Karneval der Welten
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Stefan Lau: Was ist aus dem Karneval der Kulturen geworden? (Gastbeitrag)

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Fotograf: Michael Flascha; Dieses Foto steht unter einer CC-Lizenz

1996 zog zum ersten Mal die bunte Karawane durch die Straßen Berlin – Kreuzbergs, die von ca. 50.000 Zuschauern bestaunt wurden. Die Grundidee war, der besonders in Berlin sichtbaren immer stärker werdenden Internationalität Rechnung zu tragen und den Menschen aus verschiedenen Kulturen und Erdteilen die Möglichkeit zu bieten, ihr Land und ihre Kultur zu präsentieren, sich musikalisch und tänzerisch auszudrücken. Damit sollte der Respekt und die Toleranz untereinander und miteinander gefördert und zugleich eine Plattform geboten werden, wo sich Berliner aller Nationalitäten begegnen um miteinander zu feiern, sich auszutauschen und Kulturtransfer zu ermöglichen.

2002 konnte ich das erste Mal dabei sein und in der Percussiongruppe La Forêt Sacrée, die von Rale Dominique für den Karneval der Kulturen in Berlin gegründet und aus ca. 20 – 30 Trommlern, Tänzer und Maskenträger bestand, mitspielen und das Gänsehautfeeling erleben, was man hat, wenn man musizierend durch die Straßen voller begeisterter Menschen läuft.

Nach einigen Jahren Pause wurde ich dann eingeladen bei der Percussiongruppe Furioso mitzuspielen und eine Tanzgruppe, bestehend aus Bauchtänzern und Cheerleedern zu begleiten. Das hat allen Beteiligten Spaß gemacht, besonders auch den beteiligten Kindern und Jugendlichen. Zwei Jahre später fuhren wir auf einem Wagen, der in unseren Spielpausen Technomusik spielte. Die Lautstärke blies uns fast das Gehirn raus, doch was uns viel mehr überraschte, dass sich das Publikum mehr für die Technomusik begeisterte und wir Trommler uns eher als schmückendes Beiwerk fühlten.

Eigentlich war der Karneval damit für mich “gegessen”, ich hatte keine Lust mehr darauf. Ich sah Leute die hinter einem Wagen mit Elektromusik, mit über dem Kopf gezogenen Unterhosen dazu tanzten. Da wusste ich, dass das nicht mehr meine Veranstaltung war. Doch dann sah ich dass die Gruppe Afoxè Loni noch Mitspieler für den Karneval sucht. Ich habe die Gruppe immer schon bestaunt, wie sie in einem Meer aus Weißgelb den Karneval anführt und mit ihren brasilianischen und religiös geprägten Rhythmen die Zuschauer in ihren Bann zieht.

Im Percussion Art Center, einem Kulturzentrum in dem international bekannte Percussionisten verkehren, CDs aufnehmen, Workshops und Trommelkurse abhalten nahm ich erneut Trommelunterricht, lernte die Timba zu spielen und studierte die Rhythmen von Afoxé Loni ein. Im PAC fanden auch die Proben und die Vorbereitung für den Karneval statt, mit teilweise bis zu 80 Trommlern. Die Energie, Begeisterung, Kompetenz und die Ausstrahlung von Dudu Tucci, Krista Zeissig und Murah Soares rissen mich mit! Ich war wieder drin, im Karnevalfieber!

Doch während ich so auf der Euphoriewelle schwamm erfuhr ich, dass die Gruppe nach 15 Jahren zum letzten Mal beim Karneval teilnehmen sollte. Die Organisatoren waren einfach am Ende ihrer Kräfte, ausgelaugt und fühlten sich ausgenutzt. Finanziell war das ganze nicht mehr zu schaffen, nach dem Karneval blieben oft noch Schulden übrig. In einem offenen Brief, der an alle Medien ging erläuterte die Gruppe warum sie aus dem Karneval aussteigt und klagt an! Der Brief ist hier zu lesen.

Das machte mich sehr traurig da ich gerade diese unglaubliche Energie spüren durfte die von dieser Gruppe ausging. Dadurch bekam der Karneval noch mal eine ganz besondere Note, eine Mischung aus Begeisterung, Enttäuschung, Wut und Traurigkeit machte sich breit. Doch alle Teilnehmer gaben noch mal alles und zum Schluss flossen bei einigen, die zum Teil schon seit Beginn, vor 15 Jahren, dabei waren, einige Tränen. Einige der Organisatoren waren danach krank oder mussten sich wochenlang erholen. Zu groß ist einfach die Belastung die sich auf wenige Schultern verteilte.

Fotograf: Michael Flascha; Dieses Foto steht unter einer CC-Lizenz

Sollte es das wirklich gewesen sein? Afoxé Loni ist nicht die einzige Gruppe die sich den Karneval nicht mehr leisten kann und es werden weitere folgen. Soll der Karneval der Kulturen zu einer Massenveranstaltung werden bei dem es nur darum geht möglichst viel Touristen und Berliner auf die Straße zu locken damit die Geschäfte guten Umsatz machen? Masse statt Klasse? Elektronische Musik statt Folklore?

Ich möchte mich nicht damit abfinden! Doch was könnte man tun? Zum einen diesen Artikel möglichst weit verbreiten damit sich immer mehr Menschen darüber Gedanken machen. Es gab bereits einige Anregungen wie man das Ganze wieder in seine ursprüngliche Bahn zurückbringen könnte.

Was mir gut gefiel:

  • den K.D.K. neu organisieren, z.B. das Tempelhofer Feld dafür nutzen und Eintritt nehmen um das Ganze besser finanzieren zu können. Vielleicht kämen dann ‚nur’ noch 500.000 Zuschauer statt einer Million, aber sie bekämen dann auch etwas ganz Anderes geboten.
  • Sponsoren finden die die Veranstaltung großzügig unterstützen. Finanzelle Unterstützung sollte es den Gruppen ermöglichen wieder teilzunehmen, indem sie die Organisation auch auf Mitarbeiter delegieren können.
  • Eine Kommission, zu der auch die Organisatoren der großen etablierten Gruppen gehören, könnten eine Vorauswahl treffen und nur Gruppen zulassen die wirklich ein Programm liefern das den Grundgedanken des Karnevals unterstützt. Lieber 60 Gruppen als 160, dafür aber bunt, interkulturell, mit Niveau!
  • Die verschiedensten Kulturzentren in Berlin noch mehr in die Planung mit einbinden.

Dazu müssten sich aber die Vertreter der Senatsverwaltung mit der Werkstatt der Kulturen und den Organisatoren der großen etablierten Gruppen an einen Tisch setzen und über eine Neustrukturierung reden mit dem Ziel, den Leitgedanken wieder aufzunehmen und eine Veranstaltung auf die Beine zu stellen die Europaweit ihresgleichen sucht.

Das sind alles nur Ideen und ich hoffe nach wie vor dass sich etwas bewegt und die jetzige Entwicklung beim Karneval der Kulturen Berlin gestoppt wird.

Anmerkung: dieser Beitrag steht unter dieser CC-Lizenz und erscheint im Rahmen der von Ina Müller-Schmoß initiierten Blogpatenschaften.

21 Comments Join the Conversation

  1. - ich würde auch in Berlin auf dem Tempelhofer Feld wieder eine Loveparade veranstalten, damit die Raver nicht mehr und mehr in den Karneval drängen

    – vielleicht beim Karneval elektronische Musik oder Musik aus der Konserve ganz untersagen

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  4. Nein, ich glaube nicht, dass sich das Rad zurückdrehen lässt. Eigentlich geschieht die Entwicklung nach einem Muster, das sehr häufig anzutreffen ist. Man entwickelt mit viel Engagement – und natürlich auf freiwilliger Basis – ein Konzept, das dann nach einiger Zeit aufgeht. Der Erfolg wirkt wie ein Magnet und das ganze Vorhaben beginnt sich zu verändern, bis von der ursprünglichen Idee nicht mehr viel übrig bleibt. Spätestens jetzt steigen die Initiatoren aus. Ich glaube, an dieser Stelle muss man einfach etwas neues beginnen. Auf die gute alte Zeit zu setzen, bringt vermutlich nicht viel, weder einem selbst als auch den anderen. Warum also nicht eine neue Idee umsetzen?

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  8. Es würde mich freuen wenn ihr mir hier Links reinschreibt wenn ihr zu diesem Thema was neues im Internet lest, ob das Thema aufgegriffen wird oder ob das einfach egal ist.
    Immerhin hat die Presse und das Fernsehen immer darüber berichtet, seit 15 Jahren, dass die Gruppe Afoxé Loni den Karneval mit einer speziellen Zeremonie, in der die Straßen von Gewalt und schlechter Energie gereinigt wurde und die Götter um beistand gebeten wurden, eröffnet hat.
    Mich interessiert ob in der Öffentlichkeit überhaupt jemand davon Notiz nimmt, oder ob es einfach egal ist…….

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    • Mir ist es nicht egal und meinen Freunden auch nicht, ob die Gruppe Afoxe Lone weiter macht oder nicht. Mir sind sie über dei jahre ans Herz gewachsen und sie haben für den Karneval und seinen Gesit getragen.
      Mir wäre eine weniger kommerzieller Massenveranstaltung auch viel lieber, die den Gesit des urspürnglichen wieder belebt. Ob es geht? Leider hat Herr Henner Fehr ja recht bezüglich der Dynamik der Sache.

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  9. eine kleine Korrektur zum Artikel muss ich noch beifügen:

    die Gruppe wird korrekt geschreiben: La Forêt Sacrée und der Initiator heißt Rale Dominique !
    wir waren auch 50 – 60 Akteure, Trommeler, Tänzer, Maskenträger und fleißige Helfer.

    Rale hat mir auch erzählt dass die ganzen Instrumente immer noch gelagert werden und auf eine Reaktivierung warten…………..

    In den Herzen der Teilnehmer ist das Thema also noch nicht gestorben !

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    • Ich war damals bei La Forêt Sacrée, dem Karneval hier und dem in Nottinghill dabei und es freut mich zu lesen, daß Rale den Gedanken einer “Reunion” noch hat. Obwohl es damals anstrengend gewesen ist, war eine sehr schöne Zeit, die einiges in mir verändert hat. Und Rale, der hat mich einfach nur fasziniert mit seiner unerschöpflichen Energie. Der Karneval damals war in der Tat anders, viel mehr ‘unplugged’ als heute, mehr Karneval der verschiedenen Kulturen als Disco eben. Heute verzichte ich auf den Umzug und schau mir lieber die Straßenmusiker an am Blücherplatz. Einen Umzug ohne Afoxe Loni an der Spitze? Merkwürdiger Gedanke.
      Nach 15 Jahren wird’s wohl mal Zeit für ‘ne Pause und Veränderung?
      Tja, es ändert sich allerhand in Berlin und das in rasantem Tempo. Da komm ich oft nicht mit und wünsch mir “die guten alten Zeiten” zurück, die damals wahrscheinlich auch nicht besser waren.

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    • Der Mann heißt tatsächlich Ralf Dominick, hat seinen Namen aber “französisiert” zu Ralé Dominique, nun ja. Er trommelt seit einigen Jahren bei anderen Gruppen mit, zuerst Afoxé loni, in den letzten Jahren bei Sapucaiu no Samba, die übrigens nun den Karnevalsumzug anführen werden, nachdem Afoxé loni aufgeben musste.
      Ich glaube nicht, dass Dominique La Forêt Sacrée tatsächlich wieder beleben wird, die Gruppe “pausiert” schon seit nahezu zehn Jahren, also länger als es sie je gab. Viele der Gruppen des Karnevals funktionieren sowieso nur als Anreizprojekt von Trommelschulen für ihre Schüler, die durch ihre Beiträge letztendlich den Umzug finanzieren, dazu kommen ein paar enthusiastische Profis und Aficionados. Die Qualität ist deshalb sehr heterogen. Aber das Karnevalsbüro schaut bei den Anmeldungen nicht nach Qualität sondern will offen für jeden sein. Ich bewundere Gruppen wie Sapucaiu, die jedes Jahr den Kraftakt stemmen, andere wichtige und schöne Gruppen, Karnevalsgewinner wie Comparsa Colombia, haben aufgegeben. Nach meiner Einschätzung wird Dominique den Aufwand für La Forêt Sacrée nicht mehr leisten, einfach mittrommeln, wie er es seit Jahren tut, ist eben bequemer. Verdenken kann man’s ihm nicht. Er zehrt aber von seinem Nimbus und glaubt deshalb womöglich selbst daran, dass es La Forêt Sacrée noch gibt – mit ihm als einzigen Mitglied.

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  10. @Trommelgruppe Furioso: hab die Fehler korrigiert, danke für den Hinweis! Zu Deiner Frage: ich glaube, so ein Beitrag kann nur der erste Schritt in Richtung Veränderung sein. Aber die Veränderungen müssen von Eurer Seite kommen, darauf zu warten, dass andere von sich aus aktiv werden, halte ich für sinnlos. Zwei Fragen stehen, so denke ich, im Vordergrund: erstens, worum geht es Euch bei dieser Veranstaltung? Wenn ich es richtig verstanden habe, dann ist das vor allem der Spaß an der Sache. Dazu brauche ich kein Millionenpublikum, insofern spricht nichts dagegen, das aktuelle Format zu verlassen und etwas Neues aufzubauen.

    Zweitens geht es um die Frage, ob Ihr das ehrenamtlich machen wollt oder ob zumindest die Kosten gedeckt werden sollen. In letzterem Fall würde ich die Kosten kalkulieren und mir dann Finanzierungsmöglichkeiten überlegen. Ich glaube schon, dass es da Wege gibt…

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  11. Pingback: Furioso, die etwas andere Percussiongruppe aus Berlin | Blog@inBerlin.de

  12. Pingback: Trommelgruppe Berlin » Percussiongruppe Furioso aus Berlin

      • direkt nach der dem Rückzug von Afoxé Loni gab es ja eine Presseerklärung und es wurde überall mit Bedauern zur Kenntnis genommen. Es sollte auch ein runder Tisch stattfinden um nach neuen Lösungen zu suchen.
        Das wars aber auch schon. Wozu was verändern, wenn der Umzug läuft und weiterhin eine Mio. Menschen am Straßenrand stehen.
        Genug Gruppen die teilnehmen gibt es auch, wobei es immer weniger kulturell wertvolle Beiträge (meinem Emprfinden nach) geben wird, immer mehr hin zu elektronischen Spaßbeiträgen.
        Aber wenn alle Spaß haben ist es ja auch o.k. auch wenn von der Grundidee des Karnvals der Kulturen nicht mehr viel übrgig geblieben ist.

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  13. nach der Ausgabe des Berliner Kurier vom 10.Mai 2012 tanzt sich der Karneval der Kulturen immer mehr in die Pleite rein.
    Immer weniger Gruppen, davon viele Gruppen die von Anfang an dabei waren, können die Kosten, die zwischen 2000 und 9000 € liegen, nicht mehr aufbringen.

    Deshalb fordern die Veranstalter der Werkdstatt der Kulturen jetzt mehr finanzielle Unterstützung vom Land Berlin.

    Jedes Jahr werden die Bilder vom Karneval der Kulturen in die ganze Welt ausgestrahlt und zeichnen so ein buntes, multikulturelles Bild von Berlin.

    Laut einer Untersuchung bringt jeder Karneval ca. 53 Mio. Euro ein. Das Land Berlin beteiligt sich mit 240.000 – 270.000€ an der Veranstaltung.

    Mit Wehmut werde auch ich dieses Jahr den Karneval nur noch als Zuschauer miterleben, wer weiß wo oft noch….

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