Das Kulturmanagement Blog

Werden Kunst und Kultur politisch missbraucht?

Veröffentlicht in Kulturpolitik by Christian Henner-Fehr am Juni 17th, 2008

Hermann Härtel bezeichnet sich als Volkskulturförderer. Er war im Fachbeirat der Volkskulturabteilung des Landes Steiermark und in dieser Funktion an der Neubearbeitung der Förderrichtlinien beteiligt, wie er in einem Beitrag auf blog-volkskultur.ch schreibt.

Die Frage, wie Volkskultur zu fördern ist, beschäftigt ihn schon lange, aber anscheinend decken sich seine Vorstellungen nicht mit denen der politisch Verantwortlichen, denn er schreibt:

“Das Thema ist für mich brandheiß, weil ich vor kurzem wegen konträren Ansichten zu diesem Thema von unserem politischen Büro fallen gelassen wurde.”

Die Konsequenz: Härtel hat seine Funktionen in Sachen Volkskultur zurückgelegt, unter anderem auch seinen Posten als Fachbeirat.

Der Grund:

“War zu Anfang der 70er Jahre die “Vereinnahmung der Volkskultur” ein gerne an die Wand gemalte Warnung, um den Zugriff zum Thema durch Rechtsparteien zu unterbinden und den Fördertopf möglichst wenig mit solchen Dingen – die ja ehrenamtlich bestens funktionieren – zu belasten, ist die Marke Volkskultur nunmehr auch von den Parteistrategen anderer Parteien entdeckt worden. Das war zu befürchten und ist nunmehr Wirklichkeit geworden. Leider wird aber so die Volkskultur von der Politik zerstört.”

Nun kann ich nicht beurteilen, welches Ausmaß die Vereinnahmung durch die Politik angenommen hat. Vielleicht stimmt das ja auch gar nicht und wir haben es hier mit einer Einzelmeinung zu tun? Mag alles sein, aber wäre die Frage, ob und wenn ja, auf welche Weise die Politik Einfluss auf Kunst und Kultur nimmt, nicht eine, die es sich zu diskutieren lohnen würde? Wäre es nicht sinnvoll, so eine Frage dort zu diskutieren, wo es um das Thema Volkskultur geht? Schließlich gibt es hier konkrete Vorwürfe.

Da bietet sich doch das Blog Volkskultur an, ein Blog, das von Pro Helvetia initiiert und finanziert worden ist und seit Mai vom Journalisten und Folkloreexperten Martin Sebastian geführt wird.

“Blog-Volkskultur.ch ist eine unabhängige Diskussionsplattform für alle Interessierten an der vielseitigen Schweizer Volkskultur.”

Wunderbar, dort hat mein Feedreader den Beitrag ja auch entdeckt. Nur leider ist er dort sehr schnell wieder offline gestellt worden. Genauer gesagt nach wenigen Minuten, aber dank Google verschwinden solche Sachen nicht sofort, wie man hier sehen kann.

Wenn es sich bei diesem Blog wirklich um eine unabhängige Diskussionsplattform handelt, dann hätte ich gerne gewusst, warum ein Beitrag mit dem Titel “Politik zerstört die Volkskultur” bereits nach wenigen Minuten wieder gelöscht wird? Es wäre sicher kein Schaden, hier eine Erklärung für zu liefern. Vielleicht wollte es der Autor ja selbst, alles kein Problem

Nur ist das Thema meiner Meinung nach zu wichtig, um Beiträge einfach so nach wenigen Minuten wieder zu löschen und zur Tagesordnung über zu gehen.

update: da war in der Überschrift einfach ein “und” zu viel.

Kultur als Querschnittsthema

Veröffentlicht in Kulturpolitik by Christian Henner-Fehr am Juni 6th, 2008

Wenn ich mich nicht ganz täusche, dann ist die Kultur schon seit einiger Zeit ein integraler Bestandteil der EU-Politik. Im EU-Vertrag heißt es in Artikel 151 (Absatz 4):

“Die Gemeinschaft trägt bei ihrer Tätigkeit aufgrund anderer Bestimmungen dieses Vertrags den kulturellen Aspekten Rechnung, insbesondere zur Wahrung und Förderung der Vielfalt ihrer Kulturen.”

Nun lese ich auf Kultur macht Europa:

“Kulturpolitik muss ein wesentlicher Teil der Politik der Europäischen Union werden, schreibt Helga Trüpel MdEP.”

Aus diesem Grund hat sich jetzt im Europa-Parlament eine interfraktionelle Gruppe zusammengetan,

“die die Diskussion um die Bedeutung der Kulturpolitik im Hohen Haus vorantreiben und das Thema zu einem politischen Schwerpunkt über alle Ressorts und Arbeitsgruppen hinweg machen will”.

Nun ist der Vertrag ja nicht unbedingt neu und deshalb frage ich mich, warum man jetzt erst damit beginnt, Arbeitsgruppen im Parlament einzurichten? Bleibt zu hoffen, dass Helga Trüpel als stellvertretende Vorsitzende des Kulturausschusses da etwas Schwung reinbringt. Sonst lesen wir wahrscheinlich in zwei Jahren vom ersten Treffen dieser Gruppe.

Übrigens, Helga Trüpel hat ein Weblog. Der letzte Eintrag zum Thema Kultur beschäftigt sich allerdings mit der Bildzeitung und ihrer Sorge, ausländische Filme würden im TV zukünftig nur noch im Original mit Untertiteln laufen. Von der Arbeitsgruppe ist da noch nichts zu lesen. Schade…

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Kulturfinanzierung: wer zahlt, schafft an

Veröffentlicht in Fundraising, Kulturpolitik by Christian Henner-Fehr am Mai 29th, 2008

Die Frage, wie Kunst und Kultur zu finanzieren sind, ob mit öffentlichen und/oder privaten Mitteln, taucht immer wieder auf. Antworten darauf fallen höchst unterschiedlich aus, je nachdem, wer die Antwort gibt und woher dieser Antwortgeber kommt. Oft werden in einem solchen Fall die höchst unterschiedlichen Fördersysteme Deutschlands und der USA gegenübergestellt.

Wie der Zufall es so will, wurden in den letzten Tagen zwei Artikel veröffentlicht, die sich jeweils mit einem der beiden Länder beschäftigen. Die Netzeitung hat sich für das Kultursponsoring in den USA interessiert und einen Beitrag über “Die eigenwillige Welt der Mäzene” veröffentlicht. Zwei Zahlen gilt es dabei herauszustreichen. 2006 haben die AmerikanerInnen 295 Mrd. USD gespendet, davon gingen 12,5 Mrd. in den Kulturbereich. Dem stehen 145 Mio. USD aus dem Förderprogramm “National Endowment for the Arts” gegenüber.

Klar ist, dass die Summen, die da in den Kunst- und Kulturbereich, und nicht nur dorthin, fließen, nicht ganz uneigennützig “gespendet” werden. So erhielt die New York Public Library, wie die Netzeitung berichtet, von Stephen Schwarzman, Chef der Investmentfirma Blackstone, 100 Mio. USD für den Ausbau ihrer Räumlichkeiten. Schwarzman wünscht sich dafür als Gegenleistung, dass das Gebäude zukünftig seinen Namen trägt.

Und wie sieht es in Deutschland aus, wo das Verhältnis staatliche Unterstützung und private Mittel eher umgekehrt ist? Die Frankfurter Rundschau berichtet in ihrem Artikel “Neue Gewaltenteilung in der Kulturförderung” von der Tendenz, die staatliche Kulturförderung vermehrt in Stiftungen auszulagern.

“Gefragt sind Kulturprojekte, die eine möglichst schnelle und publikumswirksame Umsetzung gestatten, Unikate, nicht jährlich wiederkehrende institutionelle Projekte.”

Erreicht wird das durch

“Initiativprojekte, große Namen und einen relativ kurzen Förderhorizont mit absehbaren Ergebnissen und Evaluierungen.”

Ohne die Qualität der Ergebnisse anzweifeln zu wollen, bleibe, so Autor Lars Henrik Gass, ein Unbehagen über eine Verschiebung in der Gewaltenteilung zwischen denen, die Kultur fördern, und denen, die Kultur machen, zurück:

“Es bleibt ein Unbehagen über eine Konzentration und Alleinstellung von Fördermitteln -, nicht selten in der Hand einer Person, die teilweise ohne Gremien über große Fördersummen entscheiden kann, von denen eine große Anzahl von potentiellen Förderempfängern direkt oder indirekt abhängig ist.”

Diese Person wird, so Gass, zum “Förderintendanten”, für den aber natürlich ganz andere Erfolgskriterien gelten als für die für die Mittelvergabe verantwortlichen KulturpolitikerInnen. Und so nähern wir uns dem amerikanischen System an, wenn Gass daraus schlussfolgert:

“Der Förderintendant wird wieder zum Mäzen, der um seine öffentliche Darstellung und seinen Einfluss bemüht sein muss. Kein Foto, keine Jury ohne den Förderintendanten.”

So geht also auch in diesem System der Anspruch verloren, Kunst und Kultur in ihrer gesamten Pluralität und Heterogenität zu fördern. Ob das Geld nun hauptsächlich von privaten Mäzenen oder von staatlichen Stellen kommt, es gilt immer: wer zahlt, schafft an.

Via BFS Fundraising und Facts

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Kulturförderung: Das Augenmerk liegt auf der Angebotsseite

Veröffentlicht in Kulturpolitik, kulturförderung by Christian Henner-Fehr am Mai 20th, 2008

Wenn wir über Kulturförderung reden, dann ist klar, was wir damit meinen: Kunst- und Kulturprojekte erhalten von der öffentlichen Hand Fördergelder, um ihre Projekte realisieren zu können. Idealerweise sollen die so geförderten Kulturbetriebe ein möglichst großes Publikum ansprechen, so die Vorstellung der KulturpolitikerInnen und in der Regel auch die des Kulturbetriebes selbst.

Irgendwo hat das was mit Angebot und Nachfrage und damit mit Marketing zu tun. Wenn Kunst- und Kultureinrichtungen Marketing betreiben, dann versuchen sie meist, ihr Angebot zu bewerben, sprich, sie setzen bei ihrem Produkt an. Sehr viel seltener wird versucht, bei den Marketingaktivitäten von den (potenziellen) BesucherInnen auszugehen, Stichwort Audience Development.

Bei Armin Klein habe ich dazu eine ganz interessante Anmerkung gefunden. Er stellt in seinem Buch „Der exzellente Kulturbetrieb“ fest, dass die vorrangige Angebotsorientierung der Kulturbetriebe sich auch in einer verfehlten Förderpraxis niederschlage. Konkret: es wird nur das Produkt gefördert, also die Ausstellung, das Konzert oder die Lesung.

Natürlich werden bei solchen Projekten auch Marketing- und PR-Aktivitäten mit eingeplant, keine Frage. Nachdem es aber von den Fördergebern häufig weniger Geld als geplant, müssen sich die Kulturbetriebe vorrangig um die Ausfinanzierung ihres Projektvorhabens kümmern. Darin fließt die Kreativität und nicht in Marketing oder Kommunikation, wo sie eigentlich dringend gebraucht würde. So betreibt man Marketing, PR und Kommunikation halt so, wie man es immer macht oder orientiert sich an den anderen, die mit den gleichen Problemen zu kämpfen haben und daher auch nicht wirklich innovativer sind.

Warum werden also eigentlich nur die „klassischen“ Kunst- und Kulturprojekte gefördert, an deren Ende das Konzert, die Theateraufführung, etc. steht? Warum gibt es keine eigenen Calls oder Programme, in denen es um die Entwicklung von Konzepten geht, die auf der Nachfrageseite ansetzen und damit im Marketing-, PR- oder Kommunikationsbereich angesiedelt sind? Wäre es nicht sinnvoll, wenn die Kulturpolitik von den Kulturbetrieben Professionalisierung verlangt, auch die entsprechenden Anreize zu setzen?

Wenn ich beispielsweise einen Blick auf die österreichische Wirtschaftsförderung werfe, dann gibt es dort nicht nur für die Entwicklung eines Produktes Programme, sondern eben auch für den Markteintritt. Ich würde mir von der Kulturpolitik wünschen, dass sie auch in diese Richtung Förderprogramme entwickelt und so entsprechende Anreize schafft. Das soll aber keine Ausrede für das teilweise geringe Engagement von Kulturbetrieben sein, nein, nur eine kleine Anregung in Richtung Kulturpolitik. ;-)

Kulturförderung: das Balgen am Futtertrog

Veröffentlicht in Kulturpolitik, kulturförderung by Christian Henner-Fehr am April 27th, 2008

“Das Balgen am Futtertrog”, so beschreibt Hanspeter Gautschin das Tun der Kunst- und Kulturschaffenden in der Schweiz. Dabei bezieht er sich auf einen von Pius Knüsel, dem Direktor der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia verfassten und im Tagesanzeiger veröffentlichten Beitrag. Die staatliche Kulturförderung sorge zwar für ein reiches Angebot, schaffe aber auch Zwänge und Abhängigkeiten, so Knüsel.

Knüsel diagnostiziert ein intellektuelles Vakuum seitens der Intellektuellen und Visionäre und stellt sich die Frage, warum das Land kaum noch Köpfe hervorbringe,

“so mutig und so talentiert zugleich, dass sie sogar Politiker in Schach zu halten vermögen?”

Die Ursache sieht er in den staatlichen Förderungen, denn einerseits gewinne der Intellektuelle seine Autorität aus der Opposition zum herrschenden System, andererseits sei Förderung aber auf Integration und nicht auf Konfrontation angelegt. Das Problem dabei:

“Auch die garantierte Kunstfreiheit kann nicht verhindern, dass der Kulturschaffende ins Netz der vielen kleinen Abhängigkeiten gerät.”

Abhängig werden die Kulturschaffenden von einem System, das sie erstens nur mit kleinen Summen fördert, Knüsel spricht in diesem Zusammenhang von “Trostgeld”, und sie außerdem dazu verpflichtet zu produzieren, obwohl das Projekt häufig nicht ausfinanziert ist. Da trifft es sich gut, dass der Erfolg ja eigentlich gar nicht erwünscht ist, denn Erfolg , so Knüsel, stehe im Ruch des Populismus, sei also nicht förderfähig.

Doch was tun? Für Knüsel hat Erfolg mit Größe zu tun, aber die bedarf bestimmter Voraussetzungen:

“Zum Beispiel einer Kulturförderung, welche ihrerseits Position bezieht, Widerspruch fördert, durch Bevorzugung Zukunft schafft.”

Sie bedarf aber vor allem einer Kulturpolitik,

“welche nicht auf Menge, sondern auf Exzellenz aus ist. Und auf Kultur als öffentliches Geschehen. Dem entspräche eine Kunst, die sich den Fragen der Zeit zuwendet und stärker unser kollektives Funktionieren befragt. Und eine Förderpolitik, die von mitleidsloser Auswahl, Denken in Perspektiven statt in Projekten, Suche nach Widerspruch und Erfolg geprägt ist.”

Ich habe da, ehrlich gesagt, so meine Zweifel. Eine Gesellschaft, die sich weiterentwickeln will, ist auf Intellektuelle und Visionäre angewiesen, das ist keine Frage. Aber will die Gesellschaft sich überhaupt weiterentwickeln? Europa bunkert sich zunehmend ein, das Fremde wird fast ausschließlich als Bedrohung angesehen. Sprich, wir entwickeln uns in Richtung einer homogenen Gesellschaft. Nur ist die sicher kein Hort der Innovation, denn Innovation bedarf der Heterogenität.

Und weil man merkt, dass es nicht ganz passt, leistet man sich ein paar Kulturschaffende, die so quasi der Stachel im Fleisch sein dürfen. Aber bitte nicht zu viele und bitte nicht übertreiben.

Da hilft es dann auch nicht, wenn Knüsel eine Kulturpolitik fordert, die, wie oben zitiert, nicht auf Menge, sondern auf Exzellenz setzt. Exzellenz zu fordern und zu fördern ist schon in Ordnung, aber um Exzellenz zu erhalten, brauche ich eine kritische Masse an Kulturschaffenden. Auch im Forschungsbereich lässt sich Exzellenz nicht dadurch erzwingen, dass ich einen einzelnen Forscher, eine einzelne Forscherin engagiere, etwas Geld investiere und schon ist sie da, die Innovation.

Die Förderung von Exzellenz ist nichts Schlechtes, ganz im Gegenteil, aber es geht nicht um ein entweder oder, sondern um ein sowohl als auch.

Kann man dann die Kulturschaffenden wirklich als eine “dumpfe Masse von Geldempfängern” bezeichnen, wie Hanspeter Gautschin schreibt? Ich weiß ja nicht. Den Kunst- und Kulturbereich chronisch unterzufinanzieren und von den Kulturschaffenden die Visionen zu verlangen, um den Karren, den die Gesellschaft gerade in den sprichwörtlichen Dreck fährt, wieder herausziehen zu können, das empfinde ich als zynisch.

Herausforderungen für die Kulturvermittlung

Veröffentlicht in Kommunikation, Kulturpolitik, Kunst und Kultur by Christian Henner-Fehr am April 24th, 2008

Vor ein paar Tagen habe ich die Arbeit von Max Wintersteller vorgestellt, in der es um Kunstvermittlung in Museen ging. Passend zum Thema habe ich in der aktuellen Ausgabe von “Transfer”, der Zeitschrift für Kulturvermittlung von KulturKontakt Austria einen sehr lesenswerten Beitrag von Birgit Mandel, Professorin am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim, gefunden. In ihm beschäftigt sie sich mit den “Anforderungen an das Berufsfeld Kulturvermittlung” und bietet darin einen sehr schönen Überblick über dessen Funktionen und Zielsetzungen.

Wenn ich mich an meine letzte Museumsführung erinnere, dann kann ich Mandel nur zustimmen, wenn sie schreibt:

“Ein Großteil der Vermittlungsansätze in den traditionellen Kulturinstitutionen arbeitet (oftmals nicht bewusst) mit der Idee der Übersetzung, der Erklärung des Sinns einer künstlerischen Produktion in einer autorisierten Fassung, ausgehend von dem Anspruch, dass sich Kunst ohne Vorwissen nicht erschließen lässt, oftmals auch davon ausgehend, dass es die eine „richtige“ Fassung der Entschlüsselung eines Kunstwerks gibt.”

Kulturvermittlung ist aber nicht nur als Kunstvermittlung zu verstehen, sondern kann auch dazu dienen, Menschen beim Erwerb kultureller Kompetenzen zu unterstützen. Dieser von Mandel als kulturpädagogisch beschriebene Ansatz wurde Anfang der 1970er Jahre noch erweitert, indem der Kulturvermittlung die Aufgabe zukam,

“Menschen in einer demokratischen Gesellschaft zu aktiv Mitgestaltenden zu machen”.

Seit dem Ende der 1980er Jahre bedeutete Kulturvermittlung, so Mandel, eher,

“Aufmerksamkeit, Interesse und Nachfrage für Kunst schaffen”,

wobei hier Formen von Marketing und PR an Bedeutung gewannen.

Und welche Ziele verfolgt die Kulturvermittlung heute? Mandel stellt fest, dass sie sich nicht auf die Kunstwertschätzung innerhalb der Kunstwelt beschränken dürfe:

“Ziele von Kulturvermittlung weisen deutlich über Kunst hinaus und bestehen etwa darin, Kommunikation und Gemeinschaft zu stiften, Lebensqualität zu erhöhen, Menschen zu ermutigen, neue Sichtweisen auf ihr Leben einzunehmen, sie zu stärken.”

Und nun kommt ein Satz, den ich für entscheidend halte:

“Gerade in ihrer Zweckfreiheit ist Kunst in einzigartiger Weise in der Lage, diese Prozesse zu stimulieren.”

Mandel ist der Überzeugung, dass Kunst und Kultur als wichtige gesellschaftliche Integrationsfaktoren anzusehen sind. Notwendig seien dafür aber auch neue Formen der Kulturvermittlung,

“die sich in besonderem Maße den Problemen der potenziellen Rezipienten zuwenden”.

Wenn dem so ist, dann bedeutet das in meinen Augen, dass erstens Kulturvermittlung und Kulturmanagement immer enger zusammenrücken bzw. die Schnittstellen zunehmen. Das heißt aber zweitens, dass hier auch die (Kultur)-Politik gefordert ist, entsprechende Ansätze zu unterstützen. Und zu finanzieren.

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Die soziale und berufliche Situation von Künstlerinnen und Künstlern: ein Skandal

Veröffentlicht in Kulturpolitik by Christian Henner-Fehr am März 13th, 2008

Via Christian Holsts Kulturblog bin ich auf die NachDenkSeiten aufmerksam geworden, die sich in einem Artikel mit der sozialen Situation von Künstlerinnen und Künstlern beschäftigen. “Arm - aber frei?” ist er überschrieben und zeichnet auf der Grundlage des Ende letzten Jahres erschienenen Abschlussberichts der Enquete-Kommission “Kultur in Deutschland” ein düsteres Bild der wirtschaftlichen und sozialen Situation der deutschen Künstlerschaft.

Viele dieser KünstlerInnen entscheiden sich für einen Weg, so Autor Wolfgang Lieb,

“der ihren Neigungen entspricht und ihnen die Realisierung eines gewissen Maßes an Selbstbestimmung und Entscheidungsfreiheit erlaubt. Dafür sind sie offenbar auch „bereit“, auf Dauer mit (sehr) wenig Geld auszukommen.”

Lieb merkt an, dass es sich also gleichzeitig auch um LebenskünstlerInnen handeln müsse. Fast 800.000 Menschen sind heute künstlerisch tätig. Seit 1995 ist ihre Zahl um insgesamt 33 Prozent gewachsen, das sind durchschnittlich 3,6 Prozent pro Jahr. Und die meisten von ihnen sind hochqualifiziert:

“Die allermeisten Künstlerinnen und Künstler verfügen über einen Hochschulabschluss sowie spezifische Fähigkeiten und Fertigkeiten, wozu auch ein „hohes Maß an Risikobereitschaft“ sowie „Zusatzkompetenzen wie Selbstvermarktungs- und Selbstorganisationsfähigkeiten“ gehören,”

stellt Lieb fest. In dem Abschlussbericht selbst heißt es auf Seite 290 außerdem:

“Neben dem traditionell hohen Anteil von Hochschulabsolventen ist Selbstständigkeit in Kulturberufen von einer zunehmenden Feminisierung gekennzeichnet. (…) Hieraus kann durchaus der Schluss gezogen werden, dass es vor allem Künstlerinnen sind, die in den öffentlich finanzierten Kulturbetrieben nicht mehr eingestellt werden. Das entspräche dem typischen Muster der Geschlechterverhältnisse in den Künsten und stütze die Annahme, dass Frauen insbesondere dort erwerbstätig seien, wo flexible Arbeits- und Lebensformen potenziell besser aufeinander abgestimmt werden können. Für diese Gruppe von Erwerbstätigen trifft dann allerdings auch zu, dass sie mehrheitlich nur über ein niedriges und überdies stark schwankendes Einkommen verfügen .”

Rund ein Drittel der 800.000 ist selbständig, Lieb vermutet, dass es sich oftmals um Scheinselbständigkeit handelt. 9.483 Euro beträgt das durchschnittliche Jahreseinkommen von Künstlerinnen, ihre männlichen Kollegen stehen mit 12.452 Euro etwas besser da.

Liebs Fazit:

“Bedenkt man, über welche herausragenden Qualifikationen, Kompetenzen, Fähigkeiten und Fertigkeiten diese Berufsgruppen verfügen und welchen Beitrag die meisten von ihnen in einer von der Dominanz ökonomischer Imperative geprägten Gesellschaft für die geistige und kulturelle Reproduktion der Menschen leistet, dann ist es ein Skandal, mit anzusehen, unter welchen materiellen Bedingungen viele von ihnen ihr Dasein fristen.”

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Interessant ist aber der Vergleich, den der Autor noch mit der Landwirtschaft zieht. Die Zahl der dort tätigen Landwirte entspreche in etwa der der Kulturschaffenden. Dank hervorragender Lobbyarbeit stehen die Landwirte finanziell aber wesentlich besser da.

Nun stellt sich mir die Frage, warum es nicht möglich ist, dass sich der Kunst- und Kulturbereich entsprechend organisiert, um für die eigene Sache zu lobbyieren? Aber nachdem der Begriff als solcher schon ziemlich diskreditiert ist, ist man von solchen Ansätzen weit entfernt. Und wenn dann ein Versuch unternommen wird, scheitert er oder kommt nicht aus den Startlöchern heraus.

Ein Beispiel: Dirk Heinze schildert im aktuellen Newsletter (update: hier ist er online zu lesen) von Kulturmanagement Network seinen Besuch des vom österreichischen Kulturrat veranstalteten Symposiums “State of the Art” in Wien, bei dem es um die aktuelle Arbeits- und Berufssituation von KünstlerInnen ging. Obwohl es ihnen ja nun wirklich nicht besonders gut gehe, hätten lediglich 50 bis 60 Gäste an der Veranstaltung teilgenommen, wundert sich Heinze. Er vermisst die entsprechenden Plattformen, auf denen die KünstlerInnen beginnen, im Dialog die so dringend benötigten Konzepte zu entwickeln und konstatiert, dass in Wien eine erste Chance dafür vertan worden sei.

Wenn es wirklich so ist, dass die KünstlerInnen VorreiterInnen in Sachen neue Arbeitsformen sind und damit eine gesellschaftliche Entwicklung vorwegnehmen, in der der soziale Zusammenhalt immer mehr abnimmt und das Individuum immer häufiger auf sich alleine gestellt ist, dann sollte die Gesellschaft diese Probleme ernst nehmen. Das entbindet aber den Kunst- und Kulturbereich nicht von seiner Pflicht, sich zu organisieren und Lobbying in eigener Sache zu betreiben. Denn ich glaube nicht, dass die Landwirtschaft so sehr viel wichtiger ist als der Kunst- und Kulturbereich. Oder sehe ich das falsch?

Was muss man tun, um diesen Prozess in Gang zu bringen? Plattformen, Diskussionen? Das gibt es schon, mit den bekannten Fehlern. Wie könnte ein neuer Ansatz aussehen? Oder anders gefragt: wie lässt sich so etwas wie Solidarität entwickeln?

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Kriterien staatlicher Kulturförderung: ein Gutachten

Veröffentlicht in Förderungen, Kulturpolitik by Christian Henner-Fehr am März 7th, 2008

Im Newsletter der Kulturpolitischen Gesellschaft (Deutschland) habe ich den Hinweis auf ein Gutachten gefunden, in dem Norbert Sievers, Bernd Wagner (Institut für Kulturpolitik der Kulturpolitischen Gesellschaft) und Andreas Wiesand (Europäisches Institut für vergleichende Kulturforschung) sich im Auftrag der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags mit dem Thema staatliche Kulturfinanzierung beschäftigen.

Die Studie wurde zwar schon 2004 veröffentlicht, liefert aber trotzdem eine Vielzahl an Informationen und beschränkt sich nicht nur auf das deutsche Fördersystem, sondern vergleicht es mit anderen europäischen Ländern.

Der Unterschied zwischen den verschiedenen Fördersystemen wird unter anderem in der Grafik auf Seite 31 deutlich, in der die Trägerschaftsformen in den verschiedenen Ländern gegenübergestellt werden. Die Grafik zeigt, dass vor allem Deutschland, Österreich und teilweise auch die Schweiz auf öffentlich-rechtliche bzw. “de facto öffentliche Organisationstypen” setzen.

Die Studie “Objektive und transparente Förderkriterien staatlicher Kulturfinanzierung - Vergleiche mit dem Ausland” umfasst insgesamt 161 Seiten und steht als PDF zur Verfügung.

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Eine Studie bewertet den ökonomischen Nutzen der österreichischen Bundestheater

Veröffentlicht in Förderungen, Kulturpolitik by Christian Henner-Fehr am Januar 28th, 2008

'Wiener Staatsoper' von hennerfehr
© bigdog1; Pixelio

Das Institut für Höhere Studien (IHS) hat die ökonomischen Effekte der österreichischen Bundestheater untersucht. Die Zahlen des Endberichts besagen, dass die jährlichen Subventionen in Höhe von 133,6 Mio. Euro gut investiert sind, IHS-Chef Bernhard Felderer spricht von einer “hohen Rendite”.

Der Grund:

“Der Betrieb der Einrichtungen des Bundestheater-Konzerns löste in der Spielsaison 2005/06 in Österreich 432,6 Millionen Euro an Wertschöpfung, Beschäftigung in der Höhe von 7.106 Vollzeitäquivalenten, 111,1 Millionen Euro an Nettokaufkraft und 214,3 Millionen Euro an Rückflüssen an die öffentliche Hand aus”,

heißt es in einer Presseaussendung.

Betrachtet man die Zahlen genauer, so wird schnell klar, dass vor allem die Stadt Wien von den Bundestheatern profitiert. Auf der anderen Seite ist das nicht wirklich erstaunlich, denn die Häuser stehen nun mal in der Bundeshauptstadt. Diskutieren kann man nun natürlich darüber, ob es erstens gerecht und zweitens für den Kunst- und Kulturbereich insgesamt sinnvoll ist, dass die Bundestheater vom Bund finanziert werden.

Welche Bedeutung besitzen diese “Leuchttürme” für den gesamten Bereich, also auch für die kleinen Kulturorganisationen? Diese haben es auf verschiedenen Ebenen schwer, sich gegenüber den großen Häusern zu behaupten. Eine Staatsoper hat einen ganz anderen Bekanntheitsgrad, stellt also eine gut eingeführte “Marke” dar, die zum Beispiel für die meisten Sponsoren attraktiver ist als eine kleine Einrichtung. Auf Grund der fehlenden finanziellen Mittel müssen kleine Organisationen fast die gleichen, manchmal sogar höhere Eintrittspreise verlangen als etwa ein Burgtheater. Maurice Lausberg bringt die verschiedenen Aspekten in einem Interview recht schön auf den Punkt.

Aber das war nicht das Thema der Studie, die übrigens als PDF online zur Verfügung steht. Es lohnt sich, einen Blick in die Studie zu werfen, denn sie zeigt, welche Argumente für die Subventionierung von Kunst und Kultur auf der wirtschaftlichen Ebene zur Verfügung stehen. Dass der ökonomische Nutzen nicht das einzige Argument sein sollte, ist hoffentlich allen klar.

Gefunden habe ich die Studie übrigens bei Brigitte Jank, die als Präsidentin der Wiener Wirtschaftskammer ein eigenes Weblog betreibt.

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Die fünf Formen künstlerischer Partizipation

Veröffentlicht in Kulturpolitik, Kunst und Kultur by Christian Henner-Fehr am Januar 18th, 2008

Wir befinden uns in den unendlichen Weiten des digitalen Universums auf der Reise zu neuen Herausforderungen und Informationen. Normalerweise müsste es jetzt mit dem Computerlogbuch weitergehen, aber ich nehme hier die Abfahrt und lande auf der Seite von WolfBrown. Dahinter verbirgt sich ein amerikanisches Beratungsunternehmen, das im Nonprofit-Bereich tätig ist und anscheinend über einige Erfahrungen im Kunst- und Kulturbereich verfügt.

Eines Ihrer Hauptthemen: “Arts Participation”. Klickt man die Seiten Books and Reports bzw. Articles & Essays an, stößt man auf einige Kostbarkeiten. Eine von diesen ist “The Values Study: Rediscovering the Meaning and Value of Arts Participation”, veröffentlicht im Jahre 2004. Wer die Langfassung nicht lesen möchte, kann sich die Zusammenfassung oder die Präsentation zu Gemüte führen.

Für mich war die Beschreibung der fünf Formen künstlerischer Partizipation der Grund, hier im Blog auf diese Studie zu verweisen. Dieses “Modell” ist das Ergebnis von hundert Interviews, die im Rahmen der Arbeit geführt wurden. Es unterscheidet zwischen

  • Inventive Arts Participation
  • Interpretive Arts Participation
  • Curatorial Arts Participation
  • Observational Arts Participation
  • Ambient Arts Participation

Was verstehen die AutorInnen darunter?

Inventive Arts Participation engages the mind, body and spirit in an act of artistic creation that is unique and idiosyncratic, regardless of skill level.
Interpretive
Arts Participation is a creative act of self-expression that brings alive and adds value to pre-existing works of art, either individually or collaboratively.
Curatorial
Arts Participation is the creative act of purposefully selecting, organizing and collecting art to the satisfaction of one’s own artistic sensibility.
Observational
Arts Participation encompasses arts experiences that an individual selects or consents to, motivated by some expectation of value.
Ambient
Arts Participation involves experiencing art, consciously or subconsciously, that is not purposefully selected – art that ‘happens to you’.”

    Dieses Modell haben die AutorInnen entwickelt, weil sie festgestellt haben, dass es nicht ausreicht, lediglich zwischen aktiver und passiver Partizipation zu unterscheiden. Von der “schöpferischen” Partizipation bis hin zu der, die “passiert”, nimmt die kreative Kontrolle ab, wie es in der Studie heißt.

    Für mich stellt sich da die Frage, von welcher Form künstlerischer Partizipation KulturpolitikerInnen sprechen, wenn sie diese als ein wichtiges Element ihrer Politik bezeichnen?