden Streitparteien. Eskaliert der Streit weiter, kommt es beginnend mit den „begrenzten Vernichtungsschlägen“ zu einer Lose-Lose-Situation.

Wie lassen sich solche Situationen vermeiden? Eine wichtige Hilfe ist, denke ich, das Wissen um den Ablauf von Konflikten. Das heißt, wir können uns ausmalen, wie ein Streit sich weiter entwickeln wird, wenn wir nichts dagegen unternehmen. Zweitens besteht die Möglichkeit, die Situation zu entschärfen, indem man dritte Personen dazu bittet. Spätestens ab der 5. oder 6. Stufe wird das eh nötig sein, weil die Gegner auf diesem Level alleine keine Lösung mehr finden werden. Hier ist dann ein Mediator gefragt, der die Aufgabe hat, den Streit zu schlichten.

Wie eine solche Situation eskalieren kann, wenn man auf professionelle Unterstützung verzichtet, zeigt das folgende Video recht anschaulich. Ich habe es vor langer Zeit mal auf dem Blog von Armin Karge gesehen, der damals auch die Eskalationstreppe (Link entfernt, da es das Blog nicht mehr gibt) vorgestellt hat. Ihm ist der Link abhanden gekommen, ich hatte Glück und habe das Video wieder gefunden. Anschauen lohnt sich wirklich, viel Spaß!

13 Comments Join the Conversation

  1. Das Problem an deiner Interpretation (und wahrscheinlich auch vieler anderer) ist, dass du von gleichberechtigten Kontrahenten ausgehst, die dabei auch ähnlich empfinden.

    Leider ist es in den meisten Fällen so, dass Konflikte GERADE deswegen eskalieren, weil mindestens eine Seite einen – wie auch immer implizierten oder begründeten – Machtanspruch erhebt, Recht zu haben.
    In der Folge also der Konflikt von mindestens einer Seite nicht einmal akzeptiert und „Unterwerfung“ gefordert wird.

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  2. Wichtiger Punkt, Gerald, aber wenn ich von meinem Standpunkt oder meiner Sichtweise überzeugt bin, dann sehe ich meinen „Gegner“ schon mal eher nicht als gleichberechtigt an. Es geht dann schon recht bald ums Gewinnen, um die „Unterwerfung“, wie Du es nennst.

    Und aus dieser Haltung heraus, da gebe ich Dir Recht, eskaliert das ganze dann. Deshalb ist es häufig schon schwierig, den „Gegner“ davon zu überzeugen, dass eine dritte Person ganz hilfreich sein könnte. „Das können wir doch unter uns ausmachen, wir sind doch erwachsen“, bekommt man dann zu hören.

    Würden wir Konflikte als etwas sehen, wo wir lernen und von profitieren können, wäre schon viel gewonnen. Aber das ist leichter gesagt als getan…

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  3. @Christian: Schön, dass du das Video wiedergefunden hast. Es ist wirklich eine Perle.

    @Gerald: Wichtiger Einwand! Zum Thema „Macht und Konflikte“ habe ich mir mal unter dem Thema „Grenzen der Verhandlungstechnik“ Gedanken gemacht gehabt:
    http://www.karge.biz/?p=166

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  4. Danke für den Hinweis auf Deinen Beitrag, Armin. Wenn die Macht offen ausgeübt wird, dann prägt das das Verhalten beider Seiten. Schwierig wird die Sache aber dadurch, dass die Machtkonstellationen unter Umständen noch gar nicht klar sind oder Macht unsichtbar bzw. über Dritte ausgeübt wird. Hat das nicht Auswirkungen auf den Konflikt? Denn die beiden Kontrahenten gehen ja mit einem unterschiedlichen „Wissensstand“ in die Auseinandersetzung.

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  5. „Schwierig wird die Sache aber dadurch, dass die Machtkonstellationen unter Umständen noch gar nicht klar sind …“

    Hierzu ein kleiner Witz:

    Ein Cowboy kommt sichtlich verärgert in den Saloon: „WER hat mein Pferd grün angestrichen?“
    Es dreht sich ein Mann um: 2 Meter lang, breit wie ein Kleiderschrank: „Ich!“

    „Hmm, ach so … Ich wollte nur sagen, die Farbe ist trocken. Sie können lackieren!“

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  6. Der Witz unterstreicht nur, was ich in meinem Beitrag schon schrieb:
    „Wenn es einen eindeutig Überlegenen gibt, sind Verhandlungen [und Konfliktmoderationen] sinnlos. Der Mächtige setzt seine Macht durch. Punkt.“

    Interessant wird es dann, wenn – wie häufig – die Kräfte mit Höhen und Tiefen in etwa gleich verteilt sind. Diese Dynamiken kann man nur dann in den Griff bekommen, wenn das Thema „Macht“ nicht tabuisiert wird.

    Darum ging es mir in meinem Beitrag. „Wir sollten uns alle lieb haben“ reicht da oft nicht …

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  7. Aber stehen wir nicht oft vor dem Problem, dass wir nicht wissen, dass unser Gegner 2m groß und breit wie ein Kleiderschrank ist? Viele versuchen doch, sich so klein zu machen, dass sie erst einmal unterschätzt werden, um dann am Ende ihre Macht auszuspielen.

    Das Problem: dieses „Spiel“ geht in eine destruktive Richtung, es geht darum, wer sich am Ende durchsetzt. Konstruktiv wäre es, aus zwei unterschiedlichen Positionen oder Meinungen heraus einen (dritten?) Standpunkt zu entwickeln, der beiden einen Mehrwert bietet.

    Ich bin Dir sehr dankbar für Deinen Kommentar und vor allem für den Hinweis, dass das Thema „Macht“ tabuisiert ist. Macht spielt nämlich im Kunst- und Kulturbereich eine ganz wichtige Rolle, man denke nur an die Vergabe von Fördergeldern, geredet wird aber nie darüber.

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  8. Wenn jemand Macht hat, wird er sie nutzen. Alles andere wäre aus meiner Sicht naiv.

    Nur: „Den Charakter eines Menschen erkennt man, wenn er Macht hat“. Macht an sich ist nichts Unanständiges. Es kommt darauf an, ob ich Macht missbräuchlich oder gestaltend nutze.

    Ist die Vergabe von Fördergeldern von Geklüngel oder guten Argumenten abhängig? In beiden Fällen sitze ich als Künstler am kürzeren Hebel. Win-Win bei ungleichen Machtverhätnissen ist aus meiner Sicht eine Illusion. Ich kann bestenfalls überzeugen – nicht wirklich verhandeln. Darüber sollten auch ritualisierte Höflichkeitsfloskeln nicht hinwegtäuschen („Ich verstehe Ihre Argumente, aber …“).

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  9. Pingback: Was ist Macht? « Das Kulturmanagement Blog

  10. Pingback: Freitag der 13. - ADR-Blog

  11. Manueller Trackback:
    Miteinander Mitmachen lernen
    http://hyperkontext.at/weblog/artikel/miteinander-mitmachen-lernen/

    […] In diese Welt hinein labern dann Mediatoren und Unternehmensberater, dass mit kollaborativer Arbeitsweise und menschlichem Umgang Gewinne maximiert werden können? Ich kann es ihnen nicht verübeln, denn sie gehen vom Willen aller Betroffener aus. Hierzu auch ein toller Beitrag, Kommentare und Bezugnahmen im Kulturmanagement-Blog […]

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  12. Pingback: Eskalation im Kommentarbereich « Das Kulturmanagement Blog

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