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Remixing arts and culture

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Bis jetzt ist es ja eher so, dass wir auf der einen Seite unser tägliches Leben haben. Manche Dinge funktionieren, manche nicht, wobei uns in der Regel das, was nicht klappt, schneller auffällt als das, was gut läuft. Das Gesundheitssystem ist an seine Grenzen gestoßen, wer unsere Altersversorgung finanziert steht in den Sternen, das Bildungssystem gehört erneuert und ob die Natur unsere Art zu leben aushält, wissen wir auch nicht so genau. Das Problem: wir leben in Strukturen, die zu verändern uns schwer fällt.

Auf der anderen Seite gibt es da das Internet mit seinen sehr raschen Veränderungen. Man kann jetzt darüber streiten, ob die technischen Entwicklungen unser Verhalten verändert haben oder umgekehrt. Im Dunstkreis von Web 2.0 reden wir von Dialog, Word-of-Mouth, Crowdsourcing oder Partizipation. Die Begriffe sind nicht unbedingt neu, aber sie beginnen, selbstverständlicher zu werden und sie tauchen immer häufiger in unserer realen Welt auf. Heißt das dann, dass das, was häufig auch als social web bezeichnet wird, unsere Gesellschaft, unser Leben beeinflusst?

Geht es nach dem Trendforscher Charles Leadbeater, dann lässt sich diese Frage mit einem klaren Ja beantworten. Leadbeater geht aber noch einen Schritt weiter und beschreibt, wie solche Konzepte und Strategien aussehen können. Eines der faszinierendsten Beispiele ist wohl sein Versuch, die Zukunft der Stadt zu skizzieren. „Remixing Cities: Strategy for the City 2.0“ nennt sich sein eBook, in dem er auf wenigen Seiten seine Vision der Stadt der Zukunft beschreibt.

Die Probleme und Herausforderungen der Städte sind uns allen bekannt: wir erwarten qualitativ hochwertige Bildungsangebote, ein funktionierendes Gesundheitswesen oder ein gut ausgebautes Netz öffentlicher Verkehrsmittel. Aber, so Leadbeater:

„City problems are more intractable because the institutions we depend on to provide solutions are less effective. Schools, health, welfare and transport systems were designed for a more stable and predictable era. (…) The institutions become the focus of attention instead of the outcomes citizens want. The debate is about schools and teachers’ contracts, not about learning in families, communities and workplaces; access to hospitals and paying doctors, not promoting public health and well-being.“

Die Menschen beurteilen eine Stadt danach, wie sie sich anfühlt, meint Leadbeater und ist der Ansicht, dass es nicht reicht, die Institutionen zu refomieren.

„Complex public goods—like a clean and safe environment—have to be created from within cities, through collaborative innovation involving many contributors, the public, private and nonprofit sectors, as well as families and citizens.“

„Collaborative innovation“ ist also der entscheidende Faktor. Wie aber entsteht sie?

Leadbeater erklärt sein Konzept anhand des Bildungswesens. In einer Zeit, in der wir vom lebenslangen Lernen sprechen, kann es nicht mehr genügen, wenn wir nur in den dafür vorgesehenen Einrichtungen wie z.B. Schulen lernen. Das Lernen fängt schon vor der Schule an (z.B. in der Familie) und hört auch nicht mit ihr auf. Kinder lernen auch, wenn sie spielen. Leadbeater listet einige Orte auf, an denen man „lernen“ kann, „in workplaces, shops, offices, galleries, libraries and theme parks“.

Lernen findet damit auf dreierlei Weise statt, Leadbeater spricht von „three circles“, die er so beschreibt:

„These circles are like an egg on a plate.

  1. In the yolk are institutions of formal learning: schools and colleges.
  2. In the white are intermediate services to link families to learning.
  3. The plate, on which the egg sits, is the wider learning platform that links the resources for learning, both digital and physical, distributed across a city.“

Und diese drei Bereiche gilt es nun zu verbinden. Meistens werden nur die Schulen refomiert, gelegentlich wird das familiäre Umfeld miteinbezogen, aber die Plattformen vermisst Leadbeater. Auf ihnen sollen die Menschen die Möglichkeit haben, ihre eigenen Lösungen zu entwickeln.

Aber zurück zu den Problemen. Leadbeater stellt fest, dass es zwei Arten von Problemen gibt, mit denen Städte konfrontiert werden. Da gibt es zum einen „clock problems“, die sich lösen lassen, in dem man die Uhr eben wieder repariert. Zum Beispiel, wie können U-Bahnen und Busse aufeinander abgestimmt werden, damit man als Fahrgast nicht immer nur die Rücklichter des gerade abgefahrenen Verkehrsmittels sieht?

Dann gibt es aber auch noch die „cloud problems“, wie Leadbeater sie nennt.

„They are diffuse and escape attempts to pin them down“,

beschreibt er sie. Für uns ist es leichter, wenn wir uns auf die „clock problems“ fokusieren, weil wir dafür die entsprechenden Tools haben. Aber:

„Clouds are tens of thousands of loosely linked water particles. Cloud problems in cities are made up of thousands of individual choices and outlooks. A cloud will change only if the behavior of these constituent particles changes.“

Institutionen zu reformieren sei wie eine kaputte Uhr zu reparieren, ist Leadbeater überzeugt. Hingegen:

„Changing cultures and mindsets is like fighting a cloud. (…) Solutions to cloud problems require new software—cultural an behavioral change that yields intangible benefits of greater trust, respect, tolerance and social capital.“

Was er damit meint, hat Leadbeater auch in einem Interview für Brandeins erklärt. Wer Kreativität fördern möchte, dürfe nicht einfach nur Kultureinrichtungen oder Kulturschaffende subventionieren, sondern müsse breiter investieren, zum Beispiel in billigen Wohnraum.

Und hier bringt Leadbeater das social web ins Spiel:

„We need a new approach that will allow people to participate in creating solutions together that are tailored to their lives.“

Was zeichnet das social web und seine Angebote aus? Trotz großer Unterschiede erkennt Leadbeater Gemeinsamkeiten:

  • „They motivate people to take part (…)
  • Participants get easy-to-use tools to contribute (…)
  • Contributors can connect and collaborate with one another to get things done (…)
  • Solutions are co-created by people working together (…).“

Natürlich beteiligen sich nicht alle daran. Aber das Argument lässt Leadbeater so nicht gelten. Der 1-Prozent-Anteil derer, die sich aktiv einbringen, kann schon eine recht beachtliche Zahl ergeben:

„Imagine a city that could mobilize commitment and contribution on that scale, so 1 percent of families were

co-developers of education for all families.“

Seine Schlussfolgerung lautet daher:

„The more that public services can mobilize at least some of their users as participants—devising, personalising, tailoring, sharing solutions among themselves—the more effective they will be.“

Und deshalb ist er davon überzeugt:

„The open, participative and collaborative approach of the social web will make cloud issues more soluble.“

Was heißt das für den Kunst- und Kulturbereich? Auch dort liegt vieles im Argen, nicht nur, was die finanziellen Mittel angeht, sondern unter anderem auch den Stellenwert. Hilft uns Leadbeaters Ansatz da weiter? Lassen sich die drei Kreise übertragen? Schauen wir uns das doch einmal an.

Da haben wir den innersten Kreis, die Institutionen. Theater, Museen, aber natürlich auch künstlerische Universitäten, Musikschulen, etc.. Leadbeaters Ansatz folgend müssten sie möglichst vielen Menschen offen stehen. Aber wenn man sich die Angebote vieler Einrichtungen anschaut, dann wird man feststellen, dass da schon sehr viel passiert. Aber das reicht natürlich noch nicht, solange das Kunst- und Kulturangebot nicht von allen Bevölkerungsschichten im gleichen Ausmaß genutzt wird. Es gibt genügend Menschen, die noch nie ein Theater oder einen Konzertsaal von innen gesehen haben.

Interessant ist der zweite Kreis, das Feld der Familie, der Freunde, etc.. Inwieweit sind Kunst und Kultur dort verankert? Wo finden Kunst und Kultur eigentlich statt? Nur noch in Burgtheater, Staatsoper und Albertina? Wer geht noch in Bezirksmuseen oder die Kellertheater? Wahrscheinlich einige, aber was ist mit den (literarischen) Salons, die es früher mal gab? Die aus Privatinitiativen heraus entstanden?

Und schließlich der dritte Kreis? Wo wird heute noch über Kunst und Kultur diskutiert? Gibt es überhaupt noch Diskussionen? Ja schon, aber wer diskutiert dort? In der Regel sind es diejenigen, die der institutionellen Ebene zuzurechnen sind. Und die anderen? Interessieren sich die noch dafür? Für die Inhalte, nicht für den Klatsch. Was lesen wir in den Zeitungen?

Ich habe ganz am Anfang dieses Beitrags die Begriffe Dialog, Word-of-Mouth, Crowdsourcing und Partizipation verwendet. Überlegen wir doch einmal, wo wir im Kunst- und Kulturbereich Dialoge führen, Ideen von „Nicht-KünstlerInnen“ aufgreifen oder gar von Partizipation sprechen können?

Es reicht nicht, wenn wir als KulturmanagerInnen möglichst schlanke und effiziente Strukturen in den Kunst- und Kultureinrichtungen schaffen. Leadbeater hat davon gesprochen, dass wir breiter investieren müssen. Damit ist nicht nur der Staat gemeint und es geht nicht nur um Geld.

Leadbeater macht in seinem eBook einige Vorschläge, die auf den ersten Blick völlig absurd und unsinnig erscheinen. Aber vielleicht sind sie deshalb besonders interessant und eröffnen uns Lösungsmöglichkeiten, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. So schlägt er unter anderem vor:

  • „When facing a problem ask: what would an eBay or MySpace -style solution to this look like?
  • Stop the core institutions from gobbling up all resources.
  • Build on innovations devised by marginal and maverick users.“

Alleine diese drei Vorschläge sind eine echte Herausforderung. Wahrscheinlich nicht nur für mich, oder?

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  1. Pingback: Kunst als Innovationstreiber « Das Kulturmanagement Blog

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